Wie weit die Liebe geht

Johannes 12, 1 – 11

1 Sechs Tage vor dem Passafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den Jesus auferweckt hatte von den Toten. 2 Dort machten sie ihm ein Mahl und Marta diente ihm; Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tisch saßen.

Jesus ist zurück aus Efraim- das ist nur eine Zwischenstation ohne eigene Erzählung – wieder in Betanien. Bei den Geschwistern, die er lieb hat. An dem Ort der Totenauferweckung. Marta dient zu Tisch. Wie gewöhnlich hat „sie viel zu schaffen“ (Lukas 10,40) So eine Männergesellschaft bewirtet sich nicht von selbst. Lazarus sitzt mit am Tisch. Er ist auch nach seiner Auferweckung Mensch unter Menschen.

Beim unbefangenen Lesen ist dort eine klare Ortsangabe: im Haus der drei Geschwister. Der Fortgang der Erzählung aber wirft Fragen auf. Weil wir aus den synoptischen Evangelien eine andere Ortsbezeichnung kennen – im Haus eines Simon – so Markus 14,3 – der ein Pharisäer war – so Lukas 7,36. Wie denn nun? Gibt es zwei Salbungserzählungen? Oder doch nur eine, die jedoch in verschiedenen Variationen begegnet? Es ist ein Lösungsversuch: „Da die folgende Erzählung deutlich an Lk. 7,36 ff. anklingt, ist es möglich, dass der Joh.evangelist das Nebeneinander von Maria und Marta aus Lk. 10,30 ff. entnommen hat und es hier benutzt, um die in der synoptischen Salbungsgeschichte namenlose Frau mit Maria zu identifizieren.“  (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 185)

Die andere Lösung der Ortsfrage, die eher mit historisch sorgfältiger Überlieferung und nicht mit dem schöpferischen Umgang mit unterschiedlichen Texten rechnet, die das Mahl mit den Synoptikern im Haus des Simon verortet, argumentiert so: „Es kann auch bei Simon aus mancherlei Gründen Martha die Hausfrauenpflicht erfüllt haben. Wir wissen viel zu wenig, um ein begründetes Urteil über das Verhältnis der Berichte bei Matthäus und Johannes fällen zu können.“(W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 46)Was die Skepsis unserem Wissen gegenüber betrifft, volle Zustimmung.  Das führt mich aber dazu, die Ortsfrage einfach unentschieden zu lassen, zumal das Gewicht der Erzählung nicht auf dem Ort, sondern auf dem Geschehen liegt.

3 Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls.

            Da – im Fortgang des Mahles. Plötzlich. Maria. Sie war vorher schon da. Aber jetzt wird sie aktiv. Sie salbt die Füße Jesu. Sie verwendet dazu eine Überfülle an Salböl. Nicht nur mehr als genug. Mehr als zu viel. So viel, dass das Haus duftet.

Salbungen an sich sind nichts Ungewöhnliches bei einem Gastmahl. Ein hoher Gast wird so  geehrt. Dass es aber seine  Füße sind, fällt aus dem Rahmen. Bei Matthäus und Markus, die wie Lukas ja gleichfalls eine Salbung Jesu erzählen, und wie Johannes in der Nähe der beginnenden Passion, wird das Haupt Jesu gesalbt. Hier also die Füße. „Mit dieser Tat ist die Tiefe der Verehrung der Maria hervorgehoben.“ (S. Schulz, aaO. S. 164)

Noch beim Lesen ziehe ich instinktiv die Füße zurück. Obwohl ich doch nicht Jesus bin. Was ist das für ein unglaublich intimer Akt: Da beugt sich diese Frau über seine Füße, löst ihr Haar und trocknet die Füße mit ihrem Haar. Der Duft, den sie an diesen Mann gewendet hat, haftet nun auch an ihrem Haar.  „Der wunderbare Duft des Lebens“ (G. Voigt, aaO. S. 189) haftet ihr nun an. Am Rand meiner Bibel habe ich notiert: ein Geruch von Liebe. Der an Jesus haftet und an Maria, der sie verbindet. Es ist eine zarte Verbindung, flüchtig, so wie sich ein zarter Geruch ja leicht verflüchtigen kann. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

 Warum nur die Füße? Das Schweigen der Kommentare, die ich lese, an dieser Stelle fällt mir auf. Wie wäre es denn, diese „Behandlung“ der Füße Jesu in Parallele zu lesen zu seiner Behandlung der Füße des Petrus, wie sie wenig später erzählt wird? Da wird es heißen: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ (13, 8-9) Darum geht es, dass das eine Leben Anteil am anderen Leben gewinnt. Ist das hier auch so, dann gewinnt Jesus Anteil an der Lebendigkeit der Maria und sie gewinnt Anteil an ihm. „Ihre Demut wird dadurch beschrieben, dass sie nicht Jesu Haupt, sondern seine Füße salbt.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 317)

4 Da sprach einer seiner Jünger, Judas Iskariot, der ihn hernach verriet: 5 Warum ist dieses Öl nicht für dreihundert Silbergroschen verkauft worden und den Armen gegeben? 6 Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb, denn er hatte den Geldbeutel und nahm an sich, was gegeben war.

Wie oft ist das: wir erleben etwas mit und verstehen nicht, was da geschieht. Es tut gut, sich das Urteil über Judas Iskariot ein wenig moralfrei zu halten. Er kommt hier schlecht weg. das so harte Urteil des Evangelisten über Judas –  er war ein Dieb – ist vom Ausgang der Geschichte mit Judas bestimmt, von seiner Auslieferung Jesu an die Häscher, von deinem Verlassen des Jüngerkreises. Weil er so geht, kann er nie wirklich dazu gehört haben. so urteilt man ja im Umkreis der johanneischen Schriften über die, die sich von der Gemeinde trennen: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, dass sie nicht alle von uns sind.“ (1. Johannes 2, 19) Weil Judas seinen Weg gegangen ist, kann er auch kein guter Verwalter der gemeinsamen Kasse gewesen sein.   So sind wir oft in unseren Urteilen, dass wir vom Ende her alles anders sehen als auf dem Weg.

Es kann durchaus auch anders sein: dass Judas nur ausspricht, was die anderen am Tisch auch denken, aber nicht laut sagen, Übertreibung. Verschwendung. So emotional darf man doch nicht auftreten. Vielleicht ist Judas ja die Entlastung für alle, die so wenig wie er verstehen, was sich da als Beziehung zeigt. Es wird wohl für ziemlich viele Leser*innen, mich eingeschlossen, zutreffen: wir verstehen nicht, dass „die verschwenderische Tat der Liebe ihren besonderen Wert hat gegenüber der verständig-zweckvollen Wohltätigkeit.“(R. Bultmann, ebda.) Für den Evangelisten ist es klar: Der Blick des Judas ist getrübt, weil er nur Geld sieht und nur in Geldwerten denken kann. Aber das alles sind Urteile, die die Geschichte in ihrem Fortgang eher stören. Ich jedenfalls weiß von mir, wie sehr mich das alles irritiert hätte, was Maria hier tut und Jesus sich gefallen lässt.

7 Da sprach Jesus: Lass sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. 8 Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Jesus geht auf diesen Zwischenruf auch gar nicht wirklich ein. Die Frage nach der sachgemäßen Verwendung kirchlicher Gelder ist nicht wirklich das Thema Jesu, erst recht nicht hier. Fast würde ich ihm in den Mund legen wollen: „Dazu braucht ihr mich nicht. Es reicht, dass ihr die Augen aufmacht.“ Da könnt ihr sachgemäß klären, was dran ist und werdet doch nie genug tun,  denn: Arme habt ihr allezeit bei euch.

Auch in diesem Satz zeigt Jesus sich als einer, der aus der Schrift lebt und mit der Schrift argumentiert. „Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande.“(5. Mose 15,11) Es ist die Alltags-Aufgabe in Israel, sich der Armen anzunehmen. Was Maria tut, ist nicht Alltag, sondern aus dem Augenblick geboren.

Das Handeln der Maria liegt auf einer anderen Ebene. Es geht nicht um arm und reich, um Verschwendung oder Demut. Auch nicht darum, „die Tiefe ihrer Verehrung naiv deutlich“(R. Bultmann, ebda.) zu zeigen. Es geht ihr allein um Jesus, um ihn als Person. Und er ist es, der jetzt ihr Tun deutet: Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. In die gleiche Richtung heißt es bei Markus: „Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ (Markus 14,8)So wird also vor dem Tod schon getan, was nach dem Tod am Kreuz ausfallen wird: Es gibt keine Salbung Jesu nach dem Kreuz, weil er sich diesem Akt durch seine Auferstehung entzieht!

Aber: Diese Deutung als Vorwegnahme ist die Deutung, die Jesus dem Geschehen gibt. Nicht die Deutung der Maria. Von ihr erfahren wir nicht, was sie über ihr Tun zu sagen hat. Manchmal geschehen Dinge, tun wir etwas, ohne wirklich klären und erklären zu können, warum und was es soll. Es genügt, dass es geschieht.  

Eine Assoziation zu dieser Deutung Jesu beschäftigt mich: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“(Matthäus 25, 35-36) Auch hier haben wir eine Deutung aus dem Mund Jesu für ein Geschehen, das einfach so seinen Gang geht. Er deutet es als etwas, was an ihm geschieht, ihm zugute. Und so kommt es denen zu gut, die an ihm handeln. So auch hier.

9 Da erfuhr eine große Menge der Juden, dass er dort war, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern um auch Lazarus zu sehen, den er von den Toten erweckt hatte. 10 Aber die Hohenpriester beschlossen, auch Lazarus zu töten; 11 denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus.

Die Szene löst sich auf. Es spricht sich herum, nach den sechs Tagen: er ist wieder da. So kommen sie auch wieder – eine große Menge der Juden, „weil sie von dem Wunder der Auferweckung des Lazarus beeindruckt sind.“ (U. Wilkens, aaO. S. 187) Vielleicht darf man sagen: was da geschehen war, ist immer noch Stadtgespräch im Dorf. Das intime Geschehen im Haus des Lazarus und seiner Schwestern verschwindet im öffentlichen Tumult, in der Neugier derer, die diesen Lazarus sehen wollen, der von den Toten auferweckt ist. Was für ein Spektakel!

Aber diese plötzliche Berühmtheit birgt für Lazarus Gefahren. Ist doch seine bloße Existenz Beleg für die Wunderkraft Jesu, Haftpunkt für einen Glauben, der sich an Wundern festmachen will,  der an Jesus glaubt und so „Abfall vom Glauben an Gott(U. Wilkens ebda.)ist. Jedenfalls ist das die Sicht der Hohenpriester. Nimmt man den Haftpunkt, so die nüchterne Überlegung der Hohenpriester,  bricht dieser Glaube in sich zusammen.

Über die Situation hinaus: Der Jünger teilt das Schicksal des Meisters. Er geht nicht ungefährdet durch eine Welt, die dem Meister fremd und feindlich gegenüber steht, ihn nicht aufnimmt (1,11) Der Hinweis genügt dem Evangelisten. Von einer Tötung des Lazarus berichtet er nichts.

 

Herr Jesus, wie weit gehe ich in der Liebe zu Dir? Wie sieht meine Hingabe an Dich aus? Das frage ich, weil ich an Maria sehe, wie sehr sie Dich liebt. Sie fragt nicht danach, wie andere das sehen. Sie fragt nicht danach, ob es nicht bessere Zeichen der Liebe gäbe. Sie liebt, buchstäblich mit Haut und Haar.

Und Du lässt es Dir gefallen, weil Du ja auch liebst – bis zum Äußersten. Amen