Aufeinander achten

Hebräer 3, 7 – 19

7 Darum, wie der Heilige Geist spricht (Psalm 95,7-11): »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, 8 so verstockt eure Herzen nicht, wie es geschah bei der Verbitterung am Tage der Versuchung in der Wüste, 9 wo mich eure Väter versuchten und prüften und hatten doch meine Werke gesehen vierzig Jahre lang. 10 Darum wurde ich zornig über dieses Geschlecht und sprach: Immer irren sie im Herzen! Aber sie verstanden meine Wege nicht, 11 sodass ich schwor in meinem Zorn: Sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen.«

Heute! Der Tag des Hörens, der Tag der Umkehr, der Tag der Gottesgegenwart ist nicht morgen und er war nicht gestern. Er ist immer Heute. Alles, was war, wird nur darum erzählt, damit Leser*innen und Hörer*innen das Heute nicht versäumen. Nicht das Herz verfetten und unbeweglich werden lassen. Nicht träge sein zu hören. Die Väter in der Wüste kommen nicht zur Sprache, um sie noch nachträglich nieder zu machen oder um Israel zu entwerten. Sie sind Warnung an die christlichen Leser, jetzt, im Heute. “Die Warnung vor dem Zuspät ist unüberhörbar.” (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S.187)

Auch das wird hier gesagt: Es lässt Gott nicht unberührt, ob wir hören oder nicht. Das Bild von Gott, das hier gemalt wird, zeigt einen verletztlichen Gott: Es verletzt ihn, wenn wir seine Stimme nicht hören. Es ist ihm nicht gleichgültig, weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Es mach Gott zornig, wenn er nicht gehört wird, keinen Gehorsam findet. So “emotional” ist Gott an seinem Volk und seiner Welt beteiligt. Die Christen glauben nicht an einen Gott, dem es nichts ausmacht, wenn sie nicht an ihn glauben, ihm nicht vertrauen, sich nicht bei ihm bergen. Gott, an den wir glauben, hat Sehnsucht nach uns.

12 Seht zu, liebe Brüder, dass keiner unter euch ein böses, ungläubiges Herz habe, das abfällt von dem lebendigen Gott; 13 sondern ermahnt euch selbst alle Tage, solange es »heute« heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Betrug der Sünde. 14 Denn wir haben an Christus Anteil bekommen, wenn wir die Zuversicht vom Anfang bis zum Ende festhalten.

Es ist eine der Aufgaben der Gemeinde, aufeinander zu achten. Darauf, dass keiner ein böses, ungläubiges Herz habe. Das hört sich moralisch an, ist aber nicht moralisch gemeint. Es geht um das geöffnete Herz, das den Einfluß Gottes offen steht und sich anderen Einflüßen und Einflüsterungen verweigert. Καρδία, Herz, steht dabei für den ganzen Menschen. Im Innersten, im Herzen fallen die Entscheidungen, die sich dann im Tun und Verhalten nach außen zeigen. Das Reden zu Herzen ist so ein Einwirken auf das Entscheidungszentrum des Menschen. Es ist merkwürdig modern: Nicht im Kopf, im Herzen fallen die Entscheidungen. Unser Verstand, so scheint es, liegt an einem unsichtbaren Gängelband.

„Gegängelt“. geleitet werden sollen Herz und Kopf nach der Einsicht biblischer Anthropologie, die der Hebräer-Brief teilt, auch durch die Einreden, durch den Betrug der Sünde. Es sind die inneren Stimmen und nicht nur die äußeren Parolen, die verführen. Aber die inneren Stimmen sprechen oft genug nur das nach, was von außen so vernünftig erscheint. Es gibt einen trügerischen Glanz der Sünde, den Anschein der Plausibilität, der allein schon durch den “Chor der Massen” erzeugt wird: “Das ist doch völlig o.k. Das ist doch menschlich.”

            Diese Plausibilität, die der Zuversicht das Wasser abgraben will, hört sich so an: “Vielen Menschen gelten Religion, Glaube, Kirche freilich nur noch als Auslaufmodell. Verbunden mit Missbrauchsskandalen, Finanzgeschäften, Frauenfeindlichkeit. Ein Leben ohne Glauben sei leichter.” – “Eigentlich sagen die Leute etwas sehr Wahres. Die Religion ist im Grund die beste Garantie dafür, dass das Leben nicht so bequem ist, wie es sein könnte.” (Credo, Ein Magazin zum Jahr des Glaubens, 2013, S. 43) Es braucht eine innere Souveränität und das stete Hören der leisen Stimme Gottes im Heute, um dagegen zu halten.

Das Gegenmittel gegen alle diese verführerischen Stimmen: “Das Bekenntnis muss festgehalten werden, nicht im Sinne gelernter Katechismussätze, sondern im Sinne gelebter Glaubensinhalte.”(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S.189 ) Dazu braucht es Brüder und Schwestern. Das geht nicht im Alleingang.

Es ist schon auffällig: Das Schreiben ist nicht an Amtsträger gerichtet. Er spricht normale Christ*innen an. Das Fußvolk der Gemeinde. Und mutet ihnen zu, aufeinander zu achten, sich selbst und einender zu ermahnen, zu ermutigen übersetze ich das griechische παρακαλετε. (Es ärgert mich ein wenig, dass die neue Luther-Übersetzung 2017 immer noch bei mahnen bleibt, wo sie doch die Beiklänge wissen könnte: Mahn-Briefe, letzte Mahnung, Abmahnung)  Nicht der erhobene Zeigefinger, sondern das ermutigende in den Arm nehmen ist hier gefragt und gemeint. Durch die Brüder und Schwestern. In der Sicht des Schreibers ist das Seelsorge auf Augenhöhe, nicht als Amtshandlung.

15 Wenn es heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht, wie es bei der Verbitterung geschah« – 16 wer hat sie denn gehört und sich verbittert? Waren’s nicht alle, die von Ägypten auszogen mit Mose? 17 Und über wen war Gott zornig vierzig Jahre lang? War’s nicht über die, die sündigten und deren Leiber in der Wüste zerfielen? 18 Wem aber schwor er, dass sie nicht zu seiner Ruhe kommen sollten, wenn nicht den Ungehorsamen? 19 Und wir sehen, dass sie nicht dahin kommen konnten wegen des Unglaubens.

            Als könnte er nicht genug mahnen, ermutigen, wiederholt sich der Schreiber noch einmal. Das mag deutlich machen: Hier schlägt sein Herz. Hier kämpft er um seine Leute. Wieder malt er warnende Bilder. Er ist sich ganz einig mit den anderen Aposteln und Lehrern der Gemeinde: „Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ (Römer 15,4) In der Schrift werden nicht nur Bilder des gelingenden Lebens und Glaubens gemalt, sondern oft genug auch Bilder vom Scheitern des Lebens und des Glaubens.

Es gibt in dieser Gemeinde, an die das Scheiben gerichtet ist, die reale Gefahr, das Leute sich abwenden. Der Gemeinde und dem Glauben den Rücken kehren. „Die Gefahr, vom Glauben abzufallen, hängt mit der Bedrängnis durch Verfolgung zusammen und nicht nur mit Glaubensmüdigkeit und Apathie, die uns näher liegen.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 30)Manche werden verbittert, weil sie von einem großen und gnädigen Gott erzählen hören, aber in ihrem Leben nichts davon spüren. Weil die Zugehörigkeit zur Gemeinde belastet und eben nicht nur erfreut.

Darum ist es „pädagogisch“ weise, solche Belastung nicht zu verschweigen, sondern zuzugeben, dass der Weg mit Christus auch Kraft kostet. Denn nur Siegesgeschichten zu erzählen entmutigt, vor allem die, die ohnehin schon mutlos sind: „Das schaffen wir nie.“ Aber der Blick auf das Scheitern, das nicht das Ende der Wege Gottes ist, kann neuen Mut geben: Hat Gott sein Volk trotz der Wüstenzeit nicht preisgegeben, so wird er auch uns nicht preisgeben. Es wäre tödlicher Ungehorsam, die Hoffnung fahren zu lassen.

             Es ist eine Eigenart, die erst durch die dauerhaft durchgehaltene Lektüre der Schrift auffällt: In Israel werden nicht nur die Heldengeschichten des Glaubens erzählt. Es ist ein großes Thema, immer wieder, dass Israel den Glauben verweigert, Gott den Gehorsam schuldig bleibt, dass es seinen eigenen Wege sucht und sich darin verrennt. Psalmen reden davon, Esra und Nehemia, die Propheten, bis hin zu Stephanus. Dass ist nie krankhafte  „Nestbeschmutzung“, sondern es ist immer neu der Weg zu einem Bußgebet, oder zum Ruf zur Umkehr: Verlasst diese verhängnisvolle Spur der Väter und sucht die Spur des Glaubens, der sich Gott anvertraut.

Ein weiterer Gedanke beschäftigt mich: Ist es nicht ihr Ungehorsam und Unglauben, der den Späteren den Weg offen hält? Ist es nicht gerade das Scheitern der früheren Generationen, das den Ruf heute umso dringlich macht? Paulus jedenfalls denkt ja so: „Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« (Römer 11, 25-27) Dann ist es ein Weg der Heilsökonomie Gottes, dass Israel das Ziel der Ruhe noch nicht erreicht, damit es erst mit uns zusammen (!) ans Ziel kommt.

Das ist ja die Hoffnung, die Paulus beseelt, aber auch den Hebräer-Brief, auch die anderen Schriften des Neuen Testamentes: Der Unglaube wird nicht das letzte Wort behalten. Bei Israel nicht und bei den Hörern und Leserinnen des Wortes nicht. Das letzte Wort Gottes ist der Ruf seiner Liebe in Jesus Christus und das letzte Wort der Menschen ist die Antwort des Vertrauens. Wer es fassen kann, der fasse es!

Das Scheitern der Wüstengeneration zur Zeit des Mose wird zur Herausforderung an die Christen in ihrer Wüsten-Situation heute, sich nun erst recht an Gott zu halten, an ihm festzuhalten, sich ihm immer wieder anzuvertrauen. Dieses erschreckende Beispiel, das „sich wie eine Drohung ausnimmt, ist in Wahrheit ein Plädoyer für den mündigen Christen…zu einem Leben in der stündlichen Verantwortung.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 115) 

 

Herr Jesus, ich brauche die Vorbilder, die mir Mut machen, mich zum Durchhalten motivieren, mir zeigen, dass das Leben gehalten ist, das in Dir gegründet ist.

Die Beispiele, wo Menschen hinter dem Geschenk des Glaubens zurück geblieben sind, sind mir nicht so hilfreich.

Mir helfen die Geschichten gelebten Glaubens mehr, mir hilft vor allem mehr, auf Dich zu sehen, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Amen