Einer für alle

Johannes 11, 46 – 57

46 Einige aber von ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte.

Es gibt nicht nur die Juden, die an Jesus glauben (11,45). Wie so häufig spaltet sich die Schar der Miterlebenden eines Wunders in die, die staunen, andere, die Anfangsschritte des Glaubens tun und in wieder andere, die nur eine fragwürdige Sensation gesehen haben. Es gibt eben auch die, die sehen, was Jesus tut und es wie eine Materialsammlung für Anklagepunkte nutzen. Diese gehen zu den Pharisäern und informieren sie.

47 Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. 48 Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.

Diese Informationen werden weiter verarbeitet. Der Hohe Rat wird mit alledem befasst – auf Initiative der Hohenpriester und der Pharisäer. „Die Priesterschaft und die Pharisäer haben sich schon vielfach mit Jesus beschäftigt, haben ihn zur Rede gestellt und zu verhaften gesucht.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 38)Jetzt also einmal mehr auf der Tagesordnung das Thema: Jesus. Die Hohenpriester – „Der Plural bezieht sich auf den amtierenden Hohenpriester, seine Amtsvorgänger und die Angehörigen der priesterlichen Familien.“ (J. Schneider, aaO. S. 219, Anm. 2)und die Pharisäer waren zur Zeit der Entstehung des Johannes-Evangeliums „die Repräsentanten der Synagoge“(G. Voigt, aaO.; S. 184)

            Die Frage im Hohen Rat heißt: Was tun wir? Ausgangspunkt ist die Überlegung: Was wird geschehen, wenn sie Jesus gewähren lassen? Es scheint ihnen so, als sei der Zulauf zu ihm nicht aufzuhalten. Die Leute haben ja schon früher versucht, ihn zum König zu machen. (6,15) Das alles sieht ihnen sehr nach einer politisch-messianischen Erhebung aus. Der Aspekt des Glaubens scheint trotz der vielen Zeichen  in den Augen des Hohen Rates keine Rolle zu spielen. σημεα – Zeichen nennen sie zwar die Taten Jesu. Aber sie sind ihnen keine Hinweise. Sie sehen hinter diesen Zeichen niemand, schon gar nicht den Gott der Väter. Nur die politischen Konsequenzen sind im Blick.    

            Die Folgerung daraus ziehen die Glieder des Hohen Rates, weil sie Realisten sind: Die Römer werden sich die Chance nicht entgehen lassen, auf eine messianische Bewegung in ihrer Weise zu reagierenmit der Übernahme der politischen Macht. Hinter diesem Denken wird gerne Eifersucht vermutet. Aber es kann ja auch wirklich echte Besorgnis von Leuten sein, die nur in diesen politischen Kategorien denken können. Es ist eine reale, wirkliche Gefahr: Eine Messias-Bewegung um Jesus wird die Römer zum Handeln zwingen. Nur dies können sie im Hohen Rat sehen.

49 Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; 50 ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. 51 Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk 52 und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

Kaiphas hört die Ratlosigkeit und er antwortet auf sie. Indem er die Ratschlagenden beschimpft: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht. Geradezu sprichwörtlich. Nicht alle für einen, sondern einer für alle. Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Es ist die Logik, die noch heute das Feld behält, in tausend politischen Krisen. Eine zutiefst „menschliche“ Logik. „Die politische Klugheit fordert, das kleinere Übel dem größeren vorzuziehen und verlangt die Durchführung des Grundsatzes, dass im Interesse des Volkes der Einzelne geopfert wird.“  (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 314)

            So folgt Kaiphas seinem Gedanken und ist zugleich – ohne eigenes Wissen und womöglich wider Willen – einer, der weissagt. Das Verborgene ans Licht bringt. Die Wirklichkeit enthüllt. Es ist sein Amt, das ihn so reden lässt. Ihm den Durchblick „schenkt“. „Sein Votum wird wider sein Wissen und Wollen zu einer `prophetischen´ Begründung der Heilsbedeutung des gewaltsamen Todes Jesu.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 182) Es ist eine göttliche Ironie: Der den Weg des Sohnes Gottes brechen will, der seinem Weg als dem Weg Gottes widersprechen will, muss ihn in Wahrheit voranbringen, vorwärts, zur Erfüllung. Das ist ja der Wille des Vaters: Jesus sollte sterben für das Volk. Er soll die aus allen Völkern zusammenbringen, die Kinder Gottes sind, hinaus gestreut in das Völkermeer.

Hier ist eine der seltenen Stellen im Johannes-Evangelium, wo der Weg des Evangeliums zu den Völkern direkt angedeutet wird.  Ausdrücklich stellt der Evangelist, den Satz des Kaiphas kommentierend, die Reichweite des Beschlusses heraus. Denn Jesus sollte sterben für das Volk  und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Hinter diesen Worten steht eine grundlegende Deutung: es gibt die verstreuten Kinder Gottes in den Völkern, nicht nur in Israel.

Statt zusammenzubringen kann man auch lesen:  zur Einheit zu sammeln –. zusammenzuführen und eins zu machen. (Neue Genfer Übersetzung) Das würde sich schon wie ein Vorgriff auf das große Gebet Jesu um die Einheit der Kinder Gottes Kapitel 17 – lesen lassen.  Es ist das Bild des Evangeliums:  Dieser Todesbeschluss leitet Wasser auf die Mühlen Gottes. So also sieht es der Evangelist aus seiner Sicht auf die Heilsgeschichte Gottes. Er sieht den ganzen Weg, nicht nur den einzelnen Wegabschnitt. Dieser ganze Weg aber ist ein Weg zum Heil für das Volk und die verstreuten Kinder Gottes.

Müssen wir heute diese Sehweise neu lernen? Das Geschehen in der Welt daraufhin anzusehen, was es unter den Augen Gottes bedeutet, wie es sich in seinen Weg einfügt. Sub specie aeternitatis –  unter dem Blickwinkel der Ewigkeit. Das macht womöglich langsamer, vorsichtiger auch in der Beurteilung der einzelnen, punktuellen Situation. Es mag  auch gelassener werden lassen, weil es darauf vertraut, dass Gott weiß, was er mit den Beschlüssen der Menschen dennoch „anfangen“. kann. So eine Sicht will geübt sein, gelernt im Gespräch über den Glauben, über Gott. Genährt aus dem Vertrauen, dass die Welt als Ganze mit ihrer verwirrten Geschichte dennoch in den Händen Gottes ist.

 53 Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

           Dieses Wort des Kaiphas bringt die Entscheidung. „Der Todesbeschluss, längst beabsichtigt (5,18; 7,1; 8,40.59; 10,31) wird nun endgültig gefasst.“ (R. Bultmann, aaO. S. 315) Jesus soll sterben. Was im Hohen Rat jetzt beschlossen wird, ist Schlusspunkt einer Entwicklung. Schon nach der Heilung am Teich Bethesda heißt es: „Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.“ (5,18) Jesus meidet Jerusalem am Laubhüttenfest, „weil ihm die Juden nach dem Leben trachteten.“(7,1) Und nach einem Streitgespräch im Tempel ist es wieder so weit: „Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.“ (8,59) Jetzt ist die Zeit endgültig reif.

54 Jesus aber ging nicht mehr frei umher unter den Juden, sondern ging von dort weg in eine Gegend nahe der Wüste, in eine Stadt mit Namen Ephraim, und blieb dort mit den Jüngern.

Hat Jesus von diesem Beschluss gehört? Er geht. Er verbirgt sich nahe der Wüste. Er drängt sich nicht zum Kreuz. Er wird zu warten haben,  bis die Stunde – ρα  – da ist. Seine Stunde. So darf man das wohl auch lesen. Es ist eine „letzte Ruhepause in der Einsamkeit.“(J. Schneider, aaO.; S. 220) Atemholen der Seele.

 55 Es war aber nahe das Passafest der Juden; und viele aus der Gegend gingen hinauf nach Jerusalem vor dem Fest, dass sie sich reinigten.

Die Leute strömen aus dem ganzen Land nach Jerusalem. Zum Passa. Sie bereiten sich darauf vor, sie heiligen sich – so wörtlich γνσωσιν. Es ist der Wille, sich in eine Verfassung zu bringen, in der man vor Gott erscheinen kann – ganz in der Spur des Psalmbeters:

“Wer darf zum Berg des Herrn hinaufgehen,                           und wer darf an seiner heiligen Stätte vor ihm stehen?            Jeder, dessen Herz und Hände frei von Schuld sind,                der keine Götzen anbetet und keinen Meineid schwört.“!                              Psalm 24,3 -4

Zum Passa muss jeder erwachsene Israelit, dem an Gott liegt, nach Jerusalem,  ist es doch das Fest, an dem Israel sich daran erinnert, was es zum Volk Gottes macht. Die Nacht der Verschonung. Die Nacht, in der sie zum Aufbruch bereit werden.  Es ist die Erinnerung daran, dass Gott in der Nacht einen neuen Weg für Israel bereitet hat und dass alles darauf ankommt, diesen Weg auch wirklich zu gehen.

56 Da fragten sie nach Jesus und redeten miteinander, als sie im Tempel standen: Was meint ihr? Er wird doch nicht zum Fest kommen? 57 Die Hohenpriester und Pharisäer aber hatten Befehl gegeben: Wenn jemand weiß, wo er ist, soll er’s anzeigen, damit sie ihn ergreifen könnten.

Die Gespräche kreisen um Jesus. Sogar im Tempel. Wird er kommen? Es hat sich wohl herumgesprochen: Er wird gesucht. Und die Führer des Volkes, Hohenpriester und Pharisäer riefen regelrecht dazu auf: Informiert uns. Es ist, als hingen Steckbriefe in Jerusalem aus: „Wanted! Dead or alive.“ – „Gesucht. Tot oder lebendig.“ Und wer etwas zur Ergreifung betragen kann, wird seinen Lohn schon bekommen.

 

Besser Einer für alle als alle für einen. Besser Einer für alle – Wahrwort, ohne zu wissen, wie wahr. Gesprochen aus Sorge um das Volk, geleitet von politischer Vernunft, vielleicht auch Machtkalkül und doch: Wahrheit. Wahrheit in Ewigkeit.

Einer für alle. Du für uns. Wahrheit zum Leben. Träumen. Staunen: Du bist genug für uns alle. Deine Hingabe reicht bis zu uns, um uns, für uns.

Einer für alle. Das ist Dein Weg, Osterlamm, Menschensohn, Ohnmächtiger, Schweigender, Wundertäter.  Gottes Sohn.

Einer für alle, Du für uns. Amen