Weg, Wahrheit, Leben

Johannes 14, 1 – 14

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Ich habe es als Klang in den Ohren: Euer Herz erschrecke nicht! Und fürchte sich nicht. Denn die Herrschaft des Bösen zerbricht.“ Unzählige Male gehört. Mir zugesungen. Anders geht es wohl auch nicht. Es muss das Wort von außen sein. Von dem, der den Weg Gottes geht. Der es uns zumutet, dass wir ihn für „eine kleine Weile“(13,33) aus den Augen verlieren. Der es uns zumutet, dass wir ihn am Kreuz sehen und erschrecken: „Was für ein Mensch!“ (19,5) Ecce Homo. „In sich selbst finden die Jünger keinen Halt.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 96) Es ist das Wesen des Glaubens, dass er in der Welt angefochten ist, dass er durch das Erschrecken hindurch muss. Wir sind noch nicht am Ziel. Noch ungeborgen geborgen im Glauben.

So ruft Jesus die Jünger aus dem Erschrecken, über das Erschrecken hinaus. Uns mit ihnen. Er ruft zum Glauben. An Gott, an ihn selbst. Das fällt in eins. Es sind nicht zweierlei „Glauben“. Es ist der eine Glauben, der im Glauben an Gott Jesus erkennt und im Glauben an Jesus Gott erkennt. Anders gibt es den Glauben nicht. Wer sich von Jesus abwendet, ihm nicht glaubt, der verliert Gott. „Weil der Glauben an Gott nur durch Jesus vermittelt sein kann, so muss der Glaubende wissen, dass er mit dem Glauben an Jesus auch den Glauben an Gott preisgeben würde.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957. S. 463) Das ist die Sicht des Johannes-Evangelium.

2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.

Aber nun die Verheißung, die den Ruf zum Glauben füllt. Nun die Auskunft über das Ziel. Das Vaterhaus Gottes. Kein exklusiver Wohnsitz nur für Jesus. Das ist sein Weg, dass er voraus geht, den Quartiermeister gibt für seine Jünger, für die Seinen. In diesem Vaterhaus Gottes ist Platz. Für viele. Denn es hat viele Wohnungen. Und es ist der Ehrgeiz des Vaters und auch des Sohnes, dass „das Haus voll werde“( Lukas 14,23), dass keine Wohnung leer stehen bleibt. Gott will keinen Immobilien-Leerstand im Himmel.

Sonst könnte Jesus ja nicht sagen, was er sagt. Wäre da kein Raum bei Gott, kein Platz, wie könnte er das versprechen. Es ist ein Satz der Vergewisserung, der zusagt: diese Wohnungen sind für Euch. Nicht nur für die Engel. Nicht nur „für eine Gruppe von auserwählten Gerechten.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 222) Für euch so irdische, unvollkommene Leute. Noch einmal wiederholt er – wohl weil ihm so viel daran liegt: Ich komme wieder und hole euch. Ich will euch bei mir. „Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein“ (12,26) hat er ihnen früher gesagt. Und jetzt: Ihr sollt sein, wo ich bin. Wie immer man sich das vorstellen mag – wir haben eine Bleibe bei Jesus.      

Es ist ein Raum bei mir, da sollst du stehen.“ (2. Mose 33, 21) Das war die Antwort  Gottes an Mose, als der darum bat, Gott sehen zu dürfen. Hier: Eine bleibende Stätte im Vaterhaus Gottes. „Ein Bau im Himmel, ewig, von Gott erbaut“ (2. Korinther 5,1) – so beschreibt Paulus seine Hoffnung. „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2, 19) sagt sein Schüler. Und immer geht es um die Hoffnung über die Zeit hinaus. Um das, worauf wir zuleben, schon heute.

Sehr persönlich gesagt: Je älter ich werde, umso wichtiger wird mir dieses Versprechen der vorbereiteten Wohnungen. Weil meine Lebenserfahrung mich lehrt, dass alle Wohnung in der Zeit nur ein Wohnen auf Zeit ist, Manchmal springt mich der Gedanke regelrecht an: Du hast hier keine Bleibe für immer. Es wird immer wieder einen neuen Ort geben – auch vom Alter diktiert. Umso wichtiger: Jenseits der Zeit ist schon der Ort, an dem wir für immer, ewig, sein dürfen. Jenseits der Zeit ist schon das Vaterhaus. Weit geöffnet die Türen. Hell erleuchtet die Fenster. Das Stimmengewirr, das aus dem Haus klingt, ist ein Versprechen: Du wirst hier nicht allein sein. Nie.

4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.

Jetzt ist alles gesagt. Jetzt können sie den Weg wissen. οδατε. Die Frage des Petrus: Wohin gehst du?(13,36)ist beantwortet. ie Zeit der Unwissenheit – vorbei. Wenn sie zugehört haben, wenn ihnen die Augen und Ohren aufgegangen sind, wenn ihnen die Worte ins Herz gefallen sind. Jetzt müssten sie es doch verstanden haben, begriffen. Jetzt müsste ihnen doch das Herz aufgehen vor Freude.

5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?

Diesmal ist es nicht Petrus. Diesmal ist es Thomas, der Zwilling. Der, neben den wir zu stehen kommen als seine Zwillinge. Er gibt es zu: Ich verstehe nichts. Ich weiß nichts. Ich sehe kein Ziel. Ich sehe darum auch keinen Weg. Wie soll ich wissen – ich, der ich von der Erde (3,31) bin.

6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. 7 Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.

Kein Vorwurf an Thomas. Aber ein Wort, das alles aufschließt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Es ist, als würde Jesus den Vorhang öffnen. Er gibt sich zu erkennen. Offenbarungsrede.

Ich leihe mir Worte, die sagen, was ich gerne sagen möchte: „Alles, was der Christ hofft, hängt an der Person Jesu Christi. … Also nicht: Ich zeige euch den Weg – sondern: Ich bin der Weg. Auch nicht: ich verkündige euch die Wahrheit – sondern: ich bin sie. Und nicht: Ich vermittle euch das Leben – sondern: Ich bin euer Leben.“ (G. Voigt, aaO.  S. 216)

            In ihm kommt uns Gott entgegen. In ihm sehen wir die Wahrheit Gottes, die unser Leben trägt. In ihm haben wir das Leben, weil er sich uns schenkt. Es gibt eine Lesart dieser Worte, die so klingt: Mache Du Dich auf den Weg, suche ihn, suche die Wahrheit, suche das Leben. Suche das alles bei Jesus – und du wirst es finden.

Ich lese ein klein bisschen anders. In Jesus hat sich Gott zu uns auf den Weg gemacht. In ihm zeigt er uns seine Wahrheit und kommt mit ihr auf uns zu. In ihm bringt er uns das Leben, durchdringt unser Leben mit seinem Leben. Ich muss nichts mehr tun. Ich muss nur noch sein Tun an mir geschehen lassen. Es mir gefallen lassen. An diesen Gott auf dem Weg zu mir glaube ich – der mir und meinem Suchen immer schon voraus ist. Der mir und meinem Streben nach Wahrheit immer schon verlässlichen Grund, Wahrheit gibt. Der in meine Vergänglichkeit seine Ewigkeit, sein Leben hinein legt.

Es ist in Spannung zu dem, was mir wichtig ist – und doch so wichtig, dass ich es nicht überspringen möchte: „Es hat mit dem innersten Wesen des Gottes Israels zu tun, dass er sich ausschließlich in Jesus als seinem Sohn finden lässt. Der Gott Israels hat sich in der Sendung seines eigenen Sohnes zur Rettung für jeden, der an ihn glaubt, in letztgültiger, unüberbietbarer Weise als der, der Gott ist, indem er die Seinen liebt, erwiesen. Kein Jude ist dadurch vom Zugang zu Gott und zu Gottes Heil ausgeschlossen.“ (U. Wilkens, aaO. S. 224)Versteht sich das nicht im Grunde wie von selbst – immerhin spricht Jesus mit Petrus, Thomas und die um ihn herum stehen – alles Juden. Ihnen ist er der Weg und die Wahrheit und das Leben.

8 Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns.

Diesmal ist es Philippus, der fragt. Nach dem Johannes-Evangelium der Erste, den Jesus selbst gerufen hat. Zu ihm hat er gesagt: Folge mir nach. (1,43) Seitdem ist Philippus mit ihm auf dem Weg. Hat ihn kennen gelernt. Seine Worte gehört, seine Zeichen gesehen. Aber er hat immer „nur“ Jesus vor Augen gehabt. Darum steht er vor diesem Satz Jesus „Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen“.(14,7) wie vor einem großen Rätselwort. Er versteht es nicht.

Vielleicht muss man sagen: Er kann es auch gar nicht verstehen. Denn er schaut ja, wenn er nach Gott ausschaut, nach dem unsichtbaren, dem unbegreiflichen, dem jenseitigen Gott aus. Dem Transzendenten. Der Transzendenz. Meinethalben auch nach dem summum bonum, dem höchsten Gut. Er hat es ja gelernt als Jude: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (2. Mose 33, 20) Wie also sollte er in dem Jesus vor seinen Augen Gott, den Vater, sehen können?  Und so wie Philippus schauen wir alle nach dem unsichtbaren Gott aus, dem Gott, den wir nie begreifen können.

Ein Wort zur Ehrenrettung des Philippus und aller fragenden Jünger. „Eine törichte Bitte“ .(R. Bultmann, aaO. S. 469) sei die Bitte des Philippus. „Torheit, die eine direkte Schau Gottes begehrt.“(ebda.)Ich sehe das anders. Die Jünger fragen immerhin, wenn sie etwas nicht verstehen. Erst recht, wenn sie nicht verstehen können, weil sie ja von der Erde (3,11) sind. Wie sollen sie den sehen können in seiner Wirklichkeit, der von oben (3,319 ist? Darum ist ihr Fragen  großartig. Viel zu oft fragen wir nicht, schlucken unsere Fragen ungefragt herunter. Es ist uns nicht klar, was ist, aber wir fragen nicht. Wir finden uns ab, suchen vielleicht auch noch nach eigenen Antworten, aber wir fragen nicht. Der Glaube an Gott aber fängt ganz oft mit dem offenen, ehrlichen Fragen an.

Gott hält es aus, dass wir ihn frag-würdig finden. Mehr noch: Er legt seine Verheißung auf unser Fragen.

„Denen, die Gott suchen,                                                               denen wird das Herz aufleben.“         Psalm 69,33

Suchen, nach Gott fragen, sich ausstrecken nach ihm. Darum ist es richtig, dass Philippus sagt: Zeige uns den Vater. Von sich aus wird er nicht sehen können. Ihm müssen die Augen geöffnet werden. Das also ist seine, des Philippus Bitte: „Öffne uns die Augen!“

Jesus, gib gesunde Augen, die was taugen,                              dass mir werde klein das Kleine                                                   und das Große groß erscheine.                                                    Denn das ist die schlimmste Plage, wenn am Tage              man das Licht nicht sehen kann.                                                           Nach Chr. F. Richter 1676 – 1711

Und – mit dieser seiner Bitte steht Philippus obendrein in großen, Israel heiligen Spuren: „Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“(2. Mose 33, 17 – 18) Mose wird nur die Rückseite Gottes sehen. Philippus sieht mehr.

9 Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?

         Es ist, so denke ich, keine Enttäuschung, die Jesus so fragen lässt. Weit eher ist ein liebevolles ihn an der Hand Nehmen:Ich  will dir helfen, dass der lange Weg an sein Ziel kommt.“ Und zugleich ist es auch ein Trost für alle die, die schon lange Christ sind und sich immer noch fragend, suchend wie am Anfang erleben. Man kann lange mit Jesus unterwegs sein und hat doch immer noch das Gefühl: Ich kenne ihn nicht wirklich. So wie es auch Paulus nach seinem langen Weg des Glaubens sagt: „Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, dass ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ (Philipper 3, 12)

Wer mich sieht, der sieht den Vater! Das ist der Anspruch Jesu. Im Sehen auf mich seht ihr Gott. Den Vater, sagt Jesus. „Euer Gott-über-den-Sternen oder euer mit der Dynamik des Weltprozesses identischer Gott, überhaupt euer gedachter und abstrakter Gott, das ist gar nicht Gott.“ (G. Voigt, aaO.; S.217) Ihr habt den Ewigen, den Unsichtbaren, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Vater vor Augen – in mir.

Das ist die Herausforderung schlechthin, vor die uns das Johannesevangelium stellt. „Darin ist Jesus der Offenbarer, dass in ihm der Vater gegenwärtig ist; haben die Jünger ihn erkannt, so werden sie auch den Vater erkennen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 469) Das Johannesevangelium mutet uns zu, zu glauben, dass in einem Menschen, geboren in Raum und Zeit, unter das Gesetz getan (Galater 4,4) und unter die römische Herrschaft in Palästina, gestorben am Kreuz, Gott selbst sichtbar geworden ist, anschaulich, Hand und Fuß bekommen hat. Es mutet uns zu, dass wir an einen Gott glauben, der alle menschlichen Bedürfnisse und Begrenzungen erfahren hat. Es mutet uns zu, dass in einer geschichtlichen Figur die ewige Wahrheit aufleuchtet.

Damit legt sich das Johannes-Evangelium mit den Gesetzen unserer Logik an. „Zufällige geschichtliche Ereignisse können nicht ewige Wahrheit sein.“ (E. Troeltsch) Aber genau das behauptet das Johannes-Evangelium. „Darum handelt es sich, dass der Mensch in der Begegnung mit Jesus wirklich Gott begegnet, dass Jesus und der Vater eins sind.“ (R. Bultmann, aaO. S. 470)Genau das zieht sich vom Prolog (1,1-18) an durch das ganze Evangelium als ein roter Faden: Mehr noch. Das ist kein Prädikat, das die Gemeinde Jesu beilegt, mit dem sie seine Bedeutung aussagen möchte – es ist, so Johannes,  das Zeugnis des Sohnes selbst.

Mir wird es immer wichtiger: hier geht es nicht um Dogmatik. Man geht mit solchen Sätzen auch nicht richtig um, wenn man sie plakativ und demonstrativ als den Wahrheitsbeweis des christlichen Glaubens hoch hält und anderen sagt: Das musst du glauben. Sie sind das Selbst-Zeugnis Jesu und er steht für dieses Zeugnis mit seinem Leben ein. Sie suchen mein Vertrauen und sind nicht Argumentationsmaterial für Glaubensschlachten. Es geht immer nur darum: Vertraue ich ihm, der sich so zeigt, offenbart?

Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus. Und der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke. 11 Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir; wenn nicht, so glaubt doch um der Werke willen.

            Wort und Werk Jesu – beides kommt aus dem Vater, aus der Einheit seines Willens mit dem Willen des Vaters. „In allem, was der Sohn in der von ihm abgefallenen Schöpfung tut, handelt Gott selber. Sein Wort ist Gottes Wort und sein Wirken ist Gottes Wirken!“ (S. Schulz, aaO. S. 186) Darum ruft Jesus zum Glauben – nicht an irgendwelche Sachverhalte, sondern an sich selbst. Es sind auch keine zeitlosen Worte, keine zeitlosen Wahrheiten – ρήματα  – Worte in die Zeit spricht Jesus, die  die Jünger hören und denen sie trauen dürfen.

Und: Der Glaube an Jesus nimmt dem Vater nichts von seiner Herrlichkeit, sondern mehrt sie. In allem Wirken und Sagen Jesu ist der Vater am Werk. Darum auch ist der Glaube um der Werke willen kein minderer Glaube, sozusagen „wundersüchtig“, sondern es ist der Glaube, der auch in den Werken Gott, den Vater, am Werk sieht.

 12 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.

Der Blick weitet sich – über den Abend hinaus auf den Weg der Gemeinde Jesu. Diese Worte gelten nicht nur den Jünger*innen, sie gelten der Gemeinde aller Zeiten. Das Werk Jesu geht weiter. Darauf liegt der Ton. Es findet seine Fortsetzung im  Handeln der Jünger.

Ich finde es bemerkenswert: Für das Werk Jesu und die Werke der Jünger steht das gleiche griechische Wort: έργα. Das Neue Testament hat nicht so viel Angst vor den Werken wie wir Evangelischen sie im Allgemeinen haben – zumindest wenn es um „gute Werke“ geht.  Und Jesus traut es seinen Jüngern zu, dass sie seine guten Werke fortsetzen.

Das berührt sich ja durchaus auch mit dem Blick der anderen Evangelisten. Wenn Jesus nach Matthäus und Lukas seine Jünger aussendet, so gibt er ihnen einen Auftrag: „Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.“(Matthäus 10, 7-8, ähnlich Lukas 9, 1-2) Das ist als Auftrag exakt das, was Jesus selbst tut. Er setzt also im Tun der Jünger das eigene Handeln fort. Er weitet den Aktionsradius, vervielfältigt seine Wirkung.

Das mag reichen, um die größeren Werke zu verstehen. Es geht nicht um eine Überbietung der Werke Jesu, sondern um ihre Vervielfältigung in die Welt hinein. Ob die „Welt“ hinter dem Tun der Jünger, der Gemeinde, immer den erhöhten Herrn am Werk sieht, steht auf einem anderen Blatt. Sie handeln ja immer als die, die wissen und ihm glauben: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (15, 5)  

Der Ermöglichungs-Grund für diese Werke ist das Gehen Jesu zum Vater. Weil er beim Vater ist, können seine Jünger seine Werke tun. „Wahrscheinlich meint Johannes, dass der erhöhte Christus selbst – aus dem begrenzten Erdenwirken herausgetreten – die Schlüsselstellung im Himmel und auf Erden gewinnt, von da aus  im Tun seiner Jünger   wirkt und die Gebete seiner Kirche zu seiner Sache macht.“ (G. Voigt, aaO. S. 218)

      13 Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn. 14 Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.

Dieser Weg zum Vater ist die sachliche Voraussetzung des Betens zu Jesus. Weil er beim Vater ist, deshalb geht das Beten seiner Jünger nicht in eine andere Richtung, wenn es   in seinem Namen geschieht. Weil sie in ihm den Vater suchen, deshalb kann Jesus auch sagen: das will ich tun. Gleich zweimal. Sozusagen bekräftigend. Der Sohn und der Vater stehen nie in Konkurrenz.

Das Gebet zum Vater nimmt dem Sohn nichts von seiner Herrlichkeit, das Gebet zum Sohn dem Vater nicht. An dieser Stelle gibt es viel überflüssigen  und schädlichen Skrupel, weil die Freude am Gebet verloren geht in der Angst, ob denn die Anrede an den Vater oder an den Sohn die Richtige ist. Wer so Leuten Angst macht, hat nicht viel verstanden von der Freiheit, die in Christus ist und nichts von der Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn.

 

Jesus, öffne uns die Augen, dass wir Dich sehen, Mensch unter Menschen, eins mit dem Vater, wahrer Gott von Ewigkeit her. Licht vom Licht.

Öffne uns die Ohren, dass wir Deine Worte empfangen, es glauben und uns davon leiten lassen zum Tun, zum Glauben.

Öffne uns das Herz, dass wir erfüllt werden mit Deinem Geist, Deiner Liebe und sie austeilen in die Welt hinein, die Du liebst, wie Dich der Vater liebt. Amen