Hinsehen lernen

Epheser 1, 15 – 23

15 Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, 16 höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, 17 dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen.

Die Danksagung an Gott ist zu Ende. Jetzt wendet sich `Paulus’ an seine Leser. Noch einmal mit einer Danksagung. Was er von ihnen hört über ihren Glauben und ihre Liebe, macht ihn froh. Das lässt ihn Gott preisen. Es mag sein: „Die frühe Christenheit war bedroht von einem pneumatischen Überschwang.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 22) Für den Briefschreiber gilt das nicht.  Er ist trotz all der Himmelsworte nicht in den Himmel entrückt. Er sieht sehr wohl, was in der Gemeinde ist. Aber was er da an der Gemeinde sieht, lässt ihn Gott preisen.

Bei der Dankbarkeit bleibt er nicht stehen. Sondern geht weiter, immer weiter. „Es ist selten, dass Menschen einmal mit Danken anfangen, seltener, dass sie mit Danken fortfahren, am allerseltensten aber ist, dass sie nicht aufhören mit Danken.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 72)  Sein Danken führt ihn weiter zu seiner Bitte um den Geist, damit seine Leser*innen Gott, den Vater der Herrlichkeit erkennen. Kennen sie ihn denn noch nicht? Sie sind doch schon Christen! Geht es um besondere, außergewöhnliche Geisterfahrungen?

Ich greife zu einem Beispiel aus meinen eigenen Leben. Über vierzig Jahre verheiratet lerne ich meine Frau Tag um Tag kennen. Ich kenne sie schon – und lerne sie doch noch immer neu kennen. So ähnlich lese ich diese Bitte. Sie sollen nicht einfach stehen bleiben bei dem, was sie von Gott, von Christus schon wissen, sich nicht einrichten in ihrem Wissen. Es ist immer gefährlich, wenn der Christ irgendwann beschließt: Jetzt weiß ich alles. Gefährlich, weil dann aus dem Weg des Glaubens ein Standpunkt wird, meinethalben ein christlicher Standpunkt. Christen stehen aber, so unser Briefschreiber, nicht wie ihre eigenen Denkmäler irgendwann fest auf einer erlernten, auch erfahrenen Position – sie sollen unterwegs bleiben zu neuem Erkennen. Dazu braucht es den Geist der Weisheit und der Offenbarung .Auf dem Weg des Glaubens lernen sie Gott immer neu und immer tiefer kennen. Auf dem Weg hier – auf dieser Erde.

18 Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist 19 und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, 20 mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel 21 über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. 22 Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, 23 welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

            Wieder kann es so scheinen, als verlöre er die Christen auf der Erde aus den Augen, weil er nur noch über den Christus schreibt. Er ist fasziniert von dem Christus, weil er fasziniert ist von dem, was die Christen an ihm haben. So sollen seine Leser*innen auch in Ephesus sehen lernen. Zu solchem Sehen braucht es erleuchtete Augen. Damit es gelingt, der Blick weg von sich selbst – auf Christus.

Sieh nicht an, was du selber bist                                                       in deiner Schuld und Schwäche.                                                      Sieh den an, der gekommen ist,                                                    damit er für dich spreche.                                                                Sieh an, was dir heut widerfährt,                                               heut, da dein Heiland eingekehrt,                                               dich wieder heimzubringen                                                             auf adlerstarken Schwingen.

 Sieh nicht, wie arm du Sünder bist,                                              der du dich selbst beraubest.                                                           Sieh auf den Helfer Jesus Christ!                                                   Und wenn du ihm nur glaubest,                                                    dass nichts als sein Erbarmen frommt                                          und dass er dich zu retten kommt,                                              darfst du der Schuld vergessen,                                                          sei sie auch unermessen.                                                                                       J.  Klepper, EG Württemberg 539,1-2

Seine Kraft wirkt in den Christen. Von ihm her sind sie, die vor der Welt die Stärksten nicht sind, stark, gehalten, getragen, geschützt. Vielleicht darf man wieder einmal Paulus mithören: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. Christus. (Philipper 4, 13) Damit sie so von sich denken können, schreibt `Paulus’ so über Christus.

Alles, was er hier schreibt, dient ja der Vergewisserung: Wir haben einen Herren, bei dem wir gut aufgehoben sind. Wir haben den zum Herren, der durch den Tod gedrungen ist, der über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen, gesetzt ist, Macht hat. Nichts kann uns von ihm scheiden. Und noch einmal – so klingt das im Original: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8, 38-39)

Es bleibt eine lebenslange Aufgabe für Paulus-Schüler, damals wie heute: Die Worte nachsprechen zu lernen und darin der Gemeinde den Rücken zu stärken.

Die Herausforderung für uns Heutige besteht darin, dass die Stärkung der Christen vom Autor des Epheser-Briefes, aber beileibe nicht nur von ihm, davon erwartet wird, dass wir aufsehen lernen auf den Christus im Himmel, dass wir wegsehen lernen von unseren eigenen Befindlichkeiten, die uns oft genug herunter ziehen, und uns festmachen in dem, was Gott in Christus für uns getan hat. Ich-Stärke, Glaubens-Stärke gewinnst du so, dass du auf Christus blickst. Glauben stärken geschieht – so sagt es Klepper und so sieht es unser Brief – im Blick auf das, was Gott getan hat, an Christus getan hat an ihm für uns getan hat.

Das ist keine fraglose Position. Sie wird nicht nur heute deutlich in Frage gestellt, erscheint frag-würdig. „Man kann fragen, ob diese Art unmittelbarer Zuwendung zu Gott nicht doch von den harten Aufgaben der Erde entfremdet. Die Gefahr ist nicht zu leugnen. Wer in dieser Weise sein Herz zu Gott erhebt, kann leicht den Blick für die Dunkelheiten und Schwierigkeiten der irdisch-geschichtlichen Erfahrungswelt verlieren.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S. 67)

Aber ist es nicht so: Der ganz in Gott, in dem Vater, geborgen seinen Weg geht, Jesus, der lässt das Leid der Welt an sich heran wie kein anderer. „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ Matthäus 9,36. Es geht ihm an die Nieren, macht ihm körperlich zu schaffen. Und sein Weg ist ein einziges diesen Schmerz auf sich Nehmen.

Es könnte ja auch so sein: Je mehr ich in Gott geborgen bin, je mehr mein Blick an ihm hängt, umso mehr kann ich mich auf die Welt einlassen, ihren Schmerz an mich heran lassen. „Wer in Gott eintaucht, wird bei den Armen auftauchen…Wer wirklich mit dem Gott der biblischen Tradition vertraut wird, wer mystisch in diesen Gott eintaucht, der wird von Gottes Art. Gottes Art aber heißt in Exodus 3,7: Ich kenne ihr Leid“ (P. Zulehner, in: Gottes Lust am Menschen,  aus der Praxis – für die Praxis, Ausgabe 2000,AMD Westfalen, S. 28) Also: Keine Angst, dass wir zu sehr auf Gott schauen könnten und darüber welt-vergessen werden könnten.

 

Herr Jesus, wenn ich auf Dich sehe, werde ich nicht blind für das Leid um mich herum, den Schmerz des Lebens, das Unrecht, unter dem viele leiden. Ich werde nicht blind dafür, dass wir als Kirche nicht mutig genug sind, zu oft schweigen.

Wenn ich auf Dich sehe, mich von Dir berühren lasse, gehen mir die Augen auf und ich nehme Teil an Deinem Schmerz, aber auch an Deiner Stärke. Amen