Leben ist immer konkret

Epheser 5, 15 – 20

15 So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, 16 und kauft die Zeit aus; denn die Tage sind böse. 17 Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.

            Achtsam heißt das heutzutage, was hier mit sorgfältig sehen gesagt ist. Achtsam mit sich selbst umgehen. Achtsam auch mit dem, was einem anvertraut ist. An Gütern, Aufgaben, Menschen. „Damit ist jene Haltung gemeint, die stets vor der Tat überlegt, ob dies oder jenes, was ich jetzt zu tun gedenke, vor Gott recht ist oder nicht.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 193) Dahinter steht: Das Leben wird coram Deo, vor Gott gelebt. Jedes Leben, ob ich nun an Gott glaube oder nicht.

            Leben mit Christus entlässt nicht aus der eigenen Verantwortung, sondern stellt in sie hinein. Darum geht es, nicht einfach in den Tag hinein zu leben, sondern sich Gedanken zu machen, was möglich ist und was unmöglich ist. Christen, so höre ich aus diesem Satz, sind urteilsfähig, entscheidungsfähig, kritikfähig. Sie können Situationen einschätzen und die richtigen Schlüsse für das eigene Verhalten ziehen. Das entscheidet sich nicht allein an den Grenzen, die das eigene Können und Vermögen setzen. Daran auch. Aber es entscheidet sich vor allem an der Zugehörigkeit zu Christus. Was sich mit ihm verträgt, das können Christen tun. Was kompatibel ist mit ihm, das ist auch weise. Und wieder geht der Schreiber davon aus: Das wissen die Christen. Sie sind ja verständig. Sie kennen den Willen des Herrn. Sie haben in der bösen Zeit eine klare Orientierung.

Es gehört zu den Mahnungen, die auch andernorts auftauchen: Carpe diem – nütze den Tag – heißt es im römischen Umfeld. Und das deutsche Sprichwort weiß: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“  Die Weisheit Israels mahnt: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise!“ (Sprüche 6,6) Es ist ein vielstimmiger Chor, der so antreibt: Die Zeit auskaufen, nicht träge werden, nicht müßig sein, nicht tatenlos sich durch die Zeit treiben lassen. „Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Denn wir hören, dass einige unter euch unordentlich leben und nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben. Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie in dem Herrn Jesus Christus, dass sie still ihrer Arbeit nachgehen und ihr eigenes Brot essen.“(2. Thessalonicher 3, 10-12) Auch wenn es hier nicht ausdrücklich angesprochen wird: Dieses Reden gegen ein Aussteigen aus der Arbeit  ist deshalb ein Thema, weil es wohl in den Gemeinden Stimmen gab, die sagen: Wenn das Ende sowieso vor der Tür steht, lohnt es nicht mehr, sich um die Welt zu mühen, einer Arbeit nachzugehen.

So wichtig solche Stimmen sind  und es ist gut, auf sie zu hören – es ist ein einseitiges Hören, wenn sie nur zu mehr Tempo anleiten, zu ruhe- und rastloser Aktivität. Es kann doch auch gut sein, dass die Zeit auskaufen gerade auch einmal im Gegenteil besteht: Verlangsamen. Innehalten. Den Augenblick bewusst wahrnehmen. Erst in der Verlangsamung merke ich  das Geschenk des Augenblicks, der Zeit. „Nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Innerlich-die-Dinge-Verspüren-und-Schmecken.“(I. von Loyola, Geistliche Übungen, Würzburg 1998, S. 28) Das gilt auch für den Umgang mit der Zeit. Wer ruhelos durch die Zeit rast, kauft sie nicht aus, er vertreibt sie nur. Es könnte ein echter Zugewinn  an seelischer und geistlicher Fülle sein, sich ab und zu Langeweile zu gönnen. Man könnte sie dann spüren, am eigenen Atem, und Herzschlag. Sich in sie hineinhalten.

18 Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.

Ist da ein Problem in der Gemeinde, dass diesen Satz auslöst? Oder ist es ein Anti-enthusiastischer Satz, der gegen den charismatischen Überschwang gerichtet ist? „Halb spielerisch wird der weltlichen Trunkenheit das „Vollsein“ mit Geist, also eine geistliche Trunkenheit gegenüber gehalten… Die äußeren Erscheinungen von Ekstase und Rausch sind miteinander verwandt.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 118) Das scheint mir zwar ein bisschen weit hergeholt, aber nicht ganz unmöglich. Es gibt in der „Paulus-Schule“ schon von Paulus her eine Abneigung gegen den geistlichen Überschwang und eine Vorliebe für die geistliche Nüchternheit, die dennoch nicht ohne Emotion ist.

Die Warnung vor dem exzessiven Wein-Genuss ist kein völlig vereinzelter Satz in den Briefen des Neuen Testaments. Unter den Merkmalen, die ein Bischof erfüllen soll, findet sich der knappe Hinweis: „kein Säufer“(1. Timotheus 3,3) Auch im Titus-Brief (1,7) wird das gefordert und für die Diakone gleichfalls im 1. Timotheus-Brief (3,8). Daraus ist zumindest zu schließen, dass es das gab, dass Menschen im Umfeld der Gemeinden, auch Glieder der Gemeinde, ein Alkohol-Problem < so sagen wir ja heute in solchen Fällen> hatten. Die Gemeinde ist zu keiner Zeit  der Raum, in dem es keine Ausreißer, keine Probleme gibt. Nichts Menschliches ist ihr fremd. Darum diese Mahnung.

19 Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen 20 und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Das ist das Gegenbild zu dem unordentliche Wesen: Geistliche Lieder. Fast möchte man sagen: Chorarbeit. Wo Gott gesungen wird, wo ihm die Ehre gegeben wird, da wird das Leben in guter Weise geformt. Wo Menschen dankbar werden für die empfangenen Güter und Gaben, da können sie sie auch in rechter Weise gebrauchen und dem Missbrauch wird gewehrt.  Es wird dazu gehören: Dank sagen für die, die mit auf dem Weg sind. in aller Unvollkommenheit: „Es gibt nichts Gefährlicheres für das innere Leben der Gläubigen, als wenn sie immer davon miteinander reden, was noch nicht richtig ist.“ (F. Rienecker, aaO. S. 202 ) Vielleicht muss man sagen: Erst wenn wir danken lernen, uns freuen an denen, die mit uns in der Gemeinde sind, dürfen wir auch danach suchen, was noch anders und esser werden kann und soll.   

Allezeit für alles klingt nach einer Generalklausel. Aber es ist mehr. Es ist die Ermutigung, auch das Schwere aus den Händen Gottes zu nehmen. Es ist die Ermutigung, wirklich das ganze Leben, Großes und Kleines, Nebensächliches und Hauptsachen aus der Hand Gottes zu nehmen.

Herr! schicke, was du willst, ein Liebes oder Leides;            Ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt.           Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!                                                                   Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.                                       Eduard Mörike

Es ist die Lebenshaltung eines tiefen Gottvertrauens, die sich so zeigt in der Dankbarkeit für alles, für alle und allezeit. Es liegt haarscharf neben einer resignativ-schicksalsergebenen Lebenshaltung, die sagt: „Kann man doch nichts machen“ und ist doch etwas völlig anderes, weil sie hinter allem Geschehen und Geschick die Güte Gottes glaubt

 

Herr Jesus, wir sind nicht die Gemeinde der makellosen Leute. Wir sind angewiesen auf Erbarmen, Hilfe, Geduld von Dir und untereinander.

Wir erfahren es, wie wir mit Vorsätzen scheitern, Verhaltensweisen sich einschleifen, uns festlegen, aus der Spur bringen. Mancher kennt es, dass er seine Zeit verträumt und über den großen Träumen die kleine Tat versäumt.

Du hältst uns auch dann noch fest in Deinen Händen und an uns leuchtet Deine Barmherzigkeit auf. Amen