Alles vorbereitet

Johannes 19, 31 – 42

31 Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. 32 Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war.

            Die Sorge um den hohen Fest-Tag, der ansteht, die Feier des Auszugs aus Ägypten, treibt die Juden um. Sie sind gesetzestreue Leute, die die Schriften kennen:  „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott -, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gibt.“ (5. Mose 21,22.23) Sie wollen Schaden von dem Land abwenden. Dazu kommt, dass sie darauf dringen „das Ärgernis des von den Römern gekreuzigten „Königs der Juden“ so schnell wie möglich zu beseitigen.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 299) Darum soll der Tod der Gehenkten beschleunigt und ihre Leichname verscharrt werden.

Es liest sich wie ein Kommentar zu dieser Bitte: „Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“(Matthäus 23,24) Als ob alles gut wäre, wenn diese drei Gekreuzigten nur nicht mehr an ihren Kreuzen hingen! Pilatus gewährt die Bitte und die Soldaten tun an den beiden Mitgekreuzigten, wie sie geheißen worden sind.

33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; 34 sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.

Bei Jesus erübrigt sich das Brechen der Beine – er ist schon tot. Man muss nicht mehr nachhelfen. Nur die eine Probe wird noch gemacht – der Stich mit einer Lanze in die Seite. „Das Austreten von „Blut und Wasser“ wird nach Meinung antiker Medizin als Todeszeichen angesehen. Der wirkliche Tod eines wirklichen Menschen.“  (G. Voigt, aaO. S. 273) Jesus bleibt – so gesehen – unversehrt.

35 Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. 36 Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« 37 Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.«

            Das ist eine spannende Einfügung. Hier wird ein Augenzeuge aufgerufen. Ist es der Evangelist selbst? Das ist nicht zwingend aus dem Wortlaut zu lesen. Einer, der dabei war, erzählt, genauer: bezeugt – mit nur einem Ziel: Nicht, dass wir Lesenden lediglich wissen, was geschehen ist, sondern dass wir glauben. Es geht nicht um historisches Bescheidwissen, sondern um Zeugnis, das Glauben weckt. „Die Faktizität des hier Berichteten“ (G. Voigt, aaO.; S.273) ist das Eine, Glauben an den Gekreuzigten das Andere. Es geht wieder einmal um tragfähige Wahrheit – αληθεία -, für die das Zeugnis μαρτυρία, Martyria – abgelegt wird.

Die beiden Bezugs- und Belegquellen aus der Schrift hinwiederum sind Hinweis an die Lesenden: Das alles ist kein Zufall. Was hier an Kreuz geschieht, folgt dem Plan Gottes. Keine andere Macht hat hier das Sagen. Nur Er, der Ewige, Unfassbare, der Heilige. Und all das erweist Jesus als das wahre Passalamm, dem in Wahrheit Glauben gebührt, denn ihm wird „kein Knochen zerbrochen“(2. Mose 12,46). So sagt es die Schrift. So geschieht es durch die Entscheide der Soldaten.

38 Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, dass er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leichnam Jesu ab.

Mit Joseph von Arimathäa tritt ein bislang im Evangelium nicht  genannter Jünger Jesu auf. Die Erklärung ist einfach und zugleich einleuchtend: er verheimlicht  sein Jünger-Sein aus Furcht vor den Juden. Das mag die Situation mancher Erst-Leser*innen des Evangeliums treffen, die aus Furcht vor der drohenden Ausgrenzung aus der Synagoge – „Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekenne, der solle aus der Synagoge ausgestoßen werden“ (9,23) – ihren Glauben nicht offen zeigen.

Joseph aber geht zu Pilatus. Ist er damit nicht doch auf dem Weg zu einem öffentlichen Bekennen? Und zugleich ein Beispiel für die Leserinnen und Leser des Evangeliums: Bekennen zeigt sich im Tun der Liebe? Denn es ist  ein letzter Liebesakt, Ehrenerweis, dass er  Jesu Leichnam vor dem Verscharrt-werden als Verbrecher bewahrt. Kommentarlos erlaubt Pilatus den Vorgang. Und verschwindet damit aus der Erzählung des Evangeliums.

39 Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund. 40 Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in Leinentücher mit wohlriechenden Ölen, wie die Juden zu begraben pflegen.

            Mit Nikodemus taucht ein zweiter Mann und Name auf, wieder keiner aus der „offiziellen“ Jüngerschar. Aber die Leser*innen des Evangeliums wissen: er hat eine sehr persönliche Geschichte mit Jesus. Er bringt mit, was man für eine anständige Beerdigung braucht. Das ist wohl auch der erzählerisch beabsichtigte Kontrast: Hier die schmachvolle und völlig unberechtigte Hinrichtung durch die Römer, auf Betreiben der Hohenpriester – dort das Begräbnis, das in seinem äußerlichen Vollzug „jüdischen Bestattungsbrauch“(J. Schneider, aaO. S. 317) entspricht.

Mehr noch – der Leichnam wird nicht einfach verscharrt, wie es die Feinde Jesu wohl gewollt haben. „Dem „König der Juden“, den sie so rasch wie möglich beseitig wissen wollen, wird tatsächlich eine so ehrenvolle Bestattung gegeben, wie sie sonst nur Königen zuteilwird.“ (U. Wilkens, aaO, S. 302) So wird die tiefe Verehrung und Verbundenheit mit dem Verstorbenen ausgedrückt. Eine Verbundenheit über den  Tod hinaus. Ein „Bleiben bei Jesus“ (15,5), das sich auch nicht schrecken lässt von den Gewaltmaßnamen des Staates und vom Hass derer, die ihn mit ans Kreuz gebracht haben. Darin sind Nikodemus und Joseph von Arimathäa Beispiele für die Gemeinde.

41 Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. 42 Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab nahe war.

            In der Nähe der Hinrichtungsstätte Golgatha ist ein Grab. Neu, bislang noch nie belegt. In einem Garten. In dieses Grab wird Jesus gelegt. Es ist Eile geboten, weil die Nacht herandrängt und am neuen Tag, der am Abend anbricht, dieses alles nicht mehr möglich wäre. Das Grab wird ordentlich verschlossen. Es ist ja alles getan, was noch zu tun war. Daran freilich liegt dem Erzähler: Alles scheint vom Himmel her vorbereitet und gefügt zu sein. Joseph und Nikodemus ergänzen sich in ihrem Tun, ein Grab ist in der Nähe, in das noch nie jemand gelegt worden war. Aufnahmebereit für den Gekreuzigten, den Erhöhten.  

Johannes weiß oder erzählt nichts davon, dass dies Grab Eigentum  des Joseph von Arimathäa (so Matthäus 27,60) war. Auch der Unterschied: hier Gartengrab – dort Grab in einem Felsen, ist nicht wirklich von Belang. Die junge Christenheit interessierte sich nicht wirklich für den Ort, an dem Jesus gelegen hatte. Aus gutem Grund.

 

Herr Jesus, wenn nichts mehr zu tun ist, nichts mehr zu retten ist, warum dann bleiben, warum dann sich bekennen?

Ist es die Liebe, die Joseph und Nikodemus treibt? Ist es die Treue, die sie aus dem Halbdunkel ans Licht treten lässt?

Sie sind mir Vorbilder im Glauben mit ihrem Eintreten für Deine Würde, mit ihrem sich Zeigen, als es um die Ehre des Verachteten, Deine Ehre geht.

Wie schlicht das wirkt: Uns liegt an ihm, den ihr hingerichtet habt. Keine großen Worte, aber Signale, die nicht zu übersehen sind.

Gib mir den Mut zu solchen Signalen. Amen