Aus Gnade

Epheser 2, 1 – 10

1 Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

            Der Glaube macht nicht blind, auch nicht für die eigene Vergangenheit. Der Glaube öffnet die Augen und lässt nicht zu, dass man sich über sich selbst in die Tasche lügt. So lenkt der Schreiber den Blick seiner Leser auf ihre Vergangenheit. Ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden. „Wie ein Leichnam nichts hört, nichts sieht, nichts fühlt, sondern kalt und bewegungslos daliegt, so ist es mit dem natürlichen Menschen.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 80)  Dieses Urteil gilt im Hinblick auf die Beziehung zu Gott. Da war nichts. Funkstille. Ihr standet unter fremder Herrschaft. Ihr wart den eigenen Begierden unterworfen. Freiheit war ein Fremdwort.

Solche Worte haben bei uns keinen guten Klang. Ihr wart tot durch eure Übertretungen klingt nach moralischer Überlegenheit, nach arrogantem, hochmütigem Aburteilen. Nur mühsam gemildert durch das wir, in dem sich der Verfasser mit seinen Adressaten zusammen schließt. Das Schema „früher-jetzt“ ist unter Verruf. Unter dem Verdacht für „jetzt“ so etwas wie eine moralische Integrität zu behaupten. Auch einfach nur ein rhetorisches Schema zu sein. Aber hier beschreibt es die Wirklichkeit der Lesenden. Sie haben einen Wandel, einen radikalen Wechsel erlebt.  Ihre frühere Zeit wird „nicht dem konfrontiert, was sie sind, sondern wozu sie gemacht sind.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 95)

Nicht nur sie – im „wir“ und „unser Leben“ schließt sich der Schreiber mit ihnen zusammen. Das widerspricht ein wenig einem Verständnis,  das in diesen Worten nur frühere Heiden angesprochen sieht, im Unterschied zu Menschen, die zu den an Jesus gläubigen Juden gehören. Der Autor  redet auch von seiner eigenen Erfahrung, der früheren Unfreiheit und dem Aufatmen jetzt. Es ist wichtig: „Durch die ganze Darstellung hindurch ist festgehalten, dass der Blick des Glaubens nie auf die eigene Frömmigkeit gerichtet ist, sondern auf die Gabe Gottes, durch die er jeden Augenblick lebt.“ (H. Conzelmann, S. 97f.)  

            Es mag sein, dass uns diese Erfahrung des radikalen Wechsels heute weitgehend abgeht. Aber damit fehlt uns etwas und wir können nicht einfach diese Tatsache für die Normalität des Christseins erklären. Weil wir diese Sicht haben – wir waren immer schon Christen und machen allenfalls Wissens-Fortschritte -, deshalb können wir den durchaus auch heute noch möglichen radikalen Wechsel im Begreifen der Existenz, im Selbstverständnis, in den Lebensgrundlagen nicht einfach zur Seite schieben.

Es gibt bis heute solche Konversionen, gegen alle religiöse Theorie, mitten in der Christenheit. Aus der Gleichgültigkeit zum Glauben. Aus der Gottesfremdheit zum Leben mit dem nahen Gott. Aus dem „Mit Gott habe ich nichts am Hut“ zu: „Ohne Christus kann ich nicht mehr leben.“ Dass man nicht nur dazu lernt, sondern einem regelrecht die Augen aufgehen – für die eigene Verlorenheit und Verlogenheit und für das Geschenk der Freiheit in Christus. Auf einmal ist das eigene Leben auf neuen, festen Grund gestellt.

Es gibt das wirklich. Gleichzeitig gestehe ich mir ein: Es ist nicht meine Art, über meine Vergangenheit so zu denken und zu reden. Im Rückblick sehe ich mich als einen ganz normalen Heranwachsenden, beschäftigt mit Schule, Studium und Sport, verliebt und manchmal auch nachdenklich über das Leben. Wenn mir damals einer gesagt hätte: Du bist lebendig tot – ich hätte ihn nicht verstanden.

Heute verstehe ich, was gemeint war. Im Rückblick. Im Nachhinein. Von dem her, was sich da in mein Leben hinein ereignet hat. Nichts hat im Vorher im Früher für das Jetzt gesprochen. Da ist kein sanfter Übergang. Kein Lernweg. Da hat sich eine Wirklichkeit in mein Leben hinein ereignet, von der ich vorher nicht wusste. Obwohl ich biblische Unterweisung erlebt habe, ernsthaft konfirmiert war, häufig und gewohnheitsmäßig im Gottesdienst.

4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, 5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -; 6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, 7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Von diesem Wechsel ist nun die Rede. Aber nicht im Blick auf die innere Befindlichkeit, – “Der Glaubensstand wird nicht psycholgisch analysiert”( H. Conzelmann, ebda.) – sondern im Blick darauf, worin dieser Wechsel seinen Grund hat. Was da geschieht, ist „Totenauferweckung“. Das ist schon ein starkes Wort, aber bewusst gewählt. Das Leben vorher ist ein Sein zum Tode – ohne Christus, versklavt, den Sünden unterworfen. Weil es „goldene Ketten“ sind, die binden, spürt man sie nicht so, nimmt sie nicht wahr. Aber es bleiben Ketten. Begierde, Gier, Hass, Selbstsucht, Karrieregeilheit, Egoismus – alles Verhaltensweisen, die isolieren, nur das eigene Selbst kennen. Keinen Gott, keinen Nächsten. Und darin tödlich sind.

Aus diesem Leben sind „wir“ – wieder schließt der Schreiber sich mit ein – heraus geholt durch die Barmherzigkeit, durch die Liebe, die uns in eine neue Existenz regelrecht eingesetzt hat. συνεκάθισεν  kommt von dem Wort καθέζω – „jemand einsetzen, aufstellen“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 397). Die Vorsilbe ist ein Hinweis darauf: Solches eingesetzt werden ist ein Geschehen, das mit anderen zusammenfügt, kein Auftakt zu einem Alleingang. Wir als Gemeinschaft leben in einem neuen Land – so könnte man auch sagen, unter neuen Bedingungen. Im Himmel sagt unser Schreiber. Nicht entrückt, aber schon unter anderem Vorzeichen.

Er bedient sich einer Sprache, die eng an Vorstellungen der Himmelsreise grenzt, wie sie Gnostiker behaupten und lehren, wie sie in Korinth die Gemeinde fast gespalten hat. Aber er fordert keine Himmelsreisen, sondern bindet dieses eingesetzt im Himmel ausdrücklich an Jesus Christus. An die Schicksalsgemeinschaft mit ihm, die gegenwärtige und die zukünftige. Darum spricht und schreibt er mit großer Gewissheit: Das ist erst der Anfang. Es geht der Erfüllung, der Vollendung entgegen. Das ist Futur, Zukunftsmusik. Aber nicht Vertröstung, sondern gesprochen aus dem Wissen: Gott bringt ans Ziel.

8 Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, 9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. 10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Ein Wechsel ist das, den nicht wir von uns aus herbeigeführt haben. Eine Wende, die nicht wir ins Werk gesetzt haben. Dieses neue, andere Leben ist Gottes Werk. Nichts daran ist erarbeitet, nichts angestrebt, nichts erlernt, nichts verdient. Allein aus ihm, aus seinem Willen. Aus Gnade. χρις Gratis. Geschenkt. Und die Weise, wie wir dieses Geschenk erfassen, ist durch den Glauben. δι πστεως. Es sich gefallen lassen, was Gott in Christus getan hat. Sich beschenken lassen. Leere Hände hinhalten, damit er sie füllen kann.

Auch daran liegt dem Schreiber viel: Es ist nicht nur ein verändertes Handeln, das aus dieser Wende entsteht. Wir sind andere geworden. Unser Wesen. Unser Existenzgrund. Wir leben von anderen Voraussetzungen her, nicht mehr nur aus unserer Natur. Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken. Es ist bewusste Wortwahl, die das Werk Gottes   und die guten Werke der Christen zusammen zieht, und doch auch unterscheidet – hier ποίημα, das Gemachte, in dem noch die Schöpfung mit anklingt, dort έργον, das Werk, die Tat, die immer schon auf dem aufruht, was der Schöpfer aus uns gemacht hat. Es ist die Übersetzung Luthers, die beiden noch näher zusammenrückt, fast Gleichklang erzeugt. Aus diesem neuen Sein kommt auch ein neues Handeln, anders, Gott entsprechend. Gut.

Die Schriften des Neuen Testamentes kennen die Angst vor den guten Werken nicht, die man vor allem Lutheranern nachsagt. „Aus Gottes Gabe erwächst auch unsere Aufgabe, das neu geschenkte Leben „in guten Werken“, in unserem Lebenswandel, sich auswirken zu lassen.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 99) Weil wir Gottes gutes Werk sind, kommen doch geradezu zwangsläufig auch gute Werken aus unserem Handeln heraus. „So bringt jeder gute Baum gute Früchte.“ (Matthäus 7,17) Anders gesagt: Unsere guten Werke „folgen der Gnade nach; jetzt erst sind die möglich.“ (H. Conzelmann, aaO. S. 98)  

 Wohl wahr: Das geht nicht wie von selbst, automatisch. Obwohl es auch das als Trost gibt für alle, die sich allzu sehr grämen, wenn sie das Reich Gottes nicht herbei führen können durch ihr Tun: „Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“ Markus 4, 26-28) Da steht wirklich αυτομάτη, wie von selbst, automatisch.

Aber das will der Schreiber schon sagen: Wo einer, eine, aus diesem neuen Stand lebt, in den sie, ihn, Christus eingesetzt hat, seine neue Existenz annimmt, die uns geschenkt ist, da wird auch sein Handeln sich verändern.. Weil er anfängt zu tun, wozu ihn Gott geschaffen hat, was er ihm schon vorbereitet hat. So ist es also mit den Werken: „Wir leisten sie nicht, aber wir sollen und können sie tun; sie sind eine von Gott dargebotene Möglichkeit, in welcher wir verwirklichen können, was wir aus Gnade schon sind.“ (H. Conzelmann, ebda.)  

Mir kommt ein Bild: Wir laufen in einem Parcour, den nicht wir zusammengestellt haben, den wir aber absolvieren sollen: Taten der Liebe wirken, Wege der Gerechtigkeit gehen, Worte voller Erbarmen zusprechen, Rückenwind für Mutlose werden. Das will Gott durch uns in dieser Welt wirken.

 

Gott, Nähe und Ferne, Kontakt und Distanz gehören zu unserem Leben. Mancher ist uns zu nahe getreten und deshalb halten wir uns von ihm fern. Anderen fühlen wir uns nahe und erfahren doch, wie fremd sie uns bleiben.

Wir kennen die Angst vor zu großer Nähe und genauso die Angst vor zu großer Ferne. Wir kennen die unsichtbaren Wände und Grenzen, die uns oft genug nicht den Weg zueinander finden lassen.

Du, Gott, hast Dich über alle Grenzen hinweg gesetzt. Du hast Dich auf den Weg zu uns gemacht. Du bist uns nahe gekommen – so nahe, dass wir zu Dir beten können, – so nahe, dass wir Dir ins Gesicht sehen können, – so nahe, dass wir Deine Liebe spüren können, – so nahe, dass wir Deine Kinder sein dürfen.

Gott, Deine Nähe macht uns Mut, anderen Nähe zu schenken und uns selbst Nähe schenken zu lassen. Amen