Vor dem leeren Grab

Johannes 20, 1 – 10

 1 Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war.

Es ist ein schlichter Anfang: Am ersten Tag der Woche – das ist der Tag nach dem großen Sabat des Passah.  Maria von Magdala geht zum Grab. Früh. Im Halbdunkel. Warum wird nicht erzählt. Ist es Kummer, der sie auf den Weg bringt? Sucht sie die Nähe des Grabes, weil die Nähe zu Jesus nicht mehr möglich ist? Alles bleibt ungesagt. „Gefühle schildert die Bibel nicht.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 227)Nur, was sie sieht, lesen wir: Der Stein vom Grab war weg. Wir haben es zuvor nicht erfahren, dass ein Stein vor dem Grab lag. Aber jetzt sehen, hören, lesen wir: Er ist weg!

2 Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Das offene Grab lässt sie – erschrocken und ratlos – umkehren. Zurück zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte. Wieder erfahren wir nicht, was interessant sein könnte: Sind die ohnehin in der Nähe, auch auf dem Weg zum Grab? Gibt es ein Versteck der Jünger in der Gegend? Was wir erfahren, ist lediglich die Überlegung der Maria: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Wie sie auf ihren Gedanken kommt, ob sie in das Grab hineingesehen hat, dazu schweigt der Evangelist. Ihm genügt ihre erschrockene Meldung. Sie, die ihn weggenommen haben, mögen die Juden sein oder Römer oder: Unbekannte. Und weder der neue Ort noch der Grund der Entfernung aus dem Grab sind Maria klar.

Auffällig auch: Maria sagt nicht: Den Leichnam. sie sagt: den Herrn. Ο κύριος ist sonst im Johannes-Evangelium ungebräuchlich für Jesus (Ausnahmen: 6,23, 11,2). Es ist die „Bezeichnung für den Auferstandenen!“(J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 144) Ist es schon eine Andeutung auf das Folgende?

Auch das kann auffallen. Maria, die doch alleine zum Grab unterwegs war, sagt: wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. οκ οδαμεν im griechischen Text: wir wissen nicht  Und nicht: Ich weiß nicht. Vielleicht spielt hier hinein, dass die anderen Evangelisten immer von einer Zweier- oder Dreier-Gruppe der Frauen erzählen, die sich auf den Weg zum Grab gemacht hat.

3 Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus und sie kamen zum Grab. 4 Es liefen aber die zwei miteinander und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab, 5 schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein.

Die Nachricht der Maria bringt die beiden Jünger in Bewegung. Es kommt zu einem „Wettlauf“ der beiden Jünger zum Grab. Der andere Jünger ist schneller. Er schaut hinein, sieht, was zu sehen ist, geht aber nicht hinein.

Dieser Wettlauf der beiden bietet viel Anlass zu klugen Überlegungen. Immer wieder einmal wird er zum Bild für die Rivalität zwischen Judenchristentum (Petrus) und Heidenchristentum (der andere Jünger). „Sind Petrus und der Lieblingsjünger die Repräsentanten des Juden- und des Heidenchristentums, so ist der Sinn offenbar der: aus Judenchristen besteht die erste Gemeinde, erst nach ihnen kommen die Heidenchristen zum Glauben. Aber das bedeutet keinen Vorrang jener; sachlich stehen beide dem Auferstandenen gleich nahe, ja die Bereitschaft zum Glauben ist bei den Heiden größer als bei den Juden: Der Lieblingsjünger ist schneller zum Grab gelaufen als Petrus.“ (R. Bultmann, aaO. S. 531)

Ich gestehe, dass mich das nicht überzeugt. Es kommt mir zu sehr wie vom sicheren Schreibtisch getrennter Konfessionen her gedacht vor. Wir können uns solche Rivalitäten leisten. In der Situation der Bedrängnis ist für derlei kleinliche Gedanken kein Raum. Es gibt Unterschiede, Spannungen – kein Zweifel. Es braucht lange Zeit, bis der Weg zu den Heiden akzeptiert ist. Aber ich denke nicht, dass diese Zeit sozusagen zurück-projiziert wird in das Zeugnis der Auferstehung.

Was aber dann? Ich gestehe mir ein: Ich weiß es nicht. Es ist einigermaßen natürlich, dass, wenn zwei ins Laufen, ins Rennen kommen, der eine schneller ist als der andere. Auch das leuchtet mir ein: diese Nachricht vom weggerollten Stein und vom leeren Grab – mehr ist ja erst einmal nicht – hat sie losrennen lassen. Atemlos durch den Morgen.

 6 Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen, 7 aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort.

            Der andere Jünger wartet auf den langsameren Petrus? Warum? Aus Respekt? Weil Petrus der Ältere ist? Es gibt keine Begründung. Dann ist Simon Petrus da und er geht in das Grab hinein. Auch er sieht nur, was zu sehen ist. Leinentüchter, Leichentücher. Ordentlich aufgeräumt. „Alles in guter Ordnung“ (S. Schulz, aaO. S. 242) Mir unvergesslich eingeprägt: „Der Herr verlässt die Stätte seiner Auferstehung im aufgeräumten Zustand“ (Klaus Vollmer vor nicht so sehr ordentlich aufgeräumten Studenten 1970) Seriöser formuliert: „Leichenräuber hätten sich nicht die Zeit gelassen, die Tücher so ordentlich hinzulegen.“ (G. Voigt, aaO. S. 277)

Nur eines stimmt nicht an der guten Ordnung: Die Leiche fehlt!

 

8 Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte.

Merkwürdig: der andere Jünger hat Petrus den Vortritt ins Grab gelassen. Jetzt tritt auch er ein, sieht und glaubt. Was glaubt er? „Der Glaube, von dem hier die Rede ist, kann nur der Glaube an  die Auferstehung Jesu sein. Die Größe seines Glaubens besteht darin, dass er glaubt, wie wenn er den Auferstandenen selbst gesehen hätte. Das leere Grab war ihm der Beweis dafür, dass Jesus nicht mehr zu den Toten gehört“(J. Schneider, aaO. S. 319) Ist das alles so? Ich gestehe, dass ich es nicht weiß und dass mir die Auslegung zu fromm erscheinen will. Zumal sie doch deutlich in Spannung zum nachfolgenden Vers steht. Aber Ausleger sind da mutiger als ich: „Der Lieblingsjünger findet schon vor eine Ostererscheinung zum Glauben an den Auferstandenen.“ (J. Heer, aaO. S. 145) Muss man also sagen: Ihm reicht das leere Grab?

9 Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste.

Es ist ein merkwürdiger Anschluss – geradezu im Gegensatz zu den vorangegangen Worten: die sagen, dass der Lieblingsjünger glaubt. Aber dann geht es weiter mit: Denn sie verstanden die Schrift noch nicht. γρ – nämlich, denn und nicht δέ, aber. Ein aber würde ja eher dazu passen, dass beiden ähnlich ratlos wie Maria vor dem leeren Grab stehen, den Leichnam nicht sehen und sich keinen Reim darauf machen können.Aus dieser Logik gibt es Ausleger, die den vorhergehenden Satz und sah und glaubte streichen. Dann hat man einen in sich logischen Ablauf.  Nur, jetzt meldet sich wieder meine Skepsis gegenüber Text-Korrekturen; Was ist am Ostermorgen in Jerusalem schon ein sich stimmiger, logischer Ablauf?  Könnte es sein, dass in solchen Widersprüchen noch etwas von der Verwirrung der Ostererfahrungen nachklingt?

Die beiden, die so vor dem leeren Grab stehen, ja, in dem leeren Grab stehen, verstehen noch nicht.  Nicht, was sie sehen, und die Schriften, die ihnen helfen könnten zu verstehen, verstehen sie auch noch nicht. Und auch die Botschaft der Schriften, dass er von den Toten auferstehen müsste. ist ihnen noch nicht wirklich zugänglich. Selbst wenn sie das alles kennen – es ist wie bei der Auferweckung des Lazarus: „Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.“ (11, 24) Es ist ja die Erfahrung des Glaubens bis heute: Es gibt Sätze, die wir glauben, bekennen, aber wir bringen sie nicht zusammen mit der Situation hier und jetzt. Und das heißt eben: Wir verstehen sie nicht! Sie öffnen uns noch nicht die Augen.

Ist von daher vielleicht auch das Glauben des anderen Jüngers eher ein tastendes Ahnen, ein Suchen, ein Fragen? Ich kann ganz gut damit leben, dass das leere Grab nicht hinreicht, um zum Glauben an den Auferstanden zu führen. Es erschüttert die Sicherheit des Todes. Aber Glauben ist mehr als solche Erschütterung.

Diese Botschaft von den ratlosen, auch verunsicherten Jüngern vor dem Grab ist für mich wesentlich, eine Hilfe. Ich muss Ostern nicht verstehen, muss es nicht erklären können, mir nicht und auch anderen nicht. Ich darf mir meine ganze Ratlosigkeit eingestehen. Das, was da geschehen sein könnte, was als Spuren ein offenes Grab und ein paar Leinentücher hinterlassen hat, sprengt die Geschichte. Es ist Geschehen ohne jede Analogie in der Geschichte und als solches analogieloses Geschehen a-historisch, nicht mit den Mitteln der Geschichtsforschung fassbar. Auch nicht mit unseren Denk-Kategorien. Wir kommen nicht weiter als bis zu den zweideutigen Spuren.

Was bleibt? Glauben wie der Jünger glaubt, der nur die Spuren sieht. Singen über alles Begreifen hinaus. Staunen über alles Verstehen hinaus. Und – in der Schrift suchen, ob wir dort vielleicht einen Schlüssel zum Verstehen, zum Erkennen finden. Einen, den uns die Liebe in die Hand gibt – denn Erkennen hat es in der Schrift immer mit der Liebe zu tun.

10 Da gingen die Jünger wieder heim.

πλθον. Sie gehen zusammen weg – von heim steht nichts. Luther 2017 übersetzt näher am Griechischen:  Da gingen die Jünger wieder zu den anderen zurück. Sie bleiben zusammen. Der eine Jünger mit seinem Glauben und der andere Jünger mit seiner Ratlosigkeit, seinem Nichtverstehen. Sie halten es miteinander aus, dass dieses leere Grab sie vor Fragen stellt, die sie nicht selbst beantworten können. Dass sie warten müssen, ohne wirklich zu wissen, worauf sie warten.

 

Gott, wenn das Dunkel sich lichtet, dann kann die Ahnung wachsen, dass das Leben größer ist, dass der Kreis unserer Tage nicht geschlossen ist und das Grab nicht das Ende aller Wege.

Zwischen Dunkel und Tag, verschwommen, schemenhaft – was ist da wirklich? Wer sollte da nicht erschrecken, wenn das Grab offen steht? Wenn die Liebe keinen Ort mehr findet für ihre Tränen, ihren Schmerz, ihre Erinnerungen?

Gott, ich brauche Zeit für die Fragen in der Ratlosigkeit. Ich muss hinsehen, überlegen, prüfen und weiterfragen.

Lass Du, Gott, das Dunkel sich lichten, lass Du es  tagen, dass ich sehen kann und glauben über mein Verstehen hinaus. Amen