Einflüsterungen

Johannes 13, 21 – 30

21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.

            Wir haben gesehen: Jesus geht den Weg, der vor ihm liegt, aus freien Stücken, im Gehorsam des Sohnes. Und doch: der Weg verlangt ihm seelische Stärke ab.  Er geht ihn nicht in stoischer Ruhe, sondern er wird betrübt im Geist. Der gleiche Ausdruck εταράχθη τώ πνεύματι wird verwendet, als Jesus vor dem Grab des Lazarus steht.

So sparsam Johannes sonst mit Einblicken in die seelische Verfassung Jesu ist, hier wird sie angedeutet. Er ist mitgenommen, angeschlagen. Was er auf sich zukommen sieht, lässt ihn nicht kalt. Es geht ihm nahe, dass ihn einer der Seinen verraten, besser und weniger moralisch gefärbt: ausliefern, übergeben (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 571) wird. So die erste Bedeutung des Griechischen παραδίδωμι  – eines der theologischen Schlüsselworte auch bei Paulus. Er weiß um die Notwendigkeit, aber es geht ihm gleichwohl unter die Haut.

Es sind solche überaus sparsame, karge Hinweise auf die „seelische Verfassung“ Jesu, die im Gottessohn den Menschenbruder glauben lassen. Die ihn uns nahe zeigen, uns, die wir oft genug von Ängsten, Sorgen, Betrübnissen geplagt sind. die uns auch glauben lassen, dass unser Ängste und Sorgen nun bei Gott vorkommen, weil er sie am eigenen Geist gespürt hat

             Wahrlich, wahrlich – μν μν – ist stilistischer Hinweis auf Offenbarung. Was Jesus hier sagt, ist nicht nebenbei gesagt. Er bezeugt es. Die Verwendung des Wortes  μαρτρησεν gibt den Worten Gewicht über den Augenblick hinaus. Jesus wird zum Zeugen.

22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.

            Es ist kein Wunder, dass die Jünger betroffen sind. Einer von uns? Sie sind ratlos, wie sie mit dieser Botschaft umgehen sollen. „Sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich es?“(Matthäus 26,22) So erzählt Matthäus. Hier dagegen herrscht erst einmal Sprachlosigkeit.

 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.

Einmal mehr wird Petrus aktiv. Er sucht nach Antwort, durch den Jünger, den Jesus lieb hatte. Zum ersten Mal im Evangelium wird hier einer der Jünger so hervorgehoben bezeihnet. Vermutlich kein Zufall, wird doch hier gerade das verhandelt, dass einer sich abkehrt, lossagt, den Weg Jesu verlässt. Umso wichtiger: es gibt auch den Jünger, den Jesus lieb hatte. Wer das ist, wird im ganzen Johannes-Evangelium nicht aufgedeckt. Es ist nicht so wichtig, wer es ist. Wichtig ist nur, dass es von einem Jünger in besonderer Weise heißt, dass Jesus ihn lieb hatte – so wie es auch von Lazarus heißt, dass er ihn lieb hat. Dieser Gottessohn geht nicht in einer allgemeinen Menschenliebe durch die Welt. Es gibt eine differenzierte Liebe zu unterschiedlichen Leuten. Nicht allen das Gleiche, sondern Jedem das Seine.   

             Es kann zutreffen: Die Leser*innen „dürfen und sollen sich mit diesem Jünger identifizieren.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 214 ) Sie sind nach Kreuz und Auferstehung alle geliebte Jünger*innen Jesu und sie sollen sich nach Ostern alle als solche geliebten Jünger*innen bewähren. Auf dem Weg des Glaubens, ihres Glaubens.

 So zeigt es sich ja auch in den unterschiedlichen Gaben des Geistes, die doch Gaben der Liebe sind. Jeder bekommt sein „Maß des Glaubens“(Römer 12,3) Die Gleichheit, die uns immer einmal vorschwebt, ist nicht die Gleichheit nach dem Maß Gottes, nach seiner Liebe. Seine Liebe entspricht den konkreten Menschen. Und da wird ein Petrus anders geliebt als der Jünger, den Jesus lieb hatte. Petrus akzeptiert und sucht durch diesen Jünger zu erfragen, was sich keiner laut zu fragen traut. νεει – es ist nur eine Geste, die zu diesem Fragen auffordert. Es liegt eine große Scheu über diesen Sätzen. „Eine Situation allgemein beklommener Stille.“ (U. Wilkens, aaO. S. 213 )

25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? 26 Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und als der den Bissen nahm, fuhr der Satan in ihn.

Dieser Jünger ist nahe bei  Jesus. So nahe, dass er unbemerkt (?) fragen kann. Jesus nennt keinen Namen. Sondern ein Zeichen. Aber es ist ein Zeichen, das wieder einmal verhüllt und offenbart zugleich. Denn dass er Anderen den Bissen eintaucht und weitergibt,  ist eine Alltagsgeste. Nichts Besonderes bei Tisch. „Kannst du mir das Brot reichen?  – Ja gerne!“ Wer wollte daraus etwas ablesen können bei einem Mahl mit vielen Leuten?

Aber unter dieser Alltagsgeste, die Mahlgemeinschaft ausdrückt und ist, geschieht Unheimliches. Der Satan fuhr in Judas. Hier steht im Griechischen Σατανᾶς und nicht mehr  διαβόλος, wie kurz zuvor. Ein Wechsel in den Worten, ohne Bedeutung, nur als Stilmittel? Vielleicht. Vielleicht aber ist es auch ein Feststellen der Endgültigkeit – jetzt ist Judas nicht mehr nur durcheinandergebracht, jetzt ist er eindeutig auf der anderen Seite. Judas ist nicht mehr Herr seiner selbst. Er dient einer fremden Macht. „Hier handelt nicht ein Mensch; hier handelt der  Satan selbst, der Gegenspieler Gottes.“(R. Bultmann, aaO. S. 368) Und doch bleibt es dabei: Auch er muss dem Willen Gottes dienen! Es gibt kein Handeln auf Augenhöhe zwischen Gott und dem Satan, keinen unentschiedenen Ausgang.

Das Problem, das wir sofort mit einem solchen Satz verbinden, interessiert Johannes nicht. Wir fragen, wie es um die Freiheit des Willens des Judas bestellt ist, um seine Verantwortlichkeit. Ist er von einer fremden Macht „besetzt“, so ist er nicht verantwortlich. Damit setzt sich der Evangelist nicht wirklich auseinander. Ihm geht es vielmehr allein darum, dass dieser unheimliche Verrat doch dem Weg Gottes nicht im Weg ist.

Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Aber niemand am Tisch wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.

Die Jünger verstehen weiterhin nichts. Einen Einkaufs-Auftrag vermuten die einen. Die Aufforderung zur Weitergabe einer Spende die anderen. Das spricht dafür, dass die Auskunft Jesu, die er mit seinem Tun gibt, untergeht unter dem Tun und den Gesten des Mahles. Sie hören nur irgendeinen Auftrag an Judas, dem er Folge leisten wird. Aber es ist nichts von Belang.

Es ist, im ganzen Abschnitt, so, als würde Jesus das Geschehen dieser Nacht, das Handeln des Judas regelrecht in Gang setzen, Gewiss ist der Gedanken an seine Auslieferung schon vorher im Herzen des Judas angesiedelt – darauf weisen frühere Sätze: „nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete..“(13,2) – aber jetzt, durch die Worte Jesu fällt die letzte Schranke. Es ist fast ein Auftrag: Was du tust, das tue bald! Rasch. τχιον. Damit der Zeitplan eigehalten wird? Jesus soll ja das neue Passa-Lamm werden, das Lamm zur Verschonung.

Es fällt auf: an dieser Stelle gibt es nicht die leiseste Andeutung zur Motivation des Judas für sein Handeln. Nichts von Geldgier, nichts von enttäuschten Erwartungen. Nichts von plötzlichem Hass. Da ist nur ratloses Schweigen über sein Motiv.

30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

         Judas geht. Alsbald. εθς Er verlässt den Jüngerkreis. Er wird auch nicht mehr in diesen Kreis zurückkehren. Es ist mehr als eine Zeitangabe, wenn es heißt: Und es war Nacht. Es ist auch mehr als eine Aussage über die innere Befindlichkeit des Judas, obwohl das sicher seinen guten Sinn hat: In ihm ist Nacht. Im Sinn des Johannesevangelium ist aber wohl auch zu lesen: Jetzt bricht die Nachtzeit an, in der niemand mehr wirken kann (9,4) Bis dahin war Tag, Zeit des Wirkens Jesu. Jetzt ist die Nacht, durch die er hindurch muss, damit der dritte Tag werden kann.

 

Wie oft, Jesus, haben wir Dich verraten, Dein Brot genommen, Deine Liebe empfangen, aber dann unseren Weg gesucht – ins Weite, oft genug in die Nacht.

Wie oft bin ich ich Einflüsterungen gefolgt, die mich von Dir entfernt haben, in die Nacht getrieben, auch in die dunkle Nacht der eigenen Seele.

Aber Du hast an mir festgehalten, mich festgehalten. Du hast meine Untreue mit Deiner Treue beantwortet, mein Weggehen mit Deinem Nachgehen. Nur darum bin ich noch immer bei Dir. Dafür danke ich Dir. Amen