Der feste Grund: Christus

Epheser 1, 1 – 10

1 Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

            Mit diesen Worten stellt sich `Paulus’ vor. „Die Sitte des Altertums setzte im Briefstil den Namen des Schreibers immer an den Anfang.“(F. Rienecker, Der Brief des Paulus an die Epheser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1961, S. 26)  Dass Paulus ein Apostel Christi Jesu ist, ist nicht seine Wahl. Es ist der Wille Gottes, der ihn dazu gemacht hat. Kein Hochmut, sondern Gewissheit hat hier das Wort. Dieses Selbstverständnis wird auch sonst in Paulusbriefen sichtbar: „Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes.“ (Römer 1,1) Und noch näher: „Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes.“ (1. Korinther 1,1)

Die Exegeten sind sich weitgehend einig: Hier nimmt ein Autor späterer Zeit die „Autorität des Paulus“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.41)für sein Schreiben in Anspruch, weil er sich „im Geist des großen Heidenmissionars“ (s.o.) an seine Leser wendet. Er unternimmt den Versuch, die grundlegenden Gedanken des Paulus neu in die eigene Zeit hinein zu formulieren, sie weiter zu denken. Er „leiht“ sich den Namen `Paulus’, nicht um zu fälschen, sondern weil er nachsprechen will, was ihm wichtig ist.

An die Heiligen ist sein Brief gerichtet. So bezeichnen sich schon die ersten Christen in Jerusalem, wie wir es der Redeweise des Paulus entnehmen können: „Jetzt aber fahre ich hin nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. Denn die in Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Gabe zusammengelegt für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem.“ (Römer 15,25-26) Es sind die ganz gewöhnlichen Glieder der Gemeinde, die so benannt werden, unabhängig von aller moralischen Qualität. Heilig aus dem einen Grund, weil sie dem heiligen Gott angehören.

Synonym zu den Heiligenγοι –  steht im Griechischen πίιστοί Gläubige. In der neuen Luther-Übersetzung ist das in eine Verb-Konstruktion umgewandelt: die an Christus Jesus glauben. Damit geht die Parallelität des Ausdrucks leider verloren und auch, dass die Heiligen keinen anderen sind als die Gläubigen. Keine Super-Christen.

Der Segensspruch stellt den ganzen folgenden Brief unter diese Überschrift. Alles, was er schreiben wird, soll Gnade und Frieden von Gott mit sich bringen, bei den Leserinnen und Lesern wachsen lassen. Beides, Gnade und Frieden kommt gleichermaßen von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Damit ist die Beziehung gekennzeichnet – nicht die himmlische zwischen dem Vater und Christus, sondern die irdische,  „zu uns, den Gläubigen.“ ( H. Conzelmann, Der Brief an die Epheser NTD 8, Göttingen 1976, S. 89) 

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.

            Dem Segen für die Leser folgt ein regelrechter Jubelruf über Gott. Wie ein großes Staunen hört sich das an. Wir sind gesegnete Leute. Durch Jesus Christus. In ihm hat Gott uns seinen Segen in Fülle zugewandt. Nichts fehlt. Πάση steht da: völlig, ganz, auf jede Weise. Das erinnert als ein Wort an das, was anderswo einen ganzen Satz braucht: „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“ (Kolosser 2,3) Wer so völlig beschenkt ist, der kann nur gut über Gott reden, nur loben und preisen.

„Der Segen wird „geistlich“ genannt, weil er sich jedenfalls nicht an Wohlergehen, Gesundheit, Lebensdauer ablesen und in materiellen Gütern verrechnen lässt. Diese Dinge sind nicht ausgeschlossen vom Segen Gottes.“(G. Zweynert, Wie Gott Frieden schafft, Berlin 1970, S. 15f. ) Aber er ist mehr. πνευματικ – geistlich – weist auf den Geist hin. Was vom Himmel kommt und die Erde übersteigt. Vielleicht darf man sagen: Was den Himmel öffnet.

4 Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe 5 hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, 6 zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.

         Jetzt wird der Segen in seiner Fülle näher angeschaut. Er hat seinen Wurzelgrund in Christus. Wir sind erwählt –   ξελξατοvon Anbeginn der Welt an, ja, noch vor Beginn der Welt. Daraus haben spätere theologische Reflexionen gerne einmal Anfänge von Prädestinations-Gedanken abgeleitet. Ich halte das für unzulässig. Hier geht es nicht um solche theologische Grundlegung einer Prädestinations-Lehre, sondern um den mutmachenden Zuspruch an Leute, die es als Christen so leicht nicht haben. Es ist immer misslich, aus den persönlich zugespitzten Formulierungen ein Lehr-System ableiten zu wollen.

 In seinem  Uns und Wir schließt sich der Schreiber mit der Gemeinde zusammen. Mit Christen, die aus den Heiden kommen. Und sagt ihnen: „Die Heiden sind nicht Nachlese, zweite Wahl.“ (G. Zweynert, aaO. S. 16 ) Er steht nicht ihr gegenüber, er ist einer von ihnen, staunend, jubelnd über das, was er sieht und sie mit-sehen lassen will. Es ist die Liebe Gottes, die in dieser Vorbestimmung aufleuchtet. Seine Kinder sollen wir sein. Nach dem Wohlgefallen seines Willens. Hier steht das gleiche Wort ευδοκία, das bei der Taufe Jesu als Wort aus dem Himmel an Jesus gerichtet ist „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ (Lukas 3,22) Es ist das geschichtliche Auftreten Jesu, dass diese Erwählung der Heiden bekannt macht, öffentlich.

            Diese Wahl von Anfang an hat ein Ziel: dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten. Das sei schon hier gesagt. Damit wird kein Programm sittlicher Vollkommenheit als Anstrengung der Christen eingefordert. „Sollten wir selben unsere Heiligkeit und Untadeligkeit besorgen müssen, wäre das ein zu steiles Ziel.“ (G. Zweynert, aaO. S. 17)Es ist vielmehr so: Die Wahl macht aus den Erwählten das, wozu sie erwählt sind. Nur das ist nötig: Dass sie leben, wozu sie befreit, berufen sind. Es ist ein großes Zutrauen in der ersten Christenheit, dass die Liebe Gottes fähig ist, Menschen zu wandeln, zum Guten zu bringen, sie zu befähigen, „ein Bild zu sein, das uns gleich sei“ (1. Mose 1,26) Dahinter stehen nie Perfektionismus-Forderungen, wohl aber das Zutrauen in die Kraft Gottes. So kann ja auch Jesus sagen: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Matthäus 5,48) Und nie wird dabei vergessen: es sind Menschen wie Du und ich, an die solche Worte gerichtet sind.

Ganz dicht werden die Christen so an Christus heran gerückt. Sie sind Erwählte, Kinder Gottes, damit die Gnade Gottes groß wird, leuchtend und alle einstimmen müssen in das Lob dieser Gnade.

 

7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, 8 die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.

Es ist das Programm des Paulus, das `Paulus’ hier seinen Lesern, uns, vorstellt. Er hat seinen Gemeinden – in Galatien und anderswo „Jesus Christus vor die Augen gemalt als den Gekreuzigten“ (Galater 3,1) Er hat es ihnen wieder und wieder gesagt: In ihm – die Erlösung durch sein Blut. Das ist mehr als nur historische Erinnerung. Mehr als: Damals am Karfreitag. Es ist der gegenwärtige Zugang zum Heil, zum Leben. Was immer es im Leben an Zielverfehlung, an  Verirrung und Verwirrung, an Sünde gegeben hat und gibt – das alles wird durch den Reichtum seiner Gnade zurecht gebracht, gelöst.

Wo immer einer unter seinen Taten und ihren Folgen gefangen und geknechtet ist – hier ist Erlösung – πολτρωσις.  „Es hat den Sinn von Freikauf, Freilassung, Freisetzung Hinter dieser Redefigur steht die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft oder auch der zeitgenössische Sklavenfreikauf.“ (G. Zweynert, aaO. S. 18)   Diese Freiheit will gelebt sein, ergriffen sein, bewahrt sein Und diese Erlösung ergreifen, sie sich geschenkt sein lassen, das ist wahre Weisheit und Klugheit. Das ist die Weisheit Gottes, die klüger ist als die Weisheit der Weisen.(1.Korinther 1,19)Zugleich ist wichtig, hier klarzustellen: „ER wird nicht versöhnt, sondern ER vollzieht das Werk der Versöhnung.“(F. Rienecker, aaO. S. 57)Er nimmt es auf sich, die Beziehung zu uns wieder in Ordnung zu bringen, die Beziehungsstörung zu überwinden, in die wir geraten sind. Die uns von ihm entfremdet hat. Gott will uns nicht fremd bleiben. auf Abstand. Er will uns nahe sein.

Mir will es scheinen, als „spiele“ hier unser Autor mit Leitworten des Paulus, um seine Leser zu erinnern an das, was sie von dem Apostel gelernt haben über Torheit und Weisheit. Und zugleich weist er eindringlich schon hier darauf hin: Diese Erlösung ist uns widerfahren. Sie ist Geschenk, Gabe aus den Händen eines Anderen, nicht unser eigenes Werk.

9 Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, 10 um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.

Tritt unser Autor auf der Stelle? Er kommt zurück auf den Ratschluss, den er doch schon als das Erwählen ehe der Welt Grund gelegt war (1,4), benannt hatte. Aber nun bindet er  ausdrücklich die Enthüllung dieses Ratschlusses an Christus. Alles, was über Wahl, Vorherbestimmung, Erlösung zu sagen ist, hat seinen Grund in Christus. In ihm, der kommen sollte, wenn die Zeit erfüllt wäre. Wieder bedient er sich bei Paulus: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.“ (Galater 4, 4-5) Das ist der Erkenntnisgrund für alles Wissen der Gemeinde: der gekommene Christus.

Obwohl es so klingen könnte: hier geht es nicht um Spekulation über das Geheimnis vor aller Welt. Nicht um Spekulation über Vorherbestimmung und Verwerfung. Sondern um Stärkung für das Hier und Heute. Und: Es ist nicht Zukunftsmusik, die der Epheserbrief hier einspielt. Es ist Gegenwart. Die Zeit ist erfüllt. Mit dem Kommen Christi ist die Zerrissenheit von Himmel und Erde überwunden. Der Beginn der neuen Schöpfung wird das anderen Orts genannt und – ins Bild gefasst – so erzählt: „Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ (Markus 1,12-13) In ihm wird der garstige Riss der Schöpfung überwunden, geheilt.

In einer Zeit, in der man sich himmlisches Wissen von Mysterienkulten, Himmelsreisen; Entrückungen, Visionen verspricht, ist das ein deutliches Gegengewicht. Wir machen uns fest an Jesus, dem Christus Gottes, „geboren, gekreuzigt unter Pontius Pilatus, gestorben und begraben, auferstanden von den Toten.“ So irdisch wird das große Wissen verankert. Darauf kommt es an: Seit dem Kommen Christi hat die Welt ein Ziel, auf das hin alles Geschehen ausgerichtet ist. Der großartige Jesuiten-Pater Theilhard  de Chardin hat das auf  die abstrakte Formel gebracht: „Christus  – Entwicklungsachse der Evolution.“ Das ist nicht so gesprochen, wie ich glaube. Aber es ist der Versuch,. sich dem Geheimnis Christi anbetend zu nähern.

Alles nur Himmelsgedanken? Wer so an den Himmel denkt, an den aus dem Himmel Gekommenen gebunden ist, der wird frei, frei auch zum Widerspruch, da, wo sein Herz an anderes gebunden werden soll.

Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha, der in bittern Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah,      das Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld,   das Geheimnis neuen Lichtes aus des Vaters ewger Huld.              F von Bodelschwingh 1927( 1938 veröffentlicht) EG 93

Herr Jesus Christus, in Dir ist alles geschenkt, was uns Gott zugedacht hat – Liebe und Gnade, Vergebung und neues Leben. In Dir steht uns der Himmel offen. In Dir ist uns die Welt gewiesen als der Ort, aus Deiner Liebe zu leben.

Dafür danke ich Dir. Ich bete Dich an. Amen