Von Anfang an

Epheser 1, 11 – 14

 11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens; 12 damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.

            Immer noch: in ihm. In Christus. Darum kreisen die Verse 3 – 14. In Christus haben sie ihre Mitte. Es ist eine einzige, weit ausgreifende Darstellung dessen, was den Christen mit Christus, in Christus gegeben ist. Darstellung ist dabei ein sehr zurückhaltendes Wort. Denn im Grunde ist dieser ganze Abschnitt ein großes Gebet. Beschreibendes Lob nennt man so etwas in den Psalmen. Genauso empfinde ich auch diese Passagen: Sie sind beschreibendes Lob der Gaben Gottes an uns, zugeeignet in Christus.

In Christus – das ist eine Wendung, die Paulus oft hat. Das neue Leben der Christen ist ein „in Christus sein“. Vielleicht am deutlichsten: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17) Man mag das mystisch nennen. Aber es ist klar, worum es geht: Um Schicksalsgemeinschaft, um Lebensgemeinschaft. Unterschieden und doch untrennbar. Glauben ist mehr als ein paar Überzeugungen über Gott und die Welt haben, die sich an diesem Jesus Christus aufhängen. Glauben ist eine Zugehörigkeit zu ihm, die sich mit diesem geradezu räumlichen in Christus am stärksten ausdrücken lässt.

In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden ist wörtlich anders zu übersetzen: „In ihm empfingen wir auch unser Los.“ (H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976,  S. 89) Was uns vor dem Wort Los zurückschrecken lässt, ist die Zufälligkeit. Los ist uns immer zufällig. Aber im Griechischen steht – einmalig im ganzen Neune Testament κληρθημεν. κληρόω -„losen, das Los werfen, durchs Los bestimmen, auswählen. Durchs Los zugeteilt bekommen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 440) Man wird also zu fragen haben: Warum wird dieses Wort verwendet, das im Gegensatz zum Erben steht. Erben – das klingt nach Rechtsanspruch. Los – schließt jeden Rechtsanspruch aus. „Ohne menschliches Zutun ist dieses „durchs Los getroffen worden sein“ geschehen, oder anders ausgedrückt: Dieses „das Los ist uns gefallen“ heißt: ohne eigene Arbeit oder eigenes Verdienst ist die uns zugedachte Verheißung unser geworden.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 66) So also gehören wir zu Gott –  durchs Los.

             Diese Zugehörigkeit ist gewollt. Zu ihr sind wir vorherbestimmt. „Der Verfasser beschreit den Weg von der (vorzeitlichen) göttlichen Erwählung zu unserer (geschichtlichen) Wahl. Zwei Ebenen stoßen aufeinander und dürfen doch nicht ineinander geschoben werden.“ (G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 21) Unsereins hört hier sofort das schwierige Wort „Prädestination” mitschwingen. Aber es geht auch hier nicht um Grundlagen oder Ansätze einer Lehre über das unfassbare Geheimnis der Prädestination, sondern es geht um Zuspruch, um Ermutigung, um Rückenstärkung. Um Vergewisserung der Leser*innen in ihre Lebens-Situation hinein, die angefochtener sein wird als unsere Sicherheiten in unserer Zeit uns erfahren lassen. Wo das überlesen wird, wird alles Lesen in eine falsche Richtung gelenkt.

Das ist der Zielpunkt der Sätze, die Zusage: Gott bleibt sich in seinem Wollen und Wirken treu. Er verliert sein Ziel mit uns nie aus den Augen. Dahinter steht wohl  auch die Erfahrung des Heiligen Geistes, der die eigene Existenz, das eigene Wollen im Willen und Wollen Christi verankert. Es entsteht so etwas wie eine Willensübergabe und Willensübernahme. Bei Paulus klingt das dann so: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20) Existenzeinheit, die doch nie dazu führt, dass das eigene Ich sich auflöst, verschwindet im All-Einen, wie ein Tropfen im Meer. Es bleibt im Glauben bei dem Gegenüber von Christus und dem Gläubigen.

Darum auch: Erben. Subjekte, Personen, Menschen, an denen Gott handelt. Denen er zueignet, was ihm gehört. Wieder wird  der Bogen weit zurück gebunden in allen Anfang: Vorherbestimmt. „Sofern Gott seinen Heilsplan in (dem präexistenten ) Christus fasste, hat er auch uns schon „in Christus“ in seinen Plan einbezogen.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982, S. 51) Wir sind von Anfang an mit gemeint. Ob man das „Krone der Schöpfung“ nennen muss, weiß ich nicht. Aber es gibt jedem – Mann, Frau, Kind, Greis, klug oder weniger klug, schön oder weniger ansehnlich, erfolgreich oder „Fußmatte“(C. Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenick, S. 102), Lebensverlierer und Lebensgewinner, unendliche Bedeutung.

          Schlicht gesagt: Weil Christus von Ewigkeit her ist, sind wir auch in ihm von Ewigkeit her erwählt. Das ist kein Grund zu Hochmut, zu Selbstüberschätzung. Ich stimme ausdrücklich zu: „Das damit für die Christen begründete Erwählungsbewußtein gibt jedoch keinen Grund zu elitärer Überheblichkeit.“(R. Schnackenburg, aaO. S. 51) Aber es führt eben zu dieser Anbetung, wie wir sie lesen und wie sie uns hingehalten wird zum Mitbeten.

13 In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, 14 welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.

Jetzt wird aus der Anbetung noch einmal deutlich Zuspruch. Das alles gilt euch. Wort der Wahrheit –  Λόγος τῆς ἀληθείας – das Wort, das von Ewigkeit her unverändert gültig und fest ist, belastbar, das sichere Schritte möglich macht. Was der Autor sagt, stellt er seinen Lesern vor Augen, damit sie sich selbst verstehen lernen – nicht aus dem, was sie von Natur her sind, sondern von dem her, was sie durch das Evangelium sind, was sie durch Gottes Gabe an sie sind. Es ist ein neues Existenzverständnis, um das er ringt. Sich selbst begreifen von Christus her. Sich selbst verstehen als in Christus. Sich selbst erkennen als von Anfang an geliebt und für das großes Ziel, die Ewigkeit, bestimmt.

Das ist der Schritt über die Geschichten der Evangelien hinaus. Geht es da um Begegnungen in der Zeit, in denen Menschen heil werden, so wird hier der weite Horizont aufgerissen: Hinter den „zufälligen“ Begegnungen und Erfahrungen steht  ein umfassender Heilwille und Heilsplan Gottes. Für Zeit und Ewigkeit will er uns gewinnen, seine Welt. Das ist die Erkenntnis, die sich im Glauben an Jesus Christus erschließt und über die man wohl nie genug staunen kann. Ich jedenfalls kann es nicht.

Diese Erkenntnis wird uns eröffnet durch den Heiligen Geist. So das übereinstimmende Zeugnis der neutestamentlichen Autoren. Und sie gewinnt prägende Stabilität im Leben durch den Heiligen Geist. Das meint in meinem Denken das Wort versiegelt. Was – auf dem Hintergrund Los – wie eine wackligen Angelegenheit wirken könnte, das wird hier regelrecht notariell beglaubigt, befestigt. Eben besiegelt. σφραγζω – „versiegeln, verschließen, bekräftigen.“(Gemoll, aaO. S. 724) Es ist Gottes Siegel, das wir tragen und das bedeutet: „Der Siegelnde hat auf den versiegelten Gegenstand einen rechtlich gültigen Anspruch. Der versiegelte Gegenstand ist vor einem fremden Anspruch geschützt.“ (F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 70) Es mag sein, es gefällt nicht, dass von uns wie von einem „Gegenstand“ die Rede ist. Aber es geht um die rechtliche Gültigkeit: Der Geist ist die Anzahlung, die erste Rate und sichert das Besitzrecht Gottes. Aber er hat in sich schon das Versprechen der Fülle. Mit dieser Anzahlung ist schon jetzt  alles anders geworden.

Im Gleichnis: Wir wohnen in einem Haus, das wir noch nicht ganz bezahlt haben. Mit einer Anzahlung haben wir es aber schon erworben. Wir stehen als die Besitzer im Grundbuch. Und bewohnen es auch schon. Es ist schon unser, auch wenn es erst nach der letzten Tilgungszahlung ganz unser sein wird. Unser Leben  hat schon seinen Ort. In diesem Haus.

Noch einmal gibt der Autor das Ziel des Heilsplanes an: dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit. Gleich zweimal in wenigen Zeilen: Lob seiner Herrlichkeit ἔπαινον δόξης αὐτοῦ. Darum geht es also, dass die Herrlichkeit Gottes gelobt wird. Das ist wohl der Gedanke dahinter: Wenn wir nicht ans Ziel kommen, fehlt etwas an der Herrlichkeit Gottes.

Ein Himmel, der halb leer steht ist wie ein Fest ohne Gäst. Es geht um Gott, nicht um uns. Ist das eine Kränkung? Oder ist das nicht die großartigste Hochwertung, die uns Menschen widerfahren kann: Dadurch, dass wir zu Gott gehören, wird Gott groß, größer, herrlicher als er es ohne uns wäre. So viel jedenfalls glaubt er sagen zu können: Gott im Himmel will nicht ohne uns sein. Es würde ihm nicht nur etwas fehlen an seiner Herrlichkeit. Die Ewigkeit wäre nicht vollkommen ohne uns. Großartiger kann von der Bedeutung des Menschen nicht gesprochen werden.

 

Du hast zu Deinem Kind und Erben, mein treuer Heiland, mich erklärt, längst bevor ich irgendetwas getan hätte, gedacht hätte, gesagt hätte. Deine Entscheidung für mich ist gefallen, bevor ich auch nur gewusst habe, dass da etwas zu entscheiden wäre. Du hast mich immer schon gewollt, geliebt, gesucht, gerufen – seit dem Anfang der Welt.

Ich danke Dir und lobe Deinen Namen. Ich preise Dich und bete Dich an. Ich berge mich in Deiner Treue, die von Ewigkeit her Deinen Namen trägt – Jesus. Amen