Zum Vater gewandt

Johannes 17, 1 – 11a

Früher, als Kind, habe ich manchmal gelauscht, wenn Vater und Mutter miteinander über uns Kinder geredet haben. Das war spannend. Und irgendwie habe ich mich dann gefreut, wenn ich vorkam, noch mehr, wenn es etwas Gutes über mich zu hören gab. Es war aber auch peinlich, beim Lauschen erwischt zu werden – es gab einen roten Kopf und tiefe Verlegenheit. Und irgendwann stellte sich dann auch das schlechte Gewissen ein: Lauschen gehört sich nicht.

Das 17. Kapitel des Johannes-Evangelium ist eine Einladung zum Lauschen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Wir hören hinein in das Gespräch Jesu mit seinem Vater. Es ist ein „innerliches“, Gespräch – in vielen Bibelausgaben mit der Überschrift „Das hohepriesterliche Gebet“ versehen. Diese Überschrift geht auf den Rostocker Theologen Chyträus (†1600) zurück.

Die Evangelien erzählen zwar öfters davon, dass Jesus wieder und wieder mit dem Vater spricht, dass er Nächte im Gebet zubringt. Aber sie sind sparsam in dem Erzählen, was den Inhalt dieser Gebete Jesu angeht. So oft sie auch sagen, dass Jesus mit dem Vater redet, so selten sagen sie doch, was Jesus mit dem Vater redet. Hier aber, geformt in der Sprache des Johannes, hören wir dem Beter Jesus zu. „Nicht mehr die Jünger hören diese Worte seines Gebets – nur die Leser des Johannes als die Jünger der nachösterlichen Kirche.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 258)

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:

            Der Weg neigt sich dem Ende zu. „Steht auf und lasst uns von hier weggehen.“ (14,31) hatte Jesus gesagt. Und jetzt, bereit zum Aufbruch sieht er auf zum Himmel. Er sieht nicht in das kommende und drohende Dunkel der Nacht mit dem, was er sagt. „Zöllnerart ist es, das Auge zu senken, Kindesrecht ist es, das Auge zu erheben. Verlorenen Sohnes Weise ist es, die Augen niedergeschlagen zu haben, aber der geliebte Sohn kehrt heim mit dem Blick zur Heimat gerichtet.“ (H. Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S. 10) Jesus also sieht betend in den Himmel. Das ist mehr als nur ein Hinweis auf die äußere Gebetshaltung. Das Gebet Jesu wie sein ganzes Leben lebt aus diesem Blick in den Himmel, hat von daher seine Eigenart.   

Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; 2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.

            Jetzt ist die Zeit erfüllt. Die Stunde ist da. So oft zuvor hatte Jesus auf seine Stunde gewartet , nach ihr gefragt, sich dem Drängen der Menschen verweigert. Jetzt sieht er: Es ist so weit. Erfüllte Zeit. „Vater, verherrliche Deinen Namen“ (12,15) hatte er früher gebetet – jetzt bittet er: Verherrliche deinen Sohn. Kein Gegensatz: In der Herrlichkeit des Sohnes wird die Herrlichkeit Gottes aufleuchten.

Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (1,14) hatte Johannes im Prolog als sein Bekenntnis geschrieben. Die Herrlichkeit, um die Jesus hier bittet, leuchtet auf im Weg dessen, der durch Israel geht, sich Menschen zuwendet, heilt, tröstet, zurechtbringt. Es ist eine irdische Herrlichkeit, Fleisch geworden, menschlich – und darin göttlich.

Es ist zugleich eine machtvolle Herrlichkeit. Εξουσία, Macht, Vollmacht. Dieser irdische Jesus weiß um seine Macht. Er duckt sich nicht, macht sich nicht klein. Er wird ja auch im Prozess vor Pilatus sehr aufrecht dastehen. Seine Macht aber ist nicht selbstbezogen. Sie dient anderen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Aus seinen Händen kommt die Gabe des ewigen Lebens, des gültigen Lebens, des Lebens, das bleibt im Wechsel der Zeiten. Nicht Vergabe irdischer Macht – die Gabe des ewigen Lebens ist sein Geben. Darin ist er herrlich, dass wir die Ewigkeit von ihm empfangen.

        Über alle Menschen lesen die Übersetzungen. Der griechische Text sagt: πσης σαρκς  – alles Fleisch! Das ist Anknüpfung an den Anfang des Evangeliums: „Das Wort ward Fleisch.“(1,14) Dass er ins Fleisch gekommen ist macht seine Vollmacht aus, das Fleisch auch heimzuführen in das Vaterhaus Gottes. Und das befremdliche Fleisch verhindert eine Vergeistigung. Es geht um den ganzen Menschen, nicht nur um seine Seele oder seinen Geist. „Der Vollmacht über alles Fleisch entspricht die Gabe des Lebens an jeden, den ihm der Vater gegeben hat.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 261) Jeden meint: alle. Nur der ewige Heilswille ist hier im Blick.

3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Wie ein dogmatischer Lehrsatz mag es klingen – und ist doch mehr. Im Erkennen Gottes und im Erkennen des Sohnes – für Johannes fällt immer beides in eins – gewinnen die Glaubenden die Ewigkeit. Nicht ein Lehrsatz, sondern ein Lebens-Satz. „Dass das Erkennen Anerkennen bedeutet, versteht sich von selbst.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957,  S. 378)  So lapidar urteilt der große Exeget. Jesus als den Christus erkennen ist der Schritt ins Leben, in die Wirklichkeit, die sich vor den Augen der Glaubenden öffnet.

„Beziehung“ sage ich und spüre: Zu wenig. Hingabe – und spüre: zu wenig. Es ist ein großes Stottern. Erkennen ist alles –  sich hingeben, öffnen, schenken, fallen lassen. Ich in dir – du in mir. Vielleicht ist es so, dass hier nur die Sprache der Mystiker sich noch ein wenig annähern kann, die Sprache der Liebe.

Ich will dich lieben, meine Stärke,                                              ich will dich lieben, meine Zier;
ich will dich lieben mit dem Werke                                            und immerwährender Begier!
Ich will dich lieben, schönstes Licht,                                             bis mir das Herze bricht.                                                       
                     J. Scheffler (Angelus Silesius) 1657, EG 400

4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

                 Man kann in diesen Worten einen „heiligen Rechenschaftsbericht des Sohnes vor dem Vater(W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, s. 158) hören. Jesus unterstellt sich dem Urteil des Vaters: Ich habe deinen Willen erfüllt. Ich habe nichts gesucht auf dem Weg meines Lebens, als Dir die zu gewinnen, die du mir gegeben hast. (17,6) Sein Wirken ist einzig und allein: Die Herrlichkeit des Vaters suchen. Darum ist seine Bitte auch nichts anderes als dass diese Herrlichkeit nun an ihm aufleuchten möge. Und darin deutlich wird: Das war vor aller Zeit, ehe die Welt war, schon so. Jesus und der Vater sind eins in ihrer Herrlichkeit. Und darin ist die Bitte begründet: Bringe mich an Dein Ziel.

Es ist schon hier ein Bogen, der Himmel und Erde, Welt und Vollendung, Zeit und Ewigkeit zusammen spannt. Der „Seher“ Johannes sieht den irdischen Jesus und sieht zugleich immer mehr, den Sohn des Vaters, den Fleischgewordenen, den aus der Ewigkeit Gekommenen, der uns den Weg in die Ewigkeit öffnet.

6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.

                       Menschen, die du mir gegeben hast. So sieht Jesus seine Leute an: Petrus mit seiner fehlenden Selbsteinschätzung, Philippus und Thomas mit ihren Fragen, Maria Magdalena mit ihrer zerrissenen Lebensgeschichte: Ich habe sie gerufen, mit ihren Lebensgeschichten, mit ihren Brüchen, mit ihren Gaben, mit ihren Träumen und ihren Ängsten. Ich habe sie gerufen – aber der Vater hat sie gegeben. Und wenn sie weglaufen werden in dieser Nacht: Der Vater hat sie mir gegeben. Und wenn sie weinen werden über ihre Feigheit: Der Vater hat sie mir gegeben. Und wenn sie scheitern werden an ihrem kleinen Glauben: Aber der Vater hat sie mir gegeben. 

Warum? Dafür gibt es nur eine Begründung. Sie waren dein, von Anfang an dein, Eigentum Gottes. Geschöpfe Gottes, Kinder Gottes, von Ewigkeit her erwählt. Seit Beginn der Schöpfung steht das fest. In der Jüngerschaft wird nur sichtbar, was zuvor schon im Willen Gottes da war. Wenn man das Prädestination nennen will, so kann man das wohl tun. Aber der Ton liegt nicht auf Prädestinations-Überlegungen. Sondern es geht um die Tragkraft der Wahl – „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (15,16) -, die aus der Ewigkeit kommt und in die Ewigkeit festhält. Die Wahl Jesu bringt „nur“ die Wahl Gottes ans Licht.

Es zieht sich wie ein cantus firmus durch den Anfang des Gebetes: Nicht weniger als 14-mal im gesamten Gebet: gegeben.  δωκας, in den verschiedenen Formen abgeleitet von δίδωμι„geben, schenken, überlassen, übergeben“(Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 213). Das Leben Jesu ist dadurch gekennzeichnet, dass der Vater gegeben hat, der Sohn empfangen und der Sohn weiter gegeben hat. Dieser Sohn Gottes ist ein Empfangender und darum ein Gebender. Und in seinm Empfange und Geben ehrt er, verherrlicht er den Vater.

Jesus hat ihnen den Namen des Vaters offenbart. Im Griechischen steht nicht das „Fachwort“ für offenbaren, sondern nur ein Allerweltswort – φανέρωσά . von φανερόω – „zeigen, sichtbar machen,“ (Gemoll, aaO. S. 778) bekanntmachen. Allerdings ist es auch das Wort, das gebraucht wird, wenn es um das Erscheinen des Auferstandenen geht. die Wirklichkeit Gottes, die Wirklichkeit der Ewigkeit wird sichtbar in die Welt hinein. Mit dem Namen zeigt Jesus ihnen den Vater selbst. Wer den Namen kennt, kann in Kontakt treten. Jesus hat ihnen Gott bekannt und zugänglich gemacht. Er hat für sie mit dem Namen den Weg zum Sternen-Thron frei gemacht, so dass sie ohne Furcht zu Gott kommen können. Alle Hindernisse weggeräumt. Alle Blindheit überwunden. Einmal mehr hilft Paulus, Johannes zu verstehen:  „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“ (Römer 5, 1 -2) Der Quartiermeister Jesus (14, 1-3) hat den Weg ins Vaterhaus frei gemacht.

7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Die Wahl des Vaters ist nicht ins Leere gelaufen. Die er ihm aus der Welt gegeben hat, die haben in Jesus den erkannt, der der Gesandte Gottes ist. Ihnen sind die Augen aufgegangen, die Herzen erfüllt worden mit dem Wissen: Jesus ist der, der vom Vater kommt und uns zum Vater führt. Sie sehen in ihm nicht nur einen Boten Gottes, sondern Gott selbst auf ihrer Seite. „Wer mich sieht, sieht den Vater (14,9) Das glauben sie wahrhaftig. αληθω̃ς. In Wahrheit. Als die Wahrheit, auf der ihr Leben gründet. Das meint; sie haben die Worte angenommen. Da steht das Allerweltswort λαβον, weil dieses Annehmen den Alltag meint und durchdringt.

9 Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein. 10 Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht.

Hat Jesus bis hierhin seinen Weg, seinen Gehorsam ins Wort gefasst, so wechselt jetzt das Thema seines Betens immer mehr in Richtung „Fürbitte“. Für seine Jüngerinnen und Jünger. Gerade weil er nicht vergeblich an ihnen gehandelt hat, weil sie seinen Ruf gehört haben, weil sie ihn erkannt (17,7) haben, gerade darum bittet er für sie. Sie sind schon immer Gottes geliebte Leute, die Seinen (1,11) Weil sie ihn aufnahmen sind sie wirklich mitten in der Welt die Seinen. Und ihr Glauben lässt die Herrlichkeit Jesu aufleuchten. „An den Jüngern wird sichtbar, was Jesus ist.“(R. Bultmann,  aaO. S. 383)  

Der Glanz Gottes, die Herrlichkeit Jesu zeigt sich nicht auf dem Gesicht von Engel-Wesen, sondern in der Existenz von Menschen. Von Menschen, die Fehler haben und Fehler machen, die langsam zum Verstehen sind und manchmal schnell zum Zorn, die angefochten sind und ihre Haut zu retten suchen. Und doch: Ich bin in ihnen verherrlicht. Von diesem Wort Jesu lebt der Satz, den Christen Sonntag für Sonntag sprechen: Ich glaube die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…..

Ausdrücklich: „So bittet er nun für sie – und nicht für die Welt. Denn die Welt hat sich der Offenbarung des Vaters im Sohn entzogen und verweigert.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 263) Es mag sein, die Fürbitte für die Gemeinde reicht, denn die Welt wird nicht anders erreicht werden als durch die Gemeinde, die die Liebe Gottes ausstrahlt.

11 Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir.

              Die Jünger bleiben in der Welt zurück. Sie sind der Brückenkopf Jesu in die Welt – oder noch steiler gesagt: sie sind sein Leib in der Welt. Jesus ist in der Welt heute nicht anders gegenwärtig als im Geist und in der Gemeinde.

 

Jesus, davon lebe ich, dass Du mich erkannt hast, beim Namen gerufen, Deine Hand auf mich gelegt hast und mich festhältst.

Davon lebt mein Glauben, dass ich auf Dich schaue, Deine Worte aufnehme, Dein Tun sehe, Dir vertrauen lerne.

In Dir leuchtet mir die Herrlichkeit Gottes auf. Amen