Jesu Weg – Weizenkorn

Johannes 12, 20 – 26

 20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.

Aus der großen Menge der Festpilger tritt eine kleine Gruppe hervor. Griechen, die den weiten Weg nach Jerusalem auf sich genommen haben, um beim Passa-Fest in der Stadt dabei zu sein. Sind die Griechen Griechen, auch der Nationalität nach, also aus jüdischer Sicht Heiden, oder sind es griechisch sprechende Juden, die aus der Diaspora nach Jerusalem gekommen sind? Die Bezeichnung Ελληνές legt es nahe, an Griechen zu denken, vielleicht auch an „Gottesfürchtige“, die den Anschluss an Israel suchen. Ganz so sicher würde ich nicht urteilen wollen: „Zweifellos sind es sog. Proselyten; wenn sie nicht als solche bezeichnet werden, sondern als Ελληνές, so offenbar deshalb, weil sie als Repräsentanten der griechischen Welt aufgefasst werden sollen.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 323)

Wie auch immer: Aus einer versponnenen Geschichte, die in Galiläa ihren Anfang genommen hat, wird eine öffentliche Angelegenheit, die jetzt weit über Jerusalem hinausgreift. Aus einer innerjüdischen Sondergemeinschaft entsteht ein Impuls bis hin zu den Griechen. Es bewahrheitet sich, was sie ihm Hohen Rat gefürchtet haben: „Alle Welt läuft ihm nach.“(12,19) Der ganze Kosmos. Der Zulauf zu Jesus wird nicht zu stoppen sein. Ich stimme zu: „Mit dem Erscheinen dieser Griechen tritt die spätere Heidenkirche in den Blick.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 190)

Es scheint, sie wollen inmitten der Jubelstimmung mehr, einen sorgfältigen Blick über das Vordergründige hinaus. Fast ist es, als würden sie eine Audienz erbitten. Das passt ja durchaus zu dem messianisch angezeichneten Einzug. Sie suchen einen, der ihnen den Weg bereitet, Zugang verschafft: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.     Es bleibt eine offene Frage, warum die Griechen ihn sehen wollen. Sie haben von seinen Zeichen gehört. Sie haben die Aufregung um ihn wahrgenommen. Sie spüren eine vage Sehnsucht, nach dem Leben, nach der Erfahrung, die über ihre seitherige Religiosität hinaus führt. Das alles kann zutreffen, wird aber nicht gesagt.

 Mit ihrer ausgesprochenen Bitte verschwinden die Griechen dann auch schon wieder aus dem Blickfeld. Damit ist nicht gesagt, dass ihre Bitte nicht erfüllt ist, auch nicht, dass sie unsinnig ist, gar falsch. Mir scheint es eine unzulässige Schlussfolgerung: „Die Bitte der Griechen, zu dem historischen Jesus geführt zu werden, findet keine Erfüllung; sie ist falsch.“ (R. Bultmann, aaO. S. 324) Sondern ich glaube an das bleibende Recht ihrer Bitte. „Aller nachösterlicher Glaube bleibt am „Sehen“ des irdischen Weges der Sendung Jesu orientiert.“(U. Wilkens, aaO. S. 191) Es gibt Glauben, christlichen Glauben nicht anders als im Sehen auf den Weg Jesu. Es gilt, die Mühe auf sich zu nehmen, sein eigenes Bild von Jesus zu gewinnen.

Wir verstehen Johannes wohl kaum falsch, wenn wir sagen: Die Bitte der Griechen ist die Bitte, die er allen in den Mund legen möchte, die sein Evangelium lesen. So fängt Glauben an – mit der Sehnsucht, Jesus zu sehen. Schon auf der Sehnsucht liegt ja Verheißung. „Die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben.“ (Psalm 69,33)Auch das ist mit zu bedenken: diese Bitte steht in einer inneren Verbindung zu dem, wie sich später nach der Kreuzigung auf das Erzählen der anderen Jünger von Begegnungen mit dem Auferstandenen der Skeptiker Thomas äußern wird:  „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich’s nicht glauben.(20, 25) Er fordert das Recht auf sein eigenes Sehen ein – und Jesus lässt sich darauf ein.

 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.

            Eine Kette wird in Gang gesetzt. So wie am Anfang des Evangeliums. Philippus und Andreas sind ja auch dort die, schon am Anfang andere finden. Und – diese umständliche Annäherung der Griechen zeichnet ja den Weg nach, den das Evangelium nimmt: Es geht von Juden zu den Heiden. „Das Heil kommt von den Juden.“(4,22) Die Heiden sind angewiesen auf das Zeugnis Israels. Sie sind immer die, die dazu gekommen sind. Das haben wir als Kirche aus den Heiden allzu oft zum eigenen Schaden vergessen.

 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Es ist eine Frage, die sich nicht gleich stellt: Zu wem redet Jesus hier? Zu den Griechen? Hat er ihnen den Wunsch erfüllt, ihn zu sehen? Oder spricht er doch zu Andreas und Philippus, die mit ihrem Audienz-Ersuchen vor ihm stehen? Es ist wohl so, wie öfters im Evangelium des Johannes: Was als Gespräch, als Dialog anfängt, landet in einem Monolog. In einer Rede Jesu, die tiefer geht als es das Gespräch erwarten ließ. Es geht um mehr als um eine flüchtige Begegnung mit religiös interessierten Jerusalem-Reisenden.

            Die Zeit ist reif, Die Stunde ist da. Die Stunde der Verherrlichung. Der Herrlichkeit. Δόξα.  Jesus antwortet – wenn auch nicht auf das Begehren der Griechen. Aber vielleicht ist seine Antwort ja doch eine Antwort. Denn sie weist ja darauf hin, was es an ihm zu sehen gibt. Es ist freilich eine Herrlichkeit, die nicht im Triumphzug aufleuchtet, nicht in eine opulente Siegesfeier ausläuft. Es ist eine Herrlichkeit, die in der Hingabe ihr Leuchten hat. So gesehen, sind diese Worte Jesu geeignet, jede Euphorie, die rund um das Wunder in Betanien und den Einzug entfacht werden wollte, zu brechen.

 Ein Menschensohn, Menschenkind. Ein Jude. Von ihm redet Jesus. Von sich selbst. Menschensohn – „Der Joh.evangelist gebraucht diesen Titel bevorzugt dort, wo es im  Zusammenhang um die Einheit von Vater und Sohn in der Geschichte Jesu geht, um Jesu Verbundenheit mit Gott, um seine Erhöhung zu Gott, um sein Wirken in der Vollmacht des Vaters.“(U. Wilkens, ebda.)  Diese Verbundenheit zeigt sich in dem Weg, den er geht, nicht in irgendwelchen metaphysischen, jenseitigen Gedankenwelten. Sie zeigt sich darin: Ein Weizenkorn fällt in die Erde.

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hat es schwere Hungerphasen gegeben. Da ist mancher so weit gekommen, dass er Saatgut gestohlen hat, nicht um es zu säen, sondern, um es zu essen. Saatgut, um den augenblicklichen Hunger zu stillen. Denn es schien absurd, Getreide, das jetzt Hunger stillen kann, ins Erdreich zu werfen, um so für das nächste Jahr Nahrung zu  gewinnen. Das aber ist das Gesetz des Weizenkorns: Das Weizenkorn trägt nur dann neue Frucht, wenn es gesät wird, wenn es in die Erde gegeben wird, damit es dort erstirbt und aus dem erstorbenen Korn, das unbrauchbar zum Essen ist, neue Frucht entsteht.

Der Saatgutdieb sucht den augenblicklichen Erfolg, die augenblickliche Befriedigung des Hungers. Aber nur das Korn, das in die Erde fällt, bringt eine neue Ernte, öffnet die Chance dafür, dass der Hunger nicht ewig bleibt.

Wahrlich, wahrlich μν μν – sagt Jesus und sagt so: Offenbarung. Letzte Wahrheit. Sein Weg, der des Weizenkornes, des Menschensohnes ist der Weg des Sterbens. Er wird in die Erde gegeben, um der Erste zu werden von denen, die aus der Erde hervorbrechen. Der Erste im Tod und der Erste im Leben. In ihm wird der Weg frei.

25 Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.

Das  ist die Frage an Jesus in dieser Stunde: Will er dem Saatgutdieb gleichen, der alles an sich reißt? Das Leben behalten – für sich selbst? Wenn Jesus hier seine Möglichkeiten ergriffen hätte, wenn er sich in dieser  Stunde zum Führer Israels gemacht hätte oder zu den Griechen gegangen wäre, dann hätte er dem Dieb geglichen, der Saatgut  stiehlt, um es zu essen. Er wäre vielleicht Jesus der Große geworden, in unsere Geschichtsbücher als Freiheitsheld eingegangen. Er wäre vielleicht der geworden, der das römische Reich von Jerusalem aus aus den Angeln gehoben hätte. Er wäre vielleicht eine der größten geschichtlichen Gestalten geworden, ein Freiheitsheld mit humanen, menschlichen Idealen. Aber das ist nicht sein Weg.

Die erste Weise, dieses Wort zu lesen, ist nicht: Mache es Jesus nach. Sondern: Sieh, das ist sein Weg. Er hält sein Leben nicht fest. Er gibt es hin. Und er wird es erhalten zum ewigen Leben. Wir sind es gewöhnt, diese Worte als Nachfolgeworte zu interpretieren. Aber ich glaube, dass wir sie zuerst anders lesen müssen: Als Deuteworte für den Weg, den Jesus sich anschickt zu gehen. Jetzt, in dieser Stunde der Verherrlichung.

Wir sind manchmal zu voreilig mit unserem Lesen. Wir dürfen nicht vergessen: Mit diesen Worten antwortet Jesus dann schlussendlich doch auf die Bitte der Griechen: Wir wollten Jesus gerne sehen.

      Erst wenn wir das gehört haben- sein Weg, dürfen wir es auch als Wahrheit über unser Leben hören und glauben: „Das Leben ist so eigentümlichen Charakters, ist so sehr jedem Verfügen-Wollen entzogen, dass es gerade dann verloren geht, wenn man es festhalten will, und gerade dann gewonnen wird, wenn man es preisgibt.“(R. Bultmann, aaO. S. 325) Es ist mit Händen zu greifen, wie diese Worte hier im Widerspruch stehen zu den Maximen unserer Zeit: Du bist nur, was du aus dir machst. Du bist dein eigenes Projekt, das du verwirklichen musst. Was du nicht aus dir machst, das wird nicht.

26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Dann erst folgt, was mit uns zu tun hat. Mit den Leuten Jesu. Es ist wahr: Zu ihm gehören, auf ihn sehen, zieht in seinen Weg hinein. Nachfolge. Diese Nachfolge wird schon hier unter die Verheißung des Zieles gestellt: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Nicht mehr in der Öffentlichkeit, sondern im Jüngerkreis wird es Jesus vertiefen: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“ (14,2-3)

Es gibt eine lange theologische Debatte darum, ob Johannes so etwas wie eine futurische Eschatologie hat, eine Lehre von dem, was kommt als Heimat jenseits der Zeit. Ich gestehe, dass ich diese Debatte nie verstanden habe. Es gibt so viele Worte, die über den engen Horizont des Hier und Jetzt hinausgehen, über den Tod hinaus greifen, die es vor Augen malen: Da ist ein Vaterhaus, das geöffnete Türen hat. Und wir werden erwartet. Von ihm, der das Weizenkorn ist, sich gibt, damit wir Leben gewinnen, über die vergehende Zeit hinaus.

 

Jesus, Du Christus, wie wunderbar, wenn Wege offen stehen, viele Möglichkeiten da sind, wir Anerkennung erfahren, Menschen nach uns fragen.

Wie schön, wenn Glanz auf unseren Wegen liegt, die Leichtigkeit des Seins uns trägt , wir unter dem hohen Himmel gehen können.

So müsste es immer sein. So kann ich das Leben lieben.

Es ist viel verlangt, sich loslassen, die Träume vom Leben, die offenen Wege, die strahlende Zukunft. Es ist viel verlangt, sich auf den Weg zu schicken, wenn er eng wird, schwer, ins Dunkel führt, einsam macht und das Leben kostet.

Aber wenn gerade das Dein Weg ist uns zugute? Wenn das Dein Weg ist, auf dem Du uns nahe kommen willst, uns tragen, halten, begegnen willst?

Und wenn Du uns auf diesen Wegen schmecken lassen willst, wie Leben aus der Tiefe reift, dann wollen wir Dir diesen Weg glauben und folgen – zitternd, zagend –  aber folgen. Amen