Nicht am Ziel vorbei

 Hebräer 2, 1 – 10

1 Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort, das wir hören, damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben.

 Darum – weil das mit den Engeln so ist, dass sie dienstbare Geister sind und dass Christus so viel höher ist als sie – darum sollen wir auf das Wort achten.  Wieder ist diese Argumentation davon bestimmt, dass Jesus Christus als Person das Wort ist. Fast wie von selbst klingt für mich die 1. These der Barmer theologischen Erklärung hier an: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“(Barmen 1934, EG 810) Er ist das Wort, das uns Gottes Güte leibhaftig vor Augen stellt. Das Wort, das uns zum Glauben ruft. Fast in einem Atemzug muss man dazu sagen: Auf das Wort, das Jesus Christus ist zu hören macht nicht taub für die Worte, die uns Menschen sagen. Nicht taub für die Schreie der Geplagten, Gejagten, Gequälten. Der Entrechteten. Der Blick in die himmlische Wirklichkeit lenkt den Blick auf die Erde. Das Hören auf das Wort öffnet die Ohren für die Worte von Menschen.

 2 Denn wenn das Wort fest war, das durch die Engel gesagt ist, und jede Übertretung und jeder Ungehorsam den rechten Lohn empfing, 3 wie wollen wir entrinnen, wenn wir ein so großes Heil nicht achten, das seinen Anfang nahm mit der Predigt des Herrn und bei uns bekräftigt wurde durch die, die es gehört haben?

                 Noch einmal zu den Engeln: Es ist nicht angesagt, Furcht vor ihnen zu haben. „Fürchtet euch nicht!“ – dieser Engelsruf gilt. Für die Leser des Hebräerbriefes. Für uns heute. Er gilt, obwohl die Engel keine harmlosen Flattergeister sind, nicht nette Vorstellungen aus dem Souvenirladen. Sie haben ja Macht, Wege und Zugänge zu versperren. Davon erzählt eindrücklich die uralte Geschichte von Bileams Esel (4. Mose, 22, 21 – 36) Zum Schluss heißt es da: „Und der Engel des HERRN sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin nun dreimal geschlagen? Siehe, ich habe mich aufgemacht, um dir zu widerstehen; denn dein Weg ist verkehrt in meinen Augen.“(4. Mose 22,32) Wer mit Engeln rechnet, muss auch mit ihrer Widerständigkeit rechnen. Damit, dass sie ihm gegenüber den Anspruch Gottes zur Geltung bringen. „Wenn man von Engeln berichtet, geht es in Wahrheit darum, die Zuwendung Gottes zu Menschen, die Vergebung, die Gott dem kleinen und sündigen Menschen zuteilwerden lässt, als Wunder über alle Wunder darzustellen, als ein Geheimnis, das Gottes Größe noch um ein Vielfaches überschreitet.“(K. Berger,  Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998, S. 54)Das die Größe Gottes steigert.

Aber: diese machtvollen Anwälte der Heiligkeit Gottes sind dem Menschensohn untertan. Sie dürfen denen den Weg nicht mehr versperren, die zu ihm gehören. Darum gilt für Christen: „Fürchtet euch nicht.“ Es gibt keine Mächte und Gewalten mehr, im Himmel und auf Erden, die uns die Wege versperren könnten, die Gott uns zugedacht und bereitet hat. Wahr ist: Es geht nicht alles gut im Leben. Es gibt Scheitern, Angst und Tränen, auch im Christenleben. Sterben fällt nicht aus. Aber das ändert nichts mehr an der Entscheidung, die schon gefallen ist: Der Weg in die Himmel Gottes ist für uns frei!

            Damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben. Wie ein Stück Holz, das auf dem Wasser treibt und irgendwo strandet. So kann es dem Menschen gehen, der sich selbst seine Ziele setzt und glaubt, dass sich sein Leben erfüllt, wenn er die selbst-gesetzten Ziele erreicht. Aber dabei können wir am Ziel Gottes vorbei treiben.

Es ist  eine wichtige Einsicht, aber in den Augen des Hebräer-Briefes noch längst nicht das, was das Ziel erreichen lässt:

Ich habe oft mit Windmühlenflügeln gefochten,                      Wohl wissend, dass dabei der Gegner Sieger bleibt.                    Und gleich, wie reißend die Ströme der Zeit sein mochten,         Wehrte ich mich, das Stroh zu sein, das darauf treibt.                   Ich habe stets geglaubt, das Ruder selbst zu halten,                     Und fuhr doch nur auf vorbestimmten Bahnen hin,                      Denn alle Hoffnung und alle Ängste mussten dahin führ’n,         wo ich bin.                 R . Mey, CD Ich liebe Dich, 1993

Es kommt eine für den Hebräer-Brief typische Redefigur – der Schluss vom Kleineren zum Größeren. Wenn schon das Wort der Engel fest war und Nichthören auf dieses Wort Ungehorsam gegen den, der die Engel gesandt hat, wie viel gefährlicher ist es, das Wort zu missachten, das vom Sohn ausgeht.  In seinem Wort werden wir ja ins Heil gerufen und dieses Wort nicht hören ist darum das Heil ausschlagen. Niemand kann uns hindern, das Heil anzunehmen. Aber wir selbst können uns ausschließen. Das Ziel wird nicht nach Belieben verrückt. Man kann es verfehlen..

4 Und Gott hat dazu Zeugnis gegeben durch Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten und durch die Austeilung des Heiligen Geistes nach seinem Willen.

Wie widersinnig eine Missachtung dieses Wortes wäre, zeigt sich auch daran, dass Gott es vielfach bekräftigt und bestätigt hat – durch die, die es weitersagen, durch Zeichen und Wunder, durch die Austeilung des Heiligen Geistes. Es ist sicherlich möglich, so zu verstehen:  „Es fällt auf, dass über „Zeichen“, „Wunder“ und „Krafttaten“ hinaus vor allem auch charismatische Erlebnissen und Gaben erwähnt sind, die ohne Zweifel in die urchristliche Zeit verweisen“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 97)

 Das ist jedoch nicht alles.  Ich unterstelle eine Abfassungszeit für den Hebräer-Brief in der Nähe der Entstehungszeit der ersten drei Evangelien – um das Jahr 70 n. Chr. herum. Von daher kann sich die Wendung  Zeichen, Wunder und mancherlei mächtige Taten durchaus auf Jesus beziehen. Zu seinem Weg gehören Zeichen und Wunder. Von ihm sind mächtige Taten bezeugt. Von ihm wird es heißen, dass er den Jüngern den Geist gibt.  „Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ (Johannes 20, 22 -23) Von daher kommt es durchaus schlüssig zu der Frage: Ist es so, dass die Missachtung des Wortes Gott Lügen straft, weil sie sein Zeugnis missachtet?

5 Denn nicht den Engeln hat er untertan gemacht die zukünftige Welt, von der wir reden. 6 Es bezeugt aber einer an einer Stelle und spricht (Psalm 8,5-7): »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du auf ihn achtest? 7 Du hast ihn eine kleine Zeit niedriger sein lassen als die Engel; mit Preis und Ehre hast du ihn gekrönt; 8 alles hast du unter seine Füße getan.« Wenn er ihm alles unter die Füße getan hat, so hat er nichts ausgenommen, was ihm nicht untertan wäre. Jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles untertan ist.

Noch einmal wird klargestellt: Nicht den Engeln, sondern dem Einen, dem Sohn ist die zukünftige Welt untertan. Sie ist es schon, denn er ist ja schon erhöht, Ihm hat Gott ja schon alles unter die Füße getan. Ähnlich und doch noch einmal anders klingt es im Evangelium: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin…“(Matthäus 28,18-19) Auch hier wieder: Der Blick auf die himmlische Wirklichkeit wird zur Wegweisung in die irdischen Verhältnisse und Aufgaben.

Ganz leicht ist das Psalmzitat verändert. Im Psalm 8 heißt es: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ Da steht im Hebräischen ælohim. Aus Gott sind im Hebräerbrief Engel geworden. Wie das geht? „Zur Frage nach der Bedeutuung des Wortes ælohim, das entweder “Gott“ oder „elohimartig“ (=engelartig) heißen kann. Man kann ælohim als Gott mit Einschluss der Engel denken.“(D. Schneider, Das Buch der Psalmen, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1995, S. 81)   

              Darauf läuft das Psalm-Zitat hinaus: Es richtet den Blick auf Jesus. Ursprünglich eine Staunen über das Wunder, das jeder Mensch ist, wird es hier umgemünzt – auf das Staunen über den Weg, den der Menschen Sohn geht. Die Anspielung auf die Selbstbezeichnung Jesu (Markus 2,10 usw.) ist deutlich. Die Formulierung, die wieder den ursprünglichen Psalm-Text leicht verändert und die Komponente der Zeit ins Spiel bringt, der »eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel«, beschreibt den Weg Jesu in der Menschwerdung – ganz nach unten führt sein Weg. Er ist, niedriger als die Engel, Mensch unter Menschen. „Er hat sich der Unberechenbarkeit und Verwundbarkeit des Menschseins in der Welt der Mächte unterworfen.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 23)

Es ist wie eine Klarstellung: Was vor Augen ist, ist nur der Weg nach unten. Leiden. Kreuz. Schmach. Tod. Dass es dabei nicht geblieben ist, dass ausgerechnet der Hingerichtete, der Fertiggemachte der ist, dem alles untertan ist, das ist den Augen heute noch verborgen. Das sehen auch wir – die Christen – noch nicht. Von diesem Noch-nicht-Sehen sagt Bonhoeffer zu Recht: „Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt.  Wenn es wenigstens etwas zu sehen gäbe. Aber dieses wahnwitzige dauernde Zurückgeworfensein auf den unsichtbaren Gott selbst, das kann doch kein Mensch aushalten.“ (D. Bonhoeffer 1931, Ges. Schr. Bd. I, S. 61. Werke Bd. 11, S. 33) So ist Glauben immer  angefochten, bedroht. Auf Spurensuche.

9 Den aber, der »eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel«, Jesus, sehen wir durch das Leiden des Todes »gekrönt mit Preis und Ehre«; denn durch Gottes Gnade sollte er für alle den Tod schmecken.

Doch durch das Leiden des Todes hindurch wird Jesus erhöht. Es ist eine kühne Formulierung. Er wird durch das Kreuz gekrönt mit Preis und Ehre. Wieder muss man genau hinschauen Weder Leid des Todes noch Kreuz sind Mittel der Erhöhung – sie sind Weg-Etappen. Der Hebräer-Brief sieht im Gekreuzigten nicht den großen Verlierer, sondern den Sieger.  Das sehen wir nicht wie von selbst. Um so auf Jesus und seinen Weg sehen zu können, braucht es ein anderes Sehen.

Und: Jesus geht diesen Weg für uns. Durch Gottes Gnade sollte er für alle den Tod schmecken.  Es ist eine Wendung, die irritieren kann. Aber: Gnade Gottes, χάριτι θεου̃, bezieht sich nicht auf den Tod. Der ist ja schrecklich genug. Daran lässt keine Schrift des Neuen Testamentes Zweifel. Gnade bezieht sich darauf, dass dieser Tod nicht für sich steht, nicht für sich erlitten wird. Sondern er hat eine lösende, eine erlösende Funktion: Weil Jesus ihn schmeckt, müssen wir ihn nicht schmecken. Weil er die Bitterkeit der Gottesferne auf sich nimmt, bleibt uns die Gottesferne erspart, für immer und ewig.

„Indem der Hebräerbrief das für seine Leser Widerspruchsvolle am Geschick Jesu als Werk der Gnade Gottes aufweist, setzt er auf seine Weise die paulinische Erkenntnis in Kraft, dass das Törichte an Gott weiser ist als die Menschen und das Schwache an Gott stärker als die Menschen (1.Korinther 1,25).“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 124)

10 Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden vollendete.

So ist Gott. Er ist sich selbst treu. Er führt nicht schnurstracks in den Himmel. Er führt durch die Erfahrungen der Erde. Durch die Tiefen. Durch den Schmerz. So geht der Weg Jesu, hinab, bis in die tiefste Gottesferne des Kreuzes. Diesen Weg sich führen zu lassen, so gehört es sich auch für ihn, Jesus. πρέπω -„glänzen, hervorleuchten, passen, sich gebühren es schickt sich, es ist angemessen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 627)  Die Art, wie Gott ist und handelt, wird in diesem Weg Jesu zum Leuchten gebracht, auch wenn es die Wirklichkeit ist, die wir noch nicht sehen. Sie ist aber schon in Kraft gesetzt, weil Jesus schon in die Himmel erhöht ist.

Diesen Spagat mutet uns dieser Verfasser  zu – zwischen der Unsichtbarkeit in der Weltwirklichkeit und der unsichtbaren Wirklichkeit, die im Himmel schon in Kraft gesetzt ist, weil er „zur Rechten Gottes sitzt.“(Apostolisches Glaubensbekenntnis, EG 804) Von dieser Wirklichkeit her schreibt der Autor seinen Brief: Zum Glauben an diese noch verborgene Wirklichkeit ruft er. Der Himmel wird ganz recht behalten.

 Ob ich das jemals verstehe? So verstehe, dass ich mir diese Art Führung gefallen lasse, auch für mein eigenes Leben? Die Neigung in unserem Menschenwesen ist ja eine andere. Nach oben streben wir, ins Glück, zur Freude. Dorthin, wo uns die Schmerzen erspart werden. Auf den Weg Jesu zu sehen ist das eine. Den eigenen Lebensweg darin gedeutet zu sehen, ist das andere. Richtig hart wird es dann noch einmal, wenn es darum geht, einverstanden zu werden mit diesem Weg. Damit, dass einem Wege und die Bestimmung über sie entgleiten. Dass es zu lernen gilt, sich Gott zu lassen. Ganz. Dass es gilt, das Schweigen auszuhalten – das Schweigen Gottes und auch das Schweigen von Menschen.

Es muss nicht nach deinem Verstand gehen, sondern über deinen Verstand. Senke dich in den Unverstand, so gebe ich dir meinen Verstand. Unverstand ist der rechte Verstand. Nicht wissen, wohin du gehst, das ist recht wissen, wohin du gehst. Es ist der Weg des Kreuzes, den kannst du nicht finden, sondern ich muss dich führen wie einen Blinden.“( M. Luther, Schriften, 18. Bd. S. 489, zit. nach Luther-Brevier, Weimar 2007, S. 139)  So ist im Wort Luthers der Blick auf den Weg Jesu mit dem Deuten der eigenen Wege verknüpft. Das ist die existentielle Lernaufgabe, vor der wir stehen.

Dieses Lernen in der Tiefe verlangt uns unendlich viel Kraft ab. Darin kommt Gott mit uns ans Ziel, wird unser Leben vollendet. τελεισαι. Das gleiche Wort, das der sterbende Jesus am Kreuz ruft: Τετλεστα. „Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30)Geschafft.

 

Heiliger Gott, Du suchst uns. Du rufst uns. Du nimmst es auf Dich, uns zu gewinnen in der Hingabe, die das Leiden nicht scheut.

Du mischst Dich ein, mischst Dich unter uns Menschen, verlässt Deinen Himmel, gehst bis in die tiefste Tiefe, damit wir nach Hause kommen können, uns der Weg wieder geöffnet wird.

Weite uns den Horizont. Lass uns die Wirklichkeit sehen, die Du schon in Kraft gesetzt hast, damit wir aus ihr Kraft gewinnen und beständig werden im Glauben. Amen