Am Ufer – ER

Johannes 21, 1 – 14

Nach dem Buch-Schluss in Kapitel 20 geht es jetzt doch weiter. Ein Nachtrag. Von fremder Hand? Eine Art Nachwort der „Herausgeber“? Trotz der Sprache, die „johanneisch“ klingt, spricht viel dafür, dass hier ein anderer oder andere als der Evangelist der ersten 20 Kapitel das Wort genommen haben. Das aber mindert die Autorität des Erzählten nicht.  Es ist Wegweisung für den zukünftigen Weg der Kirche.

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias.

            Wenn ich dem Johannes-Evangelium folge, war bislang Jerusalem der Schauplatz der Begegnungen mit dem Auferstandenen. Der Ort seines Sterbens. Aber Johannes wird die Überlieferung der anderen Evangelisten kennen. Bei ihnen ist Galiläa der Raum, in dem es zu den neuen Erfahrungen kommt.

So erzählt auch er jetzt aus Galiläa, vom jüdischen Meer. Wie die Jünger dorthin gekommen sind, auch warum, ist nicht erwähnenswert. Sie sind da. Sofort stellt er alles unter eine Überschrift: Jesus offenbarte sich. Es ist nicht nur glückliches Wiedersehen nach langer Trauer. Es ist ein Einblick in die Weltwirklichkeit Gottes, in die Wesenswirklichkeit Jesu, um die diese Erzählung kreist.

Er offenbarte sich aber so:

Damit die Leser die Bedeutung auch ja verstehen, wiederholt er sofort noch einmal seinen Hinweis auf den Verstehenshorizont. ἐφανέρωσεν – er macht sich „sichtbar, deutlich, bekannt, zeigt sich. Er offenbart sich.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 778) Es geht um Offenbarung. „Die Erscheinungen des Auferstandenen sind hier als Offenbarung seiner selbst verstanden.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 322) Das ist mehr als Zeichen und Wunder! Nicht seine Wundermacht, nicht sein Erbarmen, nicht seine Treue – er selbst ist das Thema. Enthüllung der Wirklichkeit.

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen.

Die Jünger unter der Führung der „Führungskräfte“ Simon und Thomas sind in den Alltag in Galiläa zurückgekehrt. Erstmals im ganzen Evangelium auch benannt: die Söhne des Zebedäus. Es sind nur sieben, nicht die Zwölf. „Sieben – Zahl der gottgefügten Fülle.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 152) Vielleicht darf man mitlesen: In ihnen ist die ganze zukünftige Kirche vor Ort. In ihrem Galiläa, ihrem Alltag.

Das Leben fordert seine Aufmerksamkeit wieder ein. Liest man im Anschluss nach vorne zum früher Erzählten, könnte man vermuten: So tief, dass es zur radikalen Lebenswende gekommen wäre, sind die Jerusalemer Begegnungen nicht gegangen. Aber dieses Kapitel 21 steht unverbunden zu dem, was vorher erzählt worden ist. Von daher ist solche Deutung mit Vorsicht zu verbinden.

Ich will fischen gehen sagte Petrus – das Leben geht weiter. Kein Widerspruch bei den anderen. Wir sind dabei. „Das alles wird erzählt, als wenn Geistbegabung und Aussendung nie geschehen wären.“ (S. Schulz, aaO. S. 250) In diesen Worten höre ich Staunen und Verwunderung. Hat der Evangelist, der Verfasser des Nachtrages nicht aufgepasst? Mir scheint, er ist realistischer als es der Exeget denkt: Auch große Erfahrungen rücken rasch in den Hintergrund. Weihnachten ist vielerorts und in vielen Gemütern nicht erst am 31. Dezember vorbei und vergessen. Und Ostern hat kaum Erinnerungswert über den 2. Feiertag hinaus. So ist die Welt. So sind wir. Wir vergessen rasch.

Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

Petrus erlebt, was er auch schon früher erlebt hat: Den Frust der Arbeit. Er schuftet mit seinen Gefährten eine ganze Nacht und sie fangen nichts. Er hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, aber am Ende steht er mit leeren Händen da. In solchen Nächten, zu solchen Zeiten – da verblassen die großen Erinnerungen an andere Zeiten. Es scheinen leere Worte zu sein, die von der Hilfe Gottes reden: Leere Worte auch, die von der Nähe Gottes reden.

Die Erzählung wirkt, aufs Ganze gesehen, wie eine Variante zu der Fischzug-Geschichte aus dem Lukas-Evangelium (5,1 -11). Das wirft Fragen auf. Wo ist der ursprüngliche Ort dieser Geschichte? In der Anfangs-Zeit Jesu mit seinen Jüngern auf dem Weg in Galiläa – so Lukas – oder ist es eine nach-österliche Geschichte, die Lukas nur „vordatiert“ hat?

Hinter solchen Fragen steht ein Verständnis von Historizität, das den neutestamentlichen Autoren fremd ist. Wir sind es, die ein unumstößliches, festes Datum für ein Geschehen fordern, damit es auch wirklich geschehen sein kann. So denken weder Johannes noch Lukas.

Ich erspare mir eine Entscheidung, die ich ohnehin nicht recht begründen könnte. Mir reicht, dass der Verfasser des Nachtrages, ein solcher „Nachtrag“ ist ja Johannes 21 als Ganzes offensichtlich, die Geschichte hierhin stellt. Was in einem post scriptum, ps. steht, einem Nachtrag ist oftmals von besonderer Bedeutung. So schreibt der Verfasser diese „Geschichte“, doch wohl, weil er der Überzeugung ist: In ihr wird etwas von der Art des Auferstandenen sichtbar, das für die Kirche aller Zeiten hilfreich ist, tröstlich und glaub-würdig im wahrsten Sinn des Wortes.

 4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

Halbdunkel. Dämmerung. Eine Gestalt am Ufer. Jesus. Die Jünger aber wissen es nicht. Es zieht sich durch die Erzählungen von den Begegnungen mit dem Auferstandenen, dass er nicht gleich erkannt wird, dass man nicht sofort weiß: Achtung! Jesus!. „Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.“(Lukas 24,16) – „Maria sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. …Sie meint, es sei der Gärtner.“ (20,14-15) Sie erkennen ihn nicht und folgen doch seinem Wort.

Es sind liebevolle Worte, auch wenn sie erst einmal ihren Mangel aufdecken. Sie haben nichts als Zubrot. Nichts zu essen. Ihre Hände sind trotz aller Mühe leer geblieben. Ein Bild für die vergebliche Mühe, die es in so vielen Leben gibt. Ein Bild auch für die Kirche, die sich müht und müht und am Ende doch mit leeren Händen vor ihrem Herrn steht.

Auf dieses Eingeständnis antwortet der Unerkannte am Ufer: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Nicht nur ein Befehl. Eine Verheißung: Ihr werdet finden. Ερσετε. Es ist das gleiche Wort wie in der Bergpredigt: „Suchet, so werdet ihr finden.“ (Matthäus 7,7) Und es findet seine Erfüllung. Eine Fang, der über ihre Kräfte geht. Über ihr Begreifen wohl auch.

Das ist eine Offenbarung seiner Art: Er gibt Weisungen, die sich erfüllen, damit sie sich erfüllen. Er will unsere Arbeit, aber nicht ergebnisoffen, auch nicht vergeblich. Frustrierend. Was wir tun in seinem Namen ist kein bloßes Beschäftigungsprogramm.  Keine Beschäftigungstherapie zur Hebung der Moral. Er will unsere Arbeit zur Frucht finden lassen.

 7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser.

Einmal mehr „schaltet“ der Jünger, den Jesus lieb hatte, am schnellsten. Es ist der Herr! Kein Wort darüber, woher er das weiß. Aber Petrus hört und jetzt ist er schnell. Er stürzt sich ins Wasser, doch wohl, um schwimmend zu Jesus zu gelangen. Gegen alle Regeln der Schwimmkunst hat er sich vorher bekleidet. Wohl, damit er nicht nackt vor dem Herrn erscheinen muss. „Dass Petrus sich bekleidet, hat offenbar den Sinn, dass er schicklich vor Jesus erscheinen will.“ (R. Bultmann, aaO. s. 549) Petrus weiß, was sich gehört.

Es scheint bemerkenswert, dieses Zusammenspiel von Erkennen und Handeln. Im Erkennen ist der Lieblingsjünger schnell, im Handeln Petrus. Aber kein Wort davon, dass die eine Schnelligkeit höherwertig sei als die andere. Eine Lektion für die Gemeinde?

8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. 9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.

Die Szenerie wandelt sich. Die jetzt mit ihren vollen Netzen ans Ufer kommen, sehen eine vorbereitete Lager- und Feuerstätte. Ein Signal dafür, dass er seine Gemeinschaft mit ihnen begehen will.“ (U. Wilkens, aaO. S. 323) Es ist, als würde der Gastgeber sagen: „Kommt, es ist alles bereit.“

10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.

            Er sagt aber anderes: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Er „adelt“ die Mühe, die sie hatten, ihr Arbeiten, indem er ihren Ertrag mit hinein nimmt in das Mahl. Er sagt nicht: Seht – ich habe doch schon alles. Lasst liegen, was Euch beschäftigt hat, worum ihr Euch gemüht habt. Womit wir uns abgeplagt haben, das wird nicht als gleichgültig abgetan. Der Auferstandene greift es auf. Es ist ein Teil des Mahles, das er feiert.

Das ist die Würde, die über aller Arbeit liegt, der bezahlten und der unbezahlten, der erfolgreichen und der mühseligen, der öffentlich bemerkten und der ungesehenen: Der auferstandene Christus nimmt sie auf in das Mahl  – und ich übersetze jetzt: in sein Reich.  Nichts, was wir hier tun, bleibt ohne Folgen. Was in der Liebe getan wird, trägt Frucht bis in Gottes Ewigkeit.

Geht es darüber hinaus, noch einen Schritt weiter? In diesem Achten der Gaben geschieht gleichzeitig ein Wahrnehmen derer, die sie hinzubringen. Der Herr sieht die Gaben und er sieht die Jünger, die sie hinzutragen, achtet die Gaben und achtet darin die Jünger.

So ist es ja auch bei dem Mahl.   Brot und Wein, „die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ (Didache) werden zu den Gaben, die im Mahl empfangen werden. Der Herr teilt aus, was durch seine und unsere Hände gegangen ist.

„Beides, die Menge der Fische und das haltbare Netz, kann nur symbolische Bedeutung haben…. Das Netz, das trotz der Menge der Fische nicht zerrissen war, ist ein Bild für die bleibende Einheit der Kirche, auch wenn sehr viele und vor allem sehr verschiedene Menschen  zu ihr gehören werden.“(S. Schulz, aaO. S. 250f.) Seit Hieronymus wird gerne darauf verwiesen, dass nach Auffassung damaliger „Zoologen“ die Zahl der bekannten Fischarten 153 betragen hätte. Schlüssig ist der Verweis schon bei Hieronymus nicht.

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.

Darauf kommt es den Erzählern an: Die Szene wird zur Mahlfeier. Der Auferstandene bittet seine Jünger zu Tisch. Jetzt wissen sie, auch ohne zu fragen: Es ist der Herr. Und er teilt an sie aus, so wie es immer war, Brot und Fisch. Man müsste schon die Augen fest zumachen, um in der Formulierung und nimmt das Brot und gibt’s ihnen keinen Hinweis auf die Eucharistie, das Abendmahl zu sehen.     

14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

    Und noch einmal unterstreicht der Autor: das alles ist Offenbarung. Nicht nur nettes Wunder. Jesus gibt sich zu erkennen. So ist der Herr in seiner Wirklichkeit als der Auferstandene. So ruft er seine müden Leute an den Tisch. So ist er unser Gastgeber.

 

Vor uns ein Tag. Begegnungen, Gespräche, Aufgaben,Chancen, Grenzen, Zeit zum Verweilen. Hinter uns eine Nacht, Gedanken an Mühen, Erinnerungen an Ängste, Fragen, Unfertiges, Unverarbeitetes.

Wie finden wir den Weg nach vorne, hoffnungsvoll, nicht leichtfüßig, aber doch zuversichtlich?

Du Jesus, stehst am Ufer dieses Tages, wie damals am Ufer des Sees. Du bist da, auch wenn wir es nicht wissen. Du wirst mit uns gehen, auch wenn wir den Weg noch nicht kennen.

Danke, dass Du da bist, am Anfang dieses Tages und dass Du auch da sei wirst am Ende dieses Tages und am Ende aller Tage, in dem großen Morgenrot. Amen