Beständigkeit verleihe!

Hebräer 6, 9 – 20   

9 Obwohl wir aber so reden, ihr Lieben, sind wir doch überzeugt, dass es besser mit euch steht und ihr gerettet werdet. 10 Denn Gott ist nicht ungerecht, dass er vergäße euer Werk und die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, indem ihr den Heiligen dientet und noch dient.

Ist der Schreiber über seine eigenen, so überaus harten Worte zum Thema „zweite Buße“ zuvor erschrocken? Jetzt jedenfalls baut er seinen Lesern eine Brücke: Es steht ja nicht so um Euch, dass Ihr verloren wärt. Ihr müsst das alles nicht direkt auf Euch beziehen „Sie sollen sich bei alledem nicht als Aufgegebene oder Verstoßene wissen.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 139) Was wirklich gilt und was Ihr auf euch beziehen dürft, sollt, ja müsst: Ihr werdet gerettet. χμενα  σωτηραςwas euch zum Heil gereicht, so wörtlich. Weil Gott an ihnen festhält, sollen sie auch an Gott festhalten.

Der Heilswille Gottes ist intakt und in Geltung. Gott vergisst nicht, was ihr aus Liebe getan habt. Weil es vor Gott gilt: nichts, was aus Liebe getan worden ist, ist vergeblich und fällt ins Vergessen. Wie einig ist sich der Hebräer-Brief hier mit Johannes: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“(1. Johannes 4, 7-8) In der Liebe zu den Schwestern und Brüdern zeigt sich die Liebe zu Gott. Auf diese Liebe antwortet Gott. So unbefangen können biblische Texte davon reden, dass es sich „lohnt“, zu tun, was Gott entspricht.

Steckt hinter der Wendung euer Werk und die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, irgendeine besondere Anstrengung? Ein besonders vorbildlicher Einsatz über die Gemeindegrenzen hinaus? Ein Engagement, das den normalen Rahmen gebotener Mitmenschlichkeit sprengt? Oder sind damit gar die Beiträge zur „urchristlichen Kollektenarbeit“(A. Strobel, aaO. S. 140) gemeint, von der wir auch bei Paulus hören? Ich denke anders, alltäglicher: Was sie im ganz normalen Alltag als Liebe, Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft leben, das bleibt nicht ohne Langzeitfolgen – im Miteinander und im Gedächtnis Gottes.

 11 Wir wünschen aber, dass jeder von euch denselben Eifer beweise, die Hoffnung festzuhalten bis ans Ende, 12 damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachfolger derer, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen ererben.

Durchhalten, Festhalten, beständig werden – das ist das Thema, um das es auch hier wieder geht. Es ist der Cantus firmus des ganzen Schreibens: Bis ans Ende, ans Ziel – τλος -kommen. Nicht vorzeitig aufgeben. Weil es die Gefahr bei den Leser*innen gibt, dass manche aufgeben, müde geworden sind, erschöpft in ihrem Glauben, weil das Leben so hart mit ihnen umgeht. Dabei findet der Schreiber kühne Worte: Werdet Nachfolger derer, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen ererben. Die jetzt im Glauben unterwegs sind, sind nicht die Ersten auf diesem Weg. Vor ihnen gab es schon Andere und die haben auch durchgehalten. Später werden sie noch ausführlich aufgezählt und vorgeführt werden (11,1-40). Sie alle haben ihren „Lohn“ empfangen, erfahren, dass es sich lohnt, Glauben und Geduld zu bewahren. Sie sind Erben der Verheißungen geworden.

Bei diesem Erbe geht es nicht um irgendetwas Kümmerliches. Πληροφορία τη̃ς ελπίδος, Hoffnung in Fülle, Reichtum der Hoffnung. Darauf werden die Christen ausgerichtet. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Johannes 10, 11) Und er verheißt seinen Jüngern „vollkommene Freude“ (Johannes 15,11). Die Bibel kann sich kaum genug tun mit dem Ausmalen dieser Hoffnung: Die himmlische Stadt, in der alles zwölfmal Frucht trägt, das Festmahl ohne Ende, der Platz am Tisch Gottes, der ewige Lobgesang, die Teilhabe an der Freude Gottes.

Es wartet eine große Zukunft, nicht ein kümmerliches „trotzdem“. Der Glauben  nimmt den Mund voll. Er hat Grund dazu durch die Verheißungen Gottes. „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“ heißt es bei Bonhoeffer ganz im Sinn des Hebräerbriefes. Große Worte gegen Trägheit, gegen Resignation. Große Worte, die Resiliienz stärken, die Widerstandskräfte mobilisieren,  danach sucht der Schreiber. Und nach Bildern, Geschichten, die diesen Worten Farbe leihen.

  13 Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, da er bei keinem Größeren schwören konnte, 14 und sprach (1. Mose 22,16-17): »Wahrlich, ich will dich segnen und mehren.« 15 Und so wartete Abraham in Geduld und erlangte die Verheißung.

       Abraham ist so ein Bild. Ihm hat Gott sein Wort gegeben. Auf ihn hat er seinen Segen gelegt: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12,2) Und dann war für Abraham Warten angesagt, Durststrecke. So lange, dass es ihm schier die Geduld rauben wollte. Und weil Gott das „spürte“, hat er die Verheißung erneuert: „Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“ (1. Mose 15,5) Und dann später wieder und wieder die Erneuerung der Versprechen Gottes. Das zu erzählen ist nicht nötig. Dem Hebräer-Brief reicht das „Resultat“: So wartete Abraham in Geduld.

Gott selbst stärkt die Geduld des Abraham. Nicht von Natur aus ist Abraham geduldig, gewissermaßen mit Geduld als Naturell gesegnet. Gott hilft ihm zur Geduld. Vielleicht darf man sagen: So stärkt Gott auch die Geduld der Leser*innen des Hebräer-Briefes. Durch diese so menschlichen Worte eines anonymen Autors, die er zu seinen macht.

  16 Die Menschen schwören ja bei einem Größeren, als sie selbst sind; und der Eid dient ihnen zur Bekräftigung und macht aller Widerrede ein Ende. 17 Darum hat Gott, als er den Erben der Verheißung noch kräftiger beweisen wollte, dass sein Ratschluss nicht wankt, sich noch mit einem Eid verbürgt.

Auf den ersten Blick ist es ein Wechsel zu  einem Nebenthema, durch das Stichwort „Schwur“, „Eid“ ausgelöst. Aber in Wahrheit bleibt der Brief seiner Linie treu. Gott steht für sein Wort ein. Er hat sich daran gebunden mit der stärksten Bindung, die es gibt, mit einem Eid. „Verheißung und Eid sind die beiden unwiderruflichen Taten = Tatsachen.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 43) Dieser Eid nimmt in Jesus Gestalt an, gewinnt ein Gesicht. Auf diese Selbstbindung Gottes dürfen wir unbedingt trauen.

  18 So sollten wir durch zwei Zusagen, die nicht wanken – denn es ist unmöglich, dass Gott lügt -, einen starken Trost haben, die wir unsre Zuflucht dazu genommen haben, festzuhalten an der angebotenen Hoffnung. 19 Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele, der auch hineinreicht bis in das Innere hinter dem Vorhang.

Weil das so ist, darum haben wir  einen sicheren und festen Anker unsrer Seele. γκυρα τς ψυχς – ein Anker für das Leben, nicht nur für die Seele, wie unsere Übersetzungen immer noch ein wenig engführend und verinnerlichend sagen. Wir brauchen diesen Außenhalt. weil keiner sich am eigenen Schopf über Wasser halten kann. Es mag sein, dass dies der Vorzug ist, den der Glauben mit sich bringt: Wir wissen, dass wir diesen Anker brauchen, weil es nicht im Alleingang geht  und wir haben diesen Anker in Christus. Extra nos – das Heil kommt uns von außen zu. So hat es die alte Dogmatik gelehrt.

„Es gibt bedingungslose Liebe, die alles trägt und nie vergeht
und unerschütterliche Hoffnung, die jeden Test der Zeit besteht.
Es gibt ein Licht, das uns den Weg weist,                                            auch wenn wir jetzt nicht alles sehn.
Es gibt Gewissheit unsres Glaubens,                                                 auch wenn wir manches nicht verstehn.

Es gibt Versöhnung selbst für Feinde                                               und echten Frieden nach dem Streit,
Vergebung für die schlimmsten Sünden,                                         ein neuer Anfang jederzeit.
Es gibt ein ewges Reich des Friedens.                                                     In unsrer Mitte lebt es schon:
ein Stück vom Himmel hier auf Erden                                                   in Jesus Christus, Gottes Sohn.

Er ist das Zentrum der Geschichte, er ist der Anker in der Zeit.
Er ist der Ursprung allen Lebens und unser Ziel in Ewigkeit.“    
                       A. Frey, CD Anker in der Zeit 2004

 Es ist ein Bild, das nicht aus dem Alten Testament stammt – die Juden sind kein Seefahrer-Volk -, das aber im hellenistisch-griechischen Raum geläufig ist. „Der Anker ist das Symbol der Sicherheit, der – übertragen – das Lebensschifflein in allen Stürmen vor dem Stranden bewahrt.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 383) Die Seelenstärke kommt den Christen aus ihrer Hoffnung zu. Sie ist Gabe, sie ist das Ergebnis der festgehaltenen Hoffnung.

             Gott bietet Hoffnung an – wir ergreifen sie und in diesem Ergreifen gewinnt unsere Seele Stabilität. Das ist, wenn man so will, ein psychologisches Programm. Die Sätze des Glaubens hinterlassen Spuren in unserer Psyche. Und wer sich an diese Sätze hält, wird im Glauben befestigt. Das macht das Hören auf das „äußerliche Wort“ (Martin Luther).

Dieses äußerliche Wort und daraus folgend das Hören auf dieses Wort eröffnet einen Zugang zum Allerheiligsten. Hier spielt das Wissen um die  Ordnungen Israels eine Rolle. Im Tempel gibt es den Raum des Allerheiligsten, der durch einen Vorhang verschlossen ist. Niemand darf dort hinein, nur der Hohepriester nach aufwendigen Entsühnungshandlungen am Yom Kippur. An dieses Allerheiligste sind die Christen angeschlossen in ihrer Hoffnung. Denn ihre Hoffnung geht ja auf den, der diesen Vorhang durchschritten hat.

 20 Dahinein ist der Vorläufer für uns gegangen, Jesus, der ein Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.

Das wird hier sofort „nachgetragen“. Hoherpriester nennt der Hebräer-Brief Jesus, weil er diesen Zugang hat, weil er diesen Zugang eröffnet, weil er dieser Zugang in Person selbst ist. Der Vorläufer ist Jesus – πρόδομος. Unser Quartiermacher bei Gott nach dem Johannes-Evangelium: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?“ (Johannes 14,2)  Aber nicht nur in einem Vorhof oder einer außenliegenden Siedlung. Jesus ist der Zugang zu Gott selbst. „Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt.“ (Johannes 17,24)

Es geht in diesen Worten nicht mehr um den Tempel in Jerusalem, darum auch nicht mehr um den Durchgang in das Allerheiligste, wie es im Jerusalemer Tempel war. Der Tempel auf dem Jerusalemer Tempelberg ist womöglich schon, zur Zeit der Niederschrift – „Der Brief ist wohl zwischen 80 und 90 abgefasst worden“ (Feine-Behm-Kümmel, Einleitung in das Neue Testament, Heidelberg 1964, S. 291) –, wieder einmal zerstört. „Der biblische Mensch jagt nicht nach unendlichen Zielen, er ist ein in Klippen Verschlagener, der dort wider Erwarten durch Gottes Gnade Ankergrund findet und gerettet wird. Er findet Heimat, wohin Jesus vorangegangen ist, in das Inwendige des Vorhangs, ins Allerheiligste Gottes.“ (W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 50) Das also ist die Verheißung, das Versprechen, das der Schreiber seinen Leser*innen macht. In Jesu gehört ihr zur oberen Welt. Zu Gott selbst. Da gibt es kein Hindernis mehr, das euch fern hält, keinen eisernen Vorhang, keine Grenzmauer:

 Ich hang’ und bleib’ auch hangen                                                     an Christo als ein Glied;
Wo mein Haupt durch ist gangen,                                                      da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod,                                                                     durch Welt, durch Sünd’ und Not,
Er reißet durch die Höll’,                                                                          ich bin stets sein Gesell.”            P. Gerhardt 1647, EG 112

 

Heiliger barmherziger Gott, mache mich beständig im Glauben, mache mich fest in der Hoffnung, verankere mein Leben so in Dir, dass mich wirklich nichts von Dir trennen kann.

Du hast es ja versprochen: Nichts kann Dich aus meiner Hand reißen. Lass mich diesem Wort trauen lernen, auch dann, wenn in mir andere Stimmen laut werden, wenn ich verzage, wenn ich mich für zu schlecht halte und Deiner Gnade nicht wert.

Hilf mir, immer wieder neu, in Dein Wort hinein zu kriechen und mich darin zu bergen. Amen