Im Himmel ist schon alles geklärt

Hebräer 8, 1 – 13

 1 Das ist nun die Hauptsache bei dem, wovon wir reden: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel 2 und ist ein Diener am Heiligtum und an der wahren Stiftshütte, die Gott aufgerichtet hat und nicht ein Mensch.

Es ist wie ein großes Aufatmen: Im Himmel sind die Dinge schon klar. Jesus ist in die Herrlichkeit Gottes erhöht. Er hat seinen Platz eingenommen.  Er sitzt zur Rechten Gottes. Unser Glaubensbekenntnis weiß: „Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Der Platz zur Rechten Gottes ist kein Rückzugsort, kein Altenteil. Jesus hat sich nicht in den Himmel zurückgezogen, sich vor den Schrecken der Erde verkrochen auf die Insel der Seligen. Er überlässt die Erde nicht sich selbst und sieht ruhig zu, wie sie zum Spielball einiger durchgeknallter Macht-Menschen und nimmersatter Finanzakteure wird.

Sondern er geht in den Himmel, damit die Erde im Himmel zur Sprache kommt. Er trägt den Schmerz und die Freude vor Gottes Thron. Er bringt das Leben mit allem Schönen und Schweren vor dem Thron Gottes zur Sprache. Durch Jesus kommen wir in der jenseitigen, ewigen Welt vor. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt.“(Römer 8,34) Er bringt uns vor. Er bittet für uns. Er tritt für uns ein.  So ist sein Weg in den Himmel, Himmelfahrt der Ausgangspunkt letzter Aktivität. “Er erhält so die unmittelbarste Gottesgemeinschaft, die für einen Juden vorstellbar war.” (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/II; Neukirchen 1993; S.80)

 Jesus Christus ist Hoherpriester am Heiligtum im Himmel. Dahinter steht wohl der Gedanke, der für die Zeit der Antike, ob Ägypten oder Griechenland oder auch Israel als altorientalische Weltanschauung überall gleich gilt: Die Wirklichkeit der irdischen Dinge ist nur ein Abbild der Wirklichkeit des Himmels. Es gibt unzählige bildliche Darstellungen, in denen der Himmel sich in den irdischen Verhältnissen spiegelt. Die wahre Wirklichkeit ist der Himmel . Die Erde ist nur Abbild. So denkt ja auch das Höhlengleichnis Platos. 

3 Denn jeder Hohepriester wird eingesetzt, um Gaben und Opfer darzubringen. Darum muss auch dieser etwas haben, was er opfern kann. 4 Wenn er nun auf Erden wäre, so wäre er nicht Priester, weil da schon solche sind, die nach dem Gesetz die Gaben opfern. 5 Sie dienen aber nur dem Abbild und Schatten des Himmlischen, wie die göttliche Weisung an Mose erging, als er die Stiftshütte errichten sollte (2.Mose 25,40):

               

               Was alle Priester verbindet, ist als Erstes: Sie sind eingesetzt. Sie nehmen sich ihr Amt nicht von selbst. Keiner kann sich selbst berufen. Von Jesus heißt es im Johannes-Evangelium unermüdlich: gesandt vom Vater. – Beispiel: Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“(Johannes 6, 38 – ähnlich 5,24.26.30; 6,39.44.57; 7, 18, 28.29.33; 11,42; 12,44)

Das zweite, was sie verbindet, ist ihre Funktion Gaben und Opfer darzubringen. Jeder muss etwas haben, das er opfern kann – das gilt für die Erde wie für den Himmel. Aber so wie der Himmel höher ist als die Erde, sind auch die himmlischen Opfer weiterreichend als die irdischen. Sie haben ja Anteil an der himmlischen, der göttlichen Wirklichkeit. Man wird aber gut tun, sich zurückzuhalten mit einer Antwort auf die Frage, was denn Christus am Heiligtum des Himmels haben muss, um es zu opfern. Mir geht die Überlegung zu weit: „Hier übt unser Hoherpriester seine Opfertätigkeit aus, wohl nicht neue Sühneakte, sondern entweder allgemein Lobopfer darbringend oder sein Blut als Beleg des ein für alle Mal geschehenen Sühnaktes darlegend.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 49) Es ist wohl besser, sich zu begnügen mit dem Opfer der Selbsthingabe, das wir am Kreuz vor Augen haben.  

 »Sieh zu«, sprach er, »dass du alles machst nach dem Bilde, das dir auf dem Berge gezeigt worden ist.« 6 Nun aber hat er ein höheres Amt empfangen, wie er ja auch der Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist.

Das ist noch einmal Rückerinnerung, an den Auftrag den Mose erhalten hatte: Die Stiftshütte ist Abbild des himmlischen Vorbildes, sie ist nicht das Original. Dahinter steht ein Gedanke, der bis heute unmittelbar einleuchtend erscheint: Das Original ist von anderer Wertigkeit als jede noch so gute Kopie. Jeder Kunsthändler und Kunstsammler stimmt hier sofort zu. So ist eben dann auch hier: Die himmlische Stiftshütte ist das Original. Der Bund, der in ihr besiegelt ist, ist der bessere Bund mit den besseren Verheißungen.

Sein höheres Amt  ist, dass er der Mittler, μεστης, ist. Der Himmel und Erde in sich verbindet. Der die Erde im Himmel vorträgt und zur Sprache bringt als der Fürsprecher und der den Himmel auf die Erde bringt.

„Es ist das Heil uns kommen her von Gnad’ und lauter Güte,
Die Werke helfen nimmermehr, sie mögen nicht behüten,
Der Glaub’ sieht Jesum Christum an:                                                
Der hat g’nug für uns all’ getan,
Er ist der Mittler worden.“               P. Speratus 1523, EG 342

7 Denn wenn der erste Bund untadelig gewesen wäre, würde nicht Raum für einen andern gesucht. 8 Denn Gott tadelt sie und sagt (Jeremia 31,31-34): »Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da will ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen, 9 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss an dem Tage, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen. Denn sie sind nicht geblieben in meinem Bund; darum habe ich auch nicht mehr auf sie geachtet, spricht der Herr. 10 Denn das ist der Bund, den ich schließen will mit dem Haus Israel nach diesen Tagen, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz geben in ihren Sinn, und in ihr Herz will ich es schreiben und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. 11 Und es wird keiner seinen Mitbürger lehren oder seinen Bruder und sagen: Erkenne den Herrn! Denn sie werden mich alle kennen von dem Kleinsten an bis zu dem Größten. 12 Denn ich will gnädig sein ihrer Ungerechtigkeit, und ihrer Sünden will ich nicht mehr gedenken.«

Es folgt, sozusagen als Schriftbeweis, das Zitat der Bundesverheißungen aus dem Propheten Jeremia. Das ist einer der Texte, an denen ich hänge. Wenn der Hebräer-Brief diese Verheißung aufnimmt, dann doch um zu sagen: Das ist erfüllt. Wir tragen das Gesetz Gottes, das Gebot nicht mehr als fremdes Wort. Wir haben es in uns, in unserem Herzen als der Mitte unseres Wollens und Fühlens, als erneuerte Menschen. Das Wort wohnt in uns und wir können es bewahren. Wir sind daran gebunden als an den Willen, den wir selbst wollen, dem wir, innerlich gewonnen, folgen.

Ich denke über den Text hinaus in unsere Zeit hinein: Dieser Bund wird an Pfingsten seiner Realisierung weiter zugeführt. Da wird der Geist in unsere Herzen ausgegossen, damit endlich das Gebot aus einem Fremdwort zu einem Herzwort wird, damit es das Gebot wird, dem ich mich vertraue, weil es mein Herz verwandelt.

Und weiter noch: Weil das Gebot im Herzen wohnt, braucht es keine Belehrung mehr. Die Vergebung der Sünden lehrt uns Gott zu erkennen, wie er ist: Gnädig und barmherzig. Wir sind nicht mehr blind für Gott, weil wir verblendet sind durch unsere Trennung von ihm. Und der Geist lehrt uns verstehen, was Gott will. An die Stelle lehrhafter Vermittlung durch Menschen tritt das Wort und Wirken des Geistes. „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.” (Römer 8,16) Und weil Gott für diesen Bund steht, einsteht, darum ist er wirklich in Kraft. Tragfähig und belastbar in Ewigkeit.

Das alte Wort des Jeremia wird so zum Leitwort im  Verständnis des Hebräer-Briefes. Zugleich aber: Es zeigt den Schmerz darüber, dass dieser Bund, den Jeremia angesagt hat, sich noch nicht in den alten Zeiten erfüllt hat.

13 Indem er sagt: »einen neuen Bund«, hat er den ersten zu einem alten gemacht. Was aber alt wird und betagt ist, das ist dem Ende nahe.

 Die neue Lutherübersetzung klingt nicht mehr ganz so hart wie die frühere: “Indem er sagt: »einen neuen Bund«, erklärt er den ersten für veraltet. Was aber veraltet und überlebt ist, das ist seinem Ende nahe.” Das heißt: Überholt. Veraltet. Aufgehoben. Solche Formulierungen wie hier haben Theorie der Enterbung Israels gestützt, mit allen negativen Folgen auch für die Kirche, die sich so über das Bundesvolk Gottes erhoben hat.  Mir gefällt es besser: Überboten.Mir gefällt  besser: Durch den Neuen Bund wird der Alte Bund in neuer Weise aufgegriffen und ausgelegt. Das Alte Testament kennt ja eine Folge an Bundesschlüssen – angefangen beim Segenswort an Adam und Eva: „Seid fruchtbar und mehrt euch“(1. Mose 1,28) über den Bund mit Noah zum Bund mit Abraham, dem Bund mit Jakob bis zum Sinai-Bund und dann zur Ankündigung des neuen Bundes bei Jeremia. Nie ist der neue Bund dadurch gekennzeichnet, dass er den alten Bund außer Kraft setzt. Er wird wie ein neuer Mantel um ihn gelegt, greift ihn auf und entwickelt ihn weiter.

Der Gedanken der Enterbung Israels hat eine unselige Geschichte mit fatalen Folgen in Gang gesetzt. Nicht nur, weil man sie als die Mörder des Gottessohnes diffamiert hat. Im Mittelalter sind sie als minderwertig, zweitrangig angesehen, isoliert, in Ghettos verbannt, ausgeschlossen von den Zünften, von „ehrlicher Arbeit“. Das führt auf verschlungenen Pfaden – scheinbar gerechtfertigt durch furchtbare antijüdische, antisemitische Urteile über Luther, Schleiermacher, Hegel bis hin zu den Gas-Kammern. Immer ging es darum Israel das Existenz-Recht als Volk Gottes abzusprechen.

Dagegen gilt – durch das Zitat aus Jeremia bezeugt und bekräftigt: Im Neuen Bund lebt der Alte Bund fort. Gott bleibt allen seinen Bundesschlüssen treu. Allen! Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29) Auf dieser Linie würde ich auch gerne verstehen, was der Hebräer-Brief sagt, nicht polemisch als Ende des Alten Bundes, sondern werbend, einladend in den Neuen Bund, zu Christus rufend. An dieser Stelle möchte ich gerne mit Paulus und auch mit Jesus – „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“(Matthäus 5,17 -18) – doch die harschen Worte vom veralteten Bund ein wenig korrigieren und relativieren.

 

Herr Jesus, Du trittst für uns ein. Du bringst uns vor Gott, sprichst für uns. Du öffnest uns den Himmel.

Hilf Du, dass wir die Erde so gestalten wie es im Himmel schon ist. Hilf uns, Deinen Willen zu suchen, das Vertrauen auf Dich einzuüben.

Mache uns gewiss, dass die Wirklichkeit des Himmels die Erde verändern wird, dass alles Leid hier aufgehoben wird, weil das Deiner Güte entspricht.

Du kommst mit uns an Dein Ziel. Amen