Erwartet in der Ruhe Gottes

Hebräer 4, 1 – 13

1 So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch etwa zurückbleibe, solange die Verheißung noch besteht, dass wir zu seiner Ruhe kommen. 2 Denn es ist auch uns verkündigt wie jenen. Aber das Wort der Predigt half jenen nichts, weil sie nicht glaubten, als sie es hörten. 3 Denn wir, die wir glauben, gehen ein in die Ruhe, wie er gesprochen hat (Psalm 95,11): »Ich schwor in meinem Zorn: Sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen.« Nun waren ja die Werke von Anbeginn der Welt fertig; 4 denn so hat er an einer andern Stelle gesprochen vom siebenten Tag (1. Mose 2,2): »Und Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken.« 5 Doch an dieser Stelle wiederum: »Sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen.«

Was hier gesagt wird, ist nur verständlich, wenn der Glaube ein Weg ist, der ein Ziel sucht. Das Ziel ist die Ruhe Gottes. An ihr Anteil zu gewinnen, ist die Hoffnung der Christen. Und darauf achten sollen sie und werden sie, dass  keiner von euch etwa zurückbleibe. Einem christlichen Heils-Egoismus ist so jede Rechtfertigung entzogen. Wir kommen nicht allein zur Ruhe, sondern nur mit den Anderen, so wie eine Welle nicht allein ans Ufer läuft, sondern nur im Lauf der anderen Wellen.

Mit Furcht achten – das ist nicht der Versuch, den Leser*innen Angst zu machen vor Gott. Es ist vielmehr der Versuch, ihnen vor Augen zu halten, was sie verlieren könnten. wir würden heute vermutlich sagen: Mit Eifer, mit Hingabe, mit letzter Entschlossenheit. Immerhin erlaubt das griechische Φοβηθμεν die Interpretation: „lasst uns Bedenken tragen.“

Anliegen des Schreibens ist offensichtlich, einem “Erlahmen der eschatologischen Spannkraft des Glaubens” ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 115) zu wehren. Es ist die Sorge, dass der eine oder andere aufgeben könnten, sich abwenden vom Glauben, von der Gemeinde, den Weg abbrechen, den er oder sie doch einmal hoffnungsvoll und berührt vom Evangelium angefangen hat, die den Schreiber seine Worte sagen lässt. Der Hebräer-Brief käme nie auf die Idee zu sagen: Der Glauben macht das Leben hier einfacher, voller, tiefer – was später kommt, ist deshalb nicht mehr wichtig. Das wird auch damit zusammen hängen, dass die Lebens-Situation seiner Leser und Leserinnen durch ihren Glauben vielfach verkompliziert wird – sie sind oft genug misstrauisch betrachtete und wohl auch ausgegrenzte Minderheit, die auch Repressalien erleidet.

Zugleich: Was ist das für ein sympathisches Bild von Gott! Er ist nicht ständig an der Arbeit. Er ist kein Workaholic. Er ist mit seiner Arbeit schon zur Ruhe gekommen. “Ich habe fertig” könnte er sagen und weiß doch zgleich: die Vollendung steht noch aus. Es ist kaum auszuloten, was damit gesagt ist: Gott sieht die Welt schon so, wie sie einmal sein wird, vollkommen und vollendet. Die Werke Gottes sind schon getan, aber noch nicht erfüllt in der Wirklichkeit der Welt. So sieht der Hebräer-Brief die Welt.

Wir dagegen sehen in der Welt eher resignierend “die Beste aller Welten” (Leibniz). Wir sehen immer noch Verbesserungsbedarf. Oft genug ist das eine zweischneidige Sache, denn wir verbessern offensichtlich mancherlei so, dass wir uns damit neue Probleme einhandeln. Das ist die viel beschworene Ambivalenz des Fortschritts. Aus ihr gibt es, so scheint es, kein Entkommen. Die Worte des Hebräer-Briefes wehren aller Katastrophenangst und Welt-Untergangs-Phantasie. Es steht nur in unseren Augen die Vollendung noch aus, die in Gottes Ruhe schon ist. Von Gott her aber gilt: Nun waren ja die Werke von Anbeginn der Welt fertig.

6 Da es nun bestehen bleibt, dass einige zu dieser Ruhe kommen sollen, und die, denen es zuerst verkündigt ist, nicht dahin gekommen sind wegen des Ungehorsams, 7 bestimmt er abermals einen Tag, ein »Heute«, und spricht nach so langer Zeit durch David, wie eben gesagt: »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.« 8 Denn wenn Josua sie zur Ruhe geführt hätte, würde Gott nicht danach von einem andern Tag geredet haben. 9 Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. 10 Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.

Weil Israel nicht “zur Ruhe” gekommen ist, steht sie allen Späteren noch offen. Es sind noch Plätze frei – so könnte man salopp formulieren. Der Saal ist noch nicht voll. Die Tür ist noch nicht verschlossen. Es ist sicherlich nicht ganz falsch, die Gleichnisse Jesu vom großen Festmahl hier mit zu hören, in denen der Herr des Festes unermüdlich seine Knechte aussendet mit dem Auftrag: “Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.” (Lukas 14, 23)  

Die Ruhe, das ist der große Sabbat am Ende der Zeiten, das ist die Vollendung der Schöpfung, das ist, in anderen Bildern, das himmlische Jerusalem und Gott inmitten seiner Völker, das ist das Fest ohne Ende. In einer Zeit, in der Ruhe für viele wie Langeweile, nichts los, klingt, mag das nicht attraktiv erscheinen. Aber für Menschen, die unter der Last ihrer Arbeit zusammen zu brechen drohen, ist Ruhe die Verheißung von Aufatmen und Erfüllung. Dieses Ziel lohnt auch den letzten Einsatz: „Die Glaubenden und Treuen werden an Gottes eigener und ewiger Sabbatruhe teilnehmen und so auch von ihren Werken ruhen.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 30)

Und, fast kann man es überlesen: Wir werden Gott in der Ruhe gleichförmig, um nicht zu sagen: gleichgestaltig. Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. Eins werden mit Gott  – diese Sehnsucht aller Mystik wird hier angedeutet, nicht als Seinseinheit, wohl aber als eine Einheit im Sein in der Ruhe.

Auch das wird mitzulesen sein: Hier wird nicht von einer verweigerten Ruhe für Israel geredet, so als ob der Weg jetzt nur noch für Heidenchristen offen sei. „Gott nimmt ein gegebenes Wort niemals zurück. Gelangten die, denen in früheren Zeiten mit solchem Angebot „frohe Botschaft“ zuteilwurde, nicht hinein, dann lag es nahe, die früher gesprochene Verheißung zu gegebener Zeit neu in Kraft zu setzen.“  (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 117) Gott hält sein Wort vielmehr fest  und erweitert es – hin zu den Heiden.

 11 So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen, damit nicht jemand zu Fall komme durch den gleichen Ungehorsam. 12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

             Wechselt das Thema? Geht es jetzt auf einmal ums Gericht? Ich glaube, dass es anders gemeint ist. Es geht um den Ruf, um das Wort jetzt. Im Hören dieses Rufes oder eben im Nicht-Hören geschieht Gericht. „Offenbar ist Gottes Wort die schärfste Waffe, die den Menschen treffen kann.“(A. Strobel, aaO,  S. 120) Wer sich dem heute an ihn ergehenden Wort verschließt, der schließt sich selbst aus. Und wird einmal erleben, erfahren, wie dieser sein eigener Beschluss ihm vor Augen steht und unveränderlich geworden ist. Diese Erfahrung und Einsicht ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

     Das macht ja wohl in der Tat Angst: Dass ich irgendwann einmal etwas entschieden, beschlossen und in Kraft gesetzt habe, das nicht mehr zurück zu holen ist. Und es ist das innere Bild des Hebräer-Briefes, dass wir manche Entscheidungen unseres Lebens später nicht mehr korrigieren können. Vor allem die, auf Gottes Anruf zu hören oder nicht. Wir müssen mit ihnen leben und – im härtesten Fall: An ihnen zerbrechen. Wir müssen uns für sie verantworten. „In sehr pointierter Weise heißt es am Schluss des Abschnittes wörtlich: `Dem wir Rede (= Wort) stehen müssen.’ Damit ist klar gesagt, dass Gottes Wort unsere Antwort verlangt.“ (A. Strobel, ebda.) 

 

Mein Herr Jesus, Du bist uns vorausgegangen in das Vaterhaus, in die Ruhe Gottes. Du hast den Streit überwunden. Du hast den Weg vollendet. Du bist zur Rechten des Vaters.

Das ist meine Sehnsucht, dass ich nach dem Vielen des Lebens einmal zur Ruhe komme in Dir, dem Einen, dass alle Sehnsucht gestillt ist und alles Fragen überholt. Ich möchte satt werden, gestillt werden an Deinem Bild, an Dir selbst. Amen