Hast Du mich lieb?

Johannes 21, 15 -19

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

            Das Mahl ist gehalten. Jetzt wendet sich der Auferstandene einem Einzelnen zu. Einem aus dem Jüngerkreis. Simon Petrus. Schon die Anrede ist ein Signal. Simon, Sohn des Johannes. Nicht Kephas. Nicht Felsenmann. Aber was für eine Frage: Hast du mich lieber, als mich diese haben? Nur, diese Frage wirft Simon zurück auf sich und seine Geschichte. Ist er wirklich der eine Tapfere, der standgehalten hat, als alle anderen sich in Sicherheit gebracht haben? Hat er als Einziger die Liebe durchgehalten?

Es ist eine merkwürdige doppelt schillernde Frage: „Grammatikalisch kann das γαπς με πλον τοτων; ebenso bedeuten: „Liebst du mich mehr als mich diese lieben?“ wie „Liebst du mich mehr als du diese liebst?“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 550)Es ist nicht nur Spielerei, sich beide Möglichkeiten vor Augen zu halten. Und es ist mir ein wenig zu rasch, theologisch korrekt geantwortet: „Wenn es sich um das Objekt der Liebe eines Jüngers handelt, steht doch der Auferstandene außer jeder Konkurrenz.“ (R. Bultmann, ebda.) Es singt sich jedenfalls leichter als es sich lebt:

 „Alle die Schönheit Himmels und der Erden                              ist verfasst in Dir allein.
Nichts soll mir werden lieber auf Erden                                      
als Du, der schönste Jesus mein.“                                                               H. A. von Fallersleben, 1842, EG 403

 Mir jedenfalls gebietet nüchterne Selbsteinschätzung, mir zuzugestehen, dass diese Frage nicht von vornherein eindeutig zu beantworten ist. Es kostet Mühe und innere Klärung, zu einer ehrlichen Antwort zu kommen.  

Die Antwort des Simon Petrus klingt folgerichtig nicht sonderlich von sich selbst überzeugt:  Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Und statt dem großen Wort „lieben“ γαπάω, mit dem er von Jesus gefragt worden ist, sagt Petrus: „Ich habe dich gern. Ich bin Dir Freund.“ Φιλῶ. Ihm ist nicht nach großen Worten. Steht er doch dem gegenüber, der weiß, durchschaut bis in die Tiefen der Seele. Wie oft hatte Johannes geschrieben: Jesus wusste…. So ist es auch hier. Jesus weiß, wen er vor sich hat.

Und beauftragt ihn: Weide meine Lämmer! Ist das nur „das Amt der Gemeindeleitung“? (J. Schneider, aaO. S. 332) Oder sind es nicht vielmehr die Menschen, die seiner Fürsorge anvertraut werden? In dieser Zeit der ersten Christenheit von Ämtern zu reden, weckt falsche Assoziationen.  Aufgaben – ja. Aber Ämter? Soviel aber wird man sagen dürfen: angesichts der Vorgeschichte ist es überraschend, dass Petrus so von Jesus beauftragt wird „an seiner Statt seine Schafe zu weiden.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 326) Gleichzeitig  wird man sagen dürfen: es liegt auf der Linie dessen, wie das ganze Evangelium erzählt. Die Jünger sind berufen, das Werk Jesu fortzusetzen.  Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“(13, 14-15)

16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

    Der Dialog wiederholt sich. Mit leichten Variationen. Es geht nicht mehr um mehr Liebe, um größere Liebe. Die Frage wird schlichter:  Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Und Petrus antwortet wieder: Ja, Herr, du weißt,… Und wird wieder beauftragt mit der Fürsorge für die Gemeinde. „Dass es sich um einen feierlichen Akt handelt, zeigt die zweimalige Wiederholung der Frage, der Antwort und des Auftrags.“ (R. Bultmann, aaO. s. 551)

17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

  Und, als wäre es immer noch nicht genug, wiederholt sich die Szene ein drittes Mal. Und diesmal nimmt Jesus die Worte des Petrus in seiner Frage auf.  Hast du mich lieb? φιλες με; Nicht mehr das großeγαπν. Nicht mehr die große, selbstlose Agape. „Bist du mir Freund?“ könnte ich auch übersetzen.

Petrus wird traurig, dreimal so gefragt. Man hat gesagt: „…jedenfalls weist das Stück für sich genommen eine Beziehung zur Verleugnungsgeschichte nicht auf. Die Verleugnung, die Reue des Petrus müssten doch erwähnt sein.“ (R. Bultmann, aaO. S. 551) Ich lese anders. Es ist doch mit Händen zu greifen, wie die dreimalige Frage die dreimalige Verleugnung spiegelt. Johannes ist ein viel zu guter Erzähler, als dass er es auch noch überdeutlich sagen müsste. Der Lesende sieht doch förmlich die Spiegelung.

Indem er dann zum dritten Mal beauftragt wird, wird er doch auch „frei gesprochen.“ „Petrus empfängt keine ausdrückliche Absolution.“ (G. Voigt, aaO. S. 293) Wohl wahr. Aber der Auftrag an ihn absolviert ihn. Er ist doch der Vertrauensbeweis schlechthin. Sagt ihm doch der Auferstandene: Ich vertraue dir meine Leute an.

18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.

     Ihm, der so beauftragt wird, andere zu leiten, weiden, führen, dem wird zugleich eine Zukunftsperspektive gezeigt, die dieses Leiten seltsam bricht. Es wird eine Zeit geben im Leben des Petrus, da werden andere ihn führen. Ihn leiten. Auf Wegen, die er sich nie und nimmer selbst gewählt hätte.

Ist es nicht so: Auch diesen Weg, die Gemeinde zu leiten, hätte Petrus sich nicht selbst gewählt. Er ist gerufen worden, „Menschenfischer“(Lukas 5, 10) zu werden. Er ist gerufen worden, der „Felsenmann“ (Matthäus 16,18)zu sein Er ist gerufen worden, Anteil am Leben Jesu zu haben.(13, 8-9) „Das Bild von Petrus als dem Hirten , der Jesu Herde weiden soll, entspricht dem anderen von Petrus als dem Felsen, auf den Jesus seine Kirche bauen wird.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 153) Auf diesen Weg ist er jetzt gerufen. Auf ihm ist er auf Führung angewiesen vom ersten bis zum letzten Schritt. Die Herde weiden ist kein Ruf in selbstständiges Unternehmertum. Es ist der Ruf in das Hören auf den guten Hirten.

Dieser Weg wird Passagen einschließen, auf die er nicht aus eigenem Willen eingeht. Die er sich nicht selbst aussucht. Beim Sprung ins Wasser hat er sich selbst gegürtet. Beim Versprechen der Treue hat er sich selbst gegürtet. Es werden die anderen Zeiten kommen. „Der Märtyrertod des Jüngers wird nicht so freiwillig geschehen, wie es Petrus (13,37) seinem Herrn als Tat für ihn angeboten hatte.“ (U. Wilkens, aaO. S. 329)

Keiner, der das heute liest, muss in unserem Land damit rechnen, um des Glaubens willen zum Martyrium geführt zu werden. Hat der Satz also nur historische Bedeutung, aber keine aktuelle für uns? Diese Worte gelten heute – für alle, die zu den Alten aufrücken, die allmählich an Selbstständigkeit einbüßen.

In früheren, jungen Jahren  konnte man glauben: Ich entscheide alles, meine Wege, meine Pläne, meine Zukunft. Schon damals sind viel Entscheidungen doch von außen angestoßen worden. Und manche Entscheidung war „Führung“ und „Fügung“, ohne dass man das so genannt hätte. Bei mir wächst die Skepsis gegenüber der vermeintlichen „Selbstständigkeit“ im Blick auf die großen Lebensentscheidungen.

Im Alter aber kommen die Zeiten, wo es gilt, diese Selbstständigkeit, wenn es sie je gegeben hat, loszulassen, abzugeben. Mehr und mehr fallen Entscheidungen aus den Umständen, ergeben sich und sind nicht mehr vermeintlich frei gefällt. Im Schreibtisch liegt eine Vorsorgevollmacht. Wenn sie greift, wird ein Beauftragter entscheiden – über Behandlung, Aufenthaltsort, die finanziellen Gegebenheiten. Der Lebensraum wird enger. Es wächst die Wirklichkeit: Du bist auf Hilfe angewiesen, auf Wegweisung. Darauf, dass dir einer den Arm leiht, die Augen, die Ohren.

Das Wort Jesus in diese kommende Zeit hinein zu lesen, hilft, auch diese Zeit als Gottes Zeit sehen zu lernen. Sich in sie zu schicken. Und zu glauben: Wer mich da gürten wird, der handelt im Auftrag des fürsorglichen Gottes.

 19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Und das deckt der Evangelist nun auch auf: In diesem Wort kündigt Jesus schon das Martyrium des Petrus an. Das gibt auch dem letzten Wort seine Färbung:  Folge mir nach!  sagt der Gekreuzigte zu dem, der in Rom den Märtyrer-Tod sterben wird. „Dort, in Rom, wird er, wie wir mit einiger Sicherheit sagen können, im Jahr 64, unter Nero, das Martyrium erleiden.“  (G. Voigt, aaO. S. 294)

            Von Nachfolge redet das Johannes-Evangelium eher sparsam. Bis auf den Ruf ganz im Anfang an Philippus – „Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!“(1,43) – ist dies das einzige Mal im Johannes-Evangelium, dass Jesus so sagt: Folge mir nach. Umso mehr Gewicht kommt diesem Ruf hier und jetzt zu.

 

Jesus, was ist das für eine Frage: Hast du mich lieb? Was soll ich Dir darauf antworten? Ich glaube an Dich. Ich setze mich für Dich ein. Ich stelle mich zu Dir – reicht das nicht?

Es klingt mir zu süß, zu gefühlsmäßig, zu unvernünftig. Und es ist ja auch gefährlich: Liebe kennt keine Grenzen. Liebe geht aufs Ganze. Liebe verliert sich an den anderen.

Ob es mir deshalb so schwer fällt, “Ich liebe dich” zu sagen, weil ich Angst habe, mich an Dich zu verlieren?

Ob ich das wagen kann, mich loszulassen, mich Dir zu lassen im Vertrauen der Liebe?

Du weißt alle Dinge, Du weißt, was mich hält und bindet, was mich lähmt und erstarren lässt.

Deine Frage nach meiner Liebe öffnet mir den Weg nach vorne zu Dir, mit Dir – geliebt – und vielleicht entdecke ich dabei die Liebe zu Dir. Amen