Alle eins – in IHM

Johannes 17, 11b  – 26

Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.

Jesu Leute soll der Vater bewahren. Erhalten in seinem Namen. Ihnen zur Treue helfen im Gegenwind der Welt. Es ist gut, sich zu erinnern: Das sind Bitten unmittelbar vor  der Nacht, in der er verraten wird. Vor der Flucht der Jünger. Am Tag vor der Kreuzigung. Vor dem völligen Zusammenbruch all ihrer Hoffnungen. Die Jünger werden nicht einfach tapfer weiter machen, die Sache Jesu nicht fahren lassen. „Die Kirche schafft, erhält, trägt, schützt, heilt sich nicht selbst.“ (G. Voigt, aaO. S. 245) Sie lebt von der Fürbitte des Sohnes vor dem Vater, so wie sie hier in diesem Gebet beginnt und in der Zeit niemals endet.

12 Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde.

            Noch einmal wird spürbar, wie sehr der Verrat des Judas schmerzt, auch Jesus schmerzt. Er ist nicht kühl einkalkuliert als Heilsnotwendigkeit. Wohl wahr: Sein Tun dient dazu, damit die Schrift erfüllt werde. Aber das ändert nichts daran: Er ist ein Verlust. Judas fehlt. Unersetzlich. Dieses Gebet überspringt den Schmerz Gottes nicht.

         Aber auch: ich habe keinen von ihnen verloren. Das ist der Blick Jesu auf sein Werk: Ich habe sie alle bewahrt. Dazu die Worte eines großen Bischofs: „Sein himmlischer Vater hat ihm alle Seelen, nicht bloß die Getauften ans Herz gelegt, alle, die Heidenwelt, Israel, das ganze, arme, abgestandene Christenleben, diese verzerrte Nachfolge, diesen Kirchentod und diese Kirchenlauheit, die Satten, die Sicheren, die im Bekenntnis Erstarrten, die Wortgläubigen, die Mundbekenner, die bequemen Märtyrer, die Salon-Christen. Er hat sie ihm alle anbefohlen, alle – und er verliert keinen, keinen.“ (H. Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S. 82)

Auch darin gilt: damit die Schrift erfüllt würde. Johannes hat nicht vergessen, was er als Wort Jesu aufgeschrieben hat: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (3,16) Es geht Jesus – und damit Gott – wirklich um alle. „Alle, alle, alle!“ wie es bei Heinrich Schütz in einer seiner Motetten heißt.

13 Nun aber komme ich zu dir und rede dies in der Welt, damit meine Freude in ihnen vollkommen sei.

Und doch: Es gibt einen Weg über den Schmerz hinaus. Das Ziel des Betens Jesu ist die vollkommene Freude.  Die Freude, durch die sie ganz ausgefüllt, erfüllt sein werden – so πεπληρωμνην. „Jesu Freude an der vollkommenen vertrauten Nähe zum Vater wird auch in der Gemeinde der Seinen vollkommen gegenwärtig sein.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 264) Auch hier werden wieder frühere Worte aufgegriffen, so wie dieses ganze Gebet immer wieder zurückgreift auf früher schon einmal Gesagtes. „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“(15,11) War das Wort zuerst ein Ruf in die Freude an die Jünger, so ist es jetzt eine Bitte, die den Vater sucht. Er mag es schenken, dass sich die Freude Jesu in seinen Jüngern erfüllt.

In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben,                                 du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,                                           wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte,                                               an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.                                                                       C. Schneegass 1598 EG 398

14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

           Es ist ein schreiender Gegensatz: die Jünger bergen sich in die Worte Jesu und diese Worte bringen ihnen gleichzeitig den Hass der Welt ein. Sie haben einen Halt in seinem Wort und dieser Halt macht sie der Welt fremd. Es ist das Wort Jesu, das sie der Welt entfremdet. Nicht irgendwelche sonderbaren und leicht antiquierten Riten. Nicht eine Sprache, die von gestern ist. Das Wort, aus dem sie leben trennt sie von der Welt. „Es ist eine ursprungsmäßige Fremdheit im Verhältnis zwischen der Welt und Jesu Jüngern.“(U. Wilkens, ebda.) Wer aus den Kräften der Welt lebt, das Machtspiel mitspielt, die Werte der Welt verinnerlicht – der erfährt keine Feindschaft. Wer aber sich an das ihm gegebene Wort bindet, der gerät in Widerspruch und Widerstreit.

       „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29) Mit solchen Worten macht sich keiner Freunde, klingt das doch sehr nach begrenzter Loyalität und nach dem Vorbehalt, im Zweifelsfall aus der Reihe zu tanzen. „Die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“(1. Korinther 1, 25) Wer so etwas sagt, stellt die Herrschaft der autonomen menschlichen Vernunft radikal in Frage. Freunde unter den Weisen der Welt macht man sich damit nicht.

Um nur einen Laster-Katalog zu zitieren: „Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.“ (Galater 5, 19-21) Ist es nicht so: Das ist Alltagsmoral auf allen Ebenen, nicht nur zur Zeit des Paulus. Wer ernsthaft behauptet, dass unser Tun vor Gott gegen uns sprechen könnte und nicht gleichgültig ist – so wie die Liebe ja auch nicht gleichgültig ist – der muss sich heute schon Fragen gefallen lassen, an was für einen Gott er denn glaubt und ob Gott wirklich so engstirnig und antiquiert moralisch sein könnte, wie er tut.

Das alles gilt es, als Widerspruch der Welt, als ihre Distanz, als ihr überlegenes Kopfschütteln auszuhalten. Ich scheue mich, diese gegenwärtige Erfahrung Hass zu nennen, weiß aber, dass es auch heute Gegenden in der Welt gibt, in denen die Fremdheit der Christen in der Welt blanken Hass hervorbringt, der blutige Opfer fordert.

15 Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen. 16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

            Das dürfen wir nie vergessen, nie überspringen: Der Ort der Gemeinde Jesu ist die Welt. Der Kosmos, κόσμος. Das Johannes-Evangelium hat keine negative Sicht von der Welt, ist sie doch die Schöpfung Gottes. Auch wenn sie sich dem Gesandten Gottes verweigert, ihn nicht aufnimmt, der in sein Eigentum  kommt (1,11). Diese Welt bleibt sein Eigentum! Die Gemeinde Jesu soll und darf darum nicht in einer heiligen Sonderwelt leben wollen. Weltflucht ist keine Möglichkeit für die Gemeinde. Sie soll sich der Welt nicht verweigern, sondern in ihr leben. Aber sie soll sich der Welt auch nicht gleichstellen. Das meint wohl die so missverständliche Formel von der „Entweltlichung“ Benedikts XVI. Sich nicht dem Regelwerk der Welt unterwerfen. Sich nicht der eigenen Freiheit berauben durch Anpassungen und Existenzängste.

Eine Zwischenbemerkung: Klöster und Kommunitäten sind der Versuch, das als Gemeinschaft in Lebenspraxis umzusetzen. Sie sind nie Flucht vor der Welt, sondern Einübung in ein gemeinschaftlich-widerständiges Leben.

Was Jesus für die Gemeinde erbittet, ist Bewahrung. Bewahrung und Bewährung. Das hängt ja so eng zusammen. Bewahrung vor dem Bösen ist nicht der Schutz vor allem Unheil.  Es ist die Bewahrung davor, sich irgendwann doch enttäuscht abzuwenden und abzusagen, sich zu ergeben in den Lauf der Welt und resigniert zu sagen: Das mit dem Glauben war nur ein schöner Traum. „Es ist die Bitte, die Gemeinde, die in der Welt steht, vor dem Verfall an die Welt zu bewahren, sie in ihrem entweltlichten Sein rein zu erhalten.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 384) Diese Bewahrung ist die Kraft, auch in allem Unheil festzuhalten am Glauben, sich zu bergen in der Liebe Gottes, seine Zuversicht nicht zu verlieren, dass Gott am Ende doch mit uns an sein Ziel kommt.

So wie Gott mit Jesus durch Kreuz und Auferstehung an sein Ziel kommt, so wird er auch mit uns an sein Ziel kommen. Warum? Nicht, weil wir so tapfer glauben, sondern weil wir durch den Glauben Anteil an seinem Sein gewinnen. Christsein ist mehr als eine irgendwie geartete religiöse Überzeugung zu haben. Es ist eine neue Existenz, ein Leben auf neuem Grund.  In der Welt, aber nicht von der Welt, eingewurzelt, „eingeleibt“ in Jesus Christus. Oder, wie Paulus es sagt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,18)

Nebenbei: In dieser Bitte bewahre vor dem Bösen klingt das Vaterunser an, das im Johannes-Evangelium ja nicht wörtlich vorkommt.  Aber Anklänge gibt es doch, wie auch  in der anderen Bitte: „Erhalte sie in deinem Namen.“ (17,11) und in dem ständigen Suchen Jesu nach der Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters.

Nebenbei: In dieser Bitte bewahre vor dem Bösen klingt das Vaterunser an, das im Johannes-Evangelium ja nicht wörtlich vorkommt.  Aber Anklänge gibt es doch, wie auch  in der anderen Bitte: „Erhalte sie in deinem Namen.“ (17,11) und in dem ständigen Suchen Jesu nach der Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters.

Auch das kann man anmerken: Das griechische Wort τηρέω hat einen kämpferischen Klang – meint es doch auch bewachen, behüten und darin eben bewahren.  So fordert also Jesus den Vater zu einem kämpferischen Eintreten für seine Jünger*innen.  Ganz so, wie er es in den Psalmen Israels gelernt hat:

„Wach auf, Herr! Warum schläfst du?                                        Werde wach und verstoß uns nicht für immer!                      Warum verbirgst du dein Antlitz,                                             vergissest unser Elend und unsre Drangsal?“                                     Psalm 44,24-25

oder

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,                                 und der dich behütet, schläft nicht.                                         Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“                                   Psalm 121, 3-4

Gottes Wachen über seinem Volk kennt keine Pause.  Immer hält es Jesus in seiner Fürbitte vor dem Vater in Gang.

17 Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. 18 Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.

So, als in Jesus gegründete Gemeinde, die an ihm bleibt, steht sie der Welt gegenüber. Dass das so bleibt und nicht nur eine Augenblickserscheinung ist, darauf zielt die Bitte: Heilige sie in der Wahrheit. γαζω- weihen, reinigen“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 4) Dieses Heiligen ist „in Gottes Wahrheit ihren festen Stand haben.“ (U. Wilkens, aaO. S. 265) Es geht um die Beständigkeit des Glaubens, Um das Bleiben in der Wahrheit. Das Bleiben am Wort.  Mit dem Heiligen wird die Gemeinde zum Gegenüber zum Profanen, zur Welt. Sie ist abgegrenzt, auch ausgegrenzt, aber nicht eingeigelt. Sie ist „Kontrastgesellschaft“(G. Lohfink, Wie hat Jesus Gemeinde gewollt, Freiburg 1993 S. 142). Nicht, weil sie aus sich selbst heraus so anders wäre, sondern weil sie einen anderen Lebensgrund hat, Jesus.

Und sie hat, so gegründet, eine Aufgabe in der Welt. Sie setzt die Sendung des Sohnes fort. „Die Existenz der Gläubigen in der Welt ist nach johanneischem Verständnis durch die Sendung bestimmt. Die Mission ist der Beruf der johanneisch verstandenen Jünger schlechthin.“ (S. Schulz, aaO. S. 217) Das ist die Bringschuld, die die Kirche in der Welt hat: Sie soll Zeuge sein in der Spur des Gesandten, Zeuge für die Liebe, die bis zum Äußersten geht.(13,1)

 19 Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.

Der Bitte Jesu um die Heiligung der Gemeinde korrespondiert sein: Ich heilige mich selbst für sie. Aus dem Zusammenhang heraus muss man wohl lesen: Ich gebe mich für sie. Ich opfere mich für sie. Hier taucht, was sonst selten genug im Johannes-Evangelium steht, υπέρ auf: für. Wir kennen das Wort aus den Abendmahlsworten: Für euch. „Jesus, der Heilige Gottes (6,69) erweist seine Heiligkeit darin, dass er sich für die Seinen opfert.“  (R. Bultmann, aaO. S. 391) Indem Jesus sich selbst gibt, stellt er seine Gemeinde hinein in seinen Lebensvollzug, seine Wahrheit. In sein Eins-sein mit dem Vater.

20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,

            Der Blick weitet sich, weit über die Stunde des Abschiedes hinaus., Dieses Gebet Jesu nimmt die Gemeinde aller Zeiten mit hinein in die Fürbitte für den armen Jüngerhaufen am Vorabend der Kreuzigung. Wird gleich davon die Rede sein müssen, wie die Jünger sich in Sicherheit bringen, zerstreut, versprengt werden – hier kommt das andere zur Sprache: Durch ihr Wort werden Menschen zum Glauben an Jesus finden. Man könnte auch sagen: durch ihre Lehre. Λόγος meint kein Zufallswort, nichts so dahin Gesagtes. Es ist das Wort, das Jesus als das Wort Gottes (1,1) als das Fleisch gewordene Wort (1,14) bezeugt.

Jesus ist der Fürsprecher (1 .Johannes 2,1) für die einen wie für die anderen – für die Jüngerinnen und Jünger, die jetzt bei ihm sind, und für die, die durch ihr Zeugnis für den Glauben gewonnen werden im Lauf der Zeit. „Wenn man über die großen Kirchhöfe eurer Stadt geht und die Tausende und Zehntausende betrachtet, die hier liegen, Staub vom Staub, und wenn nun ein Stab sich zum anderen fügt und ein Grab an’s andre sich reiht, dann hat man nur den einen Trost, sonst müsste man ja vergehen oder in das helle Lachen eines Irrsinnigen ausbrechen, nur den einen Trost: „Ich bitte für sie.“ (H. Bezzel, aaO.; S. 126)

            Darum heißt dieses Gebet Jesu zu Recht das „hohepriesterliche Gebet“, weil es uns ihn vor Augen stellt in dem, was er auch heute tut, unaufhörlich bis ans Ende der Zeit: Er vertritt uns. Er bittet für uns. Er legt sein gutes Wort ein für uns. Er ist der große Hohepriester  (Hebräer 4,14), von dessen Fürsprache wir alle leben.   

21 damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

            Das ist das Leitwort dieser Gedanken: Damit sie eins seien, wie wir eins sind. Es ist das Persongeheimnis Jesu, dass er eins ist mit dem Vater. Nicht nur so denkt wie der Vater, nicht nur will, was der Vater will. Es ist Wesenseinheit, Existenz-Einheit. Du in mir, ich in Dir. Das meint die neutestamentliche Rede vom Sohn Gottes – nicht biologische Abstammung, sondern Wesenseinheit. In dem Menschen Jesus von Nazareth ist der ewige Gott, Schöpfer der Welt, Grund allen Lebens präsent. Da. Das ist mehr als Stellvertretung oder Repräsentanz. Das ist die Realpräsenz Gottes in der Welt. Jesus ringt nicht nur neue Gottesbilder, neue Gottesgedanken – er ist Gott gegenwärtig. bis heute ist das die aufregende Grenzüberschreitung, von der der christliche Glaube Zeugnis ablegt: der transzendente, unfassbare, ewiger Gott wird Mensch. Um das Ärgernis voll zu machen: Fleisch.  Wir finden Gott nicht anders als in dem Menschen Jesus von Nazareth, geboren von einer jungen Frau, gelitten unter Pontius Pilatus und gekreuzigt. Im Grab verscharrt. Mit dem ist Gott eins. Deckungsgleich.

In diese Einheit zwischen Vater und Sohn zieht Jesus seine Jünger hinein Das Eins-Sein des Vaters mit dem Sohn spiegelt sich in dem Eins-Sein der Jünger aller Zeiten. Es macht keinen Unterschied, ob es die erste oder die 20. Generation der Christen ist – sie sind alle Gott gleich nah. Sie sind alle – über alle Grenzen hinweg – eins.

Zum Eins-Sein der Christen und Christinnen braucht es keine einheitlichen Riten, Gewänder, Sitten, Festkalender, keine uniformen Liederbücher und keine gleichförmigen Wortlaute in den Bekenntnissen. „Diese Einheit ist natürlich nicht als die einer Organisation gedacht. (R. Bultmann, aaO. S. 392)Zum Eins-Sein der Christen braucht es nur dies eine, dass sie eins sind in Gott, gebunden an den Vater und den Sohn durch den Geist.

Eins sein ist tiefer gegründet als einig sein. Einigkeit könnten wir vielleicht selbst herstellen. Einheit herzustellen durch Gleichförmigkeit ist die große Versuchung aller Zeiten, die das Neue Testament durch die Vielstimmigkeit seiner Zeugen schon ein wenig konterkariert. Es gilt: „Nicht persönliche Sympathien oder gemeinsame Zwecke konstituieren die Einheit, sondern das in allen lebendige, die Gemeinde begründende Wort, dessen Anspruch und Gabe Jeder dem Anderen gegenüber vertritt, in dem er für ihn ist.“(R. Bultmann, aaO. S. 393) Eins-Sein aber ist Gottes Gabe, seine Wirklichkeit, in die er uns hinein stellt, hinein zieht. An diesem Eins-sein von Vater und Sohn, Sohn und Vater will Jesus der Gemeinde Anteil geben. Das ist ihr Lebensgrund.

Und wo das aufleuchtet, wird für die Welt die Wirklichkeit Jesu sichtbar, erkennbar. Da ist es auf einmal klar, dass Jesus für den Vater steht, dass er von ihm gesandt ist. Da wird dann auch sichtbar: So wie der Sohn sind Jüngerinnen und Jünger Geliebte Gottes – geliebt in dieser Liebe, die aus dem Tod ins Leben ruft, die sich nicht schont, sondern alles schenkt und durchhält bis ans Ziel.

24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.

Das ist ein neuer Klang: „Ich will“θλω – dem Vater  – Πτερ – gegenüber ist einmalig im Johannes-Evangelium. Sonst sagt Jesus immer: „Ich bitte“. Inhaltlich knüpft dieser Wille an frühere Aussagen an: „Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“ (14,3) Neu ist, so könnte man, mit Rückgriff auf das „ich will“ Jesu, sagen: dass diese bleibende Gemeinschaft vom Sohn beim Vater regelrecht eingefordert wird!

Neu auch, dass damit das Ziel verbunden wird, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.  Ein Horizont wird eröffnet, der die Welt übersteigt: „Deutlich ist, dass für die Glaubenden ein Sein mit dem Offenbarer (= Jesus ) über den Tod hinaus erbeten und damit auch verheißen wird.“ (R. Bultmann, aaO. S. 399)

Markant ist auch die Zuspitzung: Die Herrlichkeit Jesu hat ihren Grund in der Liebe des Vaters. Von Anfang an. Vor der Grundlegung der Welt. Sie ist nicht erworben. Sie ist der Grund, auf dem er seinen Weg geht. Auch das ist schon ganz früh im Evangelium angedeutet: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (1,14). Es ist eine Eigentümlichkeit des Johannes-Evangeliums, dass Gedanken, Satzteile, Worte wie mit einem Netz über den ganzen Text gespannt werden. Das verstärkt den Eindruck: Ich lese in diesem Evangelium Jesus-Meditationen, die sich Schritt für Schritt voran tasten.

 25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Es könnte wie eine stilistische Variation wirken: πτερ δκαιεGerechter Vater. Es scheint aber mehr zu sein. „In allem Wollen und Offenbarungshandeln des Sohnes ist die Gerechtigkeit Gottes im alttestamentlichen Sinne gegenwärtig und wirksam.“ (U. Wilkens, aaO. S. 267) Sein Heilswille, sein Erbarmen, seine Liebe, die sich in der Sendung Jesu zeigt und in der Liebe der Jünger*innen zu Jesus ihre Antwort findet.   

Es ist wie eine Zusammenfassung vieler Fäden: Die Blindheit der Welt für Gott. Das Kennen des Vaters, aus dem Jesus kommt und lebt. Die Offenbarung des Vaters an die Jünger durch Jesus. Und indem er den Jüngern den Vater zeigt, zieht er sie hinein in die Liebe – zwischen dem Vater und sich. Christsein – so könnte ich, mich lösend von diesem konkreten Wort, sagen – ist nichts anders als in die Liebe des Vaters zum Sohn hineingezogen zu werden. Anteil zu gewinnen an ihr durch die Zugehörigkeit zu Jesus.

Und, indem das geschieht, wohnt die Liebe in den Jüngern und mit der Liebe Jesus. Wohnt Jesus in ihnen und mit ihm die Liebe. Gewinnt Jesus Gestalt in ihnen. Indem sie seine Brüder und Schwestern werden.

 

Höher als alle Vernunft, stärker als alle Kraft, tiefer als alle Angst reicht Deine Liebe, Jesus. Und ich berge mich in sie ohne sie zu begreifen. Ich suche sie ohne ihr jemals entsprechen zu können. Ich spüre sie und bin doch zugleich so weit weg, sie zu fassen.

Es ist Deine Liebe, die mir den Himmel öffnet, mir die Angst vor dem ewigen Gott nimmt, mich sorglos werden lässt über mein Leben, ob es denn reichen wird, um vor Dir zu bestehen.

Es ist Deine Liebe, die keinen verloren gibt, mich auch nicht. Dafür danke ich Dir. Amen