Einzug – Freue dich!

Johannes 12, 12 – 19

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

Szenen-Wechsel. Hat sich die Salbung in „geschlossener Gesellschaft“ zugetragen, so findet jetzt alles in der Öffentlichkeit statt. Jerusalem ist ein Bienenschwarm von Fest-Pilgern. Am Passa-Fest will jedermann in Jerusalem sein, aus Treue zum Gebot. Unter dieser großen Menge spricht es sich herum, dass Jesus nach Jerusalem kommt. bemerkenswert: Es sind nicht nur die vielen Juden, die die Auferweckung des Lazarus miterlebt haben, die ihn von Betanien aus nun nach Jerusalem geleiten. „Der Joh.evangelist gebraucht dazu ein Wort, das für solche Prozessionen der „Einholung“ von besonders zu ehrenden Persönlichkeiten eine feste sprachliche Bezeichnung war.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 188)

Jesus war nach dem Aufriss des Johannes-Evangeliums schon zweimal in Jerusalem. Zum Beginn seiner Lebensreise kommt es zu dem Eklat im Tempel. Und zu seiner kryptischen Ansage: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ (2,19) Zum zweiten Mal ist er – nach längerem Zögern – wieder in Jerusalem am Laubhüttenfest. Auch da kommt es zu einer höchst bedeutungsvollen Aussage: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. (7,37-38)

Jetzt also das dritte Mal. Und diesmal steht am Anfang nicht ein Wort Jesu, sondern ein Jubelruf der Menge. „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ Ein Psalmzitat (Psalm 118, 26) Dort gilt der Ruf dem Volk, das zum Haus des Herrn gehört, vom Haus der Herrn her kommt. Wenn man so will: dem Kollektiv.

Hier gilt der Ruf ihm allein, Jesus und preist ihn  als den „messianischen König.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 319) Ob die Menge – hier steht όχλος, die Menge, der Haufen, ja der Pöbel – und nicht λαός, das Bundesvolk (beides nach Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957) S. 560 / S. 465) – ob dieser bunt zusammengewürfelte Haufen weiß, was er da ruft? Schon einmal wollte ein Volkshaufen Jesus „zum König zu machen“ (6,15). Damals, am See, entzieht sich Jesus. Jetzt lässt er sie gewähren.

 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«

            Von einem Suchen Jesu wird nichts erzählt. Auch ist das Reittier nicht – wie bei den Synoptikern erzählt, gewissermaßen vorbestellt. Die Szene wirkt nicht vorbereitet, braucht es auch nicht zu sein, weil hinter dem Geschehen „die unsichtbare Regie Gottes steht.“ (G. Voigt, aaO. S. 193) Jesus findet den jungen Esel, so wie am Anfang des Evangeliums Andreas seinen Bruder Simon findet und Jesus den Philippus findet.(1, 41 + 43) Jedes Mal ist das gleiche Wort in Spiel in seinen unterschiedlichen Verformen: εὑρίσκω – „finden, was man sucht, ausfindig machen, zufällig finden, antreffen“ (Gemoll, aaO. S. 344)  Man mag also  festhalten: Hier findet Jesus den Esel und besteigt ihn – bei Lukas wird erzählt, dass die Jünger ihn darauf setzen. Hier ist Jesus alleiniger Akteur, inmitten der Menge.

            Daran freilich liegt dem Evangelisten, dass seine Leser das verstehen: In diesem Finden und in diesem Ritt auf einem Esel erfüllt sich alte Prophetie. Und: Der Einzug Jesu ist ein Freudenereignis und nichts zum Fürchten. Das ist ja oftmals anders, wenn Könige kommen – dann hat das Volk oft nichts zu lachen und nichts zu feiern. Hier aber wird ein Ende der Furcht angesagt: Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Wir lesen oft genug, vor der Zeit Jesu, in der Zeit Jesu und danach, dass die Tochter Zion allen Grund zur Furcht hat. Auch ist dieser Ruf wie eine Erinnerung an die Ansagen der Propheten: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt.“(Jesaja 62,11) – „Jauchze, du Tochter Zion! Frohlocke, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem!“(Zefania 3,14)

Wenn das Johannes-Evangelium so spät geschrieben ist, wie fast alle Exegeten annehmen, dann liegen ja diese furchtbaren Jahre der Belagerung und Zerstörung der Stadt im Jahr 70 n. Chr. noch nicht so weit zurück. Dann freilich bekommt dieser Ruf noch einmal einen neuen Klang als Ruf über die Furcht und den Schrecken hinaus.

16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

            Es ist kein Wunder, dass es die Jünger nicht gleich verstehen. Wir haben es uns angewöhnt und in mancher Predigt wird es gerne ausgemalt, dass die Jünger begriffsstutzige Leute waren, ein wenig tölpelhaft. Nicht auf der Höhe der Zeit. Ich werde an dieser Stelle immer vorsichtiger. Es braucht oftmals – lange – Zeit, bis aus Augenzeugenschaft auch ein Verstehen wird, bis einem wirklich die Augen aufgehen.

Wie oft ist das so: Etwas geschieht und ich erlebe es mit. Manchmal fasziniert, manchmal irritiert und ratlos, manchmal auch nur einfach gelangweilt. Es passiert halt und man sieht nur den Vordergrund, aber nicht tiefer. Versteht nicht, dass dieser Augenblick Bedeutung über den Augenblick hinaus hat. Das entlastet auch, gefühlsmäßig, weil nicht alles, was geschieht, gleich „historisch“ sein muss. Ein Augenblick für die Ewigkeit. Mir geht der Umgang mit den „historischen Augenblicken für die Ewigkeit“ – vor allem im Sport – eher auf die Nerven. Da würde ich gerne all den bedeutungsaufgeladenen und aufladenden Sätzen widersprechen. Es ist nur jetzt.

Wir verstehen oftmals erst im Nachhinein, in der Erinnerung. Auch darum ist Erinnerung so wichtig, weil sie uns manches Geschehen in seiner Bedeutung überhaupt erst erschließt.  Hier allerdings: der Schlüssel zum Verstehen ist nicht bloße Erinnerung, sondern dass Jesus verherrlicht war. Von Ostern her fangen sie an zu begreifen. Ich halte es fest, vorsichtig, für mich: Erst am Ende des Weges, im Vaterhaus werde ich wirklich sehen und verstehen.

Der Einzug Jesu in Jerusalem ist für alle Beteiligten nur jetzt. Ein Happening, ein Fest. So mancher wird nur einfach mitlaufen. weil so viele mitlaufen. Mitrufen, weil das Rufen der anderen ihn ansteckt und mitreißt. Ob sie wirklich wissen, was da rufen? Ob sie wirklich wissen, wen sie das als den Kommenden ausrufen, als den Messias Israels?

Es ist wie ein Kommentar zu dieser Anmerkung des Evangelisten: „Viermal hatte die Sonne den kleinen Hügel am Hochmoor beschienen, viermal bedeckte ihn der hohe Schnee. Nichts hat sich in dieser Zeit geändert in der Kolonie der Lemminge. Dennoch erfasste die Tiere auf einmal eine tiefe Unruhe. Dann brachen sie auf, einfach, schlicht, wie die Flut, die den Damm bricht. Einer fragte: ,Wer führt denn vorne eigentlich an?’ Die anderen entgegneten: ,Irgendeiner wird’s sein.’ ,Hat er denn einen festen Plan?’, wollte der eine wissen. ,Millionen von uns wandern in dieser Richtung. Kön­nen Millionen irren?’ Sie kamen an den Felsen, der senkrecht ins Meer abfällt; sie drängten weiter. Der eine sagte, während er hinabstürzte: ,Man wäre vielleicht doch besser gewandert mit einem kundigen Anführer.’ ‚Unsinn’, erwiderten die anderen. ,Merkst du nicht, wie gut wir vorankommen? Jetzt fliegen wir sogar!'” (Kurt Kauter) Es kommt eben nicht darauf an, dass man jemand nachläuft, sondern wem man folgt!“ (aus: Neukirchener Kalender 3. 3. 2018)

17 Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

            Es scheint so, als träfen hier zwei Volksmengen aufeinander. Einmal Leute, die die Auferweckung des Lazarus miterlebt haben – unbegreifliches Zeichen der Macht Jesu, Ausweis der lebensschaffenden Kraft, die er von Gott her hat. Sie hören nicht auf, davon zu erzählen, dieses Geschehen zu bezeugen – so kann man auch übersetzen. Und als Jesus aufbricht von Bethanien nach Jerusalem und sie mit ihm, da liegt die Luft voller Hoffnung. Ihnen begegnen nun die Fest-Pilger. Sie sind die zweite Volksmenge, die von dem Zeichen – einmal mehr im Johannes-Evangelium: σημεον – nur gehört haben und doch davon angezogen sind.

Vielleicht darf man das auch als Arbeits-Hinweis des Johannes an die Leser des Evangeliums auffassen: Es geht darum, nicht aufzuhören zu bezeugen, was sie gesehen haben, erlebt haben, die eigenen Hoffnungen, die sich an Jesus festmachen, zur Sprache zu bringen und so andere dazu zu bringen, dass sie ihm auch entgegen gehen.

19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Bleibt nur noch diese Schlussbemerkung. Die Pharisäer – sie stehen wohl hier zugleich für die Hohenpriester und den ganzen Hohen Rat – sehen alle ihre Befürchtungen bestätigt. Das Volk, alle Welt – κσμοςläuft ihm zu und läuft ihm nach. Es inszeniert messianische Auftritte. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Römer für Ordnung sorgen. Aber das ist eine ganz unkalkulierbare Geschichte. Wenn die Staatsmacht eingreift, durchgreift, weiß man nie, wie viele Opfer es geben wird. Wenn die Pharisäer „nicht handeln wie beschlossen, so ist die Gefahr nicht mehr zu bannen.“ (R. Bultmann, aaO. S. 321f.)

 

Jesus, manche reden von Dir einfach nur, weil sie etwas erfahren haben, ein Zeichen Deiner Macht gesehen haben. Sie müssen nicht erst alles verstanden haben, bevor sie Dich rühmen.

Wir dürfen schon von Dir reden, wenn wir einfach nur fasziniert sind, davon erzählen, was wir mit Dir erlebt haben, was uns Dir vertrauen lässt.

Gib uns die Begeisterung ins Herz, die Freude, die nicht von Dir schweigen kann und die andere ansteckt und auf den Weg bringt, Dir entgegen. Amen