Offen nach vorne fragen

Hebräer 7, 23 – 28

23 Auch sind es viele, die Priester wurden, weil der Tod keinen bleiben ließ; 24 dieser aber hat, weil er ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum.

Jesu Priestertum ist nicht auf seinen irdischen Weg beschränkt. Das hebt auch Paulus hervor mit seinem zentralen Betonen der Fürbitte Jesu vor dem Thron Gottes: “Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.”(Römer 8,34) Es ist eine wichtige Beobachtung: “Fürbitte ist eine primär priesterliche Funktion.”(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/1I; Neukirchen 1993; S. 63) Auch wenn das Wort Fürbitte fehlt – beschrieben ist hier  der  priesterliche Dienst Jesu. Hier sind sich Paulus und der Hebräer-Brief ganz nahe, wie auch der nachfolgende Satz sofort zeigt.

25 Daher kann er auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt für immer und bittet für sie. 26 Denn einen solchen Hohenpriester mussten wir auch haben, der heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern geschieden und höher ist als der Himmel. 27 Er hat es nicht nötig wie jene Hohenpriester, täglich zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen und dann für die des Volkes; denn das hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst opferte.

Das ist das letzte, vielleicht auch höchste Argument. Der ganze Abschnitt drängt darauf zu als einen Schlusspunkt des Gedankens: Irdische Priester, auch der Hohepriester, sind selbst sündhaft und auf Vergebung angewiesen. Bevor sie Opfer bringen können, müssen sie sich selbst “reinigen”. Jesus aber ist der eine, der ohne Sünde ist (4,15). Sein Opfer ist nicht um seinetwillen, sondern nur für uns. Er ist heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern geschieden und höher als der Himmel. Er gibt sich für uns – darauf darf der Glauben  bauen. Das gibt ihm seine Festigkeit. Daran machen sich die Glaubende fest.

Wie soll, kann man das mit dem Opfer Jesu verstehen? Braucht Gott dieses Opfer? „Nach Johannes Duns Scotus (1266 – 1308) war Jesus nicht gekommen, um Gottes Einstellung zu uns zu verändern, sondern um die Einstellung der Menschen zu Gott zu verändern. Nichts habe sich auf Golgatha geändert, lediglich die verwundbare Liebe Gottes habe sich gänzlich offenbart – damit wir uns ändern können. Jesus war genau jenes ein für alle Mal dargebrachte Opfer, um die Absurdität jeder Art von Opferreligion zu offenbaren. Wir haben auch im Christentum archaische Gottesbilder und Opfermuster verewigt, indem wir Gott zum Oberopferer erklärt haben und Jesus zum notwendigen Opfer…. Die Bedeutung des geschundenen Körpers Jesu besteht darin, dass er den Schmerz der Welt aushält und sich weigert, ihn anderswohin zu projizieren.“(A. Ebert, Schwarzes Feuer, Weißes Feuer, München 2018, S. 129) Er stirbt, damit wir sehen, wie weit die Liebe Gottes geht – sie nimmt es auf sich, im Misstrauen der Welt ins Leiden, in den Tod zu gehen. Damit wir aufhören können, uns vor Gott zu fürchten. Darum ist die Zeit der Opfer vorbei.

28 Denn das Gesetz macht Menschen zu Hohenpriestern, die Schwachheit an sich haben; dies Wort des Eides aber, das erst nach dem Gesetz gesagt worden ist, setzt den Sohn ein, der ewig und vollkommen ist.

Noch einmal: Das Gesetz ruft Menschen in Dienst. Sie sind Menschen und als solche schwach, hinfällig, anfällig. Später wird sich zeigen, dass der Hebräer-Brief gleichwohl groß vom Glauben solcher schwachen Leute reden kann. Er ist weit davon entfernt, die Geschichte Gottes mit seinem Volk klein zu machen. Aber sie ist überboten durch den Einen, den Sohn, der ewig und vollkommen ist.
               

Betrachte ich die zurückliegenden Passagen, so merke ich, wie fremd mir die Art ist, in der der Hebräer-Brief argumentiert und denkt. Ich möchte nicht die Defizite der früheren Wege als dunkle Folie nützen, auf der dann Christus umso heller leuchtet. Ich versuche herauszukommen aus einer Sicht des Glaubens, die auf Abgrenzung und Überbietung setzt. Weil mein Glaube ja nicht dadurch tiefer wird, dass ich anderem Glauben oder anderer Religion Defizite unterstelle, dass ich ihn für unzureichend erkläre. Dieses Denken im Komparativ: höher als die Engel, besser als die Opfer des Tempels, ewig im Gegensatz zu sterblich, der eine Sündlose unter denen, die alle Sünder sind – das kann ich historisch nachvollziehen, weil sich die christlichen Gemeinde gewollt-ungewollt von ihrem Mutterboden des Judentums emanzipieren musste. Aber ich will nicht in diesen Denkformen stecken bleiben.

Mir sind die Geschichten der Evangelien nähe, die Bilder von Jesus malen, die mich anziehen, berühren, trösten und ermutigen.   Mir ist auch Paulus mit seinem Denkstil näher. Und doch: Das eher assoziative Reden des Hebräer-Briefes hat auch etwas für sich. Darin, dass es den direkten Zugriff verwehrt. Es stellt Gedankensplitter nebeneinander. Es fordert Langsamkeit, lädt zu bedächtigem Nachsinnen ein. „Aufeinanderfolgende Gedanken sind hier nicht Glieder einer Beweiskette, sondern Zeichen für das Hin- und Her-Erwägen der Daseinsfülle. Dadurch tritt das Unabgeschlossene unseres Daseins in Erscheinung.“ (W. Löw, aaO. S. 59)

Ich ergänze für mich: Auch das Unabgeschlossene meines Glaubens wird für mich spürbar. Wie schrecklich wäre das auch, wenn mein Glauben schon ein abgeschlossenes System hätte. In meinen Augen und in meiner Erfahrung ist das eines der Kennzeichen der Ideologie. Sie weiß alles. Sie erklärt alles. Sie lässt keine Lücken und achtet kein Geheimnis. Der Glauben aber bleibt im Betrachten, Fragen, Tasten, bleibt im Staunen und hält sich dabei an Worte, die ihm voraus sind.

 

Herr Jesus, ich bin nicht fertig, nicht mit dem Leben, nicht mit mir, nicht mit Dir. Ich komme mir so oft vor wie ein Anfänger – im Lernen des Lebens, im Verstehen des Glaubens, im Vertrauen auf Dich.

Ich danke Dir, dass ich es mir leisten kann zu tasten, zu suchen, zu fragen und immer wieder zu staunen über Dich und Deine Güte. Amen