Nachmachen

Johannes 13, 12 – 20

12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe?

Die Fußwaschung ist vorüber. Ist damit alles geklärt? Spricht der Akt nicht für sich selbst? Jesus scheint nicht so zu denken. Er weiß: Alle Zeichen sind zweideutig. Sie können alle auf einer Oberfläche verstanden werden und doch missverstanden sein. Und: er kennt seine Leute – hat er doch einem Petrus soeben noch gesagt: Du kannst jetzt noch nicht wissen. Darum fragt er nach, sicherlich nicht nur als eine „rhetorische Frage“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 361)Auch nicht, um eine Antwort von den sicherlich im Augenblick überforderten Jüngern zu erhalten, sondern um selbst die Antwort zu geben. Die Frage macht aufmerksam: hier ist mehr im Spiel als nur ein ausgefallenes – wir würden vielleicht heute sagen abgefahrenes – Handeln.

13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. 14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.

Es steckt mehr dahinter: Die Fußwaschung ist mehr als ein spontaner Einfall. Sie ist ein Lehrstück, nicht nur für die Zwölf, sondern für die Jünger*innen aller Zeiten. Durch die Deutung Jesu wird das Geschehen dieser Nacht zur Wegweisung für die ganze Christenheit, zur „Offenbarung“.  Jesus legt sein Handeln aus. Es gibt – so Jesus – eine Rangordnung: „Er der Meister, wir die Brüder.“ (N. L. von Zinzendorf, 1725, EG 251) Er ist der Herr. κριος. Wir sind es nicht. Wir sind Diener, Knechte, Mägde, untereinander Brüder und Schwestern. Das Johannesevangelium lässt keinen Zweifel: Jesus ist nicht einfach „einer wie wir.“ Er ist kategorial von uns unterschieden. Er ist von oben (3,31). Wir sind von der Erde (3,31). Er ist von Ewigkeit her, wir sind Kinder der Zeit. Wer diesen Unterschied wegreden will, irrt. Betrügt sich selbst. Versteht nicht, wer Jesus ist. Wenn ihr diesen Unterschied seht, so habt ihr Recht. 

Er betont diesen Unterschied so stark, um deutlich zu machen, was in Wahrheit geschehen ist: Ein Durchbruch durch die Ordnung der Welt. Keine interne Angelegenheit, sondern aus der Ewigkeit. Der von oben hat denen von unten die Füße gewaschen. Der ewige Gott hat sich selbst zum Diener der Menschen gemacht.

15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. 16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr’s tut.

Es ist ein Schlussverfahren, das im Bereich des Judentums zu Hause ist, vom Größeren zum Kleineren: Wenn schon ich, der Herr so handle, wie viel mehr dann ihr. Ihr vergebt euch nichts durch dieses Dienen, sondern ihr gewinnt darin Anschluss an mich. Was dem Herrn recht ist, ist dem Apostel billig.

Ein Beispiel – πδειγμα – „Vorbild, Beispiel, Kennzeichen“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957) S. 767) Es geht hier nicht um eine moralische Forderung, die mit diesem Tun Jesu erhoben würde. „Das vorbildliche Handeln Jesu wird nicht als Idealbild, als Muster oder Modell einer allgemeinen sittlichen Wahrheit angeschaut, wie es Historie oder Rhetorik zeichnen könnten, sondern es ist als Dienst vom Jünger erfahren.“(R. Bultmann, aaO. S. 362) Dieses an sich selbst zu erfahren: ich gehöre zu ihm, seine Liebe gilt mir, sein Dienen meint mich, befreit und befähigt dann auch dazu, selbst so dienend mit anderen umzugehen.  

Es mag wieder einmal ein leicht zu überlesender Hinweis sein: die Verwendung des Wortes απόστολος, der Apostel zeigt über die Situation dieser Nacht hinaus auf die Wirklichkeit der Gemeinde, die das Johannes-Evangelium liest. Es ist also eine Weisung nicht nur für den Jünger-Kreis, sondern für die Gemeinde aller Zeiten.

Luther hat diese Wegweisung für die Christ*innen gehört und auf seine Weise programmatisch unterstrichen: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“(M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520) Und im Lied unserer Zeit, ursprünglich geschrieben für die Thomas-Messe in Helsinki, klingt die gleiche Botschaft so:

„Trag die Last, die den andern beugt                                       weil allein Liebe überzeugt.                                                      Wahre Größe zeigt, wer auch dienen kann                                im Namen Jesu, fang damit an.“                                                              P.Simojoki, dt. Übersetzung G. Vorländer,                                      CD Geh den Weg nicht allein o.J.

Das also ist die Aufgabe: die Jünger Jesu sind aneinander gewiesen als Leute, die sich gegenseitig helfen. Sich gegenseitig dienen. sich wechselseitig vom Schmutz der Wege befreien, von den Belastungen des Lebens, die am Leib und an der Seele haften. Wobei die Interpretation Luthers Wert darauf legt: das ist keine Anweisung für einen Binnenkreis, für die Zuwendung in der eigenen, engen Gruppe der Gleichgesinnten. Luther übersetzt: diese Weisung Jesu schickt zu jedermann, wir ergänzen heute: zu jedefrau.

Muss man es extra sagen? „Diese Verse sind leicht zu verstehen, aber schwer zu realisieren.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S.108) Das ist keine nette Geschichte für den Kinder-Gottesdienst, die man kennen sollte. Es ist eine Geschichte zum Nachahmen. Nicht nur für Päpste am Gründonnerstag, sondern für alle. Alltäglich. Nicht anderen den Kopf waschen – das geht gut von oben nach unten. Sondern die Füße. Das geht nur von unten nach oben. Nur in der Haltung der Demut und der Ehrerbietung.  Nicht die Fußwaschung ist nachzuahmen – darum haben die Kirchen Recht, dass sie daraus kein Sakrament abgeleitet haben. Sondern die Haltung ist zu übernehmen, zu internalisieren.

 18 Das sage ich nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot isst, tritt mich mit Füßen.« 19 Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.

Es ist ein unübersehbarer Bruch. Was der Einweisung in das Leben als Jünger folgt, ist zwar möglicherweise historisch richtig verankert, hat aber hier eigentlich keinen Platz. Es ist ein krasser Thema-Wechsel. Allenfalls so zu verstehen: Es gibt auch die verweigerte Annahme dieser Fußwaschung, dieser Anteilgabe, der Erwählung zum einander dienen.

Darum folgt ein Hinweis auf den bevorstehenden Verrat. Immer noch ist Judas unter den Jüngern. Aber Jesus weiß schon, was er tun wird. Dieser Verrat ist wie ein Fußtritt. Er schmerzt. Es mag tausendmal notwendig sein für den Weg des Heils – er schmerzt dennoch. Und die Jünger sollen durch das Vorherwissen Jesu davor bewahrt werden, an ihm irre zu werden. Mitten in dem Geschehen wird er der sein, der das zu Recht sagt: Ich bin es, εγώ ειμι. So stellt sich Gott vor! „In dem ICH BIN erweist sich auch seine göttliche Überlegenheit über die Macht des Teufels, als dessen Diener der Verräter handelt.“(U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 210)

Das alles gilt nicht nur für den einen Verrat und den einen Verräter. Das gilt auch für den Weg der Gemeinde, auf dem es immer wieder zu Untreue und Abfall kommen wird. Zum verweigerten Weg der Aufnahme des Beispiels Jesu. Auch das weiß er im Voraus. Auch das kann nicht in Frage stellen, dass er der Herr ist, das Bild Gottes in der Welt.

 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.

Und noch einmal wird die Situation gesprengt, über die Nacht hinaus geweitet. Es ist ein Rückgriff vor diese Worte über den Verrat. Die Liebe, die sich in der Fußwaschung zeigt, ist die gleiche Liebe, die Gastfreundschaft gewährt, denen, die im Namen des Herrn unterwegs sind. Es ist die Liebe, die die Gemeinde untereinander geschwisterlich leben lässt.

Die Liebe, die in dem unbekannten fremden Gast den unerkannten Herrn aufnimmt. Ganz so, wie es der andere Evangelist als Wort Jesu weitersagt: „ Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25, 35 – 36.40)

In dieser Liebe und den Werken der Barmherzigkeit bewahrheitet sich die Liebe zu dem unsichtbaren Gott. „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns und seine Liebe in uns ist vollkommen.“ (1. Johannes 4,12)

 

Herr Jesus, Du liebst bis zum Ende, bis zum Äußersten. Du rufst uns in Deine Liebe, aus ihr zu leben, sie zu teilen, auszuteilen, mitzuteilen an die, die mit uns unterwegs sind.

Nichts anderes suchst Du bei uns als diese Liebe, die dient, sich schenkt, sich für die Anderen öffnet. Du willst uns ja begegnen in denen, die uns entgegenkommen, unsere Liebe herausfordern.

Gib uns das Tun, das Deiner Liebe entspricht. Amen