Allem ausgesetzt – wie wir

Hebräer 2, 11 – 18

11 Denn weil sie alle von “einem” kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder und Schwestern zu nennen, 12 und spricht (Psalm 22,23): »Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.« 13 Und wiederum (Jesaja 8,17): »Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen«; und wiederum (Jesaja 8,18): »Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.«

Was hier gesagt ist, könnte man auch „Prädestination als Grundbestimmung des Menschen“ nennen. Wir sind eben nicht Produkte eines Zufalls, „keine Laune der Natur“ (J. Werth), der Evolution, sondern gewollt. Wir sind im Urgrund des Lebens, vor aller Zeit, schon gewollt. „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“ (1. Mose 1,26) In diesem Satz kann ich schon hören: Unverbrüchlich geliebt und gerufen. Bruder, Schwester, seit dem Beginn der Welt.

Über viele Jahre hin war dieser Spruch das Deckblatt, das ich auf meine Bibel geklebt habe: „Er schämt sich nicht, uns Brüder zu heißen“(Luther 1964) Über dem Spruch eine Dornenkrone. Diese Karte bringt für mich auf den Punkt, worum es geht: Der, der das Ziel der Schöpfung ist, der Mittler der Schöpfung ist, der die Gabe und der Geber des Heils ist, Er tritt an unsere Seite. Er schließt sich mit uns zusammen, weil wir, alle von “einem” kommend, beide, der heiligt und die geheiligt werden, vom Uranfang in der Schöpfung her zusammen gehören. „Der Heiligende ist es, der sich nicht schämt, die Geheiligten seine Brüder zu nennen.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 136)

Daran hält der Hebräerbrief fest, auch trotz aller „Unfälle“ der Weltgeschichte und trotz des großen Unfalls der Sünde. Das ändert nichts daran: Wir kommen von dem Einen her und er stellt sich – „schamlos“, οκ αισχνη – auf unsere Seite. Das ist die Konsequenz, die er, Christus, aus der gemeinsamen Herkunft zieht: Mensch unter Menschen. Keine Distanzierung. Keine Abwendung. Kein Fremdschämen beim Sohn Gottes.    

Die drei Zitate haben keine andere Aufgabe, als diese Platzwahl Gottes zwar nicht zu begründen, aber in ihrer Konsequenz zu beschreiben. Sie erfüllt mit Dankbarkeit und Freude. Sie lässt nicht einsam sein, sondern schließt zusammen mit Brüdern und Schwestern. Sie macht gewiss. Er hält fest an seiner Wahl. Er setzt sein Vertrauen in uns.

Es ist gerade nicht so, dass die Bibel nur vom Gottvertrauen der Menschen zu reden wüsste. Es einfordern würde ohne Ende. Da wäre sie wohl auch gefährlich schnell am Ende, weil es ja oft nicht so weit her ist bei uns allen mit dem Gottvertrauen. Ihr großes Thema ist vielmehr das Menschenvertrauen Gottes. Das hält er durch, zäh, treu, liebevoll, von Anfang an bis in die letzten Tage, bis zu uns. Das Zeichen dieses Vertrauens ist der Herr Jesus.

14 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er’s gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel, 15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten.

Es geht um Existenz-Übernahme. Ich lese: „Es geht um die Solidarität zwischen Christus und den Menschen, die ihm folgend, unterwegs sind.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 24) Das ist mir zu wenig, weil Solidarität auch aufgekündigt werden kann. Das sehen wir Tag für Tag – in Parteien, unter Geschäftspartnern, zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen. Selbst die Solidarität der Menschenrechte ist offenkundig nicht unkündbar, anschaulich im „Massengrab Mittelmeer“.

Jesus wird nicht „nur“ solidarisch mit uns. Es geht um sein, Jesu tiefes Eintauchen in die Lebensbedingungen, Fleisch und Blut, unter denen wir leben. Er nimmt das Leben auf sich, unser Leben: Inkarnation – er wird einer wie wir. “Unter das Gesetz getan” sagt Paulus (Galater 4,4). Die Fragen, die Sehnsucht, die Angst, Hunger und Durst, die manchmal vergebliche Suche nach Hoffnungszeichen, das Glück der Freundschaft, der stille Schauer des Berührtwerdens – alles seine Erfahrungen. Er ist nicht Gott in der Verkleidung eines Menschen, der ein bisschen Karneval spielt. Er wird Mensch, nach neun Monaten Schwangerschaft geboren von einer Mutter, aufgewachsen in einem Handwerkerhaushalt, unterwiesen in der Schrift.

Es gibt dieses Skandal-Bild von Max Ernst: “Die Jungfrau züchtigt das Jesus-Kind”. Dieses Bild sagt: Einer wie wir. Es gibt den Skandal-Film von Martin Scorsese “Die letzte Versuchung Jesu Christi”, in der er sich, schon am Kreuz, in eine bürgerliche Existenz und eine erfüllende Liebesgeschichte träumt. Auch hier: Einer wie wir. Zutiefst menschlich, versuchlich, verletztlich, zerbrechlich, angefochten. Mit dem Goldglanz der Jesus-Bilder hat es dieses “Einer wie wir” nicht.  Der Hebräer-Brief an dieser Stelle auch nicht.

Und schließlich: Dem Tod unterworfen, damit er die Macht des Todes und die Macht dahinter, die Macht des Widersachers Gottes, bricht. “Die Analyse menschlichen Lebens und irdischer Wirklichkeit könnte kaum ungeschminkter vorgenommen sein. Sie ist wahr; denn das, was wir Leben nennen, ist hier richtig als Sklaverei Todgeweihter krassestens verdeutlicht.”( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S.105) Erst wo durch die Hoffnung der Auferstehung die Macht des Todes gebrochen ist, da hört die Knechtschaft auf, die sich in der Furcht vor dem Tod manifestiert.

Das meint nicht die kreatürliche Angst vor dem Sterben. Die teilen Christen in ihrem Leben und Sterben wohl mit allen Anderen und von der sind sie vielleicht auch – was immer Geschenk ist – frei wie manche Anderen. Sondern gemeint ist die Furcht, dass der Tod die Gottesferne endgültig macht, unwiderruflich, unaufhebbar, die Scheidung von dem ewigen Leben, das die unverstellte Gegenwart Gottes schenkt.

16 Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an. 17 Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.

Es geht, noch einmal wird es eindringlich wiederholt, um die Übernahme unserer Existenz. Dahinter mögen theologische Kontroversen über die Natur Jesu stehen. War er wirklich Mensch wie wir oder war er nicht nur scheinbar Mensch? Wenn er nur dem äußeren Schein nach Mensch war, aber in Wahrheit engelhaft – was bedeutet das?

Für den Hebräerbrief steht an dieser Stelle nicht weniger als die Erlösung auf dem Spiel. Er musste in allem seinen Brüdern gleich werden. φειλω – „schuldig sein, sollen, müssen.“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 559) Seine Gleichheit  ist eine – göttlich geordnete – Notwendigkeit, denn nur so, in dieser Gleichheit, wird sein Weg zu einem Weg der Sühne der Sünden des Volkes. Nur so, in dieser Gleichheit ist es auch unwiderrufbar: Gott hat am eigenen Leib, leibhaftig gespürt, was Menschsein ist. ο̉μοιωθη̃ναι steht da im Griechischen. Wesensgleich, gleich der Natur nach. Nicht nur äußerlich ähnlich. Und erinnert so an die späteren berühmten dogmatischen Formeln, die sagen, dass Jesus wesensgleich mit Gott ist und nicht nur ähnlich. „Wahrer Mensch und wahrer Gott.“(Konzil von Chalcedon 451) Er nimmt leibhaftig und wahrhaftig auf sich, was auf uns lastet.

Zum ersten Mal taucht hier das Wort auf, das dem Hebräerbrief auch in so mancher Argumentation sein eigentümliches Gepräge gibt. Hoherpriester. ρχιερες .Christus ist der treue Hohepriester. Was wird in aller Kürze damit signalisiert? „Im Priestertum des Alten Bundes wird die Lage des Menschen anschaulich: Er bedarf der Versöhnung. Und: Diese Versöhnung wird von Gott selbst hergestellt im Amt des Mittlers. Im Tun des Hohenpriesters am großen Versöhnungstage tritt beides in eindrucksvoller Gestalt in Erscheinung. Da wird die Sünde bezeugt und zugleich, dass Gott selbst die Einrichtung treffen muss, die den Abgrund überbrückt.“ (W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 28) Wie sich das in Christus darstellt, wird im Folgenden ausführlich weiter durchbuchstabiert werden – in Anknüpfung an den Alten Bund und seiner Überbietung, nicht seiner Aufhebung.

18 Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

             Hier, durch die Wendung  worin er selber gelitten hat und versucht worden ist tauchen, fast wie von selbst, Bilder aus dem Leben Jesu vor dem inneren Auge auf. Er verliert nicht die Geduld mit seinen begriffsstutzigen und oft genug kleingläubigen Jüngern. Er ermüdet nicht über der Schwerhörigkeit für seine Verkündigung des Reiches. Er begnügt sich nicht mit einem elitären Schülerkreis, der ihn versteht. Er geht nicht den Weg zu den Griechen, um dort zum gefeierten Lehrer zu werden. Er springt nicht von der Spitze des Tempels. Er lässt sich nicht zum Brotkönig machen. Er bringt sein Leben in Gethsemane nicht durch Flucht in Sicherheit. Er steigt nicht vom Kreuz herab, damit alle an ihn glauben.

Seine Antwort auf alle Versuchungen ist der Gehorsam des Sohnes. In diesem Gehorsam ist er der Sohn. Nicht anders. Und: „Weil er dabei gelitten hat ist er jetzt in der Lage, uns, die wir jetzt leiden und in Anfechtung stehen, zu helfen.“ (W.R.G. Loader, aaO. S. 25) Was hier gesagt wird, findet auch Ausdruck in einer Indianer-Weisheit: „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Man kann auf die Idee kommen zu  sagen: Weil Jesus ein Leben lang in unseren Schuhen und unter unseren Bedingungen über die Welt gelaufen ist, ist er urteilsfähig und urteilsberechtigt in Sachen Menschensein. Der Text aber sagt: Darum ist er hilfsbereit und zur Hilfe fähig.

 

Jesus, so tief kommst Du herunter in unsere Welt. Einer wie wir. Allem ausgesetzt, was uns zusetzt, Hunger und Durst, Schmerz und Einsamkeit, Hoffnung und Angst, den Träumen von Größe und der Suche nach der Liebe.

Und Du hältst in allem fest am Vertrauen auf den Vater und bleibst der Gehorsame bis zum Tod am Kreuz. So wird Dein Tod der Weg zum Leben, Dir und für uns. Amen