In alle Wahrheit

Johannes 16, 5 – 15

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.

Das Johannes-Evangelium hat keine Himmelfahrt-Geschichte. Ich glaube, dass es sie nicht braucht, weil der Evangelist so unüberbietbar deutlich vom Weg Jesu redet, der die Welt übersteigt. Ich gehe hin zu dem, der mich gesandt hat. Das sagt er vor der Passion, vor Kreuz und Auferstehung. Damit wird dieser Weg vor ihm von ihm als Heimweg gekennzeichnet. Er ist nicht der Weg in die Gottesferne – so „lesen“ Matthäus (27,46) und Markus (15,39) das Kreuz. Hier: Es ist der Weg zu dem, der mich gesandt hat.

Aber auch jetzt noch verstehen die Jünger nicht. Und sie fragen nicht, weil sie nicht verstehen. Sie hören nur „Abschied“. Sie hören nicht „Heimweg“. Sie hören nicht „Wegbereitung“. Sie sind gefangen im engen Kreis der Welt, des Kosmos Erde. „Die Jünger blicken nicht auf ihn, sondern auf sich. Sie sehen nicht, wohin er geht.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 430) Weil sie nur dieses Weggehen hören, sind sie voller Traurigkeit. Das zeigt etwas von ihrer Verbundenheit mit Jesus, aber zugleich auch ihre enge Sicht. Sie sind unfähig, über ihre eigene Angst und über die Wirklichkeit des Abschiedes hinaus zu denken, auch nur zu fragen. Die zuvor so viel zu fragen haben – Petrus, Philippus, Thomas – jetzt fragen sie nicht mehr.

7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Das ist die Wahrheit. Was tragfähig ist: Das Weggehen Jesus macht den Platz frei für den Tröster. Es bleibt keine Leerstelle durch das Weggehen Jesu zurück. Er selbst sendet ja „Ersatz“ – den παρκλητος, Anwalt, Fürsprecher. „Sachwalter“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterch, München 1957, S. 573). Der wird seine Sache weiterführen. „Ihr Schmerz wäre, aus dem Aspekt der Wahrheit, nur dann begründet, wenn der Anwalt nicht zu ihnen kommen würde; und das heißt, wenn er nicht zum Vater zurückkehrte, sondern im Tode zugrundeginge wie jeder Mensch am Ende seines Lebens.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 249) Auch anderswo in den Evangelien ist  der ähnliche Gedanke zu finden: Erst das Zurückgeben des „Geistes Jesu in die Hände des Vaters“ (Lukas 23,46) macht die Gabe des Geistes an die Jünger möglich. Erst wenn Jesus an der Seite des Vaters ist, kann er mit ihm den Geist senden.

Tausendfache Analogie im Alltag unseres Lebens: Wenn alle Plätze besetzt sind, muss einer aufstehen und gehen, damit andere ihren Platz finden können. Und wie oft ist es ein quälender Prozess, dass Leute auf ihrem Platz festsitzen, ihn nicht räumen wollen und so verhindern, dass Neues werden kann. Jesus jedenfalls will dem Geist nicht im Weg stehen. Er macht durch sein Gehen den Weg frei für das Kommen des Geistes. Er selbst wird ihn senden.

 8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; 9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; 11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Der Geist hat nicht nur, nicht einmal primär die eine Aufgabe an den Jüngern, sie mutig und sprachfähig zu machen. Der Geist hat vor allem eine Aufgabe an der Welt, dem Kosmos. Er beendet die Blindheit der Welt, weil er ihr die Augen auftun wird. In den alten Übersetzungen steht: Er wird die Welt strafen. ελέγχει  hat die Grundbedeutung „ans Licht bringen, aufdecken“. „Strafen“ geht also zu weit. Es wird offenbar, was bis dahin nicht zu erkennen war, weil es verhüllt war. Lukas nennt das gerne und wiederholt  „Unwissenheit“ (Apostelgeschichte 3, 17) und entschuldigt damit für diese Zeit der Unwissenheit den Unglauben. Aber auch bei Lukas ist es so, dass durch die Predigt des Evangeliums die Zeit der Unwissenheit vorbei ist. Es gibt keine Entschuldigung mehr für den Unglauben.

So auch hier. Durch die Gabe des Geist sind die Augen aufgetan: Sie werden als Sünde erkennen, dass sie nicht an mich glauben. Vorher mag alles Mögliche als Sünde, αμαρτία,  als Zielverfehlung, gegolten haben – der Verstoß gegen Gesetze, die moralische Verfehlung, der Ungehorsam gegen die Wegweisungen Gottes. Jetzt ist Sünde verdichtet in ein einziges: dass sie nicht an mich glauben. „Sünde ist also nicht jeweils eine einzelne schreckliche Tat, sei es auch die Kreuzigung Jesu als solche; Sünde ist überhaupt nicht eine moralische Verfehlung als solche, sondern der Unglaube gegen den Offenbarer,“ gegen Jesus. (R. Bultmann, aaO. S. 434)

            Dieses Verständnis von Sünde ist himmelweit entfernt vom landläufigen Verständnis, das im Stück Torte zu viel Sünde sieht, im Überschreiten des Tempolimits, im Schummeln beim Spiel, in der sexuellen Phantasie. Weil Sünde so ausschließlich von der Glaubensfrage her definiert ist, muss man auch sagen: Sünder sind nicht unmoralisch, sie können ethisch absolut hochstehend sein, aber sie leiden an einer Beziehungsstörung. Sie vertrauen sich nicht Jesus an. Sünde ist nicht Unmoral. Sie ist Unglaube.

             Auch die Gerechtigkeit, δικαιοσύνη, wird durch das Kommen des Geistes neu bestimmt. Sie lebt nicht mehr aus Rechtssätzen und dem Halten der Gebote. Jesus hat den Weg zum Vater frei gemacht durch sein Vorangehen. Das ist seine Gerechtigkeit, dass er uns dem Vater recht macht, uns vor dem Vater vertritt (Römer 9,34). uns sein Erbarmen zueignet.  Diese Gerechtigkeit „ist völlige Freiheit vom Urteil und von der Macht der Welt.“ (R. Bultmann, aaO. S. 435) Das gilt uns als die uns zugeeignete Gerechtigkeit. Aber sie zeigt sich auch darin, dass Jesus in Zukunft dem Zugriff der Welt entzogen sein wird –  trotz der bevorstehenden Passion – denn für sie gilt erst recht mit der Grablegung, was den Jüngern gesagt ist: dass ihr mich hinfort nicht seht.

Mir scheint, als habe Paulus diese knappe Wendung im Johannesevangelium gedanklich vorweg genommen und auch vorgeformt: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang zu dieser Gnade“(Römer 5, 1-2)

            Und schließlich das Gericht: Konnte der Hohe Rat und konnten die Römer noch glauben, dass sie am Kreuz das Gericht über Jesus vollstreckt hätten und dass der Fall Jesus damit abgeschlossen sei, so wird jetzt alles anders. In diesem Gericht am Kreuz ist der Fürst der Welt gerichtet worden. Der am Kreuz Gerichtete ist in Wahrheit der Richter und sein Gericht ist Gnade für die Welt.

          Die gesamte Passage knüpft an eine alte, vielfach im Judentum und in den Schriften begegnende Vorstellung an – den Rechtstreit Gottes mit der Welt des Unglaubens. „Die Ursprünge dieser Vorstellung vom Rechtsstreit finden sich im Zweiten Jesajabuch. Dort ist Gott selbst Anwalt seine Volkes und Ankläger und Richter der Feinde Israels in einem. in der späteren Gerichtsvorstellung des Judentums treten in verschiedener Weise von Gott bestellte Ankläger wie auch `Fürsprecher` auf.“ (U. Wilkens, aaO. S. 250) Das also ist der Paraklet – Anwalt und Unterstützer, Fürsprecher und Zungenlöser. Er sorgt dafür, dass die Sache Jesu weitergeht, als sein Vertreter in der Gegenwart.

12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.

Es ist noch nicht alles gesagt. Es wäre noch viel zu sagen. Später wird Johannes schreiben: es gäbe noch viele andere Dinge zu erzählen, die Jesus getan hat.“ (21,25) Es liegt dem Johannes-Evangelium nicht an Vollständigkeit. Den Grund liefert das Wort Jesu: Das würde die Jünger überfordern. Es ist seine Fürsorge, dass er ihnen nicht alles zu wissen zumutet, was kommen wird. „Was der Glaubende zu bestehen hast, kann nicht in Worten vorweg genommen werden.“ (R. Bultmann, aaO. S. 441) Es gibt auch ein zu viel an guten Worten und an Wissen, auch an geistlichem Wissen. Es mag gute Gründe haben, dass Gott sich manches vorbehalten hat aus seinem Plan, und wir nicht alles wissen. Schon den Tag unseres Todes Jahre voraus zu kennen würde doch unser Leben unter schier unerträglichen Druck setzen.

13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten.

            Ist es nur jetzt noch nicht? Fast klingt es so. Der Geist der Wahrheit deckt die Wahrheit auf. Alle Wahrheit übersetzt Luther. Die ganze Wahrheit kann man das griechische πᾶς, πᾶσα auch übersetzen. Umfassend, so dass ihr leben könnt. Das steckt ja wohl hinter diesem Satz – nicht ein Wissen  um des Wissens willen, schon gar keine Theorie-Kenntnis. Tragfähige Wahrheit. „Ich lebe und ihr sollt auch leben. (14,19)  hat Jesus zu seinen Jüngern gesagt. Und der Geist wird sie so leiten, dass sie Schritte des Lebens tun können. Mitten in einer Welt, die den Todesgeruch an sich trägt.

Die ganze Wahrheit zum Leben: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ (14,9) – „Meinen Frieden gebe ich euch.“ (14,27) – „Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“ (14,3) Die ganze Wahrheit ist eine Wahrheit, die Jesus verherrlicht (12,28), die uns vor Augen stellt, was wir an ihm haben. So also ist die ganze Wahrheit keine neue Information, sondern es ist das Licht, das auf Jesus fällt. So unterstreichen es die nachfolgende Worte.

Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. 14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.

  Es gibt für den Geist der Wahrheit nur ein Thema: Jesus. Der Geist selbst ist für sich kein Thema. Das hat christliche Theologie manchmal so wörtlich genommen, dass man sie der Geistvergessenheit beschuldigen konnte. Wahr ist aber, dass der Geist den Namen Jesus groß macht, dass er das Sprachrohr Gottes auf Erden ist. „Das Wort des Geistes ist kein Neues gegenüber dem Worte Jesu, sondern der Geist wird dieses nur neu sagen.“(R. Bultmann, aaO. S. 443) In allem, ob es das Verstehen der Vergangenheit, der Durchblick durch die Gegenwart und der Ausblick in die Zukunft ist,  bindet der Geist sich selbst und uns an Jesus. Er erinnert uns an Jesus. Indem er unser Inneres mit ihm erfüllt.

Ich beobachte im Augenblick eine theologische Debatte: Welchen normativen Vorsprung haben biblische Texte, die doch nur „Gotteserfahrungen“ widerspiegeln, vor den Gotteserfahrungen heute? Im Resultat steht häufig da: Keinen. Johannes widerspricht: Alle Erfahrung des Geistes kennt nur ein Thema: Jesus. An ihm misst sich, ob wir Gott erfahren oder irgendeiner Chimäre folgen. An ihm, dem Fleischgewordenen. An seinen Worten, seinen Taten.

15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Es ist bis heute schwer zu verstehen, dass es über der Frage nach der Sendung des Geistes zum Schisma, zur Kirchentrennung kommen konnte. Der Geist geht vom Vater und von Sohn aus. So bekennt es der Westen mit der Formel: „et in Spiritum Sanctum, Dominum vivificantem, qui ex Patre Filioque procedit“- und  an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht.“(Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, EG 805) Damit waren orthodoxe Kreise (und Greise) des Ostens nicht einverstanden. Hörten sie doch darin eine Minderung der Ehre des Vaters, eine Gleichstellung von Vater und Sohn und sie glaubten den Sohn  dem Vater unterstellt. Subordination.

Ich lese Johannes: Alles, was der Vater hat, das ist mein. Da wird dem Vater nichts genommen. Da wird der Sohn nicht überhöht. Vielmehr ist es gerade so: Weil der Vater dem Sohn in allem Anteil gibt, darum hat der Geist kein anderes Thema als Jesus. „Das Wirken des Geistes bleibt an die ein für alle Mal maßgebliche Botschaft des historischen Jesus rückgebunden.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 126) Mit den Worten des Johannes: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen. Die Worte Jesu sind das Material, aus dem der Geist sein Reden schöpft.  Ausdrücklich ist betont, „dass das Wort des Geistes nicht als etwas Neues das Wort Jesu verdrängt oder überbietet.“(R. Bultmann, ebda.) Keine neue Offenbarung, keine himmlischen Erleuchtungen, keine Enthüllung von Mysterien.

Ob der Evangelist  Johannes damit auch seine eigene Arbeitsweise einordnet?  „Was er Jesus sagen lässt, ist durchweg vom Joh.evangelisten selbst formuliert. Doch was ihn – nach seinem Selbstverständnis – in dieser eigenen theologischen Arbeit leitet, ist das „Zeugnis“ des Geistes.“ (U. Wilkens, aaO. S. 252) Sein Evangelium erwächst aus dem Hören auf den Geist, der  Jesus verherrlicht.

Ein letzter Gedanke kommt mir beim Lesen, der am Erzählen Jesu im Lukas-Evangelium anknüpft: Da erzählt Jesus, dass der Vater sagt: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“(Lukas 15,31) So kühn kann wohl nur reden, wer wirklich völlig aus der Einheit mit dem Vater lebt und redet. In diese Einheit will uns der Geist führen – als Söhne und Töchter Gottes. Kann es sei, so frage ich mich, dass ich manchmal vor dieser Großzügigkeit, vor diesem Beteiligtwerden an der Fülle Gottes zurückschrecke, dass ich lieber nicht so viel will, sondern beharre auf dem Niveau des Gehorsams, des knechtischen Denkens?

Paulus hat diese Fülle gespürt und versucht, sie seiner Gemeinde als Geschenk der Freiheit zuzusagen: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“(Römer 8, 15-17) So zu leben bleibt die große Herausforderung an die Christenheit, an jede und jeden einzelnen Christ, an mich.

 

Herr Jesus, Du gibst uns, was wir brauchen für den Weg heute. Du gibst uns, was uns stark werden lässt, die Herausforderungen des Tages anzunehmen. Du gibst uns Deinen Geist.

Du sagst uns zu, dass Du uns nahe bist, Dein Geist uns leitet, dass wir in Dir den Halt haben, der uns hält, die Fülle, aus der wir leben können. Das genügt. Amen