Bis zum Äußersten

Johannes 13, 1 – 11

 1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.

Jetzt endlich ist es Zeit. Seine Stunde. ἡ ὥρα Hora. Jesus wartet in Kana auf seine Stunde, wartet bei Lazarus auf seine Stunde. Jetzt erkennt er, dass sie da ist, gekommen ist. Selbst der Sohn verfügt nicht über die Zeit. Sie ist Gottes Zeit. Es ist die Stunde,  in der er die Welt verlassen wird, um nach Hause zu gehen, zum Vater. Er war in der Welt, die sein Eigentum ist (1,10.11) und die ihn doch immer wie einen Fremden angesehen hat. Aber jetzt beginnt der Heimweg.

Aber – darauf liegt der Ton: dieser Heimweg ist kein Weggehen. Er überlässt in seinem Weggehen die Jünger nicht sich selbst. Sondern dieser Weg jetzt ist geprägt von seiner Liebe zu den Seinen. Auch daran liegt Johannes: Dieser ganze Weg Jesu ist kein Weg aus Pflichtgefühl, gebeugt unter einen aufgenötigten Gehorsamsakt.

Ja, Vater, ja, von Herzensgrund                                                       leg auf, ich will Dir’s tragen                                                          mein Wollen hängt an Deinem Mund                                          mein Wirken ist Dein Sagen                P. Gerhardt 1647, EG 83

Es ist der Weg, den ihn die Liebe leitet. Eine Liebe bis ans Ende. „Bis zum Äußersten“, kann ich auch übersetzen. „Bis ans Ziel“ geht auch. „in finem“ überträgt die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Alten Kirche. Das griechische Wort εις τέλος wird in seinem Wortstamm wieder auftauchen im Ruf Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht.“ So weit geht die Liebe. Dort kommt sie an ihr Ziel. Zur Vollendung.   

2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten,

Sie sind zu einem Abendessen zusammen. Am Vorabend des Passa-Festes. Nur ein Abendessen. Nicht das letzte Mahl, von dem die anderen Evangelisten erzählen. „Die Leser sind mit der Überlieferung des Passionsgeschehens vertraut und wissen bei der bloßen Nennung, dass es sich um Jesu Abschiedsmahl mit seinen Jüngern handelt.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 207) Deshalb ist wohl auch Vorsicht geboten, an diesem kargen Satz den präzisen Zeitpunkt des Mahles festzumachen. Es reicht:  Vor dem Passafest.

  Johannes erzählt keine Einsetzung des Abendmahles. Was da zu erzählen wäre, wird von ihm in den Texten rund um Speisungswunder erzählt – verknüpft mit dem Wort Jesu: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“(6,35)

Aber wichtig für den Fortgang der Geschichte: Im Herzen des Judas ist es schon herangereift, ihn zu verraten. Ein Vorsatz, der ihm eingeflüstert ist, eingegeben von dem Teufel. Eingepflanzt in sein Herz, dorthin, wo unser Pläne und Handlungen nach biblischer Anthropologie ihren Ausgangspunkt haben. Kein Zweifel: Selbst der Teufel –  διαβόλος – der „Durcheinanderbringer“ mit seinem Plan muss dem Plan Gottes, dem Weg der Erlösung dienen. Hier, im Johannes-Evangelium ist kein Platz für eine ebenbürtige Auseinandersetzung auf Augenhöhe zwischen Teufel und Gott. Alles steht in der Regie Gottes. Das aber nimmt nichts weg von der Verantwortung des Judas, Simons Sohn, dem Iskariot. Vielleicht ist die so ausführliche Namensnennung genau darin begründet: Judas bleibt verantwortlich.

3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging,

            Zur äußeren Situation kommt die Innere: Jesus wusste. Zum zweiten Mal nach V. 1 εδς.  Unsere unterschiedlichen Übersetzungen – in V. 1 erkannte, hier wusste –  verschleiern diese Gleichheit des Wissens. Jesus weiß seine Stunde und weiß seine Vollmacht und seinen Weg. Er ist sich nicht im Zweifel  über sich selbst. Er weiß, wer er ist. Er weiß auch, was ihm jetzt „blüht“. Er kennt seinen Weg – von oben nach unten und jetzt wieder nach oben.  Ein Weg in Gott. Ganz geborgen. Der die Herzen kennt, der die Stunde kennt, der kennt auch seinen Weg.

Dieser Satz ist auch eine Abwehr des möglichen Gedankens: Jetzt wird Jesus zum Spielball des Teufels, seiner teuflischen Pläne. Vielmehr wird vorweg angedeutet, was später im Erzählgang der Passion so verblüfft: Jesus ist jederzeit Herr der Situation. Er ist in der Passionserzählung des Johannes nie der Ausgelieferte, Preisgegebene (So erscheint er ja bei Markus). Hier gilt: Er weiß, Schritt für Schritt: Das ist mein Weg.

4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.

            Den drei so mit Deutung gefüllten Versen folgt jetzt schlichte Erzählung. Jesus, der so sein Sein weiß, seiner selbst bewusst ist, bindet sich die Schürze eines Dieners, eines Sklaven um, kniet vor seinen Jüngern nieder, und wäscht ihnen die Füße. „In reicheren Kreisen wurde damals für die Gäste Wasser bereitgestellt, damit sie sich selbst – vor dem Mahl! – die Füße waschen konnten (Sandalen, Staubige Wege, Liegen bei Tisch).Wollte man einen Gast besonders ehren, so wurde ein Knecht damit beauftragt, ihm die Füße zu waschen.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 106) So sorgfältig schildert Johannes, dass man die Szene regelrecht vor Augen hat. Umständlich. Eindrücklich. Und über der ganzen Szene liegt fassungsloses Schweigen. Was sollen sie auch dazu sagen, dass ihr Meister vor ihnen kniet? Sollen sie die Füße verbergen, zurückziehen?

Man wird schon fragen dürfen: zeigt sich ausgerechnet in diesem Tun Jesu, dass ihm alles in die Hände gegeben ist? Dass ihm der Vater alles gegeben hat. Er nimmt von den Füßen den Staub der Erde weg, nimmt das Niedrige, das Verschmutzte in seine Hände. Seine Macht zeigt sich nicht im Griff nach den Sternen, sondern in der Fußwaschung. Darin zeigt sich das Wesen seine Macht, dass er seinen Jüngern nicht die Köpfe, sondern die Füße wäscht. So frei ist er von allem Machtgehabe, dass er dienen kann wie der letzte Sklave. Aus freien Stücken.

6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? 7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.

           Es ist Petrus, der das Schweigen nicht mehr aushält. Fast klingt es wie ein Ausbruch: Was machst du da? Das ist doch verkehrte Welt. Wenn Füße waschen, dann wir an Dir. Wir sind doch deine Knechte. Die Antwort Jesu ist kein Tadel. Petrus kann ja noch nicht verstehen. So sind die Worte Jesu weit eher „Entlastung und Verheißung.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 355) Später, μετ τατα, nach diesem wird er „verstehen, erkennen, einsehen“ – so γνσ (Gemoll, Griech.-deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 173).

Mich erinnert dieses Gespräch an die Taufe Jesu:  „Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen!“(Matthäus 3, 13 – 15) Auch hier: Verkehrte Welt. Auch hier: „Lass es jetzt geschehen.“ Auch hier: „Wir leben vorwärts, aber verstehen nur rückwärts.“(S. Kierkegaard) Im Nachhinein. So sind Jesu Wege mit uns. Sie muten uns das Zutrauen jetzt zu, das Verstehen mag später folgen.

8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!

Immer noch ist der Widerstand des Petrus nicht gebrochen. Er gibt nicht so leicht klein bei, wenn seine Welt auf den Kopf gestellt werden soll. Oder müsste man sagen: Wenn seine Welt, die bisher auf dem Kopf gestellt ist, endlich auf die Füße gestellt werden soll. „Der natürliche Mensch will solchen Dienst gar nicht.“ (R. Bultmann, aaO. S. 356) Petrus in seinem Widerstand ist ein Musterbeispiel für die Wehrhaftigkeit, die wir an den Tag legen können, wenn unsere Weltsicht auf dem Spiel steht.

Es geht bei diesem Widerstand des Petrus um keine Kleinigkeit. Petrus sieht nur den ungewöhnlichen, irritierenden Akt. Aber es geht um viel mehr. Das macht die Antwort Jesu auch sofort sichtbar. „Die Ablehnung der Fußwaschung würde gleichbedeutend sein mit der Ablehnung des Dienstes Jesu überhaupt.“ (S. Schulz, aaO. S. 173) Das aber kann Petrus noch gar nicht wissen.

Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!

Das ist das Argument, das bei Petrus verfängt: Es geht um Beziehung. Dieses Waschen der Füße ist tiefster Ausdruck der Zugehörigkeit zu Jesus. Anteilgabe an ihm. Indem Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht, sagt er: Ihr seid meine Leute. Gehört zu mir. Durch sein Tun  verbindet Jesus seine Jünger mit sich. Bleibend. Für Zeit und Ewigkeit. „Unser Verhältnis zu Jesus – und damit zu Gott – gestaltet sich nicht nach dem, was wir für ihn tun, sondern danach, was er für uns tut.“ (G. Voigt, aaO. S. 207) An uns.

Jetzt ist Petrus Feuer und Flamme. Hat er verstanden? Ich will ganz dein sein. Wenn es so ist, nimm mich ganz. Wasche mich von oben bis unten. Den Kopf und die Hände. Der Ort, wo wir unsere Entscheidungen treffen und auch das Organ, mit dem wir ausführen – das sind ja Hand und Haupt. Sich ganz Jesus ausliefern – das ist oft genug fromme Forderung, Aufforderung. Hat Petrus nicht Recht, wenn er das so versteht?

 10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.

      Die Füße reichen. Sie stehen für den ganzen Menschen. Pars pro toto. Wenn ich weiter gehe: Sie sind es ja, die den Schmutz der Erde berühren, an denen er anhaftet. Sie sind es, die uns unseren eigenen Weg suchen lassen, jenseits der Wege Gottes. Gerade weil es „nur“ unsere Füße sind, ist es genug, dass sie gewaschen sind. Die Bibel denkt oft so, vom Kleineren zum Größeren. „Wer Jesu Dienst empfangen hat, ist mit ihm zur Gemeinschaft des Schicksals verbunden.“ (R. Bultmann, aaO. S. 358) Mehr geht nicht.

Unter denen, deren Füße Jesus gewaschen hat, ist auch Judas Iskariot. Der Verräter.  Gewaschen wie alle anderen. Nicht mit allen Wassern. Mit dem Wasser der Liebe Jesu. Er wird seinen Weg gehen, der ihn in die Nacht führt. Der Hinweis auf Judas ist sicher historische Erinnerung. Es ist aber auch zugleich Mahnung, gegen alle Selbstsicherheit des Glaubens. „Judas steht bleibend als ernstes Warnungszeichen vor der Gemeinde.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, s. 80) Die Reinheit, die Zugehörigkeit zu Jesus  will auch gelebt werden.

 

Jesus, alles in Deinen Händen, alle Macht, alle Stärke, alle Kraft – vom Vater gegeben. Und Du kniest nieder vor Deinen Jüngern, wäschst ihnen Füße.

So weit geht Deine Liebe, ganz tief nach unten beugst Du Dich, vergisst Dich, hältst das Leben nicht fest, schenkst Dich her.

So weit gehst Du in Deiner Liebe – bis zum Äußersten, bis zum Letzten, bis ans Ende, bis ans Kreuz, bis ans Ziel. Mein Herr und mein Gott. Amen