Bei Jesus bleiben

Johannes 15, 1 – 8

Nach diesem Satz: Steht auf und lasst uns von hier weggehen. könnte gut der Weg der Passion beginnen. Nicht so bei Johannes. Er fügt jetzt – vor seinem „Bericht über die Passion – drei lange Kapitel ein mit Reden Jesu und einem Gebet Jesu. Den „Abschiedsreden“ und dem „Hohenpriesterlichen Gebet“ So die Bezeichnungen dieser Passagen, die sich auch in Bibelausgaben finden.

Es sind eben Abschiedsreden, nicht nur letzte Worte. Die werden noch eindrücklich genug am Kreuz folgen. In den Worten jetzt wird noch einmal zusammengefasst, was den Weg Jesu ausmacht und wer er ist.  Was folgen wird, ist nicht unglückliches Schicksal, sondern der Weg, den Jesus wählt in Gehorsam und Liebe – Gehorsam gegen den Vater, Liebe zu uns. Jesus ist das Thema dieser Worte, nicht nur seine Funktion. Er selbst.

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

Folgerichtig fängt Jesus an: εγώ ειμι. Ich bin. So stellt sich Gott am brennenden Dornbusch vor. Es folgt: der wahre Weinstock.  Es ist das letzte der Ich-bin-Worte. Das erste war das Wort: Ich bin das Brot des Lebens (6,35; 6,48) Am Anfang dieser Reihe von sieben Ich-bin-Worten das Brot, am Ende der Weinstock. Man muss nicht sonderlich Phantasie-begabt sein, um in dieser Anordnung der Ich-bin-Worte einen nur wenig verhüllten Hinweis auf Brot und Wein, die Gaben des Abendmahles zu lesen.

Der wahre Weinstock – das ist Hinweis auf andere Weinstöcke, die nicht die wahren sind.  So „wird allem, was sonst „Weinstock“ zu sein vorgibt, Jesus als der wahre, der eigentliche „Weinstock“ entgegengestellt.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 407) Es mag sich darin auch eine Erinnerung daran melden, dass bei den Propheten mit dem Wort vom Weinstock bzw. Weinberg die Enttäuschungen Gottes verbunden sind. Der Weinstock Israel hat nie gehalten, was sich Gott von ihm versprochen hat.

Es sind uralte Mythen, die sich hier zu Wort melden. Zugleich aber auch Erinnerungen, die aus den Schriften Israels schöpfen. In der Sakristei der Stadtkirche Schlitz hängt eine Kasel aus dem 13. Jahrhundert. Auf  ihr ist das Kreuz als Weinstock, als Lebensbaum abgebildet. Der Lebensbaum, seit der Vertreibung aus dem Paradies unzugänglich geworden – „Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber,  dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden…  Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammende, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zum Baum des Lebens.“ (1. Mose 3,22 – 23a.24) – die Kasel sagt: hier, im Kreuz ist er wieder zugänglich. Eingepflanzt in die Erde, in die Zeit.

Das Bild vom Lebensbaum ist weit verbreitet. Bei den Mandäern ist der Lebensbaum ein Weinstock  Josephus weiß, dass das Eingangstor zum Herodianischen Tempel von einem goldenen Weinstock geschmückt war. „Über den Thüren breitete sich unterhalb der Mauerkrönung ein goldener Weinstock mit herabhängenden Trauben aus.“ (Josephus, Jüdische Altertümer XV. Buch, 11. Kapitel, Wiesbaden o.J. S. 358) Es ist also ein weit verbreitetes Motiv, das Jesus aufgreift.  „Der Weinstock galt geradezu als der Lebensbaum“ (G. Voigt, aaO. S. 226) Es ist die Suche nach dem Leben, nach der Freude, die sich mit der Frucht des Weinstocks verbindet. Diese Suche läuft ins Leere, wenn sie nicht in Jesus erfüllt wird.

Das allerding ist von größter Bedeutung: Der über diesen Weinstock wacht, ist der Vater als der Weingärtner. Was immer dem Weinstock widerfährt, es geschieht unter dem Wachen des Vaters. Einmal mehr unterstreicht Jesus die innige, ja unauflösliche Verbindung zwischen sich und dem Vater. Dass er der wahre Weinstock ist, hängt eben daran, dass der Vater der Weingärtner ist. Ohne sein Handeln an dem Sohn und durch den Sohn würde der Sohn nicht Frucht bringen.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

            Der Blick wird auf die Reben gelenkt, die Jünger, die Christ*innen. Sie hängen am Weinstock. Mehr wird von ihnen nicht zu sagen sein. Und indem sie am Weinstock hängen, werden sie mit seinem Lebenssaft erfüllt, gespeist, fruchtbar. Das Ziel ist: mehr Frucht. Darauf zielt das Handeln des Vaters. Er wird reinigen… Schlicht gesagt: „Gott arbeitet an uns, um uns zu bessern.“ (G. Voigt, aaO. S. 228) Das kann ein schmerzhafter Vorgang sein mit tiefen Einschnitten, die aber alle dem einen Ziel dienen. Sich bessern geht nicht von selbst und ist etwas anderes als die heute so oft geforderte Selbstoptimierung.

Es sind Sätze, die aller Selbstzufriedenheit wehren. Der Weingärtner ist auf mehr Fruchtκαρπν πλεονα – aus. Was die Frucht angeht, setzt Gott auf Wachstum! Wer im Glauben mit sich selbst zufrieden sein möchte, der verfehlt seinen Weg nach vorne. Es geht immer darum, dass der Glaubende über das Jetzt hinaus gerufen wird. Es gibt keinen Lorbeer, keinen ruhenden Besitz, keine Beschaulichkeit, auf dem man ausruhen könnte. „Gott sorgt schon dafür, dass der Glaubende sich nie der Ruhe überlassen kann; er fordert stets Neues von ihm und schenkt stets neue Kraft“ (R. Bultmann, aaO, S. 410)

Das Reinigen der Reben ist ausschließlich Sache des Weingärtners. Er weiß, was zu tun ist.  Er „sieht unbestechlich, wie es steht und reinigt rücksichtslos, nicht um zu verletzen, sondern um der Rebe zu helfen, mehr Frucht zu tragen.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 122) Dieses Reinigen ist allein Sache des Weingärtners, so wie das Sichten der Frucht in synoptischen Gleichnissen nie den Knechten übertragen wird, sondern immer den Engeln Gottes vorbehalten bliebt.

Ich lese in diesen Worten eine Warnung davor, zu glauben, die Reinigung der Reben sei Sache der Reben untereinander. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“(Matthäus 7,1) Sie wird auch nie die Aufgabe irgendwelcher kirchlicher Ämter. Wann immer die Kirche so getan hat, als könnte oder müsste sie diese Aufgabe übernehmen, hat sie Ströme von Blut hervorgebracht, Gewissen vergewaltigt und die Freiheit des Evangeliums mit Füßen getreten. In den Worten Jesu liegt bis heute eine Grenze aller Lehrzuchtverfahren, der formellen und mehr noch der informellen.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

Es ist wie  ein seelsorgerlicher Zwischenruf. Wie Bewahren vor dem Missverständnis: Christsein ist immer währende Anstrengung sich zu verbessern. Ihr seid schon rein um des Wortes willen. Ihr seid schon καθαροί – Katharer. Gereinigte. Das Wort Jesu hat Wirkungen in ihrem Leben hinterlassen. Und zugleich erinnert der Satz ja auch an die Zusage aus der Fußwaschung: „Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden, denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein“ (13,10) Reinheit ist keine moralische Leistung der Jünger, sie ist Gabe des Herrn.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Es folgt das „Herzstück“ der Anrede an die Jünger. Das ist es, was Jesus für sie will, an ihnen sucht, was über ihr Leben entscheidet. Bleibt in mir und ich in euch. Ohne dieses Bleiben gibt es keinen Glauben. „Das μένειν ist das Verharren in der Haltung des Glaubens…im Sinne des stets Sich-umfangen-lassens, Sich-schenken-lassens.“ (R. Bultmann, aaO. S. 412) Man könnte auch sagen: Bleiben ist ein anderes Wort für Glauben.

Damit fängt Jüngerwerden ganz am Anfang an: „Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. (1, 38-39) Und darauf läuft es zu: „Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“(14, 3) Jüngersein ist kein gelegentlicher Kontakt. Und Christsein ist keine punktuelle Angelegenheit. Christsein ist mehr und anderes als „Kirche bei Gelegenheit“(M. Nüchtern). Es ist beides durch das Bleiben charakterisiert.

Aus diesem bei Jesus, in Jesus bleiben erwächst Frucht. Darf man sagen: wie von selbst? So wie es Jesus andernorts erzählt: „Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“(Markus 4,26 – 28)  Im Griechischen steht da: ατομτη – automatisch. Keine Verführung zur Faulheit, wohl aber eine Entlastung vor der frommen Leistungsforderung.

Bei Jesus, in Jesus bleiben hat Wirkungen – ins eigene Leben, aber auch für das Leben anderer. Die Bedingung dafür ist das Bleiben. Das ist die Spannung, die das Johannes-Evangelium durchzieht, die auch niemals aufzuheben ist: Es gibt den Glauben nur als Geschenk, nur als das Wunder geöffneter Augen eines Blinden. Aber dass der Glauben des so Beschenkten Wirkungen ins eigene Leben hinein entfaltet, hat diesen „Preis“: Bleiben.

Wie geht das heute, für uns: bei Jesus bleiben? In meinen Augen der erste Schritt, täglich neu zu üben: Ich bleibe an seinem Wort. Ich setze mich den Worten der Heiligen Schrift aus, damit sie mich stärken, trösten, ermutigen, korrigieren, ausrichten. Ich versuche seine leise Stimme zu hören im Stimmengewirr der Zeit. Das nenne ich „stille Zeit.“ Der zweite Schritt, auch er täglich zu üben: Ich bleibe in der Gemeinschaft der Christ*innen. Eine Einzelrebe am Weinstock ist irgendwie – biblisch – nicht vorgesehen. Der Christ, die Christin, die sich allein genügt, ist ein Widerspruch zu allem, was die Schrift sagt: Der Weg des Glaubens ist eine Wandergemeinschaft, Erzählgemeinschaft, Leidensgemeinschaft. Darum führt Bleiben bei Jesus in die Gemeinde, so kümmerlich sie auch vor Ort aussehen mag. Der dritte Schritt, wiederum täglich zu üben: bei den Menschen bleiben. Denen, die mit mir unterwegs sind im Leben. mit ihnen Sorgen, Ängste, Nöte, Freuden und Glück teilen. Mit denen, denen ich ein Nächster sein kann, einer, der die Liebe Gottes spiegelt. Es ist wohl nicht nötig: die drei Schritte sind keine zeitliche Reihenfolge oder gar sachliche Rangfolge. Sie durchdringen einander. In ihnen geschieht ein „Anhängen“ an ihn als seine Reben, in die er seine Kraft geben will.

Bleibt der Satz, der für unsere Zeit so anstößig ist, es aber wohl auch schon im 1. Jahrhundert war: ohne mich könnt ihr nichts tun. Wir tun eine ganze Menge. Wir sind – so will es die Gesellschaft – tätig ohne Ende. Wer nichts tut, gilt als faul. Dem widerspricht Jesus auch nicht. Aber er hebt hervor: Wir sind Gott gegenüber nicht unabhängig, autark. Wir sind nicht die, die sich das Leben, das bleibt, selbst schaffen können. Es mag ja sein, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Aber das gilt nicht für das wahre Leben, nicht für das ewige Leben. Das gibt es nur in der Bindung an ihn, im Bleiben mit Jesus, bei Jesus, in Jesus,

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.

Keine Drohung, sondern die nüchterne Feststellung. Wohl auch Warnung in die Gemeinde hinein, in der es ja vorkommt, dass Menschen nicht bleiben, sich abwenden, den Weg des Glaubens verlassen. Und doch sollen diese Worte nicht Angst machen, aber im Bild auch die Konsequenzen nicht verschweigen. „Johanneisches Denken tendiert nicht auf Exkommunikation  noch auf den Höllenpfuhl; sich von Jesus distanzieren hat das Gericht in sich selbst.“ (G. Voigt, aaO. S. 228)

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Daran liegt Johannes mehr – Jesus wohl auch: Wer an Jesus bleibt, der hat einen freien Zugang zum Vater im Gebet. Der hat eine Adresse für seine Beten, Hoffen, Wünschen, Klagen. Der wird es immer wieder wunderbar erfahren, wie sich in seinem Leben die Wege Gottes verwirklichen, wie ihm widerfährt, was ihm den Vater in seiner Herrlichkeit zeigt.

Und: indem wir so an Jesus bleiben, in Jesus bleiben, seine Jünger sind und es werden, wird der  Vater verherrlicht. Der Glanz Gottes leuchtet auf an denen, in denen, die den Weg des Glaubens gehen. Mag sein, es ist „Sternenglanz in der Pfütze“ (Randi Hendricksen), aber es ist der Glanz Gottes.

 

Herr Jesus, so oft bitte ich: Bleibe bei mir und überhöre, wie Du bittest: Bleibe in mir. Halte dich an mich. Birg dich in meine Liebe.

So bittest Du uns um unsertwillen, damit wir in Dir das Leben finden, Deine Wege mitgehen, Deine Liebe uns erfüllen kann. Wir brauchen den Anschluss an Dich, damit uns Deine Lebenskraft durchströmen kann.

Herr Jesus, bei Dir will ich bleiben. Fülle Du mein Leben mit Deiner Kraft. Amen