Weg für die Generationen-Versöhnung

Epheser 6, 1 – 4

1 Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. 2 »Ehre Vater und Mutter«, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: 3 »auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden« (5.Mose 5,16).

             Nach dem langen Abschnitt mit seinen Weisungen für Mann und Frau wird es jetzt erheblich knapper. Der Auftakt ist die Anweisung an die Kinder zum Gehorsam gegen die Eltern. Das ist recht – hört sich an wie: Das ist so Usus, Gewohnheit. „Gehorsam kann erzwungen werden, Er ist das rechtmäßig zu Verlangende.“(G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 78) Dass die Kinder, τά τέκνα   ist eine Neutrums-Form, weil Kinder in der Antike oft halbwegs als Sache gesehen werden – überhaupt direkt angesprochen werden, ihr Kinder, ist ungewöhnlich genug.

Es ist in den antiken Gesellschaften wohl tatsächlich so, dass die Gehorsamspflicht gegenüber den Eltern selbstverständliche Sicht der ganzen Gesellschaft war. „Gehorche deinem Vater, der dich gezeugt hat, und verachte deine Mutter nicht, wenn sie alt wird.“(Sprüche 23,22)mag für eine Fülle an Worten stehen, die den Gehorsam gegen die Eltern einfordern. Es ist damals ein Ziel der Erziehung, dass Kinder solchen Gehorsam lernen. einen Gehorsam, der nicht fragt, nichts begründet wissen will, sondern der einfach gehorcht. „Das Wort, welches hier beiden Kindern im Griechischen für „gehorchen“ steht, πακοειν, steht auch bei dem Sklavengehorsam.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 219) Da ist kein Spielraum für verhandeln – gehorchen ohne Wenn und Aber.  

Aber es ist dennoch nicht einfach nur das gesagt, was alle sagen. Die Weisung wird begründet: in dem Herrn. Es geht um ein Verhalten, das Christus-gemäß ist, das sich aus dem Verhalten Christi ableitet. Es mag weit her geholt erscheinen: So wie Christus dem Vater im Himmel gehorcht, wie er Gehorsam lernt, so sollen auch die Kinder in der Gemeinde Gehorsam lernen.

Neben diese Begründung tritt der Hinweis auf das Gebot. Und auf die Verheißung, die mit dem Gebot verbunden ist – einmalig in der Schrift. Es ist ein Schritt zum „gelingenden Leben“, wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gut ist, gelingt, heil ist. Und es ist ja auch sicher mit im Blick, dass dies die Erwartung ist, wenn Elia wiederkommt:  „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern.“(Maleachi 3, 23-24) Wenn man das mit in Betracht zieht, sind die Worte eine Anleitung zur Vorwegnahme dieser Heilszeit.

4 Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn.

Es folgt dann der Anredewechsel – an die Väter. Warum die Mütter nicht angesprochen werden, ist nicht ganz klar. Es könnte damit zusammenhängen, dass den Vätern besonders „das Züchtigungsrecht zufällt: das Kind zu schelten, streng zurechtzuweisen und, falls es verwarnenden Worten nicht folgt, zu schlagen.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 268) Hier wird der väterlichen Gewalt aber eine Grenze gesetzt. Reizt eure Kinder nicht zum Zorn. Es gibt eine Härte, die nur verhärtet, eine Ermahnen, das nur abstumpft, einen Zorn, der nur Widerstand gebiert.

    In der vergleichbaren „Haustafel“ des Kolosserbriefes heißt es: „Ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht scheu werden.“(Kolosser 3,21) Es geht beidemale nicht um Unterwerfung, erst recht nicht um Kadaver-Gehorsam. Es geht um ein bedachtes, hoffentlich behutsames Einüben in ein Leben, das Christus entspricht. „Die Herrschaft Christi gibt allem notwendigen Mahnen und Zurechtweisen den Geist der Liebe.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 268)

         „Stur gelehrter und hart erzwungener Gehorsam hat auch krumme Folgen.“ (G. Zweynert, aaO. S. 79) Es hat viel missverstandene christliche Erziehung gegeben, die die erbarmungslose Strenge als von Gott geboten gesehen hat, die glaubte, den Willen von Kindern brechen zu müssen, auch schlagend und prügelnd, und die dabei übersehen hat, dass der gebrochene Willen auch gebrochen wird in seiner Fähigkeit zum Vertrauen. „Torheit steckt dem Knaben im Herzen; aber die Rute der Zucht treibt sie ihm aus.“(Sprüche 22,15)  Solche Sprüche sind als Rechtfertigung einer hilflosen, prügelnden Strenge nur zu oft missbraucht worden. Das anzuschauen tut heute weh.

 

Heiliger Gott, Dir sei Dank für das Geschenk unserer Kinder, für alle Bewahrung auf ihrem Weg ins Leben, für alle Phantasie und Lebensfreude, alles Zutrauen und Unternehmungslust, die sie gewonnen haben. Dir sei Dank dafür, dass aus ihnen etwas wird, trotz und mit den Fehlern, die Eltern auch machen.

Gib Du das Vertrauen, dass sie ihren Weg finden, dass Du mit ihnen Deinen Weg gehen wirst. Gib Du den Mut, sie Fehler machen zu lassen. Gib Du ihnen auch das große Herz, dass sie den Eltern nachsehen können, was sie an ihnen versäumt oder übertrieben haben.

Versöhne Eltern mit ihren Kindern, Kinder mit ihren Eltern. Amen