Raum zur Umkehr – immer?

Hebräer  5, 11 – 6, 8

11 Darüber hätten wir noch viel zu sagen; aber es ist schwer, weil ihr so harthörig geworden seid. 12 Und ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre und dass man euch Milch gebe und nicht feste Speise. 13 Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. 14 Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können.

 

Es klingt hart, schroff, fast ein wenig tadelnd. Die alte Luther-Übersetzung hieß: Ihr seid harthörig geworden. Auf Griechisch klingt es noch härter: νωθρο  – „träge, gleichgültig, ohne Initiative und Schneid.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 526) Sie lassen sich gehen und treiben. Dem gegenüber ist Luther 2017 – ihr seid unverständig geworden geradezu sanft. Es stand nicht immer so um die Leser*innen – und man möchte fragen: Was hat dazu geführt, dass aus den Hörer*innen des Anfangs unverständige, harthörige Leute geworden sind? Es ist ja nicht nur ein intellektueller Defekt, der hier beklagt wird, ein gedanklicher Rückfall.

Welche Erfahrungen stecken dahinter? Dazu sagt der Brief nichts. Er stellt nur klar: Ihr steckt fest in den Anfängen. Ihr seid nicht weitergekommen. Ihr müsstet doch schon viel weiter sein. Mehr noch: weil ihr nicht weiter gekommen seid, ist es rückwärts mit euch gegangen. So hart redet der Schreiber: „Er wirft ihnen vor, dass sie noch im geistigen Kindergarten herumspielen, statt sich auf den Weg zur Reife zu begeben.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 41) 

Um uns herum weiß man heutzutage und sagt es immer wieder: Stillstand ist Rückschritt. Wer in seiner Entwicklung stehen bleibt, fällt zurück, verliert den Anschluss. Das gilt im Sport und in der Wirtschaft. Stillstand macht zum Sitzenbleiber in der Schule. Landauf, landab glaubt man den Satz: Weiter, immer weiter. Wir huldigen als Gesellschaft fast flächendeckend dem Komparativ: schneller, weiter, höher, besser, härter, immer weiter. Das ist nicht die Pädagogik, die ich bevorzuge. Ich möchte durch Ermutigen Menschen auf den Weg bringen und nicht durch Kritik, die sich wie Tadel anhört.

Aber vielleicht ist es ja nur realistisch, Leute so an ihre Situation zu erinnern, sie zu ent-täuschen, damit sie sich nichts über sich selbst vormachen. Sie stecken fest in den Anfangsgründen der göttlichen Worte. Sie vertragen nur Milch, nicht feste Speise. Von mir weiß ich: Ich komme mir bis heute wie ein Anfänger vor. Ich hänge an den Worten und ringe um das Verstehen der Worte. Das ist oft ein mühsamer Weg. Ich bin froh, dass Gott mit mir Anfänger immer neu anfängt:

„All Morgen ist ganz frisch und neu                                                 des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag,                                                      drauf jeder sich verlassen mag.“      J.
Zwick 1542, EG 440

Aber ich habe es auch für mich geklärt: Ich will nicht so tun, als gäbe es eine Wahrheit hinter den äußeren Worten, als wären die Worte nur eine Vorstufe, über die hinauszukommen der eigentliche Höhenweg des Glaubens wäre. Die Worte der Schrift sind nicht nur äußere Einkleidungen einer tieferen, verborgenen esoterischen Wahrheit. „Nicht mystische Erkenntnis – so in der Gnosis – sondern der Gebrauch erworbener Fähigkeiten, das Rechte zu sehen und zu tun, ist der Beweis der vollen Reife des Christen.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 133) Das ist handfest. Nach einem schönen Wort Luthers sind die Worte der Schrift die „Windeln, in denen wir Christus empfangen.“  

Bei mir läuten alle Alarmglocken, wenn ich für die Vollkommenen höre, wenn ich auf diesen Gedanken stoße, dass es die Fortgeschrittenen gibt, und dann eben die Vollkommenen. Sind das die, die Christus nicht mehr nötig haben? Sind das die, die Geheimnisse Gottes (1.Korinther 4,1) entschlüsselt haben, Himmelsreisen absolviert, entrückt waren bis ins Paradies (2. Korinther 12,3-4)?

           Und erst recht bin ich alarmiert, wenn es so klingt, als käme man dahin, indem man fleißig übt. Die Fähigkeit, Gutes und Böses zu unterscheiden ist ein zweischneidiges Schwert. Hier, im Hebräer-Brief, hört es sich wie der Gipfel der Erkenntnis an. Aber in der Urgeschichte ist es die Versuchung schlechthin: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,3)

     Was hier steht, ist einmalig im ganzen Neuen Testament. Die Umwelt denkt so, wie es der Hebräer-Brief hier sagt: „Die Unterscheidung von gut und böse ist das Kennzeichen sittlicher Reife.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 331) Stoiker denken so. Versucht, so frage ich, der Schreiber hier, Menschen abzuholen in ihrem Denken, die aus dieser philosophischen „Schule“ kommen?

Für das Denken des NT gilt sonst: Es wird alles falsch, wenn das Leben der Vollkommenen etwas anderes sein soll als Empfangen aus den Händen des gnädigen Gottes, satt Werden am Bild des Gekreuzigten.  Das macht keineswegs passiv. Es geht auch dann um den Gehorsam des Glaubens, in der Spur dessen, der Gehorsam gelernt hat (5,9) auf dem Weg seines Lebens.

Ein Blick in andere Übersetzungen beruhigt mich ein wenig. Da werden aus den “Vollkommenen” der Luther-Bibel “gereifte Christen“, “Menschen, die im Glauben erwachsen sind“. Das ist weit weg von einer Stufen-Lehre, die viel Druck ausüben kann. Erwachsener Glaube – das gefällt mir. Aus dem Hineinwachsen in den Glauben, den mir Andere vorgesprochen und – hoffentlich – auch vorgelebt haben, ist eigener, selbst verantworteter Glaube geworden. Manche Sätze, die ich einmal gelernt habe, kann ich nicht mehr ohne Weiteres mitsprechen. Sie sind für mich frag-würdig. Manche Erfahrungen müssen neu durchdacht werden. Aber ich bin darin gereift, durch das Leben und durch das zähe Festhalten am Glauben.

6,1 Darum wollen wir jetzt lassen, was am Anfang über Christus zu lehren ist, und uns zum Vollkommenen wenden; wir wollen nicht abermals den Grund legen mit der Umkehr von den toten Werken, mit dem Glauben an Gott, 2 mit der Lehre vom Taufen, vom Händeauflegen, von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Gericht. 3 Das wollen wir tun, wenn Gott es zulässt.

       Das sind Anfangs-Lektionen – in der Sicht des Hebräer-Briefes. Was der Schreiber hier Anfangs-Lektionen nennt, sind bis heute die Basics des Glaubens. Wie froh und dankbar wären wir in unseren Kirchen, wenn es an dieser Stelle Einigkeit gäbe und ein Wissen, das das Handeln leitet. Wort und Tat gehören zusammen. Wir vertrauen auf Gott. Wir leben aus dem Geschenk der Taufe. Wir empfangen Kraft durch Berührungen, durch den Segen, den uns Andere zusprechen. Die Auferstehung der Toten ist eine Anfangs-Lektion. Und dass wir alle einmal Rechenschaft ablegen werden über unser Leben, konfrontiert mit Scheitern und Gelingen – und geliebt durch Scheitern und Gelingen hindurch – auch das gehört zu den Grund-Lektionen. Es sind Lehrsätze, die auf das gelebte Leben hinzielen und nicht nur auf das Lernen von Lehrsätzen.

Komme ich jemals darüber hinaus? „Christ-sein ist keine naturhafte Vollkommenheit, sondern ein ständiges Ergreifen und Weitergeben jener Wahrheiten, die das Leben gestalten und auf ein Ziel ausrichten.“ (A. Strobel, aaO. S.134)  Oder anders gesagt: „Bekehrung und Glaube sind Grundvoraussetzungen für alle, die das Heil ererben wollen, durch Taufe und Handauflegung wird man in die Gemeinde aufgenommen.“ (E. Grässer, aaO. S. 344) Das ist der Kleine Katechismus des Hebräer-Briefes.

4 Denn es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am Heiligen Geist und geschmeckt haben 5 das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt 6 und dann doch abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.

         An diesem Satz haben wir schwer zu kauen. Vermutlich die Leser*innen damals auch schon. Es ist ja eine seelsorgerliche Frage ersten Ranges: Gibt es eine Umkehr für die, die den Weg des Glaubens wieder verlassen haben? Gibt es eine zweite Chance? Womöglich auch eine dritte, vierte? Es geht um die “Einmaligkeit der Bekehrung zu Christus”( A.Strobel, aaO. S. 136). Wer sich ihm zuwendet, der bekommt alles, was er zu der Seelen Seligkeit braucht – den Heiligen Geist, das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt. 

Vielleicht kann man es so sagen: So wenig die Taufe wiederholt wird, so wenig ist es möglich, die Gaben wiederholt zu erhalten. Alles gibt es nur einmal – und es reicht für immer. Das ist eine gute Botschaft: Es reicht für immer. ά̉παξ steht da – ein für allemal.                             

Es reicht auch dann, wenn ich mich einmal verrannt habe. Es reicht auch dann, wenn es konkrete Verfehlungen gibt. Der Hebräer-Brief weiß, wie alle Schriften des Neuen Testamentes, dass wir auch durch den Glauben nicht auf einmal “sündlos” in dem Sinn sind, dass wir kein Unrecht mehr tun, niemand mehr durch Wort und Tat kränken, nicht auch Taten der Liebe versäumen. Für diese Sünden gibt es das Geschenk der Vergebung.

“Es ist nicht der Abfall von irgendwelchen theologischen Wahrheiten oder moralischen Normen”(E. Grässer, aaO. S. 354), der den Schreiber beschäftigt. Es geht nicht um „gelegentliche Sünden.“ (W.R.G. Loader, aaO. S. 42) Das Problem des Hebräer-Briefes heißt: Gibt es eine Umkehr für die willentliche und wissentliche Abkehr, den Abfall vom Glauben? Da sagt er: Nein. Meine Frage heißt: Höre ich dieses NEIN als ein Urteil, das Gottes Urteil ausspricht oder als einen Erfahrungssatz, der aber sehr grundsätzlich gemeint ist? Wenn es ein Urteil Gottes wäre, ist jede Diskussion zu Ende. Das aber ist wohl die Intention des Schreibers. Er hält solche Umkehr für schlechthin unzulässig, nicht nur für schwierig und fast unmöglich.

Wenn es jedoch „nur“ ein Satz der Erfahrung des Schreibers ist, dann sagt er ihn ja gerade deshalb so hart, um Menschen vor dem Abfall zu bewahren! Dann weiß er, dass es sozusagen “unmöglich” ist, wieder zurück zu kehren, wenn man sich losgesagt hat. Davor, das leichtfertig zu tun, möchte er bewahren. Psychologisch gesehen hat er sicher Recht. Es ist unendlich schwer, einen Rückweg zu finden, wenn man sich von einer Überzeugung, einem Glauben einmal bewusst losgesagt und abgewandt hat. So schwer, dass man sagen möchte: es geht nicht.

Es ist der Gipfel der Anklagen: die, die sich so vom Glauben abwenden, sind die, die für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen. Die sich an die Seite derer stellen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben, die ihn als Gotteslästerer hingerichtet haben, die ihn noch im Sterben mit Hohn überschüttet haben. Es sind die, die sich so dem Anruf Gottes verweigert haben, dass sie taub für sein Rufen geworden sind. Was für unglaubliche harte Urteile.

Es ist bestürzend: So spricht der Hebräer-Brief von denen, die mitgesungen, mitgebetet, mitgeglaubt und mitgefeiert haben. Von denen, die auch dem Druck von außen über vielleicht lange Zeit Stand gehalten haben. Denen es gleich war, dass sie nur eine „Sekte“ waren. Es ist bestürzend: Kein Wort über die Umstände, kein noch so kleiner Versuch, nur anfangsweise zu verstehen: da hat einer der Repression und der Isolation nachgegeben. Da ist einer schwach geworden, weil ihm die Kraft ausgegangen ist. Weil der Glaube im eigenen Herzen plötzlich nicht mehr den Anfragen von außen gewachsen war, sondern er ist unterlegen – dem Spott von außen und dem Zweifel im eigenen Herzen. Und die Gemeinde war nicht stark genug, um zu halten, durchzutragen in solchen Zeiten der Anfechtung. Nichts davon lese ich. Das macht das Umgehen mit diesen harschen Worten schwer.

7 Denn die Erde, die den Regen trinkt, der oft auf sie fällt, und nützliche Frucht trägt denen, die sie bebauen, empfängt Segen von Gott. 8 Wenn sie aber Dornen und Disteln trägt, bringt sie keinen Nutzen und ist dem Fluch nahe, sodass man sie zuletzt abbrennt.

Nach meinem Empfinden ist dieser Vergleich ein Beleg dafür: Es geht um einen Erfahrungs-Satz! Wo der Regen auf die Erde fällt, wächst Frucht. Aber es kann auch sein, dass dort, wo Frucht werden soll, Disteln und Dornen sprießen. Da greift der Bauer ein. Er arbeitet am Feld. Er wird die Disteln und Dornen ausreißen. Er wird darum kämpfen, dass gute Frucht entsteht. Das soll ich hören: Der Herr des Ackers vernichtet nicht den Acker. Aber er verwirft die falsche Frucht. Die Mühe Gottes soll sich lohnen, am Ende dann doch. Deshalb hält er sie durch – gegen alle Fruchtlosigkeit.

„Euer Vater im Himmel lässt seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen und lässt es regnen für Gerechte und Ungerechte.“(Matthäus 5,45) So redet Jesus von Gott. Und als Petrus sich an Jesus wendet und fragt: »Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er immer wieder gegen mich sündigt? Siebenmal?« – »Nein«, gab Jesus ihm zur Antwort, »nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!« (Matthäus 18,22) Wie sollte er nicht auch die Umkehr suchen, wo sie – menschlich gesehen – längst unmöglich geworden ist?

Es ist eine überaus harte Botschaft, die beim Schreiber des Hebräerbriefes anklingt. Erschreckend hart erst recht, wenn man bedenkt, dass das Evangelium die Barmherzigkeit Gottes bezeugt. Ob es hilft: der Schreiber ist mit seinen Worten nur eine Stimme im Chor der ersten Zeugen. Aber er ist nicht die einzige Stimme, die so argumentiert. Zum Glück aber – auch für uns Spätere – ist das nicht die Mehrheitsstimme im Neuen Testament. „Spätere Generationen sind ihm in dieser rigorosen Verneinung der „zweiten Buße“ nicht gefolgt. Sie erinnerten sich demgegenüber an den Verleugner Petrus und an eine Menschmaß weit übertreffende Gnade.“(W.R.G. Loader, ebda.)

 

Herr Jesus, damit wir umkehren können, uns wieder nach Hause trauen, den Weg zum Vater wagen, dazu bist Du gekommen. Du zeigst uns das Gesicht des Vaters, der liebend gerne vergibt, die Arme weit öffnet, der uns entgegen kommt in Dir.

Gib Du doch, dass unsere Worte keinem den Weg zurück verbauen. Gib Du, dass wir Brücken schlagen, Türen öffnen und zur Umkehr ermutigen, in unseren Worten und unserem Tun. Amen