Haltet die Einigkeit fest

Epheser 4, 1 – 6

 1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.

Bis jetzt hat `Paulus` den Blick seiner Leserinnen und Leser vor allem auf Christus gelenkt, auf sein Tun. Weil er erwartet, dass dieser Blick ihnen Rückenwind gibt. Jetzt spricht er sie darauf an, dass sie in Christus auf einen Weg gerufen sind. Mehr noch: sie haben eine Berufung empfangen. κλη̃σις, Ruf meint Einladung, auch Vorladung und – „im NT: Berufung zur Seligkeit“.(Gemoll, aaO. S. 440) Das also sollen sie leben, das soll in ihrem Lebensstil sichtbar werden, dass sie schon dem Himmel angehören, dass sie nicht mehr eingesperrt sind in den engen Horizont der Welt. Schlicht gesagt: „Ethik ist von der Wirklichkeit der Kirche nicht zu trennen, die ihrerseits für die Welt da ist.“ (G. Zweynert, aaO. S. 47) Damit sie gehört und ernst genommen  wird, muss sie ernsthaft zu leben versuchen, was sie verkündigt.

Die Art, wie solche Ernsthaftigkeit gelebt wird, ist weit entfernt von Hochmut und Selbstsicherheit, von Übermut und Verachtung der Welt:  In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Das Wort für Demut – ταπεινοφροσνηhat für  griechische Leser*innen zur Zeit des Briefes einen Beiklang von „Selbsterniedrigung, Knechtsgesinnung, Unterwürfigkeit, ein Sichbücken und Sichdrücken von Menschen“. (F. Rienecker, aaO. S. 134) Nichts davon ist hier gemeint. Sondern es geht um eine Fähigkeit, die Gemeinschaft eröffnet – sich zurück nehmen zu können, anderen ihren Platz zuzugestehen.

 In der als zweites genannten Sanftmut – πραΰτης – schwingt Milde mit, vielleicht auch Güte. „Derjenige Mensch ist in Wahrheit sanftmütig, der „von Gott aus“ alles sieht und beurteilt.“ (F. Rienecker, ebda.) Und Geduld  schließlich –  μακροθυμαlässt sich gut übersetzen mit Großmütigkeit. Es sind Tugenden, die nichts Schwächliches haben, sondern ein starkes Herz brauchen. Mut. Es sind Tugenden, die aus den Verheißungen heraus ihre Stärke beziehen und wachsen. „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich….Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,3+5) Wer sich um den Besitz des Himmels und der Erde keine Sorgen mehr machen muss, der kann sich auch  Demut, Sanftmut und Geduld leisten. Wichtig für das Verständnis der ganzen Passage: „Die Weisungen sind in erster nie Regeln für das Zusammenleben, nicht für die individuelle Formung der Persönlichkeit.“ (H. Conzelmann, aaO. S. 107) Es geht um  Verhalten, das für die Gemeinde tauglich ist und tauglich macht.

             Diese Worte, diese Ermahnungen, ich übersetze lieber: Ermutigungen, bekommen noch einmal ein eigentümliches Gewicht durch den Rückverweis: ich, der Gefangene in dem Herrn. So hat Paulus ja in der Tat aus dem Gefängnis auch an seine Gemeinden geschrieben. Seine Worte ermutigen in der merkwürdigen Freiheit eines Gefangenen.

Ertragt einer den andern in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:

Konkreter geht es kaum: Ertragt einer den andern in Liebe. Es ist relativ einfach, die zu ertragen, mit denen man auf Abstand lebt. Die wirkliche Herausforderung für die Liebe, für das Ertragen sind die, mit denen man tagtäglich das Leben teilt: Eheleute, Hausgenossen, Nachbarn, Freunde. Viel zu oft ist diese Nähe überschattet von Fremdheitserfahrungen, Unverständnis: „So kenne ich dich gar nicht.“ Oder: „Ich sehe das alles völlig anders.“ Es scheint so, als wüsste der Schreiber etwas von der Mühe, die da das Durchhalten der Liebe, das Ertragen auch kosten kann. Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit – das sind Worte aus der Sprache des Kampfes, des Krieges, aus dem Arsenal der Wach-Ordnungen. Wacht darüber! Ringt darum. Werdet nicht schläfrig in der Anstrengung. Gebt nicht gar so schnell auf. Am besten gar nicht.

Die Dringlichkeit und Eindringlichkeit der Mahnung könnte darauf zurückverweisen, dass es so einmütig in Ephesus nicht zuging. Dass die Einigkeit gefährdet war und das Ertragen manchmal mühsam. Es kann doch durchaus sein, dass es auch in Ephesus Auseinandersetzungen gab über das Verständnis des Evangeliums. Wie rasch geschieht das, dass es nicht nur Vielfalt in einer Gemeinde gibt, sondern tiefe Verschiedenheiten, die das Miteinander gefährden. Das Band der Einigkeit knüpft sich nicht wie von selbst, wie mit himmlischer Zauberhand. Es will immerzu neu ergriffen, bewahrt, errungen werden.   

Es hat gerade dann auch wieder etwas Entlastendes, wenn der Schreiber darauf verweist: die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens – das ist Vorgabe, Fundament. Statt Einigkeit – wir hören da immer einen Verständigungsprozess: „Wir werden uns einig“ –  ist es besser zu übersetzen: Einheit. Ενότης – nur im Epheserbrief kommt dieses Wort im Neuen Testament vor und signalisiert: Das ist Lebensraum, den Gott euch durch seinen Geist geöffnet hat. Sie müssen nicht Einigkeit, Frieden herstellen. Sie müssen „nur“ die Einheit des Geistes wahren! Daran allerdings liegt dem Schreiber besonders viel. Vielleicht, weil er weiß, wie rasch es Risse im Fundament der Einheit gibt, weil das allzu Menschliche sich vordrängt.

 4 ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; 5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; 6 ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Und dann, wieder wird der Blick umgelenkt, stellt er seinen Adressaten noch einmal vor Augen, was denn das ist, diese vorgegebene Einheit. Wenn sie um Einheit ringen, so haben sie guten Grund. Denn Gott hat ja alles getan, damit sie eins sein können – es ist geradezu sein Wesen, so könnte man denken, das ihn Einheit schenken lässt und den Weg der Einheit eröffnet.

So stellt er ihnen „eins“ vor Augen. Es sind die griechischen Zahlworte εν, μία, είς, die dem Leser regelrecht eingehämmert, nein vorgesungen werden. Kirche lebt aus der Einheit. Sie lebt von dem Einen. Sie lebt in der einen Hoffnung. Und am Ende steht wieder als Ziel Einheit – diesmal in dem Vater. Die ganze Vielfalt des Lebens hat in ihm ihren einen Grund und in ihm ihr einiges Ziel. Alle Vielgestaltigkeit des Lebens drängt hin auf ihn.

In dieser letzten Formel ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen, wird die Freiheit gewahrt. Das alle, allerπάντα steht da in vielen Variationen – stellt sicher, dass die Einheit keine Uniformität meint. Es ist eine Einheit, in der die Vielfalt in dem Vater zusammen gefügt wird und zu ihrem Ziel kommt.

Vielleicht ist das ein wichtiger Hinweis für unsere Zeit heute, in der jeder ein Sonderfall ist und es über die Verschiedenheit hinaus keine Einheit mehr zu geben scheint. Erst Einheit erlaubt wirkliche Verschiedenheit. So wie Individualität auch erst da ihren Glanz gewinnt, wo sie eingebettet ist in eine Gemeinschaft und ihr dient. Aber das sind – so spüre ich öfters einmal – ganz unzeitgemäße Gedanken. Nur: Unser Briefautor scheint genau so zu denken und zu glauben.

 

Bevor wir einig und eins waren, hast Du, Gott, uns zusammengefügt. Wir alle sind mit dem Leben beschenkt durch Dich, getauft auf Deinen Namen geliebt von Dir. Du hast uns in Deine Gemeinde zusammengebracht – damit wir zusammen ein Licht für die Welt werden

Öffne uns die Augen füreinander – für die Gaben, die die anderen haben; für die Nöte, die anderen zu schaffen machen; für das Glück, das anderen zuteil wird; für den Schmerz, in dem andere unsere Nähe brauchen.

Du willst, dass in unserem Miteinander Freundlichkeit, Sanftmut und Geduld aufleuchten aus deinem Geist. Amen