Das Licht genügt

Johannes 12, 27 – 36

27 Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde?

               Es ist, als würde sich im Reden plötzlich vor Jesus das Dunkel der Zukunft erhellen. Und was er sieht, kommen sieht, lässt ihn zur Sprache des Psalms greifen, in ihr Halt suchen: „Meine Seele ist sehr erschrocken!“ (Psalm 6,4) Vor Jesus steht „das Jetzt der Entscheidung: Welches ist das rechte Wort, das rechte Gebet dieser Stunde? (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 327) Wir hören, wie aus dieser Situation gelernt, die Worte des Paulus: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“(Römer 8,26) Es mag uns in unserem verunsicherten Beten trösten: auch Jesus fragt so, dass er nicht weiß, dass er sich fallen lassen muss in die Hände des Vaters.

Da geht also kein unberührter Gott-Mensch über die Erde. Da ist es zu spüren: Dieser Weg des Weizenkorns wird erkämpft, innerlich erstritten. Dieses das eigene Leben Loslassen ist Mühe, Arbeit, auch der Seele. Ψυχή μου – meine Seele:  Ich bin betrübt. Nicht nur ein innerer Teil Jesu – er selbst. „Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dargebracht.“(Hebräer 4,7) Johannes erzählt nichts vom Gebetskampf Jesu in Gethsemane. Aber dies hier ist wie Gethsemane. Die Stunde, in der die Frage nach einem Ausweg da ist.

 Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. 28 Vater, verherrliche deinen Namen!

Es ist die Stunde, in der es das Persongeheimnis Jesu und den Gehorsam zu wahren und zu bewähren gilt. „Ich und der Vater sind eins.“ (10,30) Aus dieser Einheit handelt er. Und wenn er in dieser Einheit mit dem Vater seinen Weg geht, dann leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf. Es ist der Weg Gottes, der vor ihm ist, auf dem er sein Leben lässt, durch den er in die Erde gesenkt wird. Dass er sich auf diesen Weg schicken lässt, darum bittet er, wenn er betet: Vater, verherrliche deinen Namen! In Gethsemane hört sich das so an: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“(Lukas 22,42) Und es gilt nicht nur für Jesus, sondern bis zu uns: Wo wir uns in den Willen Gottes geben, seinen Willen suchen, da leuchtet seine Herrlichkeit auf.  

Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen.

Es gibt eine Antwort auf das Gebet Die Worte Jesus Jesu verhallen nicht im leeren Raum. Eine Stimme vom Himmel. Von oben.(3,31; 8,23) Von daher, von wo Jesus gekommen ist. Eine Stimme vom Himmel: – so wird bei den Synoptikern der Weg Jesu in seiner Taufe unter das Ja Gottes gestellt. Und in der Verklärung bestätigt. Hier wird durch diese Stimme der Weg in die Passion gedeutet als der Weg, auf dem der Name Gottes  abermals verherrlicht werden wird. Es ist der ganze Weg Jesu durch das Leben, wie ihn Johannes erzählt, der der Verherrlichung des Namens Gottes dient. „Wie die Vergangenheit und Zukunft, so sind deshalb auch die  δόξα des Vaters und die δόξα des Sohnes aneinander gebunden.“(R. Bultmann, aaO.; S. 329)

Man wird nicht wie von selbst darauf gestoßen. Es ist eine Verherrlichung des Namens Gottes, da, wo wir eher Verdunkelung sehen würden. Im Leiden, im Schmerz, in der Niederlage. Vorgeformt ist ein solches Verstehen der geheimnisvollen Herrlichkeit des Namens nicht nur, aber doch vor allem in den Worten des Propheten Hesekiel. Er muss als Wort Gottes an sein Volk wiederholt weitergeben: „Ich will mit ihnen umgehen, wie sie gelebt haben, und wie sie gerichtet haben, will ich sie richten, dass sie erfahren sollen, dass ich der HERR bin.“(Hesekiel 7,27; 13,9;29,16; 36,36) Die Wirklichkeit und Herrlichkeit Gottes leuchtet auch im Gericht auf, unter dem Gegenteil dessen, was wir Herrlichkeit nennen würden.

29 Da sprach das Volk, das dabeistand und zuhörte: Es hat gedonnert. Die andern sprachen: Ein Engel hat mit ihm geredet. 30 Jesus antwortete und sprach: Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen.

Wie so oft: Die Leute, das Volk,  bekommen etwas mit. Aber sie verstehen es nicht. Die einen hören Donner. Andere, “religiöser“ veranlagt, vermuten einen Engel. Und doch sagt Jesus: Nicht ich – ihr braucht diese Stimme. Damit ihr eine Ahnung bekommt, das hier mehr im Gange ist als ein irdisches Geschehen.

31 Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. 32 Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. 33 Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.

Das aber ist der tiefste Sinn dieser Stunde: Das Gericht über diese Welt. Was alle für eine ferne Zukunft erwarten, für das Jüngste Gericht, das geschieht jetzt. Es ist kein besonderer Gerichtsakt, sondern in der Person Jesu, der den Weg der Passion auf sich nimmt, wird die Frage nach Glauben oder Unglauben gestellt und beantwortet. Hatte er doch früher gesagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ (5,24) Wenn er verherrlicht wird durch den Vater, wird dieses, sein Wort, bestätigt und in Kraft gesetzt.

Und der Fürst dieser Welt hat keine Macht mehr an denen, die so an Jesus glauben. Es ist einmal mehr so, dass das Zeugnis des Johannes sich mit dem Zeugnis anderer Zeugen berührt:  „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (Lukas 10,17) Und im letzten Buch der Bibel: „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“ (Offenbarung 12,10)

Aber Jesus redet nicht nur vom Himmel als „satansfreier Zone“. Gemeint ist „ die irdische Lebenswelt der Menschen, über die der Teufel seine Macht verliert.“(U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 195) Es ist kein Platz mehr für den Verkläger, für den Ankläger, weder im Himmel noch auf Erden. Er mag noch eine Stimme haben, aber sie wird nicht mehr gehört. Er mag noch Macht haben, aber sie ist wirkungslos. Nur noch ein Zucken. Keine Teufelsangst mehr. Fürchtet euch nicht!

Denn: die Zukunft ist geklärt. Der Himmel hat aufgeklart: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Da ragt ein Kreuz in den Himmel und wird zur Leiter, durch die der Himmel die Erde berührt. Zur Leiter, auf der Gott herabsteigt in die tiefste Tiefe, damit er uns mit sich nehmen kann in den Himmel voller Seligkeiten.

34 Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?

Hier prallen angelernte Sichtweisen und das Wissen Jesu um seinen Weg aufeinander. Angelernt und als Hoffnung im Volk präsent ist die Erwartung: Der Messias kommt und alles wird gut. Jetzt. Hier. Auf Erden. Das spüren sie aus dem Reden Jesu: Da ist ein anderes Bild vom Weg des Messias da. Was heißt das: Der Menschensohn muss erhöht werden? Von welchem Geschehen ist da die Rede? Und wer ist das, der Menschensohn? Ein anderer als der Messias? Oder ein anderer Messias als wir ihn erhoffen? Das Volk jedenfalls hört nicht einfach: Ich.

Hinter den Worten steckt auch die Frage: Müssen wir das Gesetz anders lesen als wir es gelernt haben? Gibt es andere Schlüssel zu seinem Verständnis als die, die wir in unseren Synagogen bisher erhalten haben? Man muss ihr Fragen nicht einfach nur als Widerspruch gegen die Worte Jesu interpretieren. Es können auch Fragen sein, wie sie die stellen, die noch nicht wissen, was sie denken sollen, wie sie glauben könnten. Die noch offen sind. Tastend nach der Wahrheit.

Natürlich kann auch das hinter den Fragen stehen: „Wenn du dich als Menschensohn bezeichnest, es aber ablehnst, die messianischen Erwartungen zu erfüllen, dann ist der messianische Anspruch, den du erhebst, fragwürdig.“ (J. Schneider, aaO. S. 233) Es ist so mit Hände zu greifen: In der Begegnung mit Jesus zerbrechen die Bilder, die sich das Volk, die Menge, vom Christus macht, die es aus den Schriften gewonnen hat. Es braucht ein neues, anderes Lesen der Schrift, mit dem Schlüssel der Person Jesu.

35 Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. 36 Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.

Dieses Lichtwort – sagt der Exeget Rudolf Bultmann – passt wunderbar an den Schluss der Heilung des Blindgeborenen. Hier scheint es irgendwie nicht wirklich zu passen.  Nun steht es aber hier – quer zur Frage des Volkes. Und ist, zumindest auf den ersten Blick, keine wirkliche Antwort.

Ich lese so: Jetzt ist noch Zeit. Das Licht scheint noch. Die Dunkelheit der Passion hat noch nicht eingesetzt. Ihr könnt euch jetzt noch orientieren, bevor euch das Geschehen orientierungslos machen wird. „Wenn das Dunkel der Nacht über sie hereinbricht, können sie keinen Weg mehr finden.“ (U. Wilkens, aaO. S. 196) Es geht darum, sich an ihn zu halten, sich an ihm fest zu machen, damit man nicht ins Schleudern kommt, wenn man sieht, was mit ihm geschieht.

Es wird ja so sein: Im Geschehen der Passion werden sie alle in die Irre gehen, ratlos sein, ihn nicht mehr verstehen. Am Ende stehen sie mit leeren Händen da. „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde.“ (Lukas 24, 21) Zerplatzte Traum-Seifenblasen! Damit das nicht geschieht, darum sollen sie im Licht wandeln lernen,  sich einüben in das Vertrauen auf ihn. So, in solchem Glauben, beginnt es, dass ihr Kinder des Lichtes werdet.

            Es sind Worte in letzter Eindringlichkeit. „Solange sie Jesus als das Licht in ihrer Mitte haben, sollen sie an das Licht glauben, um als Kinder des Lichtes zu ihm zu gehören.“(U. Wilkens, ebda.) Seelsorge am Volk. Ruf zum Glauben, bevor die Dinge ihren Lauf nehmen. Es ist eine letzte Ansprache Jesu an das Volk. Danach wird er nicht mehr zum Volk sprechen. Nur noch zu seinen Jüngern  und nur noch im Rahmen des Prozesses. Gerade weil es die letzten Worte Jesu an das Volk sind, bekommen sie ihr eigenes Gewicht.

Von daher erklärt sich mir auch, warum sie hier stehen. Es ist eine letzte Erfüllung seines Auftrages, mit dem er in die Welt gekommen ist. „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“(3, 17-18) So hat es Jesus in seiner ersten „Offenbarungsrede“ an Nikodemus gesagt und zum Glauben gerufen. So sagt er es jetzt mit anderen Worten wieder in seiner letzten „Offenbarungsrede“ und ruft wieder, noch einmal, zum Glauben.

Es ist, als würde in diesen wenigen Worten noch einmal der ganze Plan Gottes, der „Zweck“ der Sendung Jesu auf den Punkt gebracht. Er will als der Erhöhte alle zu sich ziehen.  Er ist da, damit sie Kinder des Lichtes werden. Das ist das Ziel des Kreuzes.  Der soteriologische Angelpunkt, könnte man hochtheologisch sagen. Das Kreuz Jesu ist für das Johannes-Evangelium nicht das Symbol für die Allgegenwart des Leidens, der Gewalt, des Unrechtes, der sogar der Gottessohn zum Opfer fällt. Es ist die offene Tür in die Gemeinschaft mit ihm. Anziehungspunkt für alle, die im Kreuz die grundlose, bedingungslose Liebe des Vaters sehen und ihm glauben.

 

Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

Es ist alles gesagt. Jesus zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Was ihnen bleibt, sind die Worte, die sie gehört haben.

 

Herr Jesus, mit meinem Fragen komme ich nie ans Ende. Mein Begreifen ist immer nur ein Anfangen, Tasten, Suchen, die Sehnsucht zulassen. Und wenn ich genug gefragt habe, stehe ich immer noch am Anfang des Begreifens. So wird es wohl bleiben mein Leben lang.

Das tröstet mich, dass Du mich ansiehst, mich Fragenden, Suchenden, Tastenden, mich mit meiner Sehnsucht nach Klarheit und sagst: Es ist genug. Halte Dich in das Licht, an das Licht. Und wenn Du vom Suchen und Fragen erschöpft bist, aufgeben willst. „Am Ende bin ich noch immer bei dir.“Das genügt mir. Amen