Vom Durst, der gestillt werden wird

Johannes 4, 1 – 14

 

1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes 2 – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger -, 3 verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.

Jesus hält sich in Judäa auf. Sein Wirken bleibt nicht verborgen. Erstmals werden die Pharisäer als Gruppe erwähnt. Zuvor war ja lediglich von Nikodemus als einzelnem Pharisäer die Rede. Sie registrieren, dass der Zulauf zu Jesu sogar den des Täufers Johannes übertrifft. Ob sie das misstrauisch macht, verärgert, besorgt, feindlich gesonnen, verschweigt der Text. Nur so viel sagt er: Jesus weicht vor  ihnen aus nach Galiläa.

Der Evangelist nutzt die Gelegenheit zu einer Klarstellung: Es ist nicht Jesus, der tauft. Seine Jünger taufen. Das ist, trotz Klarstellung,  eine deutliche Differenz zu den anderen Evangelien. Bei ihnen gibt es keine Tauf-Praxis der Jünger Jesu vor Pfingsten.

Die Kommentare schweigen sich zu dieser Differenz unter den Evangelien gerne aus. Wahrscheinlich zu Recht. Weil die Frage nach dem historisch sicher Feststellbaren doch den meisten eher schwierig erscheint. Bis auf zwei Stimmen: „Es liegt kein Anlass vor, die Geschichtlichkeit der Vorgänge, wie der Evangelist sie darstellt, zu bestreiten. Wenn die Jünger die Taufe mit der vollständigen Zustimmung Jesu vollzogen, dann lässt sich am besten erklären, dass sie die ihnen vertraute Taufpraxis sogleich nach Pfingsten wieder aufnahmen  und die für den Glauben Gewonnenen auf den Namen Jesu tauften“ (J. Schneider, aaO. S. 109) Und Klaus Berger, ohnehin als Querdenker in Sachen Exegese bekannt, formuliert: „Seine (des Johannes) Notizen über Jesu Taufen sind zuverlässig. Seine Auffassung, dass Jesus zu Lebzeiten auf Erden mit Wasser wie der Täufer getauft hat, ist historisch gesehen gut möglich.“(K. Berger, Im Anfang war Johannes, Stuttgart 1997, S. 152) Manchmal komme ich aus dem Staunen nicht heraus, was Exegeten so alles sicher wissen.

4 Er musste aber durch Samarien reisen. 5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab. 6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.

Wie es viele damals tun, nimmt Jesus den Weg durch Samaria, um von Judäa nach Galiläa zu kommen. Der andere Weg wäre erheblich länger und beschwerlicher. Er lässt sich auch nicht dadurch schrecken, dass „Juden und Samaritaner einander spinnefeind waren.“(G. Voigt, aaO. S. 69) Die Ursachen dieser Feindschaft liegen Jahrhunderte zurück. Die Samaritaner galten den Juden als heidnisch verdächtiges Mischvolk, das, weil es seinerzeit vom Wiederaufbau des Tempels ausgeschlossen wurde (Esra 4, 1 – 5), seinen eigenen Tempel auf dem Garizim errichtete.

Aber auch der kurze Weg ist anstrengend genug. Hinter dem schönen Wort Reise stehen Fußmärsche von beträchtlicher Länge. Jesus ist müde. Der Gottessohn ist ein Mensch, der den menschlichen Bedürfnissen und Bedrängnissen unterworfen ist. Kein Geistwesen, das mühelos über die Erde schwebt.

Jesus macht Pause, an einem Brunnen. Nicht irgendeinem Brunnen. Sondern an einem mit großer Tradition. Jakob, Stammvater Israels kannte ihn schon. Er galt als sein Brunnen. Nicht unbedingt ein Heiligtum, aber doch ein bedeutender Platz.

Brunnengeschichten gibt es häufiger in der Bibel. Oftmals sind es Streitgeschichten. Aber es gibt auch Beziehungen, die an einem Brunnen anfangen. „Als er noch mit ihnen redete, kam Rahel mit den Schafen ihres Vaters, denn sie hütete die Schafe. Als Jakob aber Rahel sah, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter, und die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter, trat er hinzu und wälzte den Stein von dem Loch des Brunnens und tränkte die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter. (1. Mose 29, 9-10) Das also kann auch am Brunnen geschehen: Eine Geschichte kommt in Gang. Eine Liebesgeschichte.

Die folgende Szene spielt um die sechste Stunde, zur Mittagszeit, in der größten Hitze. Kein vernünftiger Mensch geht um diese Zeit in Israel an einen Brunnen. Die ungewöhnliche Zeit hat viel Anlass gegeben über die Außenseiter-Rolle der Frau aus Sychar in ihrer Stadt zu spekulieren. Nichts davon steht im Text.

7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen. 9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.

            Ein Mann allein am Brunnen, eine Frau aus der nahen Stadt kommt, um Wasser zu schöpfen. Alles sieht alltäglich aus. „Jesus begegnet einer samaritischen Frau, die ihrer Alltagsarbeit nachgeht.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 49) Es kommt zum Gespräch. Alles beginnt mit seiner Bitte. Gib mir zu trinken! Jesus ist auf Hilfe angewiesen. Am Brunnen sind keine Schöpfgeräte, aber die Frau hat einen Krug um zu schöpfen. Es klingt merkwürdig, wie die Frau reagiert. Lässt sie Jesus seine Hilfsbedürftigkeit spüren? Er will etwas von ihr – der Jude, der bei ihr als Samaritanerin ein wenig im Geruch des Hochmutes stehen mag. Ist das sein Ernst? Bitte. Wo uns doch Welten trennen!

Mir sagt das viel: Der von oben her ist, ist sich nicht zu schade, zu bitten. Er ist einer, der auf Hilfe angewiesen ist. Daran wird sich auf dem Weg durch die Zeit nichts ändern. Am Ende wird er einen brauchen, der ihm sein eigenes Grab „zur Verfügung“ stellt. Der so vielen hilft, aus ihren Krankheiten, zum Leben hilft, der ist doch auf Hilfe angewiesen. Keiner, der sich selbst genügt. Keiner, der aus Steinen Brot macht und das Wasser eines Brunnens so aufsprudeln lässt, dass er keinen Krug braucht und keine Frau als Helferin. So wird die alltägliche Bitte um Hilfe „geadelt“.

10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser.

            Aber dieser Jesus kann es nicht lassen: Er lüftet den Schleier des eignen Geheimnisses  ein wenig an. Wenn du wüsstest, wen du vor dir hast. Du siehst nur einen jüdischen Mann. Aber damit siehst du zu wenig.

Wenn wir über Jesus sagen: einer wie wir, so sagen wir ja nichts Falsches. Nur zu wenig. Aber es ist das Problem bis heute: Man kann auf Jesus schauen und sagen: ich sehe einen jüdischen Mann, der wunderbare Sachen gesagt hat, dem Wunder zugeschrieben werden, an denen sich Hoffnungen hängen. Aber mehr sehe ich nicht.

Wer mehr sehen würde, wer in ihm die Gabe Gottes für die Welt sehen würde, der würde nicht aufhören, ihn zu bitten, sein Leben vor ihm zu öffnen. „Dann wären die Rollen vertauscht, dann würde sie zur Bittenden und Jesus zum Gebenden. Er würde ihr statt Brunnenwasser freilich „lebendiges Wasser“ geben.“(J. Heer, ebda.)Ob die Frau am Brunnen mit dieser Wendung lebendiges Wasser etwas anfangen kann? Liegt es nicht wie von selbst auf der Hand, dass sie meinen wird, Jesus rede von fließendem, klarem Quellwasser in Gegensatz zu abgestandenem Wasser aus der Zisterne, aus dem Brunnen.

11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest,  und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? 12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.

            Wie schwer ist es doch, aus dem Verstehen in den Bahnen unserer Alltagserfahrung heraus zu finden, es aufbrechen zu lassen. An einem Brunnen über das Wasser reden, stillt den Durst ja nicht. Man muss trinken. Aber damit man trinken kann, braucht es die Möglichkeit zu schöpfen. Fast höhnisch könnte klingen, was die Frau sagt: Was machst du aus Dir? Du hast  doch nichts, womit du schöpfen könntest. Sogar Jakob war auf das Schöpfen angewiesen. Aber es hat seitdem für ihn und uns gereicht. Ein wenig Stolz auf die eigene Tradition und die eigenen Möglichkeiten meldet sich hier zu Wort. Und Unverständnis für das, was dieser Fremde sagt.

13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Fast möchte ich sagen: Jetzt redet Jesus Klartext. Das Wasser des Brunnens stillt den Durst nur für kurze Zeit. Das ist ja ihre Erfahrung: Jeden Tag muss sie sich auf den Weg zum Brunnen machen. Mühsam genug. „Dass Wasser elementar lebensnotwendig ist, war und ist im vorderen Orient fundamentale Erfahrung. Von daher wird Wasser für Dürstende und als Rettung für Verschmachtende zu einem der sprechendsten Symbole für das, was Gott für das Leben des Menschen bedeutet.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 82) An dieser Erfahrung, die bis heute weltweit gültig ist, knüpft Jesus an.

Er führt aber zugleich darüber hinaus. Er verweist darauf: das Wasser, das Jesus gibt, hat eine andere Qualität. Es ist auch von anderer Art. „Was Jesus gibt, vermehrt nicht den Durst, sondern stillt ihn in Ewigkeit.“ (G. Voigt, aaO. S. 72) Weil es Gabe ist aus der Ewigkeit.

 

 Nun gib uns Pilgern aus der Quelle
der Gottesstadt den frischen Trank;
lass über der Gemeinde helle
aufgeh´n dein Wort zu Lob und Dank.                                                               O. Riethmüller  1935

        Es ist das Wasser, das keine und keiner sich selbst geben kann. Das nicht aus den Rohren der Leitungen kommt. Über das die großen Wassergesellschaften nicht verfügen, um damit Geld zu schöpfen. Das aus einem anderen Grund als dem Grund unserer Seele kommt.  Sein Wasser „seine Gabe unterliegt nicht dem Gesetz der Vergänglichkeit, erzeugt auch nicht ein Sattsein, das stumpf und träge macht. Es bringt vielmehr in die ständige Bewegung hin zum ewigen Leben.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 62) Es wird zur Quelle im eigenen Leben, die nie versiegt und die anderen zugute kommt.

Später wird der Evangelist noch einmal auf dieses Wort zurück verweisen.  „Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“(7, 37-38)  Wer selbst von dieser Quelle Jesus trinkt, an ihn glaubt, der wird anderen zur Quelle werden.

 

Jesus, mit dem Durst kennen wir uns aus. Wir kennen den Durst nach frischem Wasser nach einer langen Wanderung. Wir genießen gerne den ersten Schluck nach großen Anstrengungen und sagen: Das hat es gelohnt. Wir kennen die Freude auf ein Glas Wein nach einem langen Tag

Hinter unserem Durst nach Wasser und Wein siehst Du den anderen Durst:Hoffnungen auf ein gutes Wort, Sehnsucht nach Anerkennung, Angst, immer nur vergeblich auf der Stelle zu treten und zu kurz zu kommen

Hinter unserem Durst nach Wasser und Wein siehst Du den anderen Durst -nach einem Menschen, der sich uns schenkt, nach der verlässlichen Freundschaft, nach der Gruppe, in der wir getragen sind und mittragen dürfen.

Hinter unserem Durst nach Wasser und Wein siehst Du unsere Sehnsucht, unser Leben möchte doch gültig bleiben, unser Lebensdurst möchte gestillt werden, unsere Zeit mit Ewigkeit gefüllt werden.

Unruhig ist unser Herz bis es Ruhe findet in Dir, So stille Du uns den Durst des Tages und des Lebens, dass wir ans Ziel gelangen. Amen