Meine Freunde

Johannes 15, 9 – 17

9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!

Es ist ein Kreislauf der Liebe – vom Vater zum Sohn, vom Sohn zu den Jüngern, von den Jüngern zu den anderen Jüngern. Die Liebe zu den Schwestern und Brüdern nimmt Gott nichts, so wie die Liebe zum Sohn dem Vater nichts nimmt. Wer einen Gegensatz zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen konstruiert, der hat nichts von Johannes verstanden. Aber wohl auch nichts von Jesus, wie ihn die anderen Evangelisten bezeugen. „O-Ton“ Jesus: „Du sollst den Herren, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37-39) Wie arm ist eine Liebe zu Gott, die den Menschen vergisst. Und wie bedroht ist die Liebe zu den Menschen, die sich nicht aus der Liebe Gottes nährt.

Darum auch hier wieder: Bleibt in meiner Liebe! Gemeint ist „das beharrliche Festhalten an der Glaubensüberzeugung, dass er uns Glaubende liebt“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 121) Bleiben ist beständig werden. Für das Johannes-Evangelium gibt es keinen Glauben, der sich nicht in der Liebe fest macht, nicht aus Liebe beharrlich dranbleibt – an Gott, an Jesus, am Nächsten. Bleiben ist Weg und nicht gelegentlicher Standpunkt.

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.

Wie schon wiederholt (13,34) wird die Liebe inhaltlich bestimmt. Sie zeigt sich im Halten der Gebote, der Weisungen Jesu. Wer sich an seinem Wort orientiert und ihm folgt, der liebt ihn. Sie ist also nicht, wie wir neuzeitlich denken, durch das Gefühl bestimmt, sie baut nicht auf der Emotion auf. Lieben und Liebe ist bei Johannes vor allem anderen Tätigkeit. Ein Tun, dass dem Anderen, dem Nächsten Lebensräume aufschließt und bewahrt.  Ihn, sie aus der Enge in die Weite führt. Wer den anderen dient, wer sie aufhebt aus ihrer Schuld, wer ihnen eine Lebensperspektive öffnet – das ist der, der sie liebt. Nicht Liebesschwüre – Liebestaten.

Darin folgen die Jünger dem Beispiel Jesu. Er hat seinen Jüngern – und Jüngerinnen – einen guten, weiten Weg geöffnet. Er hat sie das Vertrauen auf den Vater durch sein Beispiel gelehrt. Jesus hat auf dem Weg seines Lebens nichts gesucht als den Willen, das Gebot des Vaters. Darum wartet er, bis seine Stunde da ist. Darum handelt er erst, wenn er  sich „rückversichert“ hat, aus dem Gebet heraus (11,42). In diesen Gehorsam, der ihn als den Sohn kennzeichnet, zieht er seine Jünger, und die Christen, hinein. Diesen Gehorsam aus Liebe meint auch das schöne Wort „Gottvertrauen“.

In dieser Haltung gilt es zu bleiben, beständig zu werden, einzuwurzeln. Es geht nicht darum, aus einer Augenblickregung heraus auch einmal etwas Gutes zu tun. Das ist schön und nicht verboten. Das darf auch keiner abwerten. Jede Tat der Liebe steht für sich. Aber es geht dennoch um mehr. Das Wort Jesu will, dass das ganze Handeln des Lebens von der Güte Gottes – so umschreibe ich für mich gerne auch  αγάπη, die Liebe – durchdrungen und bestimmt wird. Die Liebe ist nicht nur eine gelegentliche Tat, sondern sie wird zur Lebenshaltung des Glaubenden, zu seinem Habitus.

 11 Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.

       Das ist das Ziel: dass die Freude vollkommen werde. πληρόω – voll manchen, anfüllen, vollständig sein. (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 610) Erfüllt steckt als Beiklang im Wort, so wie ein Gefäß vollständig gefüllt ist. Freude, die nicht mehr vergeht. Freude, die sich nicht angesichts der Schmerzen und des Leides verflüchtigt. Freude, auf die kein Schatten mehr fällt. Es ist die Freude Jesu, die die erfüllte, volle Freude der Jünger sucht. „Seine Freude soll zu der ihren werden.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 416) Darf man es auch umgekehrt sagen: Die Freude Jesu ist erst dann vollkommen, wenn die Jünger, die Christenheit in diese Freude mit einstimmt – “mit Herzen, Mund und Händen” (M. Rinckart 1636, EG321)? So wäre also – was für ein Gedanke – die Freude im Himmel nicht vollkommen ohne unsere Freude! Und auch unserer Freude fehlt „die Hälfte“, wenn sie nicht offen ist für die Freude im Himmel.

Im Lukas-Evangelium wird das so wunderbar deutlich. „So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Lukas 15,10) Und wie wirbt der Vater (!) im Gleichnis um die Mitfreude seines Sohnes: „Du solltest aber fröhlich sein und guten Mutes, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.“ (Lukas 15,32) Von solchen Worten aus ist es nur ein kleiner sachgemäßer Schritt zu dem jubelnden:

Weicht ihr Trauergeister,                                                       denn mein Freudenmeister, Jesus tritt, herein.                        Denen die Gott lieben,                                                               muss auch ihr Betrüben                                                        lauter Freude sein.                   J. Franck 1653, EG 396

            Was ist da in der Theologie-Geschichte nur passiert, dass wir aus diesem, die Freude suchenden und die Freuden schenkenden Gott, einen buchhalterischen Kontrolleur und Aufrechner guter und böser Taten gemacht haben, einen Miesepeter, der den Seinen das Leben nicht gönnt?  Hätte man das Johannes-Evangelium sorgfältig gelesen, diese Worte Jesu als Mitte des Heils angesehen – wie viel fröhlicher, freudiger könnte es in unseren Kirchen zugehen. Stattdessen herrscht so oft ein „heiliger Ernst“, der die Luft zum Atmen und die Lust zum Leben nehmen will.

Vielleicht muss man es doch hinzufügen, dass es hier um mehr geht als um fröhliche Gesichter. Um mehr geht als um Emotionen. „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“(F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra., Leipzig 1901, Kap. 37) Mit Recht mahnt der Kritiker eine Ausstrahlung an, die aus dem Inneren kommt und sich äußert. die unabhängiger von Gefühlslagen und Lebensumständen ist.

12 Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. 13 Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.

            Das alles wird nicht als harte Forderung vor die Jünger gestellt. Es ist das Wort Jesu an  seine Freunde. Das ist ein Wechsel, der voller Bedeutung ist. Nicht mehr nur Jünger, μαθηταί, nicht mehr Knechte, δούλοι, sondern Freunde, φίλοι.  Er ist seinen Leuten im Geschenk der Freundschaft verbunden. Freundschaft ist frei, sie kennt keinen Zwang, allenfalls innere Nötigung eben durch die Freundschaft.

Warum, so schiebe ich als Frage ein, ist Freunde keine Selbstbezeichnung der Christen geworden? Wir sind Freunde Gottes – das klingt doch gut. Und ist es nicht so, dass Gott mit Mose redete wie mit einem Freund? Abraham wird „Freund Gottes“(Jesaja 41,8) genannt. Es mag sein, dass die junge Christenheit deshalb vor dieser Selbstbezeichnung zurück geschreckt ist, weil sie andernorts gängig war: im Bereich von Gnostikern, Mandäern  und  Manichäern. Um sich hier abzugrenzen und nicht mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden, haben die Christen diese Bezeichnung eher gemieden.

            Wenn ihr tut meint keine Bedingungen, die zu erfüllen sind, damit Jesus die Freunde akzeptiert. Es sind vielmehr Ermutigungen, Ermächtigungen, diese Freundschaft nun auch tatsächlich in der geschenkten Freiheit zu leben. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“ (Galater 5,1) .Das sind Sätze, die ganz nahe bei diesem tut, was ich euch gebiete, sind.

Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Das ist ein Satz über die Liebe Christi, die bis zum Äußersten (13,1) geht, bis an Kreuz. Es ist ein Satz, der seine Hingabe, aus der wir leben, benennt.

Ich finde diesen Satz geradezu schandbar missbraucht auf den Kriegerdenkmälern unserer Zeit, für die Gefallenen der Weltkriege. Diese Gefallenen sind auf schändliche Weise durch Befehl in den Tod gegangen. Sie haben – manche wenigstens – im guten Glauben, oder was sie dafür hielten, gekämpft. Aber sie sind Kanonenfutter geworden, von skrupellosen Befehlshabern in die Schlacht geworfen und dem Tod preisgegeben. Es grenzt an Gotteslästerung, diese Befehlshaber des Todes auf eine Stufe zu stellen mit dem Gott, der in seinem Sohn das Leid der Welt auf seine Schultern nimmt. Da ist kein freiwilliges Hingeben des eigenen Lebens, da ist nur Befehlsnotstand und Verbrechen durch erzwungenen Gehorsam. Vollständig schräg und blasphemisch wird es, wenn ich auf einen Gedenkstein für die Gefallen lesen muss: „Den Tagesbefehlen nicht, dem unbekannten Appell gehorchend, löstet das Leben ihr ein.“ (Gedenkstätte Hörnum/Sylt) Mehr Lüge geht nicht.

15 Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.

       Die Freundschaft Jesu wird nicht formal bestimmt, sondern inhaltlich. Sie ist dadurch charakterisiert, dass die Freunde  wissen. Jesus hat sie mit seinen Worten hinein genommen in seinen Weg. Er hat ihnen gesagt, was Gott will. Er hat ihnen den Willen des Vaters kundgetan.  Da steht nicht offenbart, aber es ist nahe dran: Er hat sie wissen lassen, was er, Jesus, vom Vater gehört hat. Jesus hat kein himmlisches Wissen als Herrschaftswissen für sich behalten. Er hat seinen Jüngern „in die Gedanken und Pläne Gottes Einblick gewährt“ (G. Voigt, aaO. S.231) Nur so kann ja auch ihr Gehorsam frei sein und nicht der Gehorsam von Knechten, die Befehle ohne Begründung befolgen müssen

16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.

Diese Freundschaft ist nicht durch gegenseitige Wahl zustande gekommen. Sie beruht auch nicht auf wechselseitiger Anziehungskraft. Freunde sind die Jünger, weil Jesus sie erwählt hat. „Er rief zu sich, welche er wollte und sie gingen zu ihm.“ (Markus 3,13) Das griechische κλέγω ist eindeutig: „auslesen, auswählen, herausnehmen, für sich auswählen.(Gemoll, aaO. S. 256) Die Initiative liegt ganz bei ihm, der auswählt. erwählt. Es ist sein Ruf, nicht die Entscheidung der Jünger. Jesus ist der rufende und berufende Herr.

Das gilt nicht nur für die Zwölf oder die Siebzig, von denen das Lukas-Evangelium weiß, das gilt über sie hinaus für die ganze Christenheit. Der Ruf Jesu, seine Wahl geht allem voraus, was wir antworten und entscheiden. „Das Christsein verdankt man dem erwählenden Herrn.“ (G. Voigt, aaO. S. 231) Damit ist aller Überheblichkeit des Glaubenden die Spitze gebrochen. Es ist nicht unser Verdienst, dass wir glauben können. Wir haben einen Ruf gehört, indem wir gerufen, erwählt worden sind. Ohne diesen Ruf, ohne diese Wahl wäre es nichts mit unserem Glauben. Auch so lässt sich der Satz Jesu lesen: Ohne mich könnt ihr nichts tun.

Daran freilich liegt diesen Worten: aus dem Hören dieses Rufes soll und wird  Frucht werden. Darin erwidern sie seine Freundschaft. „Jesus hat uns nicht dazu erwählt, seine Freundschaft zu genießen.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 131) Uns in ihr – folgenlos für andere – kuschelig einzurichten Aus dieser Freundschaft soll Tun erwachsen. Frucht.

17 Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.

„Die Liebe zueinander ist der Inhalt des Gebotes Jesu an seine Jünger.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 242)Sie ist die Frucht, die er sucht. Eine Zusammenfassung in einem Satz? Ich sage eher: Unterstreichung, die noch einmal  hier das Eine, das es zu halten gilt, in die Mitte rückt. Die auf die Gemeinde zielt, über den Abend des Verrates hinaus. Eine Unterstreichung, die umso nötiger ist, weil die geschwisterliche Liebe ja nur in der Weise gelebt werden kann, dass sie praktiziert wird. Einer für den anderen einsteht. Eine die andere aufrichtet. Eine den anderen tröstet. Einer die andere stärkt. Einer dem anderen gibt, was seine Not wenden kann. Liebe lässt sich nicht in Glaubenssätze fassen. Sie wird gelebt oder es gibt sie nicht.

 

Jesus,Du nennst uns Deine Freunde. Du siehst uns an als Leute, deren Leben Dir wichtig ist. Du traust uns zu, dass wir leben wie Du, lieben wie Du, lachen wie Du, leiden wie Du.

Jesus, Du nennst uns Deine Freunde. Du siehst uns an als Leute, deren Freude Dir wichtig ist. Du willst, dass Deine Freude unser Herz erfüllt, die Freude an Gott, die Freude an allen Geschöpfen Gottes, die Freude an den Weisungen Gottes, die Freude aneinander.

Jesus, Du nennst uns Deine Freunde. Du siehst uns an als Leute, deren Handeln Dir wichtig ist. Du traust uns zu, dass wir Gottes Willen tun, dass unser Handeln fruchtbar ist, und Menschen den Himmel Gottes glauben lässt –  schon hier auf Erden.

Jesus, Freund, Bruder, Herr – danke, dass Du an uns glaubst und auf uns setzt, uns Deine Freundschaft anbietest, uns zu Freunden machst. Amen