Arbeiten an der Veränderung

Epheser 4, 17 – 24

17 So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. 18 Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens. 19 Sie sind abgestumpft und haben sich der Ausschweifung ergeben, um allerlei unreine Dinge zu treiben in Habgier.

Das ist kein freundliches Bild von den Heiden. Schon das Wort hat heute den Klang von Diskriminieren, abwerten, nicht für voll nehmen. Da war die Welt der Antike nicht zimperlich. Sie kennt Heiden – jeweils aus der Perspektive derer, die einen bestimmten Glauben haben, gehören die anderen nicht dazu, sind eben Heiden. Manchmal nennt man sie auch schlicht „Barbaren“ – weil sich ihre Sprache so fremd anhört. Rau. Guttural. Hart. Unverständlich. Eben barbarisch.

Ein bisschen spielt aber auch die Übersetzung hier mit. Τά έθνη sind schlicht: die Völker. Oder anders übersetzt: „Menschen, die Gott nicht kennen“ (NGÜ; Gute Nachricht Bibel; Hoffnung für alle) Aber gleichwie, ob Heiden oder Menschen, die Gott nicht kennen – es ist das Urteil aus der Sicht dessen, der beansprucht, Gott zu kennen, auf der richtigen Seite zu sein. Da hören wir heute sehr rasch Arroganz und Überheblichkeit.

Das verstärkt sich noch durch die Urteile, die der Schreiber über die Heiden fällt.  Ihr Verstand ist verfinstert. Sie sind abgestumpft. Sie haben sich der Ausschweifung ergeben: Sie treiben unreine Dinge in Habgier. Kurz: mit dem Prädikat Heiden verbindet sich  Menschlichkeit zweiter Klasse, sie sind minderwertig in ihrem Verhalten, moralisch defizitär. Es klingt ungefähr so, wie heute manche Politiker manchmal vom Prekariat reden. Da kann man eigentlich nur noch sagen: Das wollen wir nicht!

Es ist ein erschreckendes Bild vom Leben, das hier gezeichnet wird. Und das Urteil ist hart: So ein Leben läuft ins Leere. Genau das meint: sie leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Es ist das harte Urteil, das der Schreiber aber keineswegs exklusiv für sich hat, das auch nicht nur das Verständnis der jungen Christenheit widerspiegelt. „Der Mensch, dem die Gotteserkenntnis fehlt, verfällt in seinen eigenen Gedanken der Torheit, geht fehl in seinem Sinn-Suchen, verirrt sich an selbstgemachte Idole.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 200)   

So ähnlich urteilen auch schon Schriften des Alten Testamentes über die Heiden. „Töricht waren von Natur alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis fehlte. Sie hatten die Welt in ihrer Vollkommenheit vor Augen, ohne den wahrhaft Seienden erkennen zu können. Beim Anblick der Werke erkannten sie den Meister nicht, sondern hielten das Feuer, den Wind, die flüchtige Luft, den Kreis der Gestirne, die gewaltige Flut oder die Himmelsleuchten für weltbeherrschende Götter.“ (Weisheit 13, 1 – 2)

Oder, um es mit den Worten eines mir sehr vertrauten Liedermachers zu sagen:

Es geht ohne Gott in die Dunkelheit,                                              aber mit ihm gehen wir ins Licht.                                                      Sind wir ohne Gott, macht die Angst sich breit,                           aber mit Ihm fürchten wir uns nicht.                                                                M. Siebald CD Das ungedüngte Feld, 1976

             Der sorgfältige Exeget sagt es auf seine Weise, kaum weniger anstößig für die Ohren derer, die auf die Gleich-Gültigkeit aller Lebenswege pochen: „Wo man nicht weiß, dass ein Gott ist, da verfällt man auch der praktischen Verfinsterung.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 112) Das liest sich wie eine Kampfansage gegen alle Versuche, eine tragfähige, lebensdienliche Ethik ohne Gott zu begründen.

 20 Ihr aber habt Christus nicht so kennen gelernt; 21 ihr habt doch von ihm gehört und seid in ihm unterwiesen, wie es Wahrheit in Jesus ist. 22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

            Es liegt auf der Linie dieses Urteils: So nicht. Ihr könnt anders leben. Ihr sollt anders leben. „Christen und Heiden sind sich in Gesinnung und Wandel nicht nur unähnlich, sondern gegensätzlich wie Wahrheit und Lüge, wie Leben und Tod, wie Licht und Finsternis.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 156) Ihr seht es ja auch anders an Christus. Hier klingt eine Vorbild-Christologie an, die nicht weiter ausgeführt wird. Vielleicht, weil sie Gegenstand der Tauf-Unterweisung war?

Aber es ist klar: Christen nehmen mit ihrer Lebenspraxis Maß an Christus. „Christliche Existenz und Lebensführung orientiert sich allein an Jesus Christus, der als Mensch in dieser Welt gelebt hat und die Norm schlechthin für christliches Leben darstellt.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 206) An ihm sehen die Christen, „wie Leben geht“. Es ist ein Leben, das sich von den alten Praktiken abwendet und neue Schritte sucht.

Für mich wird damit auch erkennbar: Die in diesem Brief hauptsächlich angesprochenen Leserinnen und Leser waren in ihren früheren Leben Heiden. Griechen. Römer. Jedenfalls keine Juden. Auch nicht Christen in der zweiten Generation.

Für sie alle gilt: Zieht den neuen Menschen. Da liegen neue Kleider für euch bereit. „Witwen, Sklave, Priester und Würdenträger haben besondere Kleider…. Kleider können auch den psychischen Zustand eines Menschen anzeigen…..Da das Gewand eines Menschen etwas von seinem Sein und Wesen verrät, kommt dem An- und ausziehen der Kleidung eine besondere Bedeutung zu.“ U. Heckel/R. Micheel, Himmel – Erde … und zurück, Texte zur Bibel 26, Neukirchen 2010, S. 94) Es geht um mehr als um bloßen Wäschewechsel. Zieht die alten Klamotten aus und die neuen Kleider an. Den neuen Habit. Das kommt ja von habitus, und kann beides heißen – „Gewand und Kleidung“ und auch „Verhalten und Haltung.“ (Der kleine Stowasser, Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, München 1962, S. 237) 

Das alles sind Sprachbilder, die auf die Taufe hinweisen. Sie ist der Ort, an dem der Wandlungsweg der Christen seinen Anfang nimmt. Hier werden die alten Kleider abgelegt und das neue Gewand des Glaubens wird angezogen. „Das Aus- und Anziehen von Gewändern ist darum keine Frage der Mode, sondern verrät etwas vom Zustand, vom Sein und Wesen des Menschen.“ U. Heckel/R. Micheel, aaO. S. 95) In aller Vorsicht gilt also doch. Kleider machen Leute.

Es ist nicht so, dass die junge Christenheit die Menschen für unverbesserlich hielte. Menschen können sich ändern, neu werden – da, wo sie sich  dem Einfluss des Geistes Christi öffnen. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn ist keine illusionäre Forderung. Es ist eine Ermutigung zu neuen Schritten, weil Christus Menschen verwandeln will. „Du kannst ein anderer werden, neue Wege gehen. Du bist nicht festgelegt auf dein altes Leben.“ Im Evangelium hört sich das so an: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“(Johannes 8, 11) Und an anderer Stelle:  Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!…. Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! (Markus 2, 5 + 11)

Wir können anders werden. Neu. Das ist gute Nachricht für alle, die sich vielfältig festgelegt erleben. Die Frage, die in den Ermutigungen des `Paulus ’steckt, heißt: Lässt du dich auf diesen Wandlungsweg, der dir Arbeit abverlangt, ein? Es ist ja nicht mit dem einen Anfang irgendwann getan. Aus dem Anfang soll ein Weg werden. Das Ablegen des alten Menschen ist kein einmaliger Akt, es ist vielmehr wie ein täglicher Kleiderwechsel: wieder und wieder zu vollziehen. Der Heilige Geist wirkt nicht voll-automatisch, ohne unsere Beteiligung. Er wirkt auch so, dass er unser Mühe stützt, dass er uns Rückenwind ist, den wir nützen sollen.

In diesem Zusammenhang, auch, weil es den Charakter der Ermutigung als Ermahnung unterstreicht, der Hinweis auf eine Gleichniserzählung Jesus: „Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen. Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“( Matthäus 22, 11-14) Es ist der Ernst, den die Schrift nicht verschweigt: Man kann diese Chance zu neuem Leben auch vertun. Das Geschenk verachten. Und es darüber verlieren.

 

Es ist ein zäher Kampf , Herr Jesus, mit den eingeschliffenen Verhaltensmustern. Sich selbst zu ändern kostet Kraft, geht oft genug über die Kräfte. Du traust es uns zu, dass wir anders werden, neu anfangen können, uns in unserem Verhalten von Grund auf ändern, weil Du der Grund unseres Lebens geworden bist .

Stärke du uns durch Deinen Geist, dass wir uns auf den Weg machen, uns umgestalten lassen in das Bild, das Du schon immer von uns hast, zu Söhnen und Töchtern Deines Vaters im Himmel. Amen