Aufsehen auf Jesus

Hebräer 12, 1 – 11

 1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

Wieder Darum. Τοιγαροῦν. Aus alledem folgt… Die Argumentation des bisherigen Textes wird weitergeführt. Es kommt nicht etwas Neues, ein anderes Thema, sondern es werden Folgerungen aus dem bisher Gesagten  gezogen. „Wir stehen wieder vor der eigentlichen Mahnrede.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 287)

Vorgeführt hat uns das Schreiben zuvor aus der hebräischen Bibel die Wolke von Zeugen. Die vor uns gelebt haben, sind für den Schreiber nicht einfach weg. Sie sind als Wolke um uns. Nicht lauter Einzelne, sondern dichtgedrängt, viele. Myriaden. „Wolke“ ist weiter der Hinweis auf die himmlische Wirklichkeit. Jesus wird von einer Wolke vor den Augen der Jünger weggenommen (Apostelgeschichte 1,9). In ihr ist er in die Wirklichkeit Gottes eingegangen. Die  nicht weit weg ist, sondern nahe, um uns. Alle, die vor uns geglaubt haben, sind präsent in der Gegenwart Gottes.

Ich mag diesen Ausdruck von der Wolke der Zeugen. Er hilft mir, in einer leeren Kirche, in der sich ein paar Einzelne verlieren, zu glauben, dass wir nicht unter uns sind, nicht die letzten Übriggebliebenen einer früher einmal  großen Geschichte. Auch deshalb sind manche Kirchen so groß, himmelwärts gerichtet, damit die Wolke der Zeugen in ihnen Platz hat. Das klingt, zugegeben, schräg. Mir macht es Mut.

Diesen Mut braucht es ja auch, um Ballast abzuwerfen. Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert. Das Bild vom Start zu einem Marathon-Lauf erscheint vor meinem inneren Auge. „Was hindert und beschwert, wird von den Läufern abgelegt. Der Begriff des „Ballastes“ ist etwas zu hart gewählt, zeigt aber an, dass die Leser den Sachverhalt einer niederdrückenden Bürde ernstnehmen müssen, wollen sie ans Ziel kommen.“ ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 230)  „Aufsehen auf Jesus“ weiterlesen

Nicht nur strahlende Sieger

Hebräer 11, 32 – 40

 32 Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten. 33 Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, 34 des Feuers Kraft ausgelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen.

τ τι λγω; Was soll ich noch mehr sagen? „Die Beschränkung erwächst aus der Kürze der Zeit.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 278)Das könnte ein Hinweis auf einen mündlichen Vortrag dieser Passagen sein. Nicht, weil es an Beispielen fehlen würde. Es ist eine bunte Schar, die uns der Schreiber hier vor Augen stellt – jeder Einzelne und jede Einzelne für sich genommen ein Zeuge des Glaubens. Vielfältig – manche Kämpfer, manche Sieger in blutigen Schlachten, manche Opfer. Starke und Schwache. Es sind nicht alles Heldengeschichten, die sich mit diesen Namen verbinden.

35 Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. 36 Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. 37 Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet. 38 Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Erdlöchern.

Es sind auch nicht alles Bewahrungsgeschichten, die sich mit ihnen verbinden. Und nicht alle haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. So wie die Witwe von Sarepta. (1. Könige 17,17 -22) Es geht nicht immer gut aus in der Zeit mit den Leuten Gottes. „Dass die Blutzeugen als selbstständige und letzte Gruppe innerhalb der Aufzählung auftreten, ist nicht zufällig“ (O. Michel, aaO. S. 280) Sie stehen in einer letzten Konsequenz für Gottes Wahrheit ein – durch die Art ihres Lebens bis in die Kleidung hinein und durch das Beharren in der Treue, bis zum Äußersten, bis zum Tod. „Darum spricht er der Welt, die diese Boten abschütteln will, das Urteil: Sie ist ihrer nicht wert.“ (O. Michel, aaO. S. 283)

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Nicht kopieren – den eigenen Weg suchen

Hebräer 11, 23 – 31

23 Durch den Glauben wurde „Mose,“ als er geboren war, drei Monate verborgen von seinen Eltern, weil sie sahen, dass er ein schönes Kind war; und sie fürchteten sich nicht vor des Königs Gebot. 24 Durch den Glauben wollte Mose, als er groß geworden war, nicht mehr als Sohn der Tochter des Pharao gelten, 25 sondern wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden als eine Zeit lang den Genuss der Sünde haben, 26 und hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er sah auf die Belohnung.

              „Mit dem Beispiel des Mose beginnt die Entfaltung dessen, was sich im Glauben als Widerspruch gegen die sogenannte Wirklichkeit äußert.“(W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 95) Mose und der Glaube – das ist eine Geschichte, die vor den Entscheidungen des Mose beginnt. Vielleicht muss man das lernen, in einer Zeit, die so sehr auf das setzt, was wir selbst zustande bringen. Unser Glauben hat immer eine Vorgeschichte, in der wir nicht die Aktiven sind. Es sind die Eltern, die ihn verbergen – aus Glauben. Erst dann folgt sein Schritt, dass er sich verweigert, nicht Karriere macht am Hof des Pharao, sondern sich zu seinem Volk stellt.

Er wählt die Schmach Christi! So sieht es der Brief, der im Weg des Mose den Niedrigkeitsweg der Inkarnation des Gottessohnes schon mit sieht. Das ist schon eine christliche Mose-Deutung: Wie Mose stellt sich Christus, wie Christus stellt sich Mose zu seinen Brüdern. Es ist die Denkweise, die diesen Verfasser kennzeichnet: er sieht im Alten Testament eine typologische Vorabbildung des Heils in Christus.

Es ist ein wichtiger Hinweis: Dieser Weg des Mose ist nicht so gradlinig, wie wir uns das gerne vorstellen: „Mose wäre nie zum Befreier des Volkes geworden, wenn er nicht die Torheit begangen hätte, eines Tages jemanden zu erschlagen und Angst bekam, er würde dafür bestraft werden. Er hatte eine Torheit begangen und deshalb war es nicht bloß der Weg des Glaubens, in die Wüste zu gehen, sondern er wusste, es war nun auch besser, dass er in der Wüste verschwand.“ (O. Michel, Aufsehen auf Jesus, Metzingen 1969, S. 176) Und dann zieht der Autor Otto Michel daraus eine Konsequenz im Blick auf uns Christen heute: Das  gehört  mitten in unser Leben hinein, dass uns der lebendige Gott manchmal durch unsere Fehler und unsere Schwäche packt und sagt: So gehst du nun!“( O. Michel, aaO.) Es ist ja ein bisschen die Gefahr, dass wir solche Sätze über Mose als Heldengeschichten lesen und nicht sehen, wie Gott seine Schwächen mit in seinen Weg nimmt.  „Nicht kopieren – den eigenen Weg suchen“ weiterlesen

Im Aufbruch leben

Hebräer 11, 8 – 22

8 Durch den Glauben wurde „Abraham“ gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

Abraham ist das große Beispiel des Glaubens. Vater des Glaubens für Juden und Christen. Er ist im Vertrauen aus dem gewohnten Umfeld aufgebrochen. Er hat sich rufen lassen. Er hat es auf sich genommen, ein Fremdling zu sein im verheißenen Land. Er lebt, darauf kommt es hier an als einer, der wartet, weiß, dass er noch nicht am Ziel ist.   Wenn man aktuell zuspitzt: er lebt als einer, der nur eine Duldung hat, keine solide bestätigten Aufenthalts-Status. Aber er wartet dennoch nicht ins Leere hinein. Was der Text aus 1. Mose nicht sagt, das sieht der Schreiber des Hebräer-Briefes: Er wartet, weil er ein Fremdling bleibt, ein πάροικος,  über die Zeit hinaus auf die Stadt Gottes – ich ergänze aus meinem Wissen um das biblische Zeugnis: auf „das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel.“ (Offenbarung 21, 2)

Ich stimme zu: „Der Verfasser vertritt die Auffassung, dass das eigentliche Ziel Abrahams und Moses schon immer die himmlische Stadt war, nicht das irdische Land Kanaan.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 75)Gleichzeitig weiß ich: Jüdische Auslegung würd dagegen heftig protestieren. Ihr geht es immer um das reale Land in der Zeit jetzt.  „Im Aufbruch leben“ weiterlesen

Glauben – feste Zuversicht

Hebräer 11, 1 – 7

1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Das klingt wie eine zeitlose Definition des Glaubens. So wird es auch gerne gelesen und zitiert. In der ein wenig dümmlichen Kurzform: Glauben ist Nichtwissen. Aber das steht da nicht. Sondern was hier steht, ist die Summe der seitherigen Argumentation: Im Himmel ist schon Wirklichkeit, was wir noch nicht sehen, worauf wir aber hoffen: Jesus sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns. Das ist das Wissen des Glaubens. Darin macht er sich fest. Das schafft feste Zuversicht, lässt feststehen. So legt es auch das griechische Wort υ̉πόστασις, Gewähr, feste Position, nahe. Also alles andere als: Man weiß nicht so recht…. Anders gesagt: „Glauben umschließt sowohl die gewisse Hoffnung auf das für die Zukunft Verheißene als auch die feste Überzeugung von der Wirklichkeit der himmlischen Welt.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 74) Wer die Wirklichkeit reduziert auf die diesseitige Welterfahrung, der wird nur den Kopf schütteln können.

Die Konzentration auf den einen Ausdruck Glauben – πστις – darf nicht darüber hinweg täuschen: es geht um ein ganzes Bündel an Verhaltensweisen. „Die neben dem Glauben genannten Forderungen und Gaben Gottes wie Zuversicht, Geduld, Gehorsam, Hoffnung und Vertrauen stehen in Wirklichkeit nicht neben dem Glauben, sondern drücken sein Wesen und seine Eigenart nach verschiedenen Seiten aus.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 243) Es ist eine Schwäche heutigen Redens vom Glauben, dass es diese Bandbreite des Verhaltens oft vernachlässig und stattdessen so klingt wie die Zustimmung zu irgendwelchen unverständlichen Glaubens-Sätzen. Dogmen.

2 Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen.3 Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, sodass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.

     Das ist die Wirkung solchen Glaubens. Er macht offen für das Reden Gottes. Er öffnet den Blick, so dass die Wirklichkeit und Wirksamkeit Gottes in der Welt  gesehen wird.  Das ist der Vorgang, der hier zugrunde liegend gedacht wird: Von Schöpfung kann nur reden, wer den Schöpfer glaubt und sich ihm anvertraut. Im Glauben wird uns eine Sicht auf die Wirklichkeit geschenkt, die uns ohne den Glauben verschlossen bleibt. Dieser Glaube bringt Erkennen hervor. Er macht nicht blind, sondern hellsichtig, die Wirklichkeit durchsichtig auf ihren Grund hin: Die Welt ist durch das Wort Gottes geschaffen. „Und Gott sprach“ (1. Mose 1) sollen Leserinnen wohl hier mithören.

Es verdient, hervorgehoben zu  werden: „Die unmittelbare, ein intellektuelles Moment einschließende Verkoppelung von Glauben und Wissen ist sonst ohne Beispiel im Alten und Neuen Testament.“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/III; Neukirchen 1997; S. 106) So erweist sich auch hier bei aller Verwurzelung in der gemeinsamen Glaubenssicht die Originalität des Hebräer-Briefes. „Glauben – feste Zuversicht“ weiterlesen

Anfechtungen

Hebräer 10, 32 – 39

32 Gedenkt aber der früheren Tage, an denen ihr, nachdem ihr erleuchtet wart, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens, 33 indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid, zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. 34 Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt.

Nicht mehr „Lasst uns“ – sondern: Gedenkt aber der früheren Tage. Mit dieser Erinnerung sucht der Autor die Verständigung mit seinen Lesern. Die unausgesprochene Frage heißt: Wenn ihr den Glauben aufgebt, ist dann nicht alles vergeblich, was ihr auf euch genommen habt? Sie haben ja einen hohen Preis bezahlt: Schmähungen,  Bedrängnisse, zur Schau gestellt, Eigentumsverluste, bloßgestellt – es ist eine beeindruckende Liste von Nachteilen und gesellschaftlicher Missachtung, die hier zum Vorschein kommt. Die aber offensichtlich nicht nur ferne Vergangenheit sind, sondern die sich aktuell wieder abzeichnen. „In diesem Teil der Mahnrede werden konkrete Hinweise auf die Vergangenheit der Gemeinde gegeben, die nicht typisch gedeutet werden können.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 238)  

Zum Schauspiel sind Christen geworden. Dennoch: „In dem Wort liegt kaum eine Anspielung auf die Fackeln in den Gärten Neros.“ (O. Michel, aaO. S. 239) Da hat der römische Kaiser Christen verbrennen lassen, um vom eigenen Tun abzulenken. Es ist nicht sicher, ob der Brief-Schreiber etwas von diesen Fanalen wusste.

In einer Zeit, in der manche auf Distanz zur Kirche gehen, weil sie Steuern sparen wollen, liest sich das seltsam. So hoch kann der Preis des Christseins also sein. In anderen Gegenden der Welt wird man das auch heute noch direkt verstehen – in Ägypten, Syrien, Indonesien zum Beispiel. Eine Absage unter dem gegenwärtigen Druck macht den ganze früheren Weg zunichte.   „Anfechtungen“ weiterlesen

Bedingungslos geliebt

Hebräer 10, 26 – 31

 26 Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir hinfort kein andres Opfer mehr für die Sünden, 27 sondern nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird.

Der Brief kehrt zu dem Thema zurück, das seinen Schreiber immer neu bedrängt: Was ist mit denen, die sich vom Glauben abwenden? Was ist mit denen, die mutwillig – das heißt doch wohl: in vollem Bewusstsein und mit klarer Erkenntnis, dass ihre Abwendung von Gott die Liebe Gottes und seine Vergebung missachtet – sündigen? Ἑκουσίωςfreiwillig, aus eigenem Antrieb.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957. S. 257)Ohne Zwang von außen. Ohne Druck„Nur zu leicht kann Unentschlossenheit, die mit einer heimlichen Entfremdung verbunden ist, in entschlossene Absage umschlagen.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 200) Das ist eine reale Gefahr in Gemeinden, die ohnehin dem Druck von außen ausgesetzt sind.   

Es geht nicht um gestohlene Eier oder hinterzogene Steuern, nicht um die so genannte Notlüge oder den sexuellen Fehltritt, den einer/eine gerne einmal als Betriebsunfall deklarieren möchte. Es geht um die wissentliche und willentliche Abkehr von dem Gott, dem ich mein Leben verdanke und dem ich es auch einmal willentlich und „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all meiner Kraft“ (5. Mose 6,5) anvertraut habe. Und jetzt sage ich: „Das kannst Du in die Tonne kloppen.“ „Bedingungslos geliebt“ weiterlesen

Nicht allein

Hebräer 10, 19 – 31

19 Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, 20 den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, 21 und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.

Der Weg ist frei. Geht ihn nun auch. „So besteht nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat.“ (Galater 5,1 nach Luther 1912) Es ist der gleiche Gedanke. Jesus hat alles getan, uns den Weg zu ebnen. Christus selbst ist als πρόδρομος diesen Weggegangen und hat ihn dadurch eingeweiht.“(O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 229) Wir haben einen freien Zugang zu Gott. Es ist an uns, ihn zu nützen und ihn nicht zu versäumen. Für Freiheit steht hier bemerkenswerter Weise παρρησα  und nicht wie im Galaterbrief λευθερα. Weil es um eine Freiheit geht, die in der inneren Gewissheit liegt, die Freimütigkeit erzeugt. Die nicht in der formalen Freiheit ihr Ziel hat. Sie will ergriffen sein. Darum: So lasst uns hinzutreten. Es ist die Angst, die diese Freiheit verspielt, sie nicht als Geschenk nimmt, sie nicht im eigenen Handeln bewährt, sich nicht auf diesen Weg traut.

Ein skrupelhaftes Gewissen, das nichts falsch machen möchte, hört in den Worten Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben  Perfektionismus-Forderungen. Wahrhaftig. Vollkommen. Sind wir nicht immer meilenweit davon entfernt?Nichts liegt dem Hebräer-Brief ferner, als moralischen oder geistlichen Perfektionismus einzufordern. Nur so viel ist gemeint: „Wer zu Gott tritt, soll es ungeteilten, ganzen Herzens tun.“(O. Michel, aaO. S. 230)  

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Es ist genug

Hebräer 10, 1 – 18

1 Denn das Gesetz hat nur einen Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht das Wesen der Güter selbst. Deshalb kann es die, die opfern, nicht für immer vollkommen machen, da man alle Jahre die gleichen Opfer bringen muss. 2 Hätte nicht sonst das Opfern aufgehört, wenn die, die den Gottesdienst ausrichten, ein für alle Mal rein geworden wären und sich kein Gewissen mehr gemacht hätten über ihre Sünden? 3 Vielmehr geschieht dadurch alle Jahre nur eine Erinnerung an die Sünden. 4 Denn es ist unmöglich, durch das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegzunehmen.

Ist das Psychologie? Die Ahnung, dass es durch dingliche Opfer nicht zur Gewissensberuhigung kommen wird? Die Ahnung, dass es zur Wiederherstellung einer zerstörten Beziehung mehr und Anderes braucht als ein bisschen Stierblut? Es ist ja wahr: Das immer wieder wiederholte Opfer lässt Skepsis wachwerden: Wird es denn nie reichen? Irgendwann muss es doch gut sein, muss die Vergangenheit doch schweigen. Schluss-Strich. Es klingt modern: Die stetig wiederholten Opfer halten nur die Wunden offen und die Erinnerung an die Verfehlungen, um nicht gleich von Sünde zu reden, wach. Aber sie schaffen sie nicht aus der Welt.

Aber dem Hebräer-Brief liegt nicht an moderner Theorie. Ihm liegt daran, aufzuzeigen, weshalb es trotz der ganzen „Opfermaschinerie“ nie zur Beruhigung der Gewissen gekommen ist. Die Opfer von Stieren und Böcken sind nicht dazu geeignet, die Sünden wegzunehmen. Ich sage es gerne anders: Die Blockaden zu durchbrechen, die durch die Sünden entstehen. Denn das ist das Wesen der Sünde: sie entfremdet uns Gott. Sie lässt uns Gott nur noch als den sehen, der uns zur Rede stellen wird, strafen wird – und das zu Recht. Weil das, was wir getan haben, gegen uns spricht.   „Es ist genug“ weiterlesen

Für Zeit und Ewigkeit

Hebräer 9, 16 – 28

16 Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat. 17 Denn ein Testament tritt erst in Kraft mit dem Tode; es ist noch nicht in Kraft, solange der noch lebt, der es gemacht hat. 18 Daher wurde auch der erste Bund nicht ohne Blut gestiftet.

Das Bild mag wechseln. Aber der Schreiber bleibt an seinem Thema. Er hat ja kein anderes Thema als die unverbrüchliche Gültigkeit der Erlösung, die Jesus gebracht hat. Nichts kann sie mehr aufheben. Nichts reicht an sie heran. Alle anderen Heilsversprechen sind ihr gegenüber unzureichend. Alle früheren Wege sind durch sie überholt.

Das neue Bild heißt: Testament. Ein Testament tritt erst durch den Tod der Erblassers in Kraft. Wo kein Tod ist, gibt es kein Erbe. Das ist im Denken der biblischen Autoren nicht vorgesehen, dass das Erbe vor dem Tod ausgeteilt wird. Darum ist es ja so eine unbegreifliche Unverschämtheit, von der Jesus erzählt: „Ein Mensch hatte zwei Söhne Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.“ (Lukas 15,11-12)  Erst der Tod macht das Testament gültig – das meint auch die Aussage: Daher wurde auch der erste Bund nicht ohne Blut gestiftet. Es ist wohl so: „Der Verfasser spielt mit dem Wort „diatheke“, διαθκη, das sowohl Bund als auch Testament heißen kann.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 55) Es kommt ihm auf das Eine an: Dieser Bund ist verlässlich. „Für Zeit und Ewigkeit“ weiterlesen