Nachfolge – später

Johannes 13, 31 – 38

31 Als Judas nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Menschensohn auch verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. 32 Ist Gott verherrlicht in ihm, so wird Gott ihn verherrlichen in sich und wird ihn bald verherrlichen.

Wie lese ich das: Judas ist hinausgegangen. Im Griechischen steht da weniger: Als er nun hinausgegangen war. Hat Judas die Verherrlichung aufgehalten? Jetzt, wo er gegangen ist, ist die Luft rein? Oder ist es einfach so: Jetzt ist die Zeit reif. „Jetzt, mit dem beginnenden Verrat des Judas hat die Passion Jesu begonnen, die zum Tode Jesu führt.“ (J. Heer, aaO.  S. 114)Umso auffälliger: sichtbar werden wird, was bislang verborgen war – die Herrlichkeit Gottes und die Herrlichkeit des Sohnes.  Es ist ein Wechselspiel: Jesus verherrlicht Gott, Gott verherrlicht Jesus.

Das Wort „verherrlichen“ macht Schwierigkeiten. In alten Übersetzungen heißt es stattdessen „verklärt“. Das klingt nach dem Glanz eines prächtigen Königs, Darstellung seiner Macht und Majestät. Δοξαςθηναι „verklären“, verherrlichen meint hier anderes. In der Vergangenheit Jesu, auf seinem Lebensweg ist klar geworden, wer er ist. Und in seiner Zukunft, im Sterben und Auferstehen wird klar werden, wer er ist. Verherrlichen: Wir bekommen die δοξα Gottes, den Glanz Gottes zu sehen. Gottes Macht und Herrlichkeit wird deutlich, sie wird „verstehbar“. Sie wird sichtbar im Weg ans Kreuz! „Es ist sein Tod am Kreuz, in dem er als der Menschensohn „erhöht“ und verherrlicht wird.“ (U. Wilkens, aaO. S. 215)Dass wir diese Verherrlichung zu sehen bekommen und verstehen lernen, ist davon abhängig, dass Gott uns die Augen dafür öffnet, weil wir dies alles nicht von uns aus sehen, wissen und verstehen.

An Jesus wird sichtbar, klar, dass Gott nicht der tyrannische Herrscher ist, sondern der unbegreiflich Geduldige, der Liebende, der Vergebende und Erbarmende. In Jesus wird deutlich, dass wir uns an diesen Gott halten können und dürfen.

Und, das sei schon hier vorweg genommen: Es ist eine andere Art Herrlichkeit als die der Großen der Welt. Sie hat sich schon gezeigt: Als Jesus den Jüngern die Füße gewaschen hat, als er Lazarus aus dem Grab gerufen hat, als er sich zu der Ehebrecherin gestellt hat. Seine Herrlichkeit kommt Menschen zugute.

33 Ihr Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen. Und wie ich zu den Juden sagte, sage ich jetzt auch zu euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.

             τεκνα – Kinder. Das ist im Evangelium eine einmalige Anrede, diese Anrede als Kinder. Das zeugt von seiner tiefen Verbundenheit mit ihnen – darum deutet die alte Luther-Übersetzung mit dem Zusatz: lieb. Die Neue von 2017 sagt nur noch, übersetzungsmäßig korrekt, aber auch ein wenig distanziert: Ihr Kinder. Die Herrlichkeit leuchtet auf. Sie darf jedoch nicht verhüllen, dass die Stunde des Abschiedes naht. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, nur noch eine kleine Weile. Folge ich der Chronologie des Johannes, so lese ich: nur noch eine Abendzeit. Es ist schon klar: Seine Jünger werden ihn suchen, dort, wo sie ihn nicht finden können, „bei den Toten“(Lukas 24,6).

Und doch: sie werden getrennt sein. Dorthin, wo Jesus jetzt geht, können sie ihm nicht folgen. Das hört sich für mich wie eine Korrektur der Worte des Thomas an: „Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!“(11,16) Der Weg, der jetzt vor Jesus liegt, ist allein sein Weg, nicht ihr Weg.

Diesen Weg durch Tod und Auferstehung, Karfreitag und Ostern, geht der Herr alleine. Er weist die Jünger ab, die mit ihm gehen wollen. „Im gleichen Maße, wie sich – ergänze: in seinem Sterben – die Einheit von Vater und Sohn verwirklicht, tut sich eine Kluft zwischen seinem Jüngern und ihm auf, die von ihnen aus unüberwindbar ist.“ (U. Wilkens, aaO. S. 217) Sein Weg jetzt in die Nacht ist nicht ihr Weg. Es ist nicht die Einsamkeit, die der Sänger meint: „Die Kreuzwege des Lebens gehst du immer ganz allein.“(R. Mey) weil die anderen zu feige sind, sich durchtun, sich wegducken. Es ist die viel größere Einsamkeit, die dieser Weg mit sich bringt: Diesen Weg muss Jesus alleine gehen – für uns, weil nur er diesen Weg des letzten, äußersten Gehorsams gehen kann.

34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.

Aber die Jünger bekommen nun doch von ihm ihren Weg gezeigt in dem neuen Gebot.  Eine Anweisung, ein Auftrag neuer Art. So soll es unter ihnen zugehen. Ihr Weg ist Dienst aneinander, Vergebung füreinander und Liebe zueinander. γαπτε. An der Agape, die sie einander zuwenden, wird sich zeigen, ob sie den Menschensohn gesehen haben, ob sie verstanden haben, was „verherrlichen“ Gottes und Jesu heißt. Einander dienen und nicht einander kommandieren. Einander vergeben und nicht einander Schuld nachtragen. Einander lieben und nicht uns gegenseitig gleichgültig sein lassen oder uns verachten. „Den Hungrigen das Herz finden lassen“ (Jesaja 58, 10) und ihn nicht mit einem Brocken Brot abspeisen.

Nicht aus sich selbst sollen sie ihre Liebe schöpfen. Sie sollen und können lieben, weil sie zuvor geliebt sind. Lieben, weil sie die Liebe Christi erfahren haben. Auf den Wegen durch Galiläa und Judäa. Bei der Hochzeit von Kana. Am Meer, als er ihnen das Brot gegeben hat.  Am Tisch, als er ihnen die Füße gewaschen hat. Und sie werden die Liebe „sehen“, die bis zum Äußersten geht, bis ans Ende, wenn sie ihn am Kreuz sehen werden. So sehr hat er sie geliebt.

Es gibt eine jüngst losgetretene Debatte, ob sich die Agape wirklich nur eine unerotische Nächstenliebe reduzieren lässt. Nicht zuletzt damit unterfüttert, dass das Verb  γαπάω und das Substantiv γάπη in der Septuaginta-Übersetzung des Hohen Liedes durchaus in merklich erotischen und sexuellen Zusammenhängen verwendet wird. Ich gestehe, dass ich die Debatte nicht verstehe. Natürlich ist die Agape nicht nur sachlich-respektvoller Umgang mit anderen, das, was wir gerne Professionalität nennen. Sie hat einen zärtlichen und folglich auch von der Anziehungskraft der Anderen ausgelösten Anteil. Mehr aber auch nicht.

35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

Das ist das neue Gebot, die καινή εντολή. Ich sage lieber: Die neue Lebensregel. Εντολή steht da und nicht das sonst für Gesetz übliche νόμος. Das mag ein erster Hinweis sein: Es geht nicht um Gesetz, um Gesetze, die zu halten sind. Um bloße Verbotsregeln: Du sollst… Du sollst nicht… Sondern um eine Wegweisung.  Eine Liebesregel. Nicht eine Fülle von Satzungen, sondern der Ruf in die Liebe. Und so wirkt sich das Leben in dieser Regel aus. „Seht, wie lieb sie einander haben“ haben spöttische Feinde der ersten Christen gesagt und ihnen so bestätigt, was Jesus verheißen hat: An der Liebe werden die Jünger erkannt.

Ein bisschen ist das immer wieder einmal in der Christenheit in Vergessenheit geraten. Da wurde die Zustimmung zu Glaubenssätzen wichtiger als die Liebe. Die korrekte Dogmatik wurde zum Kennzeichen der wahren Christen. Dem gegenüber gilt bleibend: „Bruderliebe ist das bleibende Kennzeichen echter Jüngerschaft, jedenfalls wie sie Johannes versteht.“ (S. Schulz, aaO. S. 179) Vierzig Jahre später ergänzen und korrigieren wir gerne: Geschwisterliche Liebe.

Es ist ein Kennzeichen, das gewaltlos ist, das sich der Durchsetzung verweigert, das sich nicht in Regelwerke fassen lässt. Die Liebe verträgt keine Paragraphen. Sie zeigt sich im Tun, in der Hingabe, der Treue, der Fürsorge, im Einstehen für das Recht der Anderen und im Verzicht auf das eigene Recht.

Und wie nahe sind sich in der Hochschätzung der Liebe als dem großen Kennzeichen der Christen der Evangelist Johannes und der so leidenschaftliche Missionar Paulus. „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Römer 13,10) schreibt er und besingt die Liebe als die höchste Gabe im Hohenlied der Liebe (1.Korinther 13) Mehr geht nicht in Worten. Nur im Tun.

36 Spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin?

Es ist das Privileg des Petrus, der Wortführer zu sein, Fragen zu stellen. Keine leichte Rolle. Wird doch an ihm sichtbar, wie wenig die Jünger und auch wir verstehen vom Weg Jesu. So auch jetzt. Er fragt nach dem Ort, zu dem Jesus sich auf den Weg macht. Immerhin: „Hinter der Frage des Petrus steckte doch die Bereitschaft des Jüngers zur Nachfolge.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 460) Darum verbietet sich auch alle Kritik an dem offensichtlich so unverständig Fragenden. Jesus aber geht in ein Geschehen und eben nicht an einen Ort. Petrus kann – wie wir – nur in den Kategorien von Raum und Zeit denken. Der Weg Jesu aber sprengt den Raum und die Zeit.

Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen.

Zum dritten Mal kommt diese Wendung im Evangelium. Wo ich hingehe… Unmittelbar vor dieser Stelle hat er es zu den Jüngern gesagt (13,33). Und am Laubhüttenfest in Jerusalem sagt er zu den Juden: „Ich bin noch eine kleine Weile bei euch und dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen.“ (7, 33-34) Gerade im Vergleich dazu wird die Differenz deutlich. Zu Petrus sagt er: diesmal nicht – erst später. Zu den Juden sagt er: Nicht!   

Es ist sein Weg, den er für die Seinen, ich ergänze: für die Gemeinde, geht: Er macht den Weg frei. Davon wird wenig später die Rede sein. Aber auf diesem Weg jetzt geht er allein. Um unsertwillen. Es ist ein Unterschied zwischen Mitgehen und stellvertretend für andere einen Weg gehen. Der Weg der Stellvertretung ist einzig und allein Jesu Weg.

37 Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen.

Soll man sich wundern über den begriffsstutzigen Petrus? Hat er nicht zugehört? Oder hat er nur nicht verstanden? Zuerst gilt es, Ehrenrettung für Petrus zu betreiben. „Er gelobt Treue und Einsatz bis zum Äußersten.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 115) Das darf man nicht gering schätzen. Hochmut Petrus gegenüber ist nicht nur hier fehl am Platz.

Das hat Petrus verstanden: Nachfolge schließt die Bereitschaft zum Leiden mit ein. Und: er ahnt, dass der Weg vor seinem Herrn schwer werden wird, hart, das Leben kosten kann. In der Bereitschaft zur Treue bis in den Tod steht Petrus Thomas nicht nach. Das Johannes-Evangelium schildert die Jünger Jesu in diesen beiden jedenfalls nicht als ahnungslose Trottel, die nicht wissen, was Jesus und ihnen blühen wird. Petrus hat es auf dem Weg des Lebens mit Jesus gelernt: die Weggefährtenschaft, die Schicksalsgemeinschaft mit ihm macht nicht vor dem Tod Halt. Sterben gehört mit dazu. Nachzulesen unmittelbar nach dem Christusbekenntnis: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden..“(Matthäus 16, 24-25)

Die Antwort Jesu: diesmal nicht. Man könnte auch sagen: Noch nicht. Jetzt, an diesem Abend gibt es keinen, der mitgehen könnte – so tapfer sie auch sein mögen, Petrus, Thomas und die anderen, die nichts sagen. Die Zeit der Nachfolge wird erst sein, wenn Jesus seinen Weg ans Ende gebracht hat, ans Ziel.

Für uns heute ist das alles eher eine fremde Botschaft. Leiden in der Nachfolge ist in unserer gegenwärtigen Lebenssituation in der Bundesrepublik Deutschland weitgehend ein Fremdwort. Wir leiden unter Krankheit, unter Ängsten, unter Überforderung. Aber um Christi Willen leiden wir nicht. Ich scheue mich ein wenig, den gesellschaftlichen Gegenwind, den die Kirche und auch einzelne Christen heute erfahren, schon als Leiden um Christi willen zu bezeichnen. Es kostet uns sicher nicht das Leben.

Das war auch in Deutschland nicht immer so. Es ist erst 70 Jahre her, dass Menschen, geleitet durch ihren Glauben, widerständig gegen die Staatsmacht waren und mit ihrem Leben für ihren Widerstand bezahlt haben. Für ihren Glauben. Auch das ist historisch verbürgt: in den Gefängnissen der DDR saßen manche um ihres Glaubens willen, der die herrschende Ideologie so in Frage stellte.

38 Jesus antwortete ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast.

So tapfer wie diese Märtyrer wäre Petrus allemal. Und doch übernimmt er sich sofort. Fast wortgleich im Griechischen sagt er, was Jesus von sich als dem guten Hirten sagt: „Ich lasse mein Leben für die Schafe.“ (10,15) Aber Petrus ist nicht der gute Hirte. Das allein ist seine Selbstüberschätzung. Wir tun gut daran, Petrus nicht für einen Feigling zu halten. Er stößt hier an eine Grenze, die durch den Unterschied gesetzt ist zwischen dem Menschensohn und Gottessohn Jesus und dem Menschen Petrus.

Petrus hat gesagt: ich will für dich mein Leben lassen. Das hält Jesus ihm nun fragend vor: Du für mich? Es ist wie eine Erinnerung an die Fußwaschung. Da hat sich Petrus  dem verweigern wollen, was Jesus für ihn, an ihm tun wollte. Hier sagt er, dass er für Jesus tun kann, was doch nur umgekehrt sein kann: „Er weiß nicht, dass nicht er für den Offenbarer, sondern nur dieser für ihn eintreten kann.“ (R. Bultmann, aaO. S. 461) πρ σο ist der Weg Christ – für uns. Nicht unser Weg für ihn.

     Jesus kündigt ihm an: Du wirst mich verleugnen. Nicht nur einmal, dreimal. Feierlich klingt es: αμήν,  αμήν, Amen, Amen. Wahrlich, wahrlich. Offenbarungswort. Der die Herzen kennt, kennt auch das Herz seines Petrus. Und hält doch an ihm fest.

Es ist gut, dass das von Petrus erzählt wird. Ist Petrus doch einer von uns, einer wie wir. „Nachfolge ist kein Akt des Heroismus. Wer das meinen sollte, der wird scheitern.“ (R. Bultmann, ebda.) Auch in unserer Nachfolge gibt es die Augenblicke, wo wir uns verstecken, nichts mit Jesus zu tun haben wollen, uns lösen von seinem Wort und Weg. Auch auf unserem Weg mit ihm gibt es das Scheitern aus Feigheit, Angst, falscher Rücksichtnahme, aus der Sorge um das eigene Ansehen. Das weiß Jesus und hält doch an uns fest. Wie an Petrus. Davon wird später noch zu reden sein.

 

Jesus, ich will Dir folgen und bleibe oft genug hinter Dir zurück. Ich will zu Dir gehören und gehe doch oft auf Distanz.

Manchmal übernehme ich mich. Manchmal verstehe ich aber auch nicht, dass Dein Weg nicht mein Weg ist, dass ich nicht auf mich nehmen muss, was Du schon für mich getragen hast.

Gib mir den Mut, auf meinen Wegen einzustehen für die Wahrheit, für die Liebe, für Dein Wort. Mache mich treu im Kleinen und zeige mir immer wieder, dass Du mich festhältst, auch in meinem Versagen und Verzagen. Amen