Vollbracht. Am Ziel

Johannes 19, 16b – 30

Sie nahmen ihn aber 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Vollzug. Mit dürren Worten beschreibt Johannes den Weg zum Kreuz. Ein Hinrichtungs-Kommando übernimmt ihn – so wörtlich: Παρλαβον. Er übernimmt sein Kreuz, σταυρν, eigentlich „Pfahl“, auch Marterpfahl. Es ist ihm aufgelegt und er trägt es sich, so wörtlich, und es ging hinaus. Vor die Stadt. Mit den Worten „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager…“ (Hebräer 13,12.13) wird aus dieser Ortsangabe eine Platzanweisung an Christen. Dort draußen wird Jesus  gekreuzigt. Dort draußen vor der Stadt, nicht in der Mitte der Gesellschaft, ist deshalb auch der Platz der Christengemeinde.

Bei aller Knappheit ist Johannes sorgfältig, was die Ortsangabe angeht: Schädelstätte – Golgatha. „Der Platz wird so heißen, weil er als kahle Kuppel einem Schädel ähnlich sah.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 210)Ob es der übliche Platz für Hinrichtungen war, wissen wir nicht. 

Er wird nicht allein gekreuzigt – zwei andere mit ihm. Diesmal aber steht da sehr bewusst: Jesus aber in der Mitte. In der Mitte des Schmerzes, in der Mitte des Leides, in der Mitte des Todes ist sein Platz. Nichts von den Ereignissen, die die anderen Evangelisten erzählen wird erwähnt. Nur dass er sein Kreuz trug. Geschunden, gefoltert, aber immer noch der, der sein Kreuz selbst auf sich nimmt.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

            Das aber wird sorgfältig erzählt: Die Anklage gegen Jesus wird im Auftrag des Pilatus schriftlich festgehalten, dreisprachig, damit es ja alle in Jerusalem – und weltweit – lesen und verstehen können: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Es ist der politische, nicht der religiöse Anklagepunkt. Der hat den Römer nicht wirklich interessiert. Er ist ja auch nicht direkt justitiabel.

Eine Nebenbemerkung: Pilatus hat gewiss nicht selbst geschrieben, schon gar nicht vor Ort, auf Golgatha: Er hat schreiben lassen. es ist für mich kaum vorstellar, dass der Statthalter Roms sich auf den Weg gemacht hat, um der Hinrichtung so einer „Nebenfigur“ wie diesem Jesus beizuwohnen. Darum wird auch der Protest der Hohenpriester nicht auf Golgatha zu verorten sein, sondern durch Gesandte im Prätorium. Erfolge ist ihnen nicht beschieden.

 

Die Antwort des Pilatus auf den Einspruch der Juden ist auf Latein sprichwörtlich geworden. Quod scripsi scripsi. Unzählige Schülergenerationen haben das gehört, wenn es um das Verhandeln von Noten ging.

Die Hohenpriester aber fühlen sich provoziert. Vielleicht ja auch zu Recht. Vielleicht lesen sie in diesem „Titulus“ klammheimliche Rache und Spott des Pilatus. Seht her, ihr Juden, euer König – ein Gekreuzigter. So geht es allen, die sich mit Rom anlegen. Aber jetzt bleibt Pilatus sprichwörtlich hart. Und wird so zum Zeugen Jesu. Ungewollt. Dreisprachig. Sozusagen ökumenisch. Der ganzen Welt gegenüber.

Man kann über dieser Inschrift sehr wohl nachdenklich werden. Sie verärgert lesen wie die Hohenpriester. Man kann sie auch anders lesen und verstehen: „Als der Gekreuzigte ist Jesus wirklich der König; das Königtum der Hoffnung ist nicht als solches zunichte gemacht, sondern im neuen Sinn aufgerichtet; das Kreuz ist ja Jesu Erhöhung, Verherrlichung.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 518)  So gelesen kann man sagen, dass Pilatus wie früher schon Kaiphas ohne Wissen und Wollen prophetisch gehandelt hat, die tiefere Wahrheit des Geschehens aufgedeckt hat.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Mit Zwischenfällen ist offensichtlich nicht zu rechnen. Auch nicht mit Befreiungs-Aktionen in letzter Sekunde. So also: „Buisness as usual.“ Auch darin der übliche Vorgang: Die Habe der Hingerichteten fällt an das Hinrichtungskommando. Vier Soldaten reichen, um Jesus zu kreuzigen. Nur das eine Gewand ist zu schade, um zerteilt, geteilt zu werden. Da soll einer Alles bekommen. „The winner takes it all.“ heißt es bis heute. So wird gelost. Und unter dem Kreuz gibt es schon einen ersten Gewinner.

Auch hier wieder einmal: So sollte die Schrift erfüllt werden. Im Verlauf des Evangeliums begegnet die Wendung nicht sonderlich häufig, wohl aber hier in der Kreuzigungserzählung gleich dreimal. Johannes unterstreicht so ausdrücklich: Das ganze Geschehen folgt einem uralten Plan, einem Skript, dessen Autor weiß, was er tut.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

            Zu dieser Szene gibt es keine Parallele bei den anderen Evangelisten. In den anderen Evangelien heißt es: Seine Leute, genauer: die Frauen, die ihm nachgefolgt waren, standen von ferne (Lukas 23,49; Markus 15,40; Matthäus 27,55) Hier ist es anders. Vier Frauen, drei Marien – die Mutter, die Frau des Klopas und Maria von Magdala und eine Tante Jesu stehen unter dem Kreuz. Und der Jünger, den er lieb hatte. In seiner Nähe. In Sichtweite zu ihm und für ihn. Sie trauen sich zu ihm. Zu dem Verurteilten, Hingerichteten.  Allein darin schon frühe Vorbilder der Christenheit.

Und er, Jesus, sieht sie. So wie er immer die Anderen gesehen hat, ihre Angst, ihre Not, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit. Alle Hilfe fängt ja damit an, dass einer überhaupt sieht. „Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“(2. Mose 2,25) Wie immer es sonst um seine Beziehung zu Maria, seiner Mutter gestanden haben mag – sorgfältig Lesende haben ja noch die schroffen Worte bei der Hochzeit von Kana im Ohr: „Was geht’s dich an, Frau, was ich tue?“ (2,4) – jetzt sieht er sie und sorgt für sie. In letzter Stunde. Er weist die Mutter an den Lieblingsjünger, den Lieblingsjünger an die Mutter. Fürsorge.

Es ist die Einweisung in ein Leben nach seinem Gebot – situationsbezogen, konkret: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (13, 34) Und es ist sicherlich nicht ohne Absicht so erzählt. Der Jünger, den er lieb hatte, ist der erste, der so in die Verwirklichung dieses „neuen Gebotes“ konkret hineingerufen wird. Gib dieses Liebe weiter, die du empfangen hast.

Darüber hinaus: Der sterbende Jesus regelt Zukunft über seinen Tod hinaus. Es geht um Zuwendung, die sich nicht unter den Tod beugt, sich nicht vom Tod brechen lässt. So sagt Jesus in diesen Worten: es gibt für euch Zukunft, auch wenn ich nicht mehr da sein werde. So schlicht lehrt Jesus noch in der Stunde seines Sterbens den Jünger, den er lieb hat und seine Mutter: Auf euch wartet noch Zukunft.

Mag sein, dass solche Sicht auf die Szene fast „platt“ ist, oberflächlich, nicht geistlich genug. Obwohl eine solche Einweisung in die Liebe als letztes Wort würde schon passen zu dem, der „liebt bis zum Äußersten“ (12,1)

Es gibt jedoch noch andere Deutungen. Ob sie tiefer sind, geistlicher, weiß ich nicht, ist mir wirklich eine Frage. „Die Mutter Jesu, die am Kreuz ausharrt, stellt das Juden-Christentum dar, das den Anstoß des Kreuzes überwindet. Das durch den Lieblingsjünger repräsentierte Heidenchristentum wird angewiesen, jenes als seine Mutter, aus der es hervorgegangen ist, zu ehren, und jenem wird geboten, sich innerhalb des Heidenchristentums „zu Hause“, d.h. in die große kirchliche Gemeinschaft eingegliedert zu wissen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 521) Eine schöne Deutung, aber sie knirscht: Wieso steht der Lieblingsjünger für das Heidenchristentum? Er ist doch Jude wie alle anderen Jünger! Und Maria, von der sonst so gut wie nie die Rede ist im Evangelium als die Repräsentantin des Judenchristentums? Mir genügt der mitmenschliche Akt.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

Wieder einmal, ein letztes Mal: Jesus wusste. Auch am Kreuz wird sein Wissen nicht ausgelöscht. Es zerbricht nicht im Schmerz, es erlischt nicht als eine große Frage. So sieht es Johannes. Vielmehr: Jesus hält den Weg durch. Nicht so freilich, das alles nur eine Inszenierung ist. Aber alles, was auf diesem Weg geschieht, wird von der Schrift her gedeutet. Jesus ist kein Schauspieler, der seine Rolle ausfüllt. Er lebt sein Leben  und der Evangelist „sieht“, was dahinter steckt.

Der Durst wird gestillt. Ein Ysoprohr findet Verwendung. „Der Ysop erinnert an die Passahnacht (2. Mose 12,22) Damit wurde das Blut des Lammes an die Türrahmen der Häuser Israels gestrichen, damit der Todesengel diese verschone…. Es genügt, dass der Ysop an das Passa erinnert. Jesus ist das Passalamm der Christenheit“ (G. Voigt, aaO. S. 271)

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.

Das letzte Wort Jesu: Es ist vollbracht! Τετέλεσται. Ein Siegesruf. Geschafft! Oft genug, von Sportreportern und anderen Kleingeistern, gedankenlos verwendet für ihre Ziele und Siege. Hier klingt es in einer doppelten Weise: „So ist nun alles geschehen, was geschehen musste.“(R. Bultmann, aaO. S. 523) Jesus ist am Ziel – nicht aller Wünsche, aber seines Weges. Und es ist wirklich die Stunde des Siegers.

Aber zugleich klingt das andere doch mit: „Es ist ausgestanden.“ Ich habe es hinter mir. Auch im Johannesevangelium bleibt Jesus schmerzempfindlich, Mensch, und mutiert nicht zum überirdischen Geistwesen, dem der Schmerz nichts anhaben kann. „Der Leser darf keinen Augenblick darüber hinwegsehen, dass es der Mensch Jesus ist, der hier, von Menschen entwürdigt, unter entsetzlichen Qualen den elendsten Tod erleidet, den es in der damaligen Welt zu sterben gegeben hat. Seine Erhöhung ist dieser Tod nur in dieser tiefsten Erniedrigung.“ (U. Wilkens, aaO. S. 298) So klingt dann in dem Ruf des Siegers auch der Ton des Leidens mit.

Der Kopf wird zu schwer. Er fällt nach vorne. Und Jesus ist tot. Man hat auch in dem Neigen des Hauptes noch eine Siegesgeste, Hoheit sehen wollen. Das gibt das griechische Wort κλίνας meines Erachtens nicht her.

Anderes freilich verschleiert die deutsche Übersetzung: „Er gab den Geist auf.“ steht da wörtlich. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“  ist Jesu letztes Wort nach dem Lukasevangelium. (Lukas 23, 46) So nahe beieinander können Evangelisten sein. Und beides markiert die Voraussetzung für die Gabe des Geistes an die Jünger. Jesus hält seinen Geist nicht fest – er gibt ihn, und er wird ihn geben – durch die Hände des Vaters an die Jünger.

 

Es ist vollbracht. Du bist erhöht. Du bist den Weg  gegangen, Mensch unter Menschen, Gott unter uns, uns zugute.

Und ich sehe auf Dein Kreuz und lese: König der Juden, lese: Lamm Gottes, lese: gesandt aus der Ewigkeit Gottes.

Ich danke Dir, dass Du diesen Weg gegangen bist, uns zugute. Amen