Der größere Friede

Johannes 14, 27 – 31

27 Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

            Frieden! Shalom! Ειρήνη Das ist der Gruß im Judentum, schon im Alten Testament und auch in der ersten christlichen Gemeinde.  „Der Zuspruch dieses Friedens gehört fest zum gottesdienstlichen Segen.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 233) Im Zusammenhang hier ist  es Abschiedsgruß eines Scheidenden. Aber es ist zugleich mehr als ein Gruß. Es ist eine Zusage, ein Versprechen. Der Charakter des einfachen Grußes wird auch gesprengt durch das „meinen Frieden“. Jesus sagt seinen Jünger zu: Ihr empfangt meinen Frieden. Ich nehme ihn nicht mit in die Welt Gottes. Ich lasse ihn euch. Ich gebe ihn euch. Er bleibt bei euch. Er umhüllt euch – als Schutzmantel, als Wirklichkeit mitten in der Welt.

Am Schwanberg in Unterfranken hat die Künstlerin Irene Dilling für einen Altar im Friedwald der „Communität Casteller Ring“ eine Christus-Figur geschaffen.

Von seinen Armen herab hängt ein Mantel, ein Schutzmantel. Mit weit ausgebreiteten Armen bietet dieser „Schutzmantel-Christus“ Zuflucht. Einem alten Mann am Stock, einer Frau, einem Kind. Mühseligen und Beladenen. Sie dürfen kommen mit den Lasten ihres Lebens. „Unter dem Schatten seiner Flügel“ (Psalm 63,8)  finden sie Schutz. Das ist „mein Frieden.“ 

Ich kenne von mir eine tiefe Sehnsucht nach Frieden. Ich bin dankbar, dass ich in einem Land leben darf, das seit über siebzig Jahren keinen bewaffneten Konflikt mehr auf dem eigenen Territorium erlitten hat. Kriege finden anderswo statt. Aber sie finden statt und die Bilder sind schrecklich: aus Syrien, aus dem Jemen, aus dem Irak, den Ostgebieten der Ukraine. Das sind die Bilder, die wir sehen. Es gibt viel mehr Kriegsbilder, die wir nicht sehen.

Meine Sehnsucht nach Frieden ist noch einmal anderer Art und geht über das Schweigen der Waffen hinaus: es ist die Sehnsucht nach gelingenden Beziehungen. Die Sehnsucht nach dem Miteinander, das nicht so rasch von verletzten Worten belastet ist, das nicht ständig unter Missverständnissen verstört wird. Das nicht durch ein unklares und unerklärtes Schweigen belastet wird. Frieden – das ist shalom – ein Miteinander, in dem die Schmerzen des Lebens geteilt und gemeinsam getragen werden, eine Liebe, die selbstlos ist und verzeihen kann, das ungebrochene starke Vertrauen, dass der Andere, die Andere einen guten Weg finden wird. Der Frieden Christi – das ist Geborgenheit in einer Welt, die so tief gefährdet ist.

Der Frieden der Welt ist ja anderer Art. Labil, gefährdet. Oft genug ein Frieden, der auf der Macht beruht, auf der militärischen Stärke, auf Drohung und Härte, im Schweigen der Waffen bis zum nächsten Konflikt. Bei den Römern gibt es den Satz wie ein Sprichwort, eine Lebensweisheit: „Si vis pacem, para bellum.“ Frei übersetzt: „Wenn du Frieden willst, bereite dich für den Krieg vor.“ Von diesem Frieden, der der Welt entspricht, unterscheidet sich der Friede Jesu. Grundsätzlich. Es ist durchaus frag-würdig, ob in den Worten Jesu „eine gezielte Antithese zu dem Frieden zu erkennen ist, den das römische Weltreich unter der Herrschaft der Kaiser zu seiner zentralen Parole gemacht hat – Pax Romana.“ (U. Wilkens, ebda.) Jesu Friede ist anders.

Jesus vergisst nicht: Die Jünger leben in einer Welt, die oft genug zum Erschrecken ist, friedlos, von Gewalt durchtränkt. Und: „Was die „Welt“ zu geben hat, werden sie in den nächsten Stunden erfahren – Grund genug zu erschrecken und sich zu fürchten.“  (G. Voigt, aaO. S. 224) Darum sagt er ihnen noch einmal, was er schon am Anfang dieser Rede gesagt hat: Euer Herz erschrecke nicht  und fügt hinzu und fürchte sich nicht.

            Wieder geht es mir so, dass ich das gesungen höre, mir zugesungen. Und indem ich das innerlich so höre, bin ich berührt, bewegt. Es ist ja wahr, dass ich das brauche in dieser Welt, in der ich so oft erschrecke, die ich so wenig verstehe, die mir in vielem ein Rätsel ist. Ich will mich nicht dem Erschrecken preisgeben. Gewiss, es berührt mich, aber es soll mich nicht bestimmen dürfen. Es springt mich an, aber es soll mir nicht sagen dürfen: Das ist die einzige Wirklichkeit des Lebens. Die tragende Wirklichkeit meines Lebens ist der Frieden, in den mich Jesus gestellt hat. Mitten in dieser so friedlosen Welt.

28 Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.

            Die Jünger mögen glauben, dass sich ihre Liebe zu Jesus darin zeigt, dass sie ihn festhalten, nicht loslassen. „Wir können doch nicht ohne dich sein.“ Für sie klingt es bedrohlich, wenn er sagt: Ich gehe hin. Weiß man denn, ob er wiederkommt? Es ist noch nie einer wiedergekommen, sagt die Vernunft der Welt angesichts des Todes. Wie sollen die Jünger, die von der Erde sind (3,31) denn anders denken können?

Nimmt Jesus seinen Jüngern ihre Liebe nicht ab? Zweifelt er an ihr? An ihnen? Ich lese anders: Er führt sie damit aus ihrer engen Sicht heraus. Er will ihnen zeigen, sagen, dass sie nicht nur den Verlust sehen dürfen – Jesus ist nicht mehr leibhaftig unter uns. Wir können ihn nicht mehr fragen wie so oft zuvor: „Was würdest Du jetzt sagen?“ Stattdessen sagt er ihnen: Ich gehe doch zum Vater und von dort her bin ich euch nahe, näher als ihr es jemals glauben konntet.

29 Und jetzt habe ich’s euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es nun geschehen wird.

Das alles sagt Jesus, um sie vorzubereiten. „Die Jünger werden gemahnt, gefasst zu sein auf das, was kommen wird.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 487)Auf das Geschehen dieser Nacht und des Tages danach. Auf diesen Ablauf, der wie eine unerbittliche Folge von Ereignissen ihn an Kreuz bringen wird. Damit sie auch dann glauben, wenn es nichts mehr zu sehen gibt, was nach Herrlichkeit aussieht, was an einen behütenden Gott denken lässt. Noch angesichts des nahenden Grauens gilt seine Sorge seinen Jüngern. Um sich sorgt er nicht.

30 Ich werde nicht mehr viel mit euch reden, denn es kommt der Fürst dieser Welt. Er hat keine Macht über mich; 31 aber die Welt soll erkennen, dass ich den Vater liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat. Steht auf und lasst uns von hier weggehen.

Es ist alles gesagt. Es ist auch kein Raum mehr für viele Worte. Es kommt der Fürst dieser Welt. Das Böse drängt heran. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Merkwürdig genug: der gleich ausgeliefert sein wird an die Soldaten, an die Feindseligkeiten, an die böse Macht, sagt gleichwohl: Er hat keine Macht über mich. Früher schon hat er gesagt: „Nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden“ (12,31) Dieser Weg wird trotz allem nicht diktiert von dem Bösen, das gleichwertig, gleich stark, mit offenem Ausgang Gott gegenüber steht. Der Böse, das Böse muss am Ende doch dem Vater dienen. Übermäßiger Respekt vor diesem Fürsten ist dem Johannes-Evangelium fremd.

Was herauskommen soll ist, dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat. Merkwürdig: Nicht die Jünger, die Welt soll erkennen. Was immer sie ihm antun werden – er wird festhalten an der Liebe und dem Gehorsam, am Vater. Er lässt sich keinen Schritt von diesem Weg abbringen. Das wäre ja die letzte Versuchung, angesichts des Kommenden den Gehorsam aufzugeben, der Liebe abzusagen und das eigene Leben zu retten. Ob aus diesem Sehen der Welt ein Erkennen, ein Anerkennen werden wird, ist nicht gesagt.  

Ist Jesus das Musterbeispiel eines standhaften Märtyrers? Gilt es für die Christen, ihn nachzuahmen? Nicht in der Sicht des Johannes-Evangelium.  Sie werden ihm ähnlich werden, manche auch im Leiden. Aber dieser Weg, den Jesus geht, ist von Anbeginn an der Weg des Vaters, gewollt, um die Welt aus ihrem Dunkel zu erlösen, gewollt, damit alle, die an ihn glauben, “ihn aufnehmen, Gottes Kinder werden.” (1,11) „Sein Tod ist nicht das heroische Festhalten an seiner Aufgabe auch im Untergang oder die Vollendung seines Glaubens im Martyrium – er ist kein Glaubender und auch kein Märtyrer -, sondern sein Tod ist seine Aufgabe selbst.“ (R. Bultmann, aaO. S.  488)  Zugespitzt: Es geht nicht um Jesus und  seine Konsequenz, in der er sich leidend selbst verwirklicht. Es geht um uns. Für uns, pro nobis, geht er diesen Weg.

 

Herr Jesus, Dein Frieden bleibt, trägt, schützt, macht das Herz fest. In Deinem Frieden geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.

Dein Frieden übersteigt unser Begreifen, folgt nicht den Regeln unserer Vernunft, baut nicht auf der Logik der Welt.

Herr Jesus, in Deinen Frieden hülle ich mich ein wie in einen bergenden Mantel. Ich danke Dir  für Deinen Frieden, der uns aus Deiner Liebe zukommt. Amen