Reich begabte Gemeinde

Epheser 4, 7 – 16

 7 Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.

            Was für ein starker Satz. So sieht `Paulus‘ die Gemeinde. So sieht er einen jeden. Hinter dem alle und hinter dem eins, einer, eine verschwindet der Einzelne, die Einzelne eben nicht. Die Gnade Gottes ist nicht allgemein, nur am großen Ganzen orientiert und interessiert, sondern einem jeden zugewandt. Individuell. Maßgeschneidert. Jeder ist ein Sonderfall für die Gnade Gottes.

Das besonders gefällt mir. Es gibt die Gnade nicht im Einheitsmaß. Es gibt sie – oder genauer: Er, Gott, gibt sie so, wie es jede und jeder in seiner Existenz nötig hat, wie sie not-wendig ist. Für den einen mag Gnade der Freispruch von alter Schuld sein, die ihn quält. Für eine andere ist die Gnade vielleicht der so ganz andere Satz: Du darfst Dich trauen und du darfst Deinem Herzen trauen. Und für wieder einen dritten mag es Gnade sein, dass er loslassen kann, freigeben und sich nicht immer neu verfangen in einem Pflichtgefühl, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Immer aber leuchtet in der Gnade das Gesicht Christi auf, der sich uns zuwendet. Und immer ist sie Geschenk, Gabe.

Er kennt das Maß, das wir brauchen. Und sein Geben macht uns nicht zu willenlosen Fürsorge-Empfängern. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“(Markus 10,51) Selbst wenn er wüsste, im Voraus wüsste, was für uns gut ist – und oft genug wird ja in den Evangelien von seinem Vorherwissen erzählt – er fragt zuerst. Er lässt uns die Freiheit, die sich beschenken lassen kann. Er hat diesen letzten Respekt, der die Gnade nicht überstülpt, sondern sie gibt, da, wo sie erwünscht wird, dem, der sie sich gefallen lassen kann. So macht er sie annehmbar.

Wie so oft ist auch hier `Paulus` in der Spur des Paulus unterwegs. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“ (Römer 12,3) Das Maß des Glaubens und das Maß der Gabe der Gnade sind nicht zweierlei Maß – sie legen sich gegenseitig aus. Es ist eine große Befreiung, die in unseren Gemeinden noch neu zu lernen ist.  Wir müssen nicht alle auf einer Linie und in einer Reihe stehen – weder im Zuschnitt des Glaubens noch im Zuschnitt der Gnade. „In der Einheit der Kirche verschwindet der Einzelne nicht.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 51)Christus schlägt nicht alle über einen Leisten. Er misst individuell zu.  

 8 Darum heißt es (Psalm 68,19): »Er ist aufgefahren zur Höhe, hat Gefangene in die Gefangenschaft geführt und hat den Menschen Gaben gegeben.« 9 Dass er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als dass er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde? 10 Der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle.

Es folgt ein Psalm-Zitat. Dieser Anschluss ist ein bisschen schwierig, vor allem wegen des „darum“. Das könnte ich so verstehen: Damit er das tun kann, jedem seine Gaben geben, steigt er auf in die Höhe. Gemeint ist wohl der Himmel. Bemerkenswert ist auch, wie das Psalmzitat verändert wird. Am Ursprungsort heißt es:

Du bist aufgefahren zur Höhe                                                           und führtest Gefangene gefangen;                                                     du hast Gaben empfangen unter den Menschen.                                   Psalm 68,19

             Aus der lobenden und betenden Anrede Gottes wird hier im Epheserbrief eine Aussage über Christus. Er ist ja der, der  aufgefahren ist  und hinabgefahren in die Tiefen der Erde. Himmelfahrt und „Höllenfahrt“ in einem Atemzug, genau umgekehrt benannt wie im Glaubensbekenntnis: „hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel. Von dort wird er kommen.“ Es geht um den Christus voller Macht, dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist.“ (Matthäus 28,18)

Hier wird die Bewegung gezeichnet, die gemein-christlichen Glauben im Beginn der Gemeinden spiegelt. „Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.“ (Johannes 3,13) –  „Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ (Johannes 6, 38) Und ganz nahe ist der Abschnitt am Christus-Hymnus, den der Apostel Paulus im Brief an die Philipper zitiert und der wohl auf ein urchristliches Lied zurück verweist. „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist…“(Philipper 2,8-9) Ganz nach unten geht Christus, um dann ganz nach oben zu steigen – und das alles uns zugute.

Das ist ein starker Hinweis: Der Weg Christi nach unten und nach oben ist der Weg, den er für uns auf sich nimmt, der seine Macht zeigt in ihrem Charakter als Dienst. Es gibt keine Macht Christi an sich und nur für ihn. Sie zielt immer auf uns, sie ist Macht „für uns“. Immer Dienst. Das kennzeichnet seine Macht, dass er dient.

Dieses „für uns“ ist schon angelegt in jüdischen Auslegungen von Psalm 68,19. „Du bist zur Höhe emporgestiegen, hast Gefangenschaft gefangen geführt, hast Gaben empfangen (die Gesetzestafeln für Israel). Er nahm sie (die beiden Tafeln) und stieg hinab und freute sich im großer Freude“ (Strack-Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament, München 1979, Bd. III; S. 596)  Schon hier zeigt sich die Verschiebung von der Anbetung Gottes hin zu einen Verständnis, das den Heilsbringer sieht und seinen Weg, nach oben und nach unten am Berg Sinai (Mose), nach unten und nach oben im Weg des Lebens zwischen Menschwerdung und Himmelfahrt (Christus).

Wie weit in diesen Worten auch eine Anspielung auf den Weg Christi in die Totenwelt gegeben ist, vermag ich nicht zu sagen. Luther hat das so gelesen: „Christus ist bis in die dunkelsten Winkel des Menschseins eingedrungen… er ist als der allerunseligste und verachteste Mensch angesehen gewest… er hat sich ins Allertiefste heruntergelassen unter das Gesetz, unter den Teufel, unter den Tod, unter die Sünde, unter die Hölle. Das ist, meine ich, die letzte und unterste Tiefe, (M. Luther, Weimarer Ausgabe, Bd. 23, S. 704)

Auch ohne Luther ist es schon ein wenig naheliegend, auch diese Worte mit zu hören. „Denn auch Christus hat „einmal“ für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis,…“ (1. Petrus 3,18-19) Es ist gedanklich kein so ganz weiter Weg von dem Gefängnis bei Petrus zu den Tiefen der Erde bei `Paulus‘. Die Macht des Christus will wirklich alle. Ohne Ausnahme.

11 Und er selbst gab den Heiligen die  einen als Apostel eingesetzt, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer,

Es ist Christus, der in der Christenheit die Aufträge vergibt. Als Gaben. Es ist gut, sich daran zu erinnern: Der ganze Abschnitt meditiert die Worte Geben und Gaben. δίθωμι  – δωρεά  Christus ist ein gebender, schenkender Herr, der den Seinen, den Heiligen gibt, was sie nötig haben. Es ist Christus, der die Dienste schafft und Menschen für diese Dienste vorbereitet, wählt, aussondert. Es ist nicht so, dass sich irgendwelche Leute ausdenken, beispielsweise: „Es wäre doch schön, Propheten zu haben…“ Das ist eher unser Bild heutzutage. Wir suchen und finden zweckdienliche Organisationsstrukturen.

Hier dagegen: Christus, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat, der weiß, was seine Gemeinde braucht an Diensten und Begabungen und er setzt sie ein. „Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben.“(Markus 3, 13-15)  Es ist sein Wille, der die Gemeinde auch „organisatorisch“ gestaltet.

Natürlich fällt es auf: „Ein Ausleger merkt, fast ein wenig bissig: Man erwartet nach V 7 etwas von allen Gliedern, es erscheinen aber die Autoritäten.“ (G. Zweynert, aaO. S. 51, )   

Die Reihe dieser Dienste ist ein wenig „wortlastig“. Es sind Aufgaben, die in erster Linie der Verkündigung dienen. Diakonische Dienste sind hier nicht benannt, wenn man nicht die Hirten als solche sehen will, die durch ihre Fürsorge für die Gemeinde diakonisch aktiv sind.  Das mag auch daran liegen, dass sich solche diakonische sozial fürsorgliche Haltung in den kleinen Gemeinden des Anfangs als geschwisterliche Solidarität „wie von selbst“ ergab. Dafür brauchte es (noch) keine Spezialisten. Obwohl die Erzählung der Apostelgeschichte 6, 1 – 6 ein anderes Bild zeigt. Bei näherem Hinsehen sieht man aber auch an dieser Stelle: Diese Diakone waren in erster Linie Verkündiger, Prediger, Gemeindeleiter.

Doch: alle diese Dienste sind eben „nur“ Dienste. Sie sind keine Machtpositionen. Sie sind nicht Zuteilung der besten Plätze. Sie begründen keine Hierarchie, keine heilige Rangordnung. Es gibt sie nur aus dem einen Grund, den der Apostel – ob Paulus oder sein Schüler – sofort benennt:

12 damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.

Das ist das Ziel aller Gaben, die Christus gibt: die Heiligen zuzurüsten. Offensichtlich ist die Vorstellung, dass die Menschen, die in den Gemeinde sind, als Christen leben wollen, nicht zuerst „Versorgungsempfänger“ sind. Sie sind Menschen, die Gaben haben, die das Evangelium ergriffen und verwandelt hat, und die nun mit ihren Gaben selbst dienen.

Man darf noch einen Schritt weitergehen: alle Ämter in der Kirche haben dem zu dienen. „Kirchliche Ämter sind weder Fundament noch Prinzip der Einheit. Vielmehr; die Gläubigen zuzurüsten und den Leib Christi aufzubauen, zur Einheit des Glaubens an den Sohn Gottes zu führen, das ist die vornehmste, die eigentliche Aufgabe aller kirchlichen Ämter.“ (U. Heckel/R. Micheel, Himmel – Erde … und zurück, Texte zur Bibel 26, Neukirchen 2010, S. 83)

Es wird erst einmal noch gar nicht differenziert, wie dieses Dienen aussieht. Aber grundsätzlich wird jede und jeder in der Gemeinde angesehen als jemand, der anderen dient, der ihnen gut tut, in Worten und in Werken, durch sein Dasein, seinen Glauben, seine Hoffnung, seine Liebe.

Ich könnte es auch so sagen: Passive Mitgliedschaft ist in der Gemeinde Jesu nicht vorgesehen. In dichterischer Form hört sich das so an:

Lieber Freund, komm zu Tisch,                                                           hier ist Platz noch für dich.
Was du geben kannst, leg‘ in die Runde.
Sei es Wein, sei es Schmalz,                                                                   es ist gut zu gegebener Stunde.

So muß ein Festmahl sein. Jeder bringt etwas ein.
Jeder nimmt etwas mit.  Ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied.


Auf die Freundschaft den Toast!                                                      Suchst du Rat, suchst du Trost,
dann wird sich wohl für dich jemand finden.
Denn du bist hier gefragt, jeder, der etwas wagt,
der sein Fähnlein nicht dreht nach den Winden.

Einer sagt ein Gedicht, einer spendet ein Licht,
der entlockt ein paar Worte dem Stummen.
Dieser suchte und fand, jener reicht seine Hand.
Einer schenkt einem anderen Blumen.                                              G.
Schöne, CD Spar Deinen Wein nicht auf für morgen  1981

Auf den Punkt gebracht für unsere Zeit: „An einem Abend mit ehrenamtlichen Mitarbeitern einer mittelgroßen Kirchengemeinde meldete sich am Ende eine ältere Dame. Vor dreißig Jahren hätte sie begonnen, in der Kirche mit zu arbeiten. Ihr Motiv sei gewesen, dass ihr der junge Pfarrer von damals in der Fülle seiner Aufgaben so leid getan habe So habe sie beschlossen, ihm bei seinen Aufgaben zu helfen. Nun habe sie an diesem Abend begriffendass sie all die Jahre von falschen Voraussetzungen ausgegangen sei. Die Aufgaben der Gemeinde seien  ihre eigenen Aufgaben. Nicht sie habe dem Pfarrer bei dessen Aufgaben zu helfen gehabt, sondern genau umgekehrt: Er habe ihr bei ihren eigenen Aufgaben helfen müssen.“ (W. Bittner, Betreuungskirche oder Beteiligungskirche? in:  Theol. Beiträge 95/6, S. 334) Damit wird die Aufgabe skizziert, die bis heute vor unseren Kirchen liegt:  Zu lernen, dass alle „Ämter“ nur dem einen Zweck zu dienen haben, die Heiligen, sprich: die Laien, die Christen in der Alltagswelt zu befähigen, ihr Leben als Christen zu leben.

Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, 13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, 14 damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.

Wo so geteilt wird, Gaben mitgeteilt werden, da wird der Leib Christi erbaut. Da wird Glauben vertieft, Hoffnung gestärkt, wird die Liebe zum Lebensraum, weit über alle Gefühle hinaus und doch alle Gefühle tragend. Das Angesicht Christi leuchtet auf über solcher Gemeinschaft. Es kommt zu einem Erkennen des Sohnes Gottes, das Bodenhaftung hat, standfest werden lässt. Solche Erfahrung, wo der Himmel sich einen Augenblick zu öffnen scheint, machen nicht untauglich für die Erde. Ganz im Gegenteil: Sie helfen, der Erde treu zu bleiben, sie zu leben, mit der Liebe, die an Christus Maß nimmt.   

 Aber unabhängig werden die Christen durch solches Miteinander. Unabhängig von Lehrmeinungen, auch von Lehrstreitigkeiten. Wo wirklich das Leben geteilt wird, können auch unterschiedliche Sichtweisen ausgehalten werden. Sie lassen sich auch nicht mehr ständig beeinflussen durch das, was so um sie herum geschieht. Dass das so einfach nicht ist, schimmert durch die Worte durch. „So viel geht aus der bildreichen Schilderung hervor, dass die Gemeinden durch unklare und verführerische Lehrmeinungen verunsichert sind.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 189)Keine Insel der Seligen, weltabgeschieden. Wohl aber eine Gemeinschaft, die ihren eigenen Wertmaßstäben traut und die sich in der gemeinsamen Sammlung um die Mitte, um Christus gewiss ist: wir sind auf dem Weg Gottes, auf dem Weg des Lebens.

Diese Worte sind ein Einspruch gegen Modelle, die die Fülle der Erkenntnis immer nur bei dem Einzelnen sehen. Hier ist deutlich das andere Bild: Nur in der Gemeinschaft mit den anderen gibt es auch einen Erkenntnis-Fortschritt des Glaubens. So schön es sein mag, sich allein meditativ zu öffnen, tiefe Erfahrungen zu machen – das Modell des Epheserbriefes hält den anderen Weg, den des geteilten Lebens, der geteilten Gaben für den Weg, den Christi Geist uns führen will.

Dieses Modell der Gemeinschaft ist ein Modell gegen das unmündig Sein, gegen die Verführbarkeit. Der Einzelne erfährt ein Stützen seines Glaubens durch das Beieinander-sein mit den anderen, die wie er glauben. In der Sprache des Religions-Soziologen heißt das: Es entstehen Plausibilitäts-Strukturen. „Als zutiefst soziales Wesen brauchen die Menschen bei allem, was sie über die Welt und von ihr denken, einen sozialen Rückhalt; ein Umstand, den ich an anderer Stelle mit dem Begriff Plausibilitätsstruktur, gemünzt auf den konkreten sozialen Kontext, in dem ein bestimmter Glaube oder Wert plausibel ist, versucht habe, kenntlich zu machen.“ (Peter L. Berger, Sehnsucht nach Sinn; Gütersloh 1999, S. 130)

       Das ist eine steile Behauptung: Die Überwindung von Unmündig-sein, Schweigen, Sich verstecken braucht die Gemeinschaft, in der ich geborgen bin. Sie hilft zur Sicherheit und zum Zeugnis. Zur Standfestigkeit in der Welt. Meine Lebens- und Glaubenserfahrung lässt mich dem zustimmen.

15 Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, 16 Von ihm aus gestaltet der ganze Leib sein Wachstum, sodass er sich selbst aufbaut in der Liebe – der Leib, der zusammengefügt und gefestigt ist durch jede Verbindung, die mit der Kraft nährt, die jedem Glied zugemessen ist.

            Es folgt eine Ermunterung, Ermutigung. Lasst uns ist kein Befehl, sondern eine Einladung. Man kann zur Wahrhaftigkeit ermutigen. Ob man sie befehlen kann, ist mir zweifelhaft. Gemeint ist – so lese ich – mit wahrhaftig sein ein Leben in der Wahrheit des Glaubens, mit Christus, der von sich sagen kann: „Ich bin die Wahrheit.“ (Johannes 14,6) Ein Leben, das der Tragkraft des Glaubens vertraut.

             Ganz gewiss kann man nicht befehlen zu wachsen – äußerlich nicht und innerlich auch nicht. Aber im Leben mit Christus wird die Verbindung zu ihm tiefer. Im Fragen: Was willst du, dass ich tun soll? komme ich ihm näher. Im betenden sich Anvertrauen in seine Hände wird mein Glauben innig, vertieft. Kein Wachsen, das wir machen können, aber ein Wachsen, das an uns geschehen kann, wenn wir uns ihm öffnen. Dazu also werden wir ermutigt, uns diesem Wachsen zu öffnen.

Ich hänge an der alten Übersetzung Luther 1984:  „Von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hangt durch alle Gelenke, dadurch ein jedes Glied dem anderen kräftig Handreichung tut nach seinem Maße und macht, dass der ganze Leib sich selbst auferbaut in der Liebe.“ Es ist in der Sache keine Unterschied. Aber zwischen den Zeilen scheint mit die alte Übersetzung mehr die tatkräftige Mitwirkung der Einzelnen zu betonen, während Luther 2017 mehr den Gesamtorganismus als selbststeuerndes System in den Vordergrund rückt. Meine Erfahrung mit Gemeinde ist anders: da geht nichts, wenn es nicht die vielen Einzelnen gibt, die sich einbringen.

Und wieder: Dieses Wachsen verbindet mit den anderen, fügt zusammen, macht anhänglich. Macht wohl auch abhängig. Es ist auf Christus ausgerichtet und wird zugleich von ihm getragen. Es ist das Werk, das er an uns tun will und das wir an uns geschehen lassen. Es ist ein Wachsen, das kein Alleingang ist, keine Selbstvervollkommnung, sondern das mit den anderen zusammenbindet. Und merkwürdig genug: In diesen Wachstumsprozess zu Christus hin stützt ein Glied das andere. Jeder und jede, wieder greift `Paulus‘ auf zuvor Gesagtes zurück, nach seinem Maß, seinen Fähigkeiten, seiner Kraft.

Es ist großartig: die Gemeinde lebt von den Schwachen genauso sehr wie von den Starken. Sie braucht die Hochbegabten nicht mehr als die, deren Gaben kaum ins Gewicht fallen – nach dem Maßstab der Welt. Im Gegenteil: wenn die Schwachen fehlen würden, würde das ganze Gebäude schief werden, wäre nicht ausbalanciert und tragfähig. Wie weit sind wir von dieser Sicht im Blick auf unsere konkreten Gemeinden entfernt! Auch kirchlich haben fast immer die Leistungsfähigen, Durchsetzungs-Starken, Selbstbewussten das erste und das letzte Wort. Die anderen werden betreut. Ihre Begabung scheint ausschließlich zu sein, dass sie sich das gefallen lassen.

 

Christus, Du gehst Deinen Weg in die Tiefe, Deinen Weg in den Himmel als Weg für uns. Du machst uns den Weg frei. Du gibst, was wir brauchen, um unseren Weg gehen zu können – hinter Dir her, glaubend, hoffend, liebend.

Du gibst an jedem Tag Kraft genug. Du gibst jedem und jeder von uns Gnade genug. Du weißt, was wir nötig haben und teilst aus Deiner Fülle aus, was uns unseren Weg gehen und bestehen lässt. Amen