Wirkliches Leben

Hebräer 4, 14 – 5, 10

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Das ist die Basis für alle Worte des Schreibens: wir haben einen großen Hohenpriester, Jesus, den Sohn Gottes. Alles, was zu sagen ist, hängt daran: er ist für uns. Er tritt priesterlich für uns ein. Darum gilt: So lasst uns festhalten am Bekenntnis. Darum geht es. Das will der Schreiber. Er will, dass die Christen festhalten. κρατέω – „ergreifen, fassen, festhalten.“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 451) Es ist ein kraftvolles, energiegeladenes Handeln, das hier angesprochen wird. Nicht locker lassen. Die Christen können das, weil Christus den Weg frei gemacht hat. Es gibt keine Barriere mehr, die uns von ihm fernhalten könnte. Es gibt keine Himmelsmächte, die diesen Weg versperren könnten. Christus hat die Himmel durchschritten.

Es ist angedeutet noch einmal Erinnerung an bereits Gesagtes: Weil es für ihn keine Wegsperre im Himmel gibt, dürfen die Engel auch denen den Weg nicht mehr versperren, die zu ihm gehören.

„Heut schließt er wieder auf die Tür                                                zum schönen Paradeis                                                                          Der Cherub steht nicht mehr dafür                                                    Gott sei Lob, Ehr’ und Preis!“                                                                                  N. Hermann 1560, EG 27

Dass er die Himmel durchschritten hat ist Rückgriff auf die Himmelfahrt. Und es ist zugleich ein zentraler Satz des Glaubens: Der diese Weg-Freiheit erworben hat und uns zueignet, ist der, der über die Erde gegangen ist als Mensch, einer wie wir. Hoherpriester und doch einer von uns. „Dieser himmlische Hohepriester kennt die Anfechtungen, die uns durch Leiden und Versuchungen begegnen.“(W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 35)

Er kennt sich als Mensch aus mit dem, was Mensch-Sein ist. Versucht in allem wie wir. Die Versuchung der Macht, die Versuchung der eigenen Größe, des Eigenwillens, die Versuchung, sich selbst in Szene zu setzen – alles ist an ihn herangetragen worden. Noch am Kreuz hat er es gehört: „Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.“ (Matthäus 27, 42) Gott den Gehorsam aufkündigen, das eigene Leben statt den Willen Gottes wählen, das war die „Letzte Versuchung“ (Scorsese). Er aber hat sie alle abgewiesen.

Weil es ernsthafte, echte Versuchungen waren, deshalb kann er uns verstehen und deshalb kann er uns in unseren Versuchungen auch beistehen. Das macht ihn zum großen Hohenpriester. Er steht vor dem Thron des Vaters und bringt das Wesen der Menschen vor den Vater. Nicht nur unsere Siege, auch unsere Niederlagen. Nicht nur unsere Glaubensschritte, auch unsere Zweifel und unser Scheitern. Und hüllt es ein in seine Barmherzigkeit und Gnade.

         Was der Hebräerbrief hier mit Worten der Kultsprache sagt, hat Jesus wieder und wieder selbst gesagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“(Matthäus 11,28) Das hat Jesus selbst gesagt im Gleichnis vom verlorenen Sohn, wenn er darin alle verlorenen Söhne und Töchter seines Vaters zurückruft in das Vaterhaus. Das hat Jesus selbst gesagt im Ruf an die Jünger, als er rief: „Folge mir nach.“ (Markus 2,13) Das hat er selbst gesagt im Abendmahl, als er sagte: „Nehmt und esst ‑ mein Leib für euch. Nehmt und trinkt, mein Blut für euch.“(Lukas 22,19-20)

Es scheint, als wolle der  Hebräer-Brief, der gewiss um das Ringen um den Glauben weiß und der eine kämpferische Haltung bei den Christen sucht – festhalten! – doch darauf hinweisen: Am Ende leben wir von der  Barmherzigkeit und Gnade. Sie lässt durchhalten, festhalten. Sie ist die „Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.“ (2. Korinther 12, 9)

             Einen Unterschied allerdings markiert der Schreiber auch zwischen dem himmlisch-irdischen Hohenpriester und uns:  versucht in allem wie wir, doch ohne Sünde. Er hat sich nicht von Gott, dem Vater, trennen lassen. Er hat nicht eigensinnig seinen Weg gesucht. Er ist immer auf dem Weg des Vaters geblieben, immer im Gehorsam, im Vertrauen. „Anders als wir und alle Hohenpriester sonst konnte er trotz menschlicher Schwäche der Sünde widerstehen.“(W.R.G. Loader, aaO. S.36) Solche Freiheit von der Sünde, solches Widerstehen ist ihm nicht in den Schoß gefallen. Er hat sie erkämpft, mühsam errungen. Sie war keine Beigabe zur glücklichen Geburt.

5,1 Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden. 2 Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt. 3 Darum muss er wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden. 4 Und niemand nimmt sich selbst die hohepriesterliche Würde, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron.

Was macht einen Hohenpriester aus? Er ist eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott. Er ist der Stellvertreter des Menschen vor Gott. Er steht ein für die Schwachheit, für die Hinfälligkeit, für dieses vergehende Wesen, in dem so wenig Beständigkeit ist. Und weil er selbst menschlich ist, kann er mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren. Das ist der Sinn der Menschwerdung: Schmecken und Fühlen durch den Sohn Gottes, wie sich Mensch-Sein anfühlt. Zum Hohenpriester aber kann sich keiner selbst machen.

5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« 6 Wie er auch an anderer Stelle spricht (Psalm 110,4): »Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.«

Auch Christus nicht. Auch er ist berufen worden, eingesetzt durch Gott selbst. Es ist ein  Hinweis auf die Taufe Jesu, der durch das Psalmwort gegeben wird. Das sagen ja die Evangelien, dass er in der Taufe im Jordan ein Wort Gottes empfängt: “Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. ( Matthäus 3, 17) Ist es hier so etwas wie ein Fingerzeig für die, die die Taufe miterleben, so ist es bei Lukas direkter Zuspruch an Jesus selbst: “Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.”(Lukas 3, 22) Beide Male wird das Wort aus Psalm 2 aufgenommen. Jesus ist berufen und erwählt.

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, 10 genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.

Diese Berufung bewährt er in seinem irdischen Weg. Er bewährt sie, auch hier schimmert wohl Wissen und Kennen der Erzählungen des Evangelisten Lukas durch, im Ringen um den Weg des Gehorsams bis zum Tod am Kreuz: „Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“ (Lukas 22, 44) Auch das mag im Hintergrund mitschwingen: „Und Jesus gingen die Augen über.“(Johannes 11, 35) Er geht nicht in stoischer Ruhe unberührt durch die Welt. Es geht ihm an die Nieren, das Leid ergreift ihn. Und in dem, dass er so dem Schmerz ausgesetzt ist, lernt er Gehorsam. υπακοή. Die Haltung zum Leben, die das Ziel christlichen Glaubens ist – ein vertrauendes Hören und Gehorchen gegen den Weg Gottes, lernt Jesus – und lernen die Christen an ihm und durch ihn.

Darin, dass er das vollendet, durchhält bis zum Äußersten, wird er und wird seine Haltung zum Urheber des ewigen Heils, σωτηρίας αίωνιου. Das steht unverrückbar fest. Das ist der Grund, auf den der Hebräer-Brief ruft.  Über alle Zeiten hinweg bis heute.

Diese Worte des Hebräer-Briefes sind nicht im luftleeren, zeitlosen Raum geschrieben. Sie zielen darauf ab, das Vertrauen auf Christus zu stärken. Der Weg dorthin ist zu zeigen: Der, von dem wir priesterliche Fürsprache erhoffen, weiß, wie sich Leben anfühlt. Er kennt von Grund auf, wie es in der Welt zugeht – Schmerz, Angst, Einsamkeit, Glück, Freude – die ganze Mischung. Ihm ist das Leben nicht in den Schoß gefallen, auch nicht der Gehorsam und das Vertrauen. Er musste sich seinen Weg als den Weg Gottes gegen äußere und innere Widerstände erkämpfen.

Es stand nicht von vornherein fest, dass er den Gehorsam,  das Vertrauen auf den Vater durchhalten wird. Es gab Tränenzeiten, in denen alles auf dem Spiel stand. In den Versuchungen in der Wüste. In der Nacht in Gethsemane. Noch am Kreuz. Das alles war nicht Theater mit festgelegtem Ausgang nach der Vorlage des Drehbuch-Autors. Da stand wirklich alles auf dem Spiel. Das dürfen seitdem Christ*innen glauben: In solchem Sich Durchkämpfen macht er uns den Weg frei, die wir oft genug innerlich auch am Kämpfen sind, mit der Welt, uns selbst und dem Festhalten am Bekenntnis.

 

Herr Jesus, Du hast uns geliebt bis zum Äußersten. Du bist im die Tiefe des Todes gegangen, damit wir Dich dort, in unserem Tod vor Augen haben.

Du hast alles auf Dich genommen, was uns das Leben zur Last machen kann. Du weißt aus Deinen Wegen, Deinen Sehnsüchten, Deinen Ängsten, wie sich Leben anfühlt im Schönen und im Schweren.

Ich danke Dir, dass Du so unser Leben geteilt hast und es mit uns teilst, hoffend, betend, segnend. Rühre uns an mit Deiner Kraft. Amen