Wertschätzung für alle

Epheser 6, 5 – 9

5 Ihr Sklaven, seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens als dem Herrn Christus; 6 nicht mit Dienst allein vor Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern als Sklaven Christi, die den Willen Gottes tun von Herzen.

            Nach Männern, Frauen und Kindern wendet sich der Blick zu den Sklaven. Ihr Sklaven. Die Anrede signalisiert Mehrzahl. Erstaunlich genug, dass es sie in der Gemeinde überhaupt gibt, dass sie wahrgenommen werden. Sklaven „gelten im römischen Recht nicht als Rechtspersonen, sondern als Sachen, über die ihr Herr verfügen kann.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 269) Auf diesem Hintergrund ist es ein bemerkenswerter Schritt, besonders für die Umwelt, dass sie, wertschätzend als Subjekte eigenen Handelns, als eigene Gruppe in der Gemeinde gesehen und angesprochen werden.

Über diese erstaunliche Tatsache der Wahrnehmung der Sklaven hinaus ist inhaltlich auf den ersten Blick nichts Revolutionäres zu sehen.  Kein Wort von gleichberechtigter Stellung. Kein Wort: sucht die Freiheit. Sondern auch hier eine Ermahnung zum Gehorsam. Wieder mit dem Wort, πακοετε, das unbedingten Gehorsam einfordert. Und dann auch noch gesteigert mit Furcht und Zittern, gemeint ist wohl: Voller Ehrfurcht. In Einfalt eures Herzens Die gleiche Wendung kommt in einem sehr inhaltsreichen Satz des Paulus vor: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ (Philipper 2,12-13) Fast scheint es, als stehe der Gehorsam gegen die irdischen Herren – Sklavenhalter in unseren Augen – irgendwie gleichwertig, zumindest ähnlich, neben dem Gehorsam gegen Gott.

Es ist einer Einweisung in das Leben als Sklave. In diesem Stand kann man gleichwohl Gott dienen. Das erinnert an Luthers Satz: «Auch Kühe melken ist Gottesdienst. Du darfst im Namen Jesu den Stall versorgen und zur Ehre Gottes deine Kühe melken!». So nimmt der Schreiber die Sklaven in ihren Aufgaben und ihrer Unfreiheit ganz ernst. Im Tun des Willens ihrer Herren sind sie zugleich Sklaven Christi. δου̃λοι χριστου̃. So bezeichnet Paulus auch sich selbst (Römer 1,1).

7 Tut euren Dienst mit gutem Willen als dem Herrn und nicht den Menschen; 8 denn ihr wisst: Was ein jeder Gutes tut, das wird er vom Herrn empfangen, er sei Sklave oder Freier.

            Es ist eine andere Motivation, die hier benannt wird: Nicht die Furcht soll zum Tun leiten, sondern das Wissen darum, dass der Herr das Gute vergilt, das jemand tut. „Es bleibt nichts vergessen. Es kommt alles noch einmal zur Sprache.“ (H. Gollwitzer, Krummes Holz – aufrechter Gang, München 1970, S. 382) So dürfen die Sklaven ihr Handeln sehen, das oft genug wohl keines Blickes gewürdigt wurde und ihnen auch keinen Dank durch ihre Herren eingebracht hat. „Hast du heute schon deinen Sklaven gelobt?“ war kein Slogan der damaligen Zeit.

Ob hinter den Worten Tut euren Dienst mit gutem Willen auch das Wissen steht, dass das, was man unter innerer Zustimmung, mit gutem Willen tut, weniger lastet als das, was nur dem unausweichlichen Befehl folgt? Was ich freiwillig tue, erfüllt mich. Was ich gezwungen tue, strengt an. Worauf Paulus hinaus will, ist die Stärkung der inneren Freiheit auch unter der Situation äußerliche Unfreiheit. Es ist ja wirkliche Unfreiheit, wenn einer Sklave ist und nicht zu vergleichen mit der Abhängigkeit eines Arbeitnehmers, der zumindest theoretisch seinen Arbeitsplatz wechseln kann, wenn der Arbeitgeber „ein wunderlicher Herr“( 1. Petrus 2,18) ist.  Die Leute, an die er sich wendet, sind nicht unabhängig, sie sind abhängig vom Wohlwollen ihrer Herren.

9 Und ihr Herren, tut ihnen gegenüber das Gleiche und lasst das Drohen; denn ihr wisst, dass euer und ihr Herr im Himmel ist, und bei ihm gilt kein Ansehen der Person.

Ist das von Bedeutung: Erst nach den Sklaven werden die Herren angesprochen. Was steckt  hinter der Forderung:  tut ihnen gegenüber das Gleiche. Das kann sich, so sehe ich das, nur auf den Umgang von Herzen beziehen. Sie sollen die Sklaven eben nicht mehr als Sache behandeln, sondern als Personen. Als Leute, die mit ihnen gemeinsam einen Herren im Himmel haben, an diesen Herren glauben und von ihm alles erhoffen, in Zeit und Ewigkeit. Das ist eine Forderung, die das Verhalten der Zeit damals bei weitem übersteigt.

Diese Worte sind gewiss kein Revolutionsprogramm. Sie haben auch nicht das Ziel, das Institut der Sklaverei aufzulösen. Aber sie sind dazu geeinigt, eine fest verankerte Gesellschafts-Ordnung von innen her zu unterhöhlen. „Das Urchristentum kennt keine „Sklavenfrage“, sondern die Aufhebung der Unterschiede in der Kirche.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 121) Wir heute tun gut daran, nicht gar zu eilig einzufordern, dass die Urchristenheit doch viel konsequenter hätte sein müssen mit den sozialethischen Konsequenzen aus der Botschaft und dem Leben Jesu. „Die Weisung, die sozialen Spannungen durch das persönliche Verhalten im Geiste Jesu Christi zu überwinden, behält auch noch in einer Gesellschaft  ihre Bedeutung, die äußerlich die Standes- und Klassengegensätze abgebaut hat.“ (R. Schnackenburg, aaO. S. 272)

         Man darf dieses Thema deshalb  auch nicht einfach an die Gesellschaft delegieren, an Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Interessenverbände. Es geht vielmehr um mein Verhalten, in Situationen, wo ich „Herr“ und wo ich „Diener“ bin. In denen andere von mir abhängig sind. Wo es an mir ist, Gehorsam einzufordern und Spielräume zuzugestehen, wo ich einem anderen bereitwillig gestatte, meine Weisungen aus seiner  – besseren oder anderen – Einsicht heraus auch zu hinterfragen. Herrschaftsfragen, Machtfragen werden nicht nur ganz oben traktiert. sie gehören zum Gemeingut der Gesellschaft auf allen Ebenen.

 

Herr Gott, Du bist in Jesus der Diener aller geworden. Du hast Deine Herrlichkeit preisgegeben, Dein Herr-sein gering geachtet, damit wir den Weg zu Dir finden.

Gib Du uns, dass wir an unserem Ort dienen, unsere Macht nicht missbrauchen, keinen spüren lassen, dass wir ihn gering achten.

Gib uns die Wertschätzung für jedermann und jede Frau, dass wir in ihnen Menschen sehen mit Würde, angesehen von Dir, geliebt bis zum Äußersten. Amen