In den Raum der Furcht tritt ER

Johannes 20, 19 – 23

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

Der erste Tag der Woche neigt sich dem Ende zu. Es ist Abend geworden. Der Evangelist schweigt sich aus über Gespräche unter den Jüngerinnen und Jüngern. Schweigt sich aus über ihre Fragen.  Darum ist es mir rätselhaft, wie es zu dem Urteil kommen kann: „Die Jünger haben die Osterbotschaft der Maria gehört. Wie sie sie aufgenommen haben, sagt uns Johannes nicht. Ein klarer und kraftvoller Glaube ist in ihnen jedenfalls noch nicht entstanden.” (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 236) Nur zwei Anmerkungen sind dem Evangelisten wichtig. Zum einen: die Jünger sind versammelt. Sie haben sich nicht vereinzelt in alle Winde verstreut, sind nicht auseinander gelaufen „wie Schafe, die keinen Hirten haben.“(Matthäus 9,36) Zum zweiten: Sie sind nicht freudig erregt oder aufgeregt fragend beieinander, sondern aus Furcht vor den Juden, hinter verschlossenen Türen.

Nicht offen nach allen Seiten, gespannt auf Neues, sondern verschlossen. Aus Furcht. Es ist wie eine Beschreibung unzähliger Gemeinden bis heute. Wie oft machen die Christen die Türen nicht weit auf, sondern zu. Weil sie sich fürchten vor dem Neuen, vor dem Unerwarteten, vor dem Nichtplanbaren. Und auch vor der Welt. Die Juden stehen hier ja für alle, die draußen sind, für die Welt.

Richtig daran wird historisch sein, dass es in der Gemeinde, für die Johannes sein Evangelium schreibt, viel Furcht vor den Juden gab. Vor Feindseligkeiten, vor dem Versuch, die Christen zu einer Abkehr von diesem gekreuzigten Jesus zu bringen. „Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekenne, der solle aus der Synagoge ausgestoßen werden.“ (9,22) Das ist ja damals mehr als der Ausschluss aus dem Gottesdienst – solche Drohung könnte heutzutage ja niemand mehr schrecken. Aber dieser Ausschluss aus der Synagoge ist der Verlust der sozialen Stellung, des sozialen Umfeldes. Da ist dann einer auf einmal allein, zurück geworfen auf den kleinen Haufen der Jesus-Jüngerinnen und -Jünger. 

Zu diesem verschreckten, in sich verschlossenen Haufen tritt am Abend des ersten Tages – am Abend der Welt? – der Auferstandene: Friede sei mit euch! „Es ist der alltägliche jüdische Gruß schalom alæchem – jedoch in unendlicher Vertiefung.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 312) Er kommt zu denen, die sich fürchten. Zu denen, die nicht so offen sind. Zu denen, die in sich selbst verkrümmt sind. Und tritt in ihre Mitte. Versprechen für all die furchtsamen Gemeinden bis zu unseren Tagen. Es ist nicht unsere Offenheit, die ihn kommen lässt. Es ist seine suchende Liebe, sein Wille, Frieden zu bringen.

Was Jesus zuvor angekündigt hatte, das wird jetzt erneuert, zugesagt, festgemacht: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (14, 27)

Kein Zweifel: er ist nicht mehr so „da“, wie er zuvor da war. Er kommt ja auch durch verschlossene Türen. Wie das geht, scheint Johannes überhaupt nicht zu interessieren. Aber dass der, der da so plötzlich mitten unter den Jüngern steht, der ist, der zuvor gekreuzigt worden ist und ins Grab gelegt wurde, daran liegt Johannes. Viel. Genauer: Alles.

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

            Ist das eine Demonstration? Im wahrsten Sinn des Wortes: da wird gezeigt, vorgeführt. „Zeigt her eure Hände, zeigt her eure Schuh….“ Warum macht er das? Oder, vorsichtiger gefragt: Warum erzählt Johannes, dass er das macht?

Mir scheint, es geht um die Frage nach der Realität der Auferstehung. Sie wird gewissermaßen „objektiviert“. Man kann die Wunden sehen. Könnte sie wohl gar betasten. (20,27) Es gibt andere Geschichten in den Evangelien, die die gleiche Fragestellung noch drastischer sichtbar machen. „Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen.“ (Lukas 24, 41-43)  Den Evangelisten ist viel daran gelegen, deutlich zu machen, dass diese Begegnungen kein innerpsychisches Ereignis sind, keine Ausgeburt überhitzter Jünger-Phantasie. „Mit dem Identitätsmotiv zeigt er, dass jener Jesus, der sich in den Ostererscheinungen erfahren lässt, identisch ist mit dem, den die Jünger kannten.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 146)

Mit dieser Geschichte wird also eine höchst wichtige Aussage getroffen: „Zugleich will er vielleicht dadurch wieder einschärfen, dass der Auferstandene und der Gekreuzigte Einer sind.“ (R. Bultmann, aaO. S. 536) Es geht um Kontinuität zwischen dem irdischen Jesus und dem, der in den Himmel geht. Man bekommt es immer mit dem Gekreuzigten zu tun, wenn man es mit dem Auferstandenen zu tun kriegt.

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Als hätten sie es noch nicht richtig gehört, wiederholt Jesus seinen Gruß. Friede sei mit euch! Diese Zusage ist die Voraussetzung für die Sendung der Jünger in die Welt. Er stellt sie hinein in seinen Frieden. Die Parallele liegt auf der Hand: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28,19)

            Die Sendung der Jünger in die Welt gründet im Sein Jesu. „Der auferstandene, mit dem Vater vereinigte Sohn gibt seinen Jüngern an seiner eigenen Sendung so teil, dass sie als von ihm Gesandte in der nun beginnenden Zeit der nachösterlichen Kirche seine Sendung fortsetzen.“ (U. Wilkens, aaO. S. 313) Und er gibt ihnen Rückenwind. Den Heiligen Geist. Die versprochene Gabe. Den angekündigten Tröster.  Beistand. „Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“ (16,7) Jetzt gibt er den Geist – Hinweis darauf, dass er gehen wird.

Mit dem Geist gibt er die Aufgabe. Sie werden tun, was er getan hat: Menschen in die Freiheit rufen.  Sie lösen aus ihren Bindungen. Sie lösen aus ihren Gefangenschaften, die sie knechten. Sie sind nicht irgendwelche religiösen Propagandisten. Sie sind mit einer Botschaft der Freiheit unterwegs:  Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen. Was sie sagen, was sie tun, hat Folgen bis vor den Thron Gottes.

Wir glauben: Dieser Auftrag gilt nicht nur dem Kreis der Zwölf damals. „Es versteht sich von selbst, dass nicht eine besondere apostolische Vollmacht erteilt wird, sondern dass die Gemeinde als solche mit dieser Vollmacht ausgestattet wird.“ (R. Bultmann, aaO.; S. 537) Das versteht sich von selbst? Wohl nur für evangelische Leserinnen und Leser.

Wir glauben es aber wirklich: Der Auftrag gilt der ganzen Gemeinde. Um dieses Auftrages willen ist die Gemeinde unterwegs, auch heute. Gemeinde ist immer gesandte Gemeinde, nie Selbstzweck. Sie hat immer eine Sendung in die Welt, zurückzurufen in die Liebe des Vaters. Zurückzurufen in die Anerkennung: wir sind sein eigen – wir sind die Seinen, die ihn aufnehmen sollen in Herz und Verstand, in das eigen Handeln, damit sie leben. Nur daran müssen „wir“ noch ein wenig arbeiten: dass wir das, was wir da glauben, in unseren Gemeinden auch leben. Jeder evangelische Christ, jede evangelische Christin steht unter dieser Zusage: Du darfst Menschen in die Freiheit eines neuen Lebens rufen. Es gibt kein Priestermonopol in der evangelischen Kirche.

Diese Botschaft hat eine dunkle Kehrseite. Es gibt auch die, die die Botschaft hören und ihr nicht folgen. Die mit den Lasten ihres Lebens lieber allein bleiben. Die von sich selbst sagen: Das brauche ich nicht, dass mich einer aus meiner Gottesferne löst. Das ist eh’ alles nur Pfaffengerede, Priestergeschwätz. Wer so denkt, bleibt allein. Er behält, was er behalten will. An ihnen prallt das Wort der Jünger ab.

 

Gott sei Dank muss ich nicht immer mit offenen Türen leben. Gott sei Dank habe ich meine eigenen vier Wände. Da kann mir keiner was, muss ich nicht auf meine Worte, meine Gefühle, meine Haltung achten.

Gott sei Dank kann ich die Türen zumachen, aussperren, was bedrängt, bedrückt, verängstigt.

Gott sei Dank. Du kommst auch durch verschlossene Türen zu denen, die Furcht bestimmt, Kleinglauben ängstlich sein lässt, Verzagen lähmt.

Gott sei Dank. Du brichst die Furcht auf. Du stellst in Deinen Frieden. Du öffnest den Weg in die Freiheit. Du hilfst aus der Enge in die Weite.

Erfülle uns mit Deinem Geist. Stelle uns in Deinen Frieden. Sende uns – an unseren Platz, Zeugen für Dich, Du Auferstandener. Amen