Auf gutem, neuem Grund

Epheser 2, 11 – 22

11 Darum denkt daran, dass ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart und Unbeschnittene genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind, 12 dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.

            Es gibt keinen Weg nach vorne ohne ein Erinnern an die Vergangenheit. „Es gibt Vergangenes, das nur vergangen und vergessenswert ist. Der Glaubende lebt aber von verpflichtenden Erinnerungen.“ (G. Zweynert, ebda.) Hier also geht es um solches Erinnern – denkt daran. Mit diesen Worten werden in der Gemeinde deutlich bestimmte Leute ins Auge gefasst: ihr, die ihr von Geburt einst Heiden wart. Es gibt also offensichtlich in der Gemeinde ehemalige Heiden, Griechen? Römer? Oder noch andere Nationalitäten? Jedenfalls werden nicht nur Juden angesprochen, die zum Glauben an Jesus gefunden haben.

Es sind Sätze, die beides gleichzeitig tun, Schmerzen anrühren und Hoffnung stärken. Nach beiden Seiten lesbar: „Heidenchristentum ist stets überwundenes Heidentum.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 25)   Die Vergangenheit bindet nicht mehr. Aber sie erinnert daran, dass gute Zukunft verpflichtet.

Es ist noch etwas zu spüren vom Überlegenheitsgefühl derer, die beschnitten sind. Die anderen sind Unbeschnittene. Zugleich meldet sich in den Formulierungen auch leise Kritik. Wer sich so überlegen fühlt, muss darauf achten, dass sein Beschnitten-Sein nicht nur äußerlich ist. Paulus kennt eine andere Beschneidung. „Der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.“ (Römer 2,29)  Auch nicht mit dem Messer. Auf diese andere Beschneidung setzt der Schreiber.

Er geht sogleich weiter. Er beschreibt das Leben ohne Christus – es ist die dunkle Folie, auf der der Glaubensgewinn umso heller strahlen wird: Ihr wart ohne Christus, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels, Fremde, ohne Hoffnung, ja, ohne Gott in der Welt. Es ist ein hartes Urteil, das sich auf das frühere Leben der Angesprochenen bezieht. Erst recht hart, wenn sie vielleicht doch durchaus in den Tempeln ihrer Zeit „heimisch“ waren. „Nicht eine  Bewusstseinshaltung, sondern ihr tatsächlicher Zustand trennte die Heiden von Gott und seinem Zukunft schenkenden Leben.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 111) Die Götter der Welt gelten unserem Briefschreiber nichts.  Und ihre Tempel genauso wenig, ob sie in Ephesus oder sonstwo stehen mögen, den Göttern geweiht oder einfach nur „Tempel“, wie es Stadien, Museen, Einkaufstempel, Geldhäuser  heutzutage sein mögen. 

In dieser Negativreihe  wird markant erkennbar, was Israel als Gaben Gottes hat, was sein Vorsprung gegenüber dem Heidentum ist: Hoffnung, Bürgerrecht, Heimat, Christus. Gott. Im Brief an die Römer wird das positiv so formuliert: Die Israeliten sind die, „denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.“ (Römer 9, 4-5) Dieses Bild steht auch hinter den Worten des Epheserbriefes. Es wird auch hier nicht in Frage gestellt.

13 Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi. 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden “eines” gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft.

                      Durch Christus Jesus sind die früheren Heiden anschlussfähig geworden. Sie haben jetzt Anteil an den Gaben, die Israel schon längst empfangen hat. Sie sind Nahe geworden. Das zeigt sich auch darin, dass die Feindschaft χθρα – aufgehoben ist. Der Abstand ist überwunden. Die Fremdheit ist weg. Das ist geschehen im Blut Christi. Hier wird „auf das kirchliche Glaubensbekenntnis mit seiner Lehre vom Sühnetod hingewiesen.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 99) So wie es Paulus nach Korinth geschrieben hat: „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift.“(1. Korinther 15,3)  

    Wenn hier von Feindschaft  die Rede ist, so ist damit eine tiefsitzende Fremdheit gemeint. Vielleicht geht es aktuell nicht um Leute, die sich prügeln oder sich anfeinden. Aber hinter den Worten liegt auch die Erfahrung eines Antisemitismus, der schon damals weit verbreitet ist und kultiviert wird. „Die Skizze der jüdischen Geschichte, die Tacitus seinen Historien eingefügt hat, atmet die volle Verachtung des kultivierten Römers gegen dieses Götter und Menschen hassende, einem absurden Aberglauben ergebene, verächtlichste aller Sklavenvölker.“( H. Lietzmann, Geschichte der Alten Kirche I, Berlin 1932, S. 81)  Wo so übereinander gedacht wird, wachsen Trennungen, die keine Gemeinschaft entstehen lassen, kein Miteinander erlauben.

Die Ursache dieser tiefen Feindschaft ist in der Sicht des Autors dennoch nicht einfach nur der alltägliche Antisemitismus, sondern tiefer gehend und geistlich gedeutet der Zaun, der dazwischen war. Damit wird vermutlich auf das Gesetz Israels angespielt. „Mose umzäunte die Israeliten mit einem undurchdringlichen Gehege und mit eisernen Mauern, damit sie mit keinen der anderen Völker Gemeinschaft pflegten…. Die Tora galt dem Judentum als göttlicher Schutzzaun von kosmischer Relevanz.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 114)

      Es ist nicht sonderlich schwierig, für diese Sicht Belege in den Schriften des AT zu finden  „Denn wenn ihr euch abwendet und diesen Völkern, die noch übrig sind, anhangt und euch mit ihnen verheiratet, dass ihr zu ihnen eingeht und sie zu euch, so wisst, dass der HERR, euer Gott, nicht mehr alle diese Völker vor euch vertreiben wird, sondern sie werden euch zum Fallstrick und Netz werden und zur Geißel für euren Rücken und zum Stachel in euren Augen.(Josua 23, 12-13)

            Und ähnlich eindrucksvoll: Und das übrige Volk, Priester, Leviten, Torhüter, Sänger, Tempelsklaven und alle, die sich von den Völkern der Länder abgesondert haben und sich zum Gesetz Gottes halten, samt ihren Frauen, Söhnen und Töchtern, alle, die es verstehen können: sie sollen sich ihren Brüdern, den Mächtigen unter ihnen, anschließen und der Abmachung beitreten und sich mit einem Eid verpflichten, zu wandeln im Gesetz Gottes, das durch Mose, den Knecht Gottes, gegeben ist, und alle Gebote, Rechte und Satzungen des HERRN, unseres Herrschers, zu halten und zu tun.“(Nehemia 10, 29-30) So werden scharfe – und sicher auch verletzende – Grenzen gezogen.

Umso wichtiger: Das gilt nicht mehr. An die Stelle der Fremdheit und Feindschaft ist Christus getreten. In Christus ist eine neue Wirklichkeit auf dem Plan. Er ist unser Friede. Durch ihn hat der Zaun seine Macht verloren. Er ist eingerissen, abgebrochen. Die Mauer ist weg. Vielleicht ist das Geschehen des 9. November 89 ein wenig als Bild geeignet. Da wird Trennung wirklich aufgehoben. Auch wenn es lange dauert, immer noch, bis der äußere Vorgang im Inneren angekommen ist. Das wird auch in den jungen Gemeinden aus Juden, die an den Messias Jesus glauben und Heidenchristen ein lang andauernder Prozess gewesen sein.

Alle Unterschiede haben ihre trennende Macht verloren. Ein Erklärungsversuch: Durch Christus ist, was vorher erstrangig war, was Juden und Heiden trennen musste, zweitranig geworden. Erstrangig ist nur noch: Zu ihm, Christus, gehören. durch ihn versöhnt mit Gott. Das hat zur Folge. Alte Identitätsmarker wie Sabbat, Gesetz, Reinheitsvorschriften haben ihre Macht verloren. Vor allem ihre trennende Macht. Sie sind nur noch „religiöse Folklore“.  So zu denken lässt mich die Nähe zur eigenen Lebensgeschichte spüren. Für mich ist zweitrangig geworden, ob einer nach deiner Herkunft Katholik, Lutheraner, Reformierter oder Baptist ist. Das sind religiöse, konfessionelle Spielarten, biographisch und emotional noch einigermaßen wichtig. Aber im Blick auf die Ewigkeitsbindung in Christus irrelevant. Unsere Identität ist, dass wir in Christus einverleibt sind. Diese Erfahrung versöhnter Vielfalt ist in meiner Biographie lebensgeschichtlich verankert.

15 Er hat das Gesetz, das in Gebote gefasst war, abgetan, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache 16 und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst. 17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. 18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

Es scheint, der Schreiber kann gar nicht anders als dieses Geschehen zu besingen. „Wir werden gerne diese Verse zu den Christushymnen des NT zählen.“ (G. Zweynert, aaO. S. 27) Immer wieder die gleiche Wendung: durch ihn, in ihm, in sich selber. Das Neue im Leben der Christen hat seinen Haltepunkt in der Person Jesu Christi. Er ist der „Lebensraum“, in dem die neue Wirklichkeit Kraft gewinnt. Er ist der neue Weg zueinander. Er ist der Weg, auf dem Gott zugänglich wird. Sein Kommen macht den Weg zum Vater frei.

Wenn es heißt, dass Christus im Evangelium Frieden verkündigt, so ist das nicht nur Ankündigung, Worte über den Frieden. Es ist  eine Proklamation, die den Frieden in Kraft setzt. Sein Wort tut, was er sagt. Sein Leben wirkt. Seine Hingabe am Kreuz bewirkt unsere Versöhnung – die der Fernen und die der Nahen. „Das Kreuz ist nicht nur eine vergangene Tatsache, sondern als heute wirkende Macht da, eben in der Verkündigung des Friedens. (H. Conzelmann, aaO. S. 100) Mir liegt es näher zu sagen: Es ist der Gekreuzigte, der da ist im Geist , heute wirkend als der Friedensfürst.

Wieder gefällt mir, wie sorgfältig `Paulus’ formuliert. Wir werden versöhnt mit Gott. Nicht Gott wird versöhnt mit uns. Es sind unsere Vorbehalte, unsere Fremdheit, unser Eigensinn, die überwunden werden müssen und überwunden werden. Gott hat immer schon den Weg offen gehalten, hat sich nie vor uns und für uns verschlossen. In Christus sehen wir, dass die Tür offen ist. Unsere Blindheit ist geheilt. Unsere Befangenheit hält uns nicht mehr fern von Gott. Er hat den Weg frei gemacht – für uns.

19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, 20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, 21 auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. 22 Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

So. Weil das alles gilt. Wirklich ist. Darum haben wir jetzt Bürgerrecht im Himmel. Darum sind die Christen schon jetzt mit doppelter Staatsbürgerschaft unterwegs – hier auf der Erde, aber schon gewiss: Da ist ein Platz für mich bereitet. Nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Nicht mehr Leute zweiter Wahl. Gäste bleiben nicht für immer. Fremdlingen haben nicht den Status wie die, die Bürger sind. Das alles ist Vergangenheit. Jetzt gilt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?“ (Johannes 14,2) Weil Christus schon Quartier gemacht hat, sind wir nicht mehr auf Quartiersuche. Wir wissen, wohin wir gehen.

Der Schreiber bleibt nicht dabei stehen, dass die himmlische Wohnort-Frage für die Zukunft geklärt ist. Er sieht schon hier, jetzt, den Bau, in dem Christen beheimatet werden – die Gemeinde. In diesem so vorläufigen, unfertigen Bau auf Erden ist die himmlische Heimat vorweg genommen. Der Himmel findet sein Vorspiel auf der Erde. Die Gemeinde – Wohnung Gottes in der Welt, heiliger Tempel in dem Herrn. Größer kann man von der so unvollkommenen Gemeinde nicht reden.

Einmal mehr werden hier Gedanken des Paulus aufgenommen, umgeschrieben, aktualisiert. Der einzelne Christ – Tempel des Heiligen Geistes (1.Korinther 6,19), Ort der Anwesenheit Gottes in der Welt. Es sind atemberaubende Sätze. So etwas von der Gemeinde, von uns selbst zu sagen, trauen wir uns meistens nicht. Weil wir nur Augen haben für die Wirklichkeit vor Augen. Und es nicht vermögen, uns und die Gemeinde so zu sehen, wie Gott uns sieht, wie es diese Worte eines Paulus-Schülers sagen.

 

Herr Jesus Christus, Du bist zur Erde gekommen, in die Armut, in die Angst, in den Schmerz, in die vergehende Zeit. Du hast uns Deine Nähe geschenkt. Du willst aus unserem Leben ein Haus in Deinen Händen werden lassen.

Du willst, dass wir in Deiner Gemeinde ein Zuhause in der Zeit erfahren, mit offenen Türen, bergenden Räumen, wärmender Nähe, mit Wegen ins Freie.

Wie sehr brauchen wir das, festes Fundament, auf dem wir stehen können, Brot und Wein, von denen wir uns nähren können, Worte, die uns zur Klarheit helfen, Freiheit, in der wir aufatmen können, Nähe, aus der wir Stärke empfangen.

Komm und wohne unter uns. Lass uns bei Dir wohnen. Lass Deinen Geist in uns wohnen. Lass unsre Gemeinde zur Wohnung werden für die, die heimatlos unterwegs sind, damit wir alle die verheißene Heimat glauben können, die im Himmel ist. Amen