Nachahmer Gottes!

Epheser 5, 1 – 14

1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder 2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Es ist ein langer Weg durch den Brief bis dahin, dass es um ethische Konsequenzen des Glaubens geht. Auch jetzt wird es noch nicht so „praktisch“, wie wir uns das gerne vorstellen – mit Problembeschreibung und Lösungswegen. Ahmt nun Gott nach. μιμητα  Seid Nachahmer, Mimen. Wie macht man das? Wie kann Gott Rollenvorbild für uns sein? Die Warnung ist deutlich: „Es wäre ein lächerliches Unternehmen wie eine zu große Rolle bei einem schlechten Mimen.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 66) Das ist doch eine hoffnungslose Überforderung. Aber dieser Hinweis ist nicht einmalig im Neuen Testament. „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48) Offensichtlich hat die erste Gemeinde nicht so viel Angst wie wir zu sagen: Mache es doch einfach wie Gott, werde Mensch.

            Gott als Vorbild, Christus in seiner Liebe als Vorbild, als Beispiel für das eigene Leben. Wir sollen nicht in allem Christus nachmachen. Nicht besitzlos werden, nicht ehelos und kinderlos leben. Uns ja auch nicht ans Kreuz nageln lassen, zum Martyrium drängen. Es geht nicht um äußerlich perfektes Nachahmen. Auch nicht um Sein wie er. Es ist ja wahr: „er ist von oben – wir sind von unten.“ (Johannes 3, 31) Aber es geht um Hingabe, die sich von ihm inspirieren lässt. Es geht darum, sich an seiner Liebe zu orientieren, die sich nach unten beugt und nicht hoch hinaus will. „Die Nachahmung Gottes besteht darin, sich als sein Kind  – in Christus -. aufzuführen.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 115) 

3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, 4 auch nicht von schändlichem Tun und von  närrischem oder losen Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung. 5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.

Sind das jetzt Konkretionen? Wenn ja, so besteht die Konkretion in Warnungen. Das klingt alles so moralisch, streng, auch ein wenig abgestanden. Mein erster Gedanke: Es ist offensichtlich schon damals einfacher, „das nicht“ zu sagen als positiv zusagen, was denn dann. Im Raum der Freiheit die Grenzen zu benennen, liegt mehr auf der Hand, als die Gestalt der Freiheit zu beschreiben. Vielleicht hilft es zum Verstehen: Der Schreiber knüpft an gute jüdische Tradition an: „Mit besonderem Nachdruck – hier wirkt jüdisches, ethisches Gut – pflegt die urchristliche Mahnung immer wieder die geschlechtlichen Verfehlungen zu bekämpfen.“ (H. Conzelmann, aaO. S. 116) An dieser Stelle sind wir heute seltsam schweigsam geworden.

Auch inhaltlich haben wir heute ja Probleme mit solchen Worten. Unzucht, das verstehen wir gerade noch, wenn auch wahrscheinlich nicht so streng wie frühere Zeiten. Was ist Unreinheit in einer Zeit, in der nackte Frauen vom Plakat grüßen, Sex in aller Gestalt zu jedem ordentlichen Film gehört? Geht es um Übergriffe in Gedanken, Worten und Werken, um wilde Phantasien? Kinder-Pornographie – das ist das einzige Feld, auf dem es noch einigermaßen eindeutig Nein heißt. Aber sonst? Und was meint Unreinheit? καθαρσα. „Lasterhaftigkeit“ übersetzt das Wörterbuch. Wann ist einer lasterhaft? Genügt es, dass einer Unterwerfen fordert, die totale Kontrolle beansprucht, sich selbst zum Maß aller Dinge macht? Schon, dass ich nur Fragen stelle und keine Aussagen mache, zeigt, wie unklar ich die Situation empfinde.

Völlig weltfremd für heutige Ohren, die Forderung, sich fernhalten von  närrischem oder losen Reden. Man kann auch übersetzen; schlüpfriges Geschwätz. Das soll nicht sein. Also: Keine Herrenwitze – selbst dann nicht, wenn keine Frauen da sind. Keine Zweideutigkeiten. Keine „witzige Gewandtheit.“  Das hört sich seltsam an in einer Zeit, in der allabendlich Comedy angesagt ist, Satire, Lachen bis das Zwerchfell kracht. Bestätigt sich hier der Verdacht: Christen sind Spaßbremsen. Keine Freunde von Frohsinn und Karneval. Ja, wenn der Frohsinn auf Kosten anderer geht, Schwächerer, Wehrloser. Solcher, die nicht da sind. Ja, wenn das Lachen auf der Missachtung der Würde derer liegt, die da lächerlich gemacht werden.

Mit dem Geiz und der Habgier gehen wir heutzutage gleichfalls nicht so streng um. Sie sind längst Salon-fähig. „Geiz ist geil.“ Wer nicht nimmt, was er kriegen kann an Boni, Gehalt, Vorteilen, gilt irgendwie als doof. Wer Geld nicht so anlegt, dass es Gewinn bringt, der ist blöd. Lange vorbei die Zeit, in der Habgier eine der sieben Todsünden war.

Auf meinem Schreibtisch liegt seit vielen Jahren ein Ausspruch des „Kirchenvater“ Hieronymus (345 – 420): „Aller Reichtum kommt von der Ungerechtigkeit. Wenn der eine nicht verloren hat, wird der andere nicht finden. Von daher scheint mir auch jener weithin bekannt Satz sehr wahr zu sein: Reich ist entweder der Ungerechte oder der Erbe des Ungerechten.“ Das ist für unsere Ohren schier unerträglich. Wir heute haben als Gesellschaft unseren Frieden gemacht mit Geiz und Habgier. Gierig zu sein sichert Siege im Fußball und Vorankommen im Kampf um die besten Plätze.

Was mich gleichwohl an diesen Mahnungen fasziniert, auch tröstet: Ihre bloße Tatsache unterstreicht die Hoffnung des Briefes: Wir sind nicht dazu verurteilt, immerzu in den alten Spuren zu bleiben. Nicht dazu verdammt, die alten, ererbten Tanzlieder wieder und wieder zu spielen. Es kann einen ja erschrecken, wenn man an sich selbst festgeschriebene und festgefahrene Verhaltensmuster entdeckt, manche unbewusst übernommen, manche einfach im Lauf der Jahre eingeübt. die Mahnungen sagen: ihr könnt anders werden, anders leben.

Dass solche Mahnungen und Ermutigungen leicht moralisch klingen können, liegt wohl in der Sache begründet. Wann immer jemand sagt: es geht auch anders, steckt ja die Botschaft in den Worten mit drin: so wie es jetzt geht, so wie du jetzt lebst, das ist suboptimal. Vielleicht sogar lebensbelastend und im Extrem lebenszerstörend. Darum sind solche Worte immer unter Verdacht: von oben herab gesprochen, Idealen verpflichtend, die wie hohe Messlatten sind und überfordern können. In unserem Brief leben diese Aufforderungen aus einer Grundüberzeugung, im Briefanfang schon formuliert: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“(2,10) Das ist das Ziel dieser Ermutigungen, dass wir das leben, was wir von Gott her schon längst sind.

6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. 7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

Leere Worte. Gelalle. Entleerte Worte. „Liebe“ ist ein schändlich missbrauchtes Wort. Mit der „Treue“ ist es genauso. Und „Ehrlichkeit“? – „Der Ehrliche ist der Dumme.“(U. Wickert) Das Schlimme an dem hohlen Gerede ist: Am Ende sind auch die guten Worte nicht mehr zu hören. Sie sind abgenutzt. Das ist Zorn Gottes in meinen Augen: Ich kann nicht mehr unterscheidend hören! An dieser Stelle sind wir als Christen gefordert, gegen den Missbrauch der Sprache, gegen die Klangteppiche, gegen das inflationäre Geschwätz in Talk-Shows, in Comedys, einen Weg der Distanz zu gehen. Sich enthalten, um nicht leer zu laufen mit den eigenen Worten.

8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Darauf werden die Leserinnen und Leser angesprochen. In ihrem Leben hat es einen Wechsel gegeben. Christen leben in einer neuen Sphäre und deshalb auch in einer anderen Atmosphäre. Da ist eine Zäsur zwischen früher und jetzt. Konversion. Zum Glauben kommen. Ausstieg aus dem alten Leben. Neu anfangen. Das ist in der ersten Christenheit eine vielfältige Erfahrung. In einer post-christlichen Gesellschaft, in der die Bindung an den Glauben und die Kirche schwindet, wird es zur neuen Entdeckung: Es gibt Menschen, die  aus anderen Lebensmustern in den Glauben finden. Und es so beschreiben: Aus der Finsternis in das Licht

 Hier wird sorgfältig formuliert: Kein Licht aus euch selbst – Licht im Herrn. Weil der Glanz Christi auf die Christen fällt, leuchten sie. Nicht die moralische Integrität, sondern die Zugehörigkeit zu Christus lässt Christen zu Lichtern werden. Diese Zugehörigkeit zeitigt Folgen: Güte – Gerechtigkeit – Wahrheit. Das alles ist lebensdienlich als Verhalten, als Wert, als Tugend. „Die ganze Ausdrucksweise zeigt, dass uns diese Früchte nicht in den Schoß fallen; das Bild von Frucht und Werk kann mit demjenigen von Rüstung und Kampf ausgetauscht werden.“(H. Conzelmann, aaO, S. 117)

10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, 11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. 12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. 13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; 14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Hier kommt erneut die Aktivität der Christen ins Spiel: Prüft. Dahinter steht das Zutrauen: Ihr seid urteilsfähig. Mich fasziniert immer wieder, dass die ethischen Weisungen in den Briefen nicht einfach nur sagen: Erlaubt, nicht erlaubt – und auflisten. Sie fordern zu eigenständigem Hinschauen und Beurteilen auf und trauen den Christen zu, dass sie die richten Entscheidungen treffen

Es gibt keine ethische Gleich-Gültigkeit. Es gibt kein: Jeder nach seiner Fasson. Trennungen sind nötig – aber nicht Trennungen von den Menschen, sondern von den Verhaltensmustern. Wenn es heißt: Die Werke der Finsternis aufdecken, – so ist das nicht die Aufforderung, Detektiv zu spielen, hinter anderen her zu schnüffeln. Sondern es ist die Zumutung,  anders zu leben. Am anderem Leben wird wie von selbst sichtbar, was das ist: Verlässlichkeit, Ehrfurcht, Sorgfalt im Umgang, Respekt. Wo jemand so lebt, da strahlt sein Leben aus.

Es kann gut sein, hinter dem Verzicht auf investigatives Nachforschen steckt die Grundüberzeugung: Es wird alles noch einmal zur Sprache kommen. Nicht vor unseren Gerichten. Nicht vor den manchmal auch fragwürdigen Richterstühlen unserer Werte. Aber vor Gott. Mich tröstet das, weil ich so entlastet werde, alles beurteilen zu müssen, alles klarstellen zu müssen. Ich muss auch nicht alles, was ich weiß, öffentlich machen. Es wird alles offenbar werden. Enthüllt, sichtbar. Hier steht eine Verbform von φανερόω – dem Wort, das auch für die Erscheinungen des auferstandenen Jesus steht. So also wird alles sichtbar werden, deutlich, wie der Auferstandene sichtbar geworden ist.

Am Ende steht eine Tauferinnerung! Ein altes Tauflied wird zitiert. Es ist die feste Überzeugung der ersten Christen, dass die Taufe eine Ermächtigung zu einem anderen Lebensstil ist. Hellwach sind die Täuflinge, sich der Zugehörigkeit zu Christus bewusst. Und durch seinen Geist geleitet Menschen mit Durchblick.

 

Herr Jesus, Du willst uns in Deiner Spur, uns als die Bilder für das Leben hinter Dir her. An uns sollen Menschen sehen können, wie Christsein sich anfühlt, wie es geht, aus dem Vertrauen auf Dich zu leben.

Du willst uns frei von der Gier nach immer mehr, mehr Besitz, mehr Anerkennung und Beifall, mehr Macht. u willst, dass wir uns genügen lassen, dass wir in Dir das Licht haben, das uns leuchtet und uns zur Orientierung hilft, dass wir zu Dir gehören. Amen