Anbetung

Epheser 3, 14 – 21

 14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.

Ein Gebet. Ein Hymnus in diesem Brief, der regelrecht von Gebet zu Gebet zu wandern scheint. „Ein solches Gebet ist nicht zu analysieren wie ein philosophischer Text. Es ist nur meditativ nachzuvollziehen. Das schließt nicht das Bemühen um Verstehen aus. (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 38) Diese Leseanweisung ist mir wichtig, fordert sie doch zum Nach-Denken, Nach-Sprechen und dann auch zum eigenen Sprechen und Nach-Beten auf.

Der Schreiber nimmt den Lobgesang vorweg, den alle einmal am Ende der Zeiten  anstimmen werden. “Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“(Philipper 2, 9-11) Er ist in schwieriger Zeit, innerlich, schon am Ziel der Welt.

Es ist der Schritt, der sich löst von der Welt und doch darin die Welt ganz ernst nimmt, sie Gott zurückgibt. „In der Anbetung blicken wir ausschließlich auf Gott, lassen alles andere zurück und preisen ihn in reiner Bewunderung dafür, dass er der allein Heilige, der allein Mächtige, der allein Herrliche ist. Alles versinkt, es geht nur noch um seine Ehre.“(G. Lohfink. Am Ende das Nichts, Freiburg 2017, S. 290) Ganz ähnlich hat es wohl Jochen Klepper empfunden:

„Nun sich das Herz von allem löste,                                         was es an Glück und Gut umschließt,                                      komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste,                               der du aus Gottes Herzen fließt.

 Nun sich das Herz in alles findet,                                              was ihm an Schwerem auferlegt,                                              komm, Heiland, der uns mild verbindet,                                die Wunden heilt, uns trägt und pflegt.

 Nun sich das Herz zu dir erhoben                                             und nur von dir gehalten weiß,                                                  bleib bei uns, Vater. Und zum Loben                                        wird unser Klagen. Dir sei Preis!“                                                           J. Klepper, 1941, EG 532

Aus dieser Sicht des Himmels erwächst Kraft für die Erde. Kraft des Glaubens. Der Lobpreis des Vaters führt – bruchlos – zur Fürbitte für die Gemeinde. Dass sie stark werde, dass sie, die einzelnen Christen, innerlich wachsen mögen, dass sie immer tiefer in der Liebe ihren Lebensgrund finden möchten. Und im Glauben öffnen sie die Herzen für Christus.

Das ist mehr als richtige Sätze über Christus wissen. Das ist auch mehr, als ihn als den Retter der Welt verehren. Es ist eine Herzensbeziehung, eine Herzensverbindung, um die es ihm hier geht. Es ist durch und durch positiv gesehene Innerlichkeit, die sich an Jesus freuen kann. „Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude.“ (1. Petrus 1, 8) Unser Autor hat auf der Spur des Paulus keine Vorbehalte, vom inwendigen Menschen zu sprechen, weil er noch genug auch von den Aufgaben und Herausforderungen der Christen in ihrem Sein in der Welt zu sprechen haben wird.

Die Wendung dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne ist eine kleine Rechtfertigung des oft, auch von mir, ein wenig belächelten Kindergebets: “Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.”  Es unterscheidet diese Fürbitte für die Gemeinde von der Art unserer Fürbitten. Wir beten um Frieden in der Welt, um Rettung des Klimas, um Versöhnung von Feinden, um Schritte zu mehr Gerechtigkeit, um Heilung von Krankheit und für die Sterbenden. Alles ausgesprochen wichtig. Die Fürbitte des Schreibers dagegen geht einen Schritt weiter, tiefer auch. Da geht es um das Verwurzelt-werden in der Wirklichkeit Christi. Durchdrungen werden von seinem Geist, ihm regelrecht einverleibt.

Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, 18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.

               Wer die Liebe Christi erkennt, der wird erfüllt mit der ganzen Gottesfülle. Was sind das für kühne Worte. Wer die Liebe Christi erkannt hat, der ist eingetaucht in die Fülle Gottes. Da fehlt nichts mehr. Ich übersetze für mich: Wer den Gekreuzigten sieht, in ihm die Liebe erschaut, der hat alles. Da ist nichts mehr, was daneben noch nötig wäre zu erkennen, um das Heil zu erlangen.  In Christus wird den Christen, – mehr noch: der Welt -, alles geschenkt, was wir zum ewigen Leben nötig haben.

„Wenn ich nur dich habe,                                                         so frage ich nichts nach Himmel und Erde.                         Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,                so bist du doch, Gott,                                                              allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“                                             Psalm 73, 25-26

Daran bleibt kein Zweifel: Es ist nicht auszudenken, niemals ans Ende zu denken, was das ist: die Erkenntnis Gottes. Gott ist immer größer als all unser Verstehen und Begreifen. Sonst wäre er ja nur ein Gegenstand unter anderen Gegenständen.

Aber im Erkennen der Liebe Christiγνώσις ἀγάπην τοῦ Χριστοῦ – erschließt sich uns alles, was wir von Gott erkennen müssen, um ihm anhangen zu können, um uns von ihm geliebt zu wissen. „Erkennen“ ist dabei mehr als Verstehen, viel mehr auch als ein intellektueller Vorgang. Es ist ein Begreifen, das aus dem Ergriffen sein kommt, aus dem Berührt-Sein.

Hinter diesen Worten von dem Erkennen, das alles Erkennen übertrifft, höre ich auch eine polemische Auseinandersetzung mit Leuten, die auf eine Erkenntnis Gottes setzen, die aus Entrückungen, Himmelsreisen, geheimen Mysterien entsteht. Damit hat sich ja Paulus  schon auseinandersetzen müssen. 2. Korinther 12, 1 – 10 legt davon beredet Zeugnis ab.  Es ist der Apostel, der von allen Vorzügen des Menschseins und den tiefen Einsichten sagt: „Ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn.“(Philipper 3,8) Mit meinen Worten: Für den, der von Christus gerufen ist, gibt es keinen anderen Ruf mehr.

            „Das Defizit, das der Verfasser bei seinen Adressaten feststellt, ist ein Schwächezustand, der mit mangelnder Glaubenstiefe und -lebendigkeit zusammen hängt. Es ist ein äußerliches Christentum, das noch nicht genügend den „inneren Menschen“ ergriffen hat. Der Verfasser ist überzeugt, dass er dieses halbherzige Christentum zuerst nicht durch moralische Appelle heben kann, sondern der Stärkung durch Gott und seinen Geist anbefehlen muss.“  (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 136) Ich vermag nicht zu erkennen, dass eine Analyse des schwachen Glaubens der Epheser hinter den Worten des Schreibers steht. Sondern hinter ihnen steht die Erwartung, dass aller Glaube tiefer werden kann, stärker, noch mehr in Christus eingesenkt.

Es ist ein Denken, dass nicht dabei stehen bleibt: Sie sind gläubig geworden. Jetzt ist alles in Ordnung. Sondern der Weg es Lebens ist im Blick, der  ein Weg des Glaubens werden soll, Schritt um Schritt. Und die Überzeugung ist: Jesus in unseren Herzen – das wird wie von selbst dazu führen, dass er auch den Weg unserer Füße leitet, dass er den Händen Aufgaben stellt, die wir angreifen, dass er die Worte ordnet, die wir sagen. Das alles ist nicht Aufgabe, die wir zu meistern haben. Es ist Geschenk, das wir erbitten dürfen. Für uns selbst, für die Gemeinde.

             Das Gegenmittel gegen einen Stillstand im Glauben ist die Verlässlichkeit in der Liebe – zu Gott, zu Christus, zu den Brüdern und Schwestern. Wer sich in die Liebe Christi birgt, wird in ihr verwandelt, gestärkt, eingewurzelt und gegründet.

 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Über allen Worten liegt Staunen. Nie können wir von Gott groß genug reden. Nie können wir ihm genug Ehre erweisen. Alle unsere Worte sind zu gering, um sein Lob zu mehren. Und doch ist das unsere Bestimmung, über alles Denken, Fühlen und Tun hinaus: etwas zu sein zu seiner Ehre.

Ach nimm das arme Lob auf Erden,                                       mein Gott, in allen Gnaden hin.
Im Himmel soll es besser werden,                                          wenn ich bei deinen Engeln bin.
Da sing ich dir im höhern Chor                                                  viel tausend Halleluja vor.“     J. Mentzer 1704 EG 330

Der Briefschreiber hat bis hierher viel nachgedacht. Am Ende aber bleibt nur der erneute Gebetsruf. Weil Beten, Anbeten die Grundform und Schlussform des Glaubens ist?!

 

Gott, Du willst mehr schenken als wir erwarten. Du willst aus Deinem Reichtum geben, Güte und Geist, Freundschaft und Erbarmen, Gemeinschaft und Geduld. Du willst, dass Christus in uns sein Abbild findet, dass wir sind wie er, gütig, freundlich, barmherzig, versöhnlich, voller Liebe zu allem was lebt.

Warum nur vergessen wir so oft zu danken und zu bitten – für den Menschen neben uns                                                    – für die Gemeinde, in der wir leben                                          – für die Kirche, die uns Wege zum Glauben geöffnet hat?

Warum nur fällt es uns viel leichter zu kritisieren als zu bitten?

Gott, mit Deinem Geist erfülle uns. Danken für die Gemeinde lehre uns und bitten für die Menschen, mit denen wir unterwegs sein dürfen. Und lasse uns lieben aus der Fülle deiner Liebe. Amen