Größer als alle Engel

Hebräer 1, 5 – 14

5 Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Und wiederum (2.Samuel 7,14): »Ich werde sein Vater sein und er wird mein Sohn sein«? 6 Und wenn er den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt, spricht er (Psalm 97,7): »Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.«

             Die Meditation über die Engel folgt, weil sie den Satz nachdenkt, der vor ihr steht: Der Sohn ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. Das ist – im Bild gesprochen –  ein Blick in den Thronsaal Gottes, Der Sohn sitzt auf dem Stuhl zur Rechten des Vaters. Und die Engel sind um ihn, anbetend und dienend. Es geht in allem, was hier gesagt wird weniger um einen Vergleich – Jesus – Engel, obwohl es dauernd so wirkt. Es geht vielmehr um die Inthronisation Jesu. „Die Inthronisation des Sohnes als Tat Gottes wird als Beweis dafür angeführt, dass dieser Sohn jetzt Herrscher der Welt ist.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 13)

7 Von den Engeln spricht er zwar (Psalm 104,4): »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen«, 8 aber von dem Sohn (Psalm 45,7-8): »Gott, dein Thron währt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter der Gerechtigkeit ist das Zepter deines Reiches. 9 Du hast geliebt die Gerechtigkeit und gehasst die Ungerechtigkeit; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl wie keinen deinesgleichen.« 10 Und (Psalm 102,26-28): »Du, Herr, hast am Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. 11 Sie werden vergehen, du aber bleibst. Sie werden alle veralten wie ein Gewand; 12 und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen, wie ein Gewand werden sie gewechselt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht aufhören.« 13 Zu welchem Engel aber hat er jemals gesagt (Psalm 110,1): »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache«? 14 Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?

Alle angeführten  Zitate haben dieses Eine im Blick: Sie stellen die Engel vor seinen, Jesu Thron. Sie zeigen sie als Diener, nicht als eigenständige Mächte. „Vorrangiges Ziel des Vergleichs Christi mit den Engeln ist es, die Würde des zu Gott Erhöhten in seiner Unanfechtbarkeit und Unvergleichlichkeit darzustellen.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XII/I Neukirchen 1990; S. 71)

Der Hintergrund ist die Auseinandersetzung mit Vorstellungen der Zeit, die den Engeln hohe Aufmerksamkeit zuwenden. „Als Mittelwesen zwischen irdischer und himmlischer Region kam ihnen in der dualistischen Weltbetrachtung des damaligen hellenistischen und palästinensischen Judentums große Bedeutung zu.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 91)  Der Kolosserbrief kennt die Gefahr einer kultischen Verehrung der Engel. „Lasst euch den Siegespreis von niemandem nehmen, der sich gefällt in Demut und Verehrung der Engel und sich dessen rühmt, was er geschaut hat.“(Kolosser 2,18) Davon steht hier nichts.  Vielmehr geht es um die Herrschaft Jesu innerhalb einer Weltanschauung, nach der die Schöpfung auch von unsichtbaren Mächten bevölkert ist.“ (W.R.G. Loader, aaO. S. 15) Für die Leser*innen und Gläubigen, die den Hebräerbrief lesen, ist der Himmel nicht so leer, entvölkert, wie wir Heutigen es zu denken scheinen.

Der Verfasser hält in seinen Zitaten fest: Den Engeln wird nichts von ihrer Bedeutung genommen.  Sie sind nicht harmlos, keine schönen Putten. Sie sind starke Boten Gottes, die für seine Heiligkeit einstehen und seine Befehle ausrichten. Wenn sie Menschen begegnen, so erschrecken diese und brauchen das lösende Wort: „Fürchtet euch nicht!“

Aber vor dem Sohn sind sie nichts als Anbetende, nichts als Diener, nichts als Zeugen seiner Herrlichkeit. Wenn man durch-zählt: Es sind sieben Zitate. Das ist kein Zufall. Die Zahl sieben sagt: Mehr ist nicht zu sagen über das Verhältnis Engel-Sohn. Sie sind zu seiner Ehre da. Und, welche kühne Weiterführung: Die Engel, diese mächtigen Boten Gottes, sind für die da, die das Heil ererben sollen. Das ist die Doppelbestimmung der Engel: Diener des Sohnes und Diener der Menschen, die Gott als seine Kinder will.

Engel sind Diener, auch als Schutzengel. „Das Schützen der Engel besteht darin, dass sie die ihnen anbefohlenen durch ihr Zeugnis von Gott in der Gemeinschaft mit ihm bewahren und eben damit wahrhaft bewahren, wahrhaft sicherstellen. Sie sind im Leben eines jeden Menschen die Sachwalter des Reiches Gottes und eben damit die besten Bürgen für dieses Menschen eigene Sache.“ (K. Barth, Kirchliche Dogmatik III/3, Zürich 1961; S. 608)

Engel sind heute – wieder? – ein großes Thema, nicht nur in den Kirchen. Manchmal denke ich, sogar eher bei denen, die mit dem Glauben nicht so vertraur sind. Sie erlauben eine Vertraulichkeit, die man sich Gott gegenüber nicht herausauszunehmen wagt. Sie sind eine Erinnerung an Gott, ohne dass sie seine gewaltige Majestät gleich mit transportieren würden. Mit Engeln kommen unsere Zeitgenossen eher zurecht. Weil man nicht an sie glauben muss. Weil sie hoffentlich nur da sind, wenn man sie braucht .

 

Jesus Christus, wie könnte ich Dich jemals genug anbeten. Ich will einstimmen in das Lob der Engel, in das Lob der Väter und Mütter, in das Lob der Apostel, in das Lob derer, die um Deinetwillen gelitten haben. Ich will einstimmen in das Lob, das Dir die Schöpfung singt, der Tag mit der Nacht, das Dunkel mit dem Licht, die stumme Natur und alles Rufen der Kreaturen.

Von Dir kommt unser Leben und zu Dir geht es. Wie groß bist Du. Amen