Hinter Jesus her

Johannes 21, 20 – 25

20 Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist’s, der dich verrät? 21 Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem?

Wie irritierend menschlich geht es in diesem Evangelium zu. Da wird ein Petrus durch Jesus „rehabilitiert“, neu berufen – und findet doch nicht heraus aus seinem Konkurrenzdenken. Oder ist das schon zu viel gesagt? So kann man das ja lesen: Er sieht den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, und sofort fragt er: Und er? Was ist mit ihm? Was wird mit ihm? Man könnte hinter der irritierten Frage des Petrus eine Fortsetzung vermuten: Gehört er auch zu denen, die ich weiden, hüten soll? Dann wäre es eine Frage nach der Fürsorge-Pflicht. Erstreckt sich der Hirtendienst auf alle Jünger, dann ist es doch so, dass er „also auch den namenlosen Jünger einschließt.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 329)  Dann wäre das Verhältnis der beiden neu zu definieren.

Dieses Verhältnis dieser beiden Jünger wird ja wiederholt im Evangelium angesprochen.   Die Mutter Jesu wird dem anderen anvertraut. Er ist auch der Schnellere beim Lauf zum Grab. Der Schnellere auch im Erkennen, als Jesus am Ufer steht. Und jetzt? Ganz spannungsfrei ist das Miteinander jedenfalls nicht.   Aber das wäre auf der anderen Seite ja auch verwunderlich und würde jeder Erkenntnis der Gruppendynamik widersprechen, wenn es in so einer Gruppe, noch dazu einer, die von außen misstrauisch beobachtet wird, nicht auch Rivalitäten und Konkurrenzen gäbe. Noch dazu, wenn es unterschiedliche „Führungs-Typen“ sind, die da nebeneinander stehen.     

22 Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach! 23 Da kam unter den Brüdern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht.

            „Fast schroff“ (J. Schneider, aaO. S. 333) weist Jesus die Frage des Petrus zurück. Das ist nicht deine Baustelle. Das ist nicht das, worum du dich zu kümmern hast. Ich habe meinen Weg mit ihm – das genügt. Das Einzige, was für dich, Petrus, zählt: Folge du mir nach! Noch einmal dieser Ruf – mehr brauchst du nicht. Bleibe Du auf dem Weg, den ich vor dir her gegangen bin. „Petrus ist es bestimmt, in der Nachfolge seines Herrn dem Märtyrertod zu sterben  – „jener Jünger“ dagegen wird nah Jesu Wort „bleiben, bis er kommt.“ (U. Wilkens, ebda.)

Es gibt viel Kraftvergeudung, auch in der christlichen Gemeinde, weil man sich nicht auf den eigenen Weg konzentriert, nicht die eigenen Aufgaben anpackt, sondern immer interessiert schaut: `Was wird denn aus diesem und jenem?’ Und es gibt viel versäumte Nachfolge, weil man statt den eigenen Weg zu gehen sich alle Mühe macht, den Weg eines anderen nachzuahmen.  Jeder Jünger hat seinen Weg – das gilt bis zu uns heute.

Steckt das hinter der Zurückweisung der Petrus-Frage durch Jesus: „Petrus hat sein Hirtenamt so auszuüben, dass das Existenzrecht der johanneischen Theologie und Spiritualität garantiert bleibt.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 154) Mir kommt diese Folgerung ein bisschen zu sehr vom Schreitisch heute aus gedacht vor, wo das Bild der rivalisierenden Theologien zwar die Gegenwart spiegelt, aber in die Zeit der ersten Gemeinden doch eher eingetragen erscheint. Damals ist das Wissen um das gemeinsame Zeugnis größer als die Lust an der Herausarbeitung der eigenen Profile.

Die Zuhörer reagieren folgerichtig auch nicht auf die unterschwellige Rivalität. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass sie im Leben der Gemeinde nicht von großer Bedeutung geworden ist, nie öffentlich ausgetragen. Sie hören im Wort Jesu über den Jünger, den Jesus lieb hat, etwas anderes. So etwas wie eine Zusage, „dass er bis zur Parusie am Leben bleiben werde.“ (R. Bultmann, aaO. S. 554)

            So ganz fern liegt so ein Gedanke nicht, gibt es doch ein Jesus-Wort, das man getreu überliefert hat: „Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft. (Markus 9,1) Dass es diese Erwartung einer Wiederkunft Jesu in ganz naher Zeit gibt, dafür finden sich ja auch bei Paulus genügend Hinweise. In seinem wohl ältesten Brief schreibt er: „Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.“ (1. Thessalonicher 4, 15 – 17)

               Und doch handelt es sich im Blick auf den Lieblingsjünger um ein Missverständnis, wie anschließend sofort klar gestellt wird.  

 Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?

Eine umständliche Klarstellung dessen, was Jesus gesagt hat und was die Jünger daraus gemacht haben. Ist das nicht eher nebensächlich? Aber dem Nachtrag liegt daran weil so deutlich wird: Die Jünger haben nicht alle Jesus-Worte immer richtig verstanden, selbst wenn sie sie wortgetreu weiter gegeben haben. Nicht das Wort Jesu, sondern die Deutung der Jünger wird hier relativiert. Das aber ist alles andere als nebensächlich. Hilft es doch, unsere Worte, in denen wir das Wort Jesu deuten, ein wenig selbstkritisch zu betrachten und uns einzugestehen: es ist nicht ausgeschlossen, dass wir nicht alles so verstanden haben, wie es gesagt worden ist.

Ich frage weiter: Steht hinter dieser Richtigstellung das Wissen, dass der Jünger, den Jesu lieb hatte, doch irgendwann gestorben ist? Lange nach Petrus. In einem sehr hohen Alter. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass in Ephesus ein Jünger namens Johannes ein hohes Alter erreicht hat, eine uneingeschränkte Autorität besaß. Er könnte gut der Jünger, den Jesus lieb hatte, gewesen sein. Der Jünger, der bleibt. Aber auch er nicht für immer.

Bis ich komme. Jeden Sonntag sprechen wir: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“(Apostolisches Glaubensbekenntnis, EG 804) Das große Drama am Ende der Zeiten? Ist davon die Rede? Was bedeutet das für unser Zeitverständnis, wenn wir wissen: dieser Jünger ist gestorben, irgendwann, so wie wir alle sterben?

Ein Exkurs: Wie ist das mit dem Kommen Jesu? Ein Antwortversuch, der mein Nachdenken anregt: „Nachvollziehbar und plausibel wird die Parusie Christi, wenn man nicht einfach irdische Zeitkategorien auf die „Zeit“ vor Gott überträgt. Dann werden sämtliche Menschen ohne Ausnahme vor Christus „erscheinen“, beziehungsweise er wird vor ihnen allen erscheinen  – aber eben „im” Tod. Was der Glaube an die Wiederkunft Jesu einst sagen wollte, wird dann wirklich und vollständig wahr, aber nicht in der Form eines apokalyptischen Spektakels vor den Augen der zum Zeitpunkt x gerade lebenden winzigen Teilmenge der Gesamtweltbevölkerung aller Zeiten, sondern ganz anders: Im „Hintreten“ restlos  aller Menschen, die in ihrem Tod “zusammen“ und „zugleich“ Christus begegnen.“(G. Lohfink, Am Ende das Nichts? Freiburg 2017, S. 239) Es ist ein Versuch, das Unausdenkbare und Unvorstellbare  doch wenigstens annähernd auch zu denken.

24 Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.

In diesen Worten zeigt sich das Anliegen des gesamten Nachtrags. Das Evangelium des Johannes wird auf diesen Jünger, Augenzeuge des Weges Jesu, zurückgeführt. „Jetzt ist der Lieblingsjünger eindeutig als der Verfasser des Evangeliums bezeichnet.“(S. Schulz, aaO. S. 253) Es gibt andere Exegeten, die hier Vorbehalte anmelden. Er muss nicht der Verfasser des Evangeliums sein. Aber er könnte es sehr wohl auch sein. So viel steht fest: Es steht in seiner Schule und trägt sein Gepräge. Man könnte auch sagen: Es ist von ihm autorisiert. Und: Die hinter dem „wir“ stehen, stehen für seine Zeugnis ein. Es gibt eine Gemeinde, die dieses Zeugnis trägt und bestätigt. Durch ihren Glauben.

25 Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.

Keine vollmundige Übertreibung. Auch nicht einfach nur ein Rückgriff auf den ursprünglichen Schluss: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch.“(20,30) Es geht wohl überhaupt nicht um die Menge der Bücher. Eher um die Fähigkeit, der Welt, die Bücher zu fassen, ihren Inhalt zu begreifen. Es ist nicht die Menge, Überfülle der Informationen, die Glauben möglich macht.

Darum höre ich in diesem Schluss eine bescheidene und doch zugleich starke Botschaft: Was Du, Leser, Leserin, in Händen hältst mit dem Evangelium ist genug. Genug, um zu sehen, wer Jesus ist. Genug, um zu glauben.

 

Herr Jesus, Du rufst mich und willst, dass ich Deine Stimme höre. Ungeteilt. Ganz aufmerksam für das, was Du mit mir vorhast, was Du  mir zugedacht hast als meinen Weg .

Und ich irre so leicht ab, finde die Wege anderer spannender, geistreicher, erfüllter. Du suchst das ungeteilte Herz, den einfältigen Gehorsam, der sich Dir vertraut und sich an Dir genügen lässt.

Gib mir den Glauben, der nur dieses Eine will: hinter Dir her gehen und bei Dir bleiben. Amen