Aufsehen auf Jesus

Hebräer 3, 1 – 6

 1 Darum, ihr heiligen Brüder und Schwestern, die ihr teilhabt an der himmlischen Berufung, schaut auf den Apostel und Hohenpriester, den wir bekennen, Jesus 2 der da treu ist dem, der ihn gemacht hat, wie auch Mose in Gottes ganzem Hause.

Es ist bemerkenswert: „Zum ersten Mal werden die Hörer direkt angesprochen.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975. S. 107) Hörer – weil der Exeget unterstellt: diese Schrift ist eine die verlesen wird. Im Gottesdienst, in der christlichen Versammlung, und nicht nur stumm studiert wird am Schreibtisch. Umso gewichtiger ist, wie sie angesprochen werden.

Ihr habt teil an der himmlischen Berufung. κλσις -„Ruf, Zuruf, Vorladung, Berufung, Benennung.“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957,  S. 440) Berufung gilt hier den ganz normalen Christ*innen und nicht nur denen, die eine besondere Aufgabe haben. Dass Christen also Christen sind, ist die Folge eines Rufes, der sie erreicht hat. Einer Vorladung, die vom Himmel her – πουρανου – an sie ergangen ist.

Eine Frage an uns:  Worauf spreche ich Menschen an? Auf ihr Leistungsvermögen, sagt unsere Zeit. Auf ihre Hoffnungen, sagt die Werbung. Auf ihre Werte, suggeriert die Politik. Auf ihre Defizite – so erleben wir es oft genug. Der Hebräerbrief spricht seine Leser auf ihr Sein an: Ihr heiligen Brüder und Schwestern, die ihr teilhabt an der himmlischen Berufung. Mag sein, die Berufung ist noch verborgen, noch nicht offenkundig vor aller Augen, aber sie ist schon wirklich. „Auf Grund dessen, was die Angeredeten sind – heilige Brüder und Genossen der himmlischen Berufung -, können sie behaftet werden bei dem, was sie sollen: den zuverlässigen Jesus betrachten und so das Bekenntnis durchhalten.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 157) Man kann sie schon auf dieses noch verborgene Sein hin ansprechen. Es ist schon wirksam in ihnen, an ihnen.

So auf das eigene, noch unsichtbare Sein, auf die Zukunft im Himmel hin angesehen zu werden, löst durchaus nicht zwangsläufig Passivität aus, sondern kann einen Menschen höchst aktiv in Bewegung setzen, weil er sich grundsätzlich bejaht sieht:

„Ich möchte gerne so sein wie Gott mich haben will       weil er mich so behandelt als wäre ich schon so,“                            Hannelore Frank

             Damit das Wirklichkeit wird im eigenen Leben, sollen wir „Aufsehen auf Jesus“(O. Michel) Was ich anschaue, verwandelt mich. Das ist eine Überzeugung, die sich in der Bibel wiederfindet, die sich aber auch im alltäglichen Leben bewahrheitet. Die Bilder, denen ich meine Seele aussetze, machen etwas mit mir. Dieses Wissen hat zu solch wunderbaren Kunstwerken wie dem Isenheimer Altar in Colmar geführt. Er ist im großen Saal eines „Siechenhauses“(= Krankenhaus) aufgerichtet worden in der Überzeugung, dass das Anschauen des leidenden Christus den Leidenden in der Zeit Heil bringt – und manchmal wohl auch Heilung.

Nebeneinander stehen zwei Hoheits-Bezeichnungen Jesu, die wir beide nicht mehr gewohnheitsmäßig mit ihm verbinden: Apostel und Hohenpriester. Warum Apostel? „Hinter ihm steht Gott, der Sendende.“ (A. Strobel, aaO. S. 108) Unübersehbar ist in dieser Titulatur als Apostel die Nähe zum 4. Evangelisten: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ (Johannes 4,34) – „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“(Johannes 5, 24) -. „Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ (Johannes 6,34) – „Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat.“(Johannes 12, 45) Und Schließlich: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“(Johannes 20, 21) Johannes verwendet nie den Titel Apostel für Jesus, aber er eschreibt ihn wieder und wieder als den Gesandten und er sieht darin auch das „Selbstbewusstsein“ Jesu. Im Hebräerbrief ist es ein Titel, den der Brief nur indirekt verfolgt, weil ihm mehr an dem anderen Titel liegt, an der Bezeichnung Hoherpriester. Der allerdings wird im Verlauf des Briefes eine große Bedeutung gewinnen.

Man sollte es nicht überlesen: Die Treue Jesu wird nicht als Überbietung der Treue des Mose formuliert. Er ist treu wie auch Mose in Gottes ganzem Hause. „Wegen dieser Treue nahm Mose einen Platz vor Gott ein, der ihn über die Engel stellt.“ (A. Strobel, aaO. S. 109) An dieser Treue des Mose hat Jesus Maß genommen.

 3 Er ist aber größerer Ehre wert als Mose, so wie der Erbauer des Hauses größere Ehre hat als das Haus. 4 Denn jedes Haus wird von jemandem erbaut; der aber alles erbaut hat, das ist Gott. 5 Und Mose zwar war treu in Gottes ganzem Hause als Knecht, zum Zeugnis für das, was später gesagt werden sollte, 6 Christus aber war treu als Sohn über Gottes Haus.

Wie nebenbei wird Schöpfungslehre eingeführt: Von Nichts kommt nichts. Aber alles, das All  kommt von Gott: der aber alles erbaut hat, das ist Gott. Das dies so nebenher gesagt werden kann, weist darauf hin: hier sind sich Verfasser und Leser*innen gewiss einig. Das ist gemeinsames Grundbekenntnis.

Es folgt erneut die bereits vertraute Argumentations-Figur vom Kleineren zum Größeren: Es kommt auf den Erbauer an, nicht auf das Gebäude. Mose steht hier für das Haus – aufgegriffen wird die Vorstellung, dass Israel das Haus Gottes ist. „Hört meine Worte: Ist jemand unter euch ein Prophet des HERRN, dem will ich mich kundmachen in Gesichten oder will mit ihm reden in Träumen. Aber so steht es nicht mit meinem Knecht Mose; ihm ist mein ganzes Haus anvertraut. Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, nicht durch dunkle Worte oder Gleichnisse, und er sieht den HERRN in seiner Gestalt. (4. Mose 12, 6-8) Ist Mose schon groß, so ist Christus doch noch größer. Mose ist der Knecht im Haus Gottes, Jesus aber ist der Sohn. Sehr fein wird unterschieden: In Gottes Haus – über Gottes Haus. Wenn man so will: Der eine Hausmeister – der andere Hausbesitzer.

Mit diesem Vergleich kommen die überbietenden Vergleiche im Hebräer-Brief an ihr Ende. Jesus ist höher als die Engel. Jesus ist größer als Mose. Das kommt mir auf den ersten Augenblick wie ein fremder Gedanke vor. Aber genauso fragen Leute ja auch heute: Was hat Jesus, das ihn vor den anderen „Religionsstiftern“ auszeichnet, gegenüber Mohammed und Buddha, gegenüber großen Lehrern wie Konfuzius oder Laotse, gegenüber Heiligen und anderen großen Geistern? Ist es die Lehre? Ist es das Leben? Wie schneidet Jesus im Vergleich mit anderen ab?

Die Antwort des Hebräer-Briefes ist klar: Er ist der Sohn (1,2). Er ist das letzte Wort Gottes (1,2). Er ist der Erbe (1,2). Er ist das wesensgleiche Ebenbild (1,3) Er ist der, der zur Rechten Gottes (1,3) sitzt. Er ist der Hohepriester in Ewigkeit (2,17) Es sind Antworten, die der Glaube gibt, keine objektiven Überlegenheits-Beweise. Und es sind allesamt Antworten, die auf die himmlische Wirklichkeit verweisen. Da  ist das alles schon entschieden.

Es gibt noch eine andere Form der Antworten auf die Frage – das ist das eigene Bekenntnis. Jesus ist mir „konkurrenzlos wichtig.“ (F. Schwarz, Überschaubare Gemeinde 1; Gladbeck 182, S. 12) So einfach kann man das formulieren. Oder zum Mit- und Nachsingen:

Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Enden,                            Gottes und Marien Sohn:
Dich will ich lieben, Dich will ich ehren,                                          Du meiner Seele Freud und Kron.

Schön sind die Felder, schön sind die Wälder                                  in der schönen Frühlingszeit;
Jesus ist schöner, Jesus ist reiner,                                                          der unser traurig Herz erfreut.

Schön leucht die Sonne, schön leucht der Monde                         und die Sternlein allzumal.
Jesus leucht schöner, Jesus leucht reiner                                            als alle Engel im Himmelssaal.      Münster 1677, EG 403

Es ist nicht die Sprache nüchtern und kühl vergleichender Religionswissenschaften, die so redet. Es ist die Sprache der Liebe, des Hingerissen-Seins, die sich so nicht genug tun kann. Das ist die Antwort, die der Hebräer-Brief sucht und erwecken will. Dies, dass der Brief so zum Bekenntnis wird, zeigt die Aufgabe, vor der wir heutigen Leser*innen stehen: wir müssen Worte für unser Christus-Bekenntnis finden. Uns klar werden, was wir von ihm zu sagen haben.

 „Was Jesus für mich ist?                                                                   Einer der für mich ist.                                                                          Was ich von Jesus halte?                                                                    Dass er mich hält.”                                                                                              L. Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz 2000, S. 126

Die Worte anderer, auch die schönen Worte anderer, nehmen uns diese Aufgabe nicht ab. wir müssen unser Bekenntnis finden. die Welt wartet darauf.

Sein Haus sind wir, wenn wir den Freimut und den Ruhm der Hoffnung festhalten.

Danach geht der Brief einen höchst bedeutsamen Schritt weiter: Sein Haus sind wir. Wir – Schreiber und Leser*innen, Gemeinde Jesu Christi in der Zeit. Im Wir schließt sich der Schreiber mit seinen Lesern über alle räumliche und zeitliche Distanz hinweg zusammen.  Auf den ersten Eindruck hin könnte man hören: Da wird ein zweites Haus neben dem Haus Gottes errichtet – neben das Haus Israel tritt das Haus Jesu Christi. Aber so denkt der Hebräerbrief nicht. Als sein Haus sind wir Haus Gottes. Es gibt keine zwei Häuser Gottes.

Das Wort Haus redet zwar in der Bildhälfte vom Haus als dem Gebäude. Aber es meint mehr als ein Gebäude. „Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.“ (Josua 24,15) Da ist das Haus alles, was zu Josua gehört – seine Sippe, seine Leute, ja sogar sein Vieh. Und wenn bei Petrus vom „Haus der lebendigen Steine“ (1. Petrus 2,5) die Rede ist, dann ist es vollends deutlich: es geht um Menschen, die zusammengehören, zusammengefügt sind durch den Willen und die Tat Gottes.

Dieses Bild vom Haus Gottes ist eine Aussage über die Gemeinde, die nicht hoch genug einzuschätzen ist –  gilt sie doch Leuten, deren äußere Situation alles andere als ermutigend und freundlich erscheint. Es werden auch nicht allzu viele Hausbesitzer in den Reihen der Erst-Leser*innen zu finden sein. Die Gemeinde ist von Resignation und Müdigkeit bedroht. Sie ist in die Defensive geraten und fürchtet sich vor mancherlei Mächten und Anfechtungen. Darauf wird das Schreiben noch ausführlich zu sprechen kommen. Dem setzt der Schreiber zweierlei entgegen: Den Blick auf Jesus und eben dies: Wir sind Gottes Haus.

Wenn wir das Vertrauen und den Ruhm der Hoffnung festhalten. Ist damit eine Bedingung eingeführt, die „wir“ – die Leser*innen der ersten Stunde und wir heute –  zu erfüllen  haben? Mir will es anders scheinen. Nicht eine Bedingung, sondern eine Möglichkeit, eine Art und Weise zu leben wird hier angesprochen und so zu leben sind wir eingeladen. „Glauben heißt viel mehr als zum Glauben kommen; Glauben heißt zum Glauben kommen und im Glauben weiterleben.(W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 30)

 Alles, was die Christen im Himmel schon sind, wirkt sich in dieser Lebens-Weise in irdischen Lebensverhältnissen aus. – Freimut und Hoffnung prägen das Leben. Indem wir die παρρησία, Freimut, Freiheit, bewahren, leben wir als „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2,18) Nicht Bedingung wird hier formuliert, sondern die Erinnerung an den Lebensraum, den wir jetzt schon ausfüllen dürfen.

 

Herr Jesus. Aufsehen zu Dir, mir Dein Bild einprägen, meine Seele an Deinem Bild sättigen, dazu hilf Du mir.

Gib mir die innere Ruhe, gib mir die Sehnsucht ins Herz, gib mir die Treue zu Deinem Wort, gib mir den Abstand zu allem, was mir den Blick auf Dich verstellen will.

Lass mich suchen, was mir hilft, so auf Dich zu schauen. Die Zeit mit Deinem Wort, das Gespräch über den Glauben, das Geschenk von Brot und Wein, den Gottesdienst  und Dein Bild in den Kleinsten, Geringen – Brüdern und Schwestern, in denen Du nach uns rufst, unsere Liebe und unser Erbarmen suchst. Amen