Alles vorbereitet

Johannes 19, 31 – 42

31 Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. 32 Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war.

            Die Sorge um den hohen Fest-Tag, der ansteht, die Feier des Auszugs aus Ägypten, treibt die Juden um. Sie sind gesetzestreue Leute, die die Schriften kennen:  „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott -, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gibt.“ (5. Mose 21,22.23) Sie wollen Schaden von dem Land abwenden. Dazu kommt, dass sie darauf dringen „das Ärgernis des von den Römern gekreuzigten „Königs der Juden“ so schnell wie möglich zu beseitigen.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 299) Darum soll der Tod der Gehenkten beschleunigt und ihre Leichname verscharrt werden.

Es liest sich wie ein Kommentar zu dieser Bitte: „Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“(Matthäus 23,24) Als ob alles gut wäre, wenn diese drei Gekreuzigten nur nicht mehr an ihren Kreuzen hingen! Pilatus gewährt die Bitte und die Soldaten tun an den beiden Mitgekreuzigten, wie sie geheißen worden sind.

33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; 34 sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.

Bei Jesus erübrigt sich das Brechen der Beine – er ist schon tot. Man muss nicht mehr nachhelfen. Nur die eine Probe wird noch gemacht – der Stich mit einer Lanze in die Seite. „Das Austreten von „Blut und Wasser“ wird nach Meinung antiker Medizin als Todeszeichen angesehen. Der wirkliche Tod eines wirklichen Menschen.“  (G. Voigt, aaO. S. 273) Jesus bleibt – so gesehen – unversehrt.

35 Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. 36 Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« 37 Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.«

            Das ist eine spannende Einfügung. Hier wird ein Augenzeuge aufgerufen. Ist es der Evangelist selbst? Das ist nicht zwingend aus dem Wortlaut zu lesen. Einer, der dabei war, erzählt, genauer: bezeugt – mit nur einem Ziel: Nicht, dass wir Lesenden lediglich wissen, was geschehen ist, sondern dass wir glauben. Es geht nicht um historisches Bescheidwissen, sondern um Zeugnis, das Glauben weckt. „Die Faktizität des hier Berichteten“ (G. Voigt, aaO.; S.273) ist das Eine, Glauben an den Gekreuzigten das Andere. Es geht wieder einmal um tragfähige Wahrheit – αληθεία -, für die das Zeugnis μαρτυρία, Martyria – abgelegt wird. „Alles vorbereitet“ weiterlesen

Vollbracht. Am Ziel

Johannes 19, 16b – 30

Sie nahmen ihn aber 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Vollzug. Mit dürren Worten beschreibt Johannes den Weg zum Kreuz. Ein Hinrichtungs-Kommando übernimmt ihn – so wörtlich: Παρλαβον. Er übernimmt sein Kreuz, σταυρν, eigentlich „Pfahl“, auch Marterpfahl. Es ist ihm aufgelegt und er trägt es sich, so wörtlich, und es ging hinaus. Vor die Stadt. Mit den Worten „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager…“ (Hebräer 13,12.13) wird aus dieser Ortsangabe eine Platzanweisung an Christen. Dort draußen wird Jesus  gekreuzigt. Dort draußen vor der Stadt, nicht in der Mitte der Gesellschaft, ist deshalb auch der Platz der Christengemeinde.

Bei aller Knappheit ist Johannes sorgfältig, was die Ortsangabe angeht: Schädelstätte – Golgatha. „Der Platz wird so heißen, weil er als kahle Kuppel einem Schädel ähnlich sah.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 210)Ob es der übliche Platz für Hinrichtungen war, wissen wir nicht. 

Er wird nicht allein gekreuzigt – zwei andere mit ihm. Diesmal aber steht da sehr bewusst: Jesus aber in der Mitte. In der Mitte des Schmerzes, in der Mitte des Leides, in der Mitte des Todes ist sein Platz. Nichts von den Ereignissen, die die anderen Evangelisten erzählen wird erwähnt. Nur dass er sein Kreuz trug. Geschunden, gefoltert, aber immer noch der, der sein Kreuz selbst auf sich nimmt.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

            Das aber wird sorgfältig erzählt: Die Anklage gegen Jesus wird im Auftrag des Pilatus schriftlich festgehalten, dreisprachig, damit es ja alle in Jerusalem – und weltweit – lesen und verstehen können: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Es ist der politische, nicht der religiöse Anklagepunkt. Der hat den Römer nicht wirklich interessiert. Er ist ja auch nicht direkt justitiabel.

Eine Nebenbemerkung: Pilatus hat gewiss nicht selbst geschrieben, schon gar nicht vor Ort, auf Golgatha: Er hat schreiben lassen. es ist für mich kaum vorstellar, dass der Statthalter Roms sich auf den Weg gemacht hat, um der Hinrichtung so einer „Nebenfigur“ wie diesem Jesus beizuwohnen. Darum wird auch der Protest der Hohenpriester nicht auf Golgatha zu verorten sein, sondern durch Gesandte im Prätorium. Erfolge ist ihnen nicht beschieden.

 

Die Antwort des Pilatus auf den Einspruch der Juden ist auf Latein sprichwörtlich geworden. Quod scripsi scripsi. Unzählige Schülergenerationen haben das gehört, wenn es um das Verhandeln von Noten ging.

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Seht – der Mensch!

Johannes 19, 1 – 16a

1 Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. 2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an 3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht.

            Ist das der Anfang vom Ende Jesu? Er wird zum Gegenstand, der genommen wird. λαμβάνωnehmen, ergreifen, packen, rauben“ (Gemoll, aaO. S. 464). Jesus wird ganz und gar Objekt fremden Handelns, in fremden Händen. Geißeln ist „eine brutale Folter, die häufig zur Erpressung von Geständnissen angewandt wurde und von der römische Bürger ausgenommen waren.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 283) Geschlagen, bis die Knochen blank liegen. Viele sterben schon unter dieser Prozedur. Wenn Pilatus hier anordnet, dass Jesus gegeißelt wird, dann muss das für die jüdischen „Prozessbeobachter“ wie ein Richtspruch wirken: Schuldig!

Und die Spielchen der Soldaten sind auch nicht so, dass man dem Angeklagten noch viel Lebenszukunft zugestehen würde. Sie verspotten ihn – und mit ihrem Spott Sei gegrüßt, König der Juden! verspotten sie zugleich das jüdische Volk mit. Was ist das für ein Volk, dessen „König“ so zur Schau gestellt werden kann. Es ist eine rohe Persiflage, die sie da aufführen.

Mich wundert ein bisschen, dass Kommentare fast wie mit einer Stimme diese grausame Misshandlung Jesu als einen letzten Rettungsversuch des Pilatus interpretieren. Sie sagen, er lässt ihn so zurichten, um Mitleid zu erregen. „Mitleid soll die Ankläger veranlassen, von ihrem Ansinnen abzustehen.“ (G. Voigt, aaO. S. 263) Als ob es nicht gelten würde, dass man sich solche Elendsgestalten erst recht schleunigst aus den Augen schaffen will!

4 Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!

Jetzt steht der Römer vor der Menge und lässt den Gefolterten vorführen. Ich finde keine Schuld an ihm. Wie zynisch ist das. Fertiggemacht, aber schuldlos. Der ganze Vorgang – eine Karikatur des „Rechtsstaates Rom“, der Pax Romana. Wie man diese Darstellung als Versuch einer Entlastung Roms lesen kann, erschließt sich mir nicht.

Aber in der Darstellung des Johannes ist ein wichtiger Punkt erreicht: Dieser da, fertig gemacht, verhöhnt, erniedrigt – dieser ist der Mensch. ҅Ο άνθρωπος. „Siehe – der Mensch“ so kann man übersetzen. Oder eben auch wie Luther:  Seht, welch ein Mensch! Und hört im Hintergrund mit, was Johannes zu Anfang geschrieben hat: „Das Wort ward Fleisch.“ (1,14) Das ist die „extremste Konsequenz“(R. Bultmann, aaO. S. 510) der Fleischwerdung, der Inkarnation, von Weihnachten! Und der so da steht, hingestellt, zur Schau gestellt  ist der König der Wahrheit (18,37). Aber zu sehen ist eben nur ein Mensch.

So lesen die Leser*innen  des Johannes-Evangeliums. Dieses Bild des Gottessohnes malt der Evangelist vor ihren Augen. „Das Entsetzen, das der Joh.evangelist in ihnen auslöst, in dem er sie dessen „Haupt voll Blut und Wunden“ anschauen lässt, soll ihren Glauben prüfen: ob sie in diesem Jesus den Sohn Gottes; in dieser Realistik seines Leidens das Lamm Gottes;  in dem hier sichtbar werdenden Beginn des Sieges seiner Feinde den Sieg Gottes über die Welt und in dem hier sich bereits abzeich56tnenden Tod am Kreuz die Erhöhung des Sohnes zum Vater zu schauen vermögen?“ (U. Wilkens, aaO. S. 284) Wie von selbst steht da die Frage:  Was sehe ich? „Nur“ eines der zahllosen Opfer in Gewalt? Oder das eine Opfer, das die Liebe durchhält und so alles wendet?

 6 Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige! Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.

Ekel und Hass statt Mitleid. Ein Anblick, den man nicht mehr ertragen will. Es mag auch die Wut über die Erniedrigung des eigenen Volkes sein, die hier die Hohenpriester und die Knechte so schreien lässt. Sie sind ja nicht blind und sehen, wie der Römer sie verhöhnt mit diesem Elendskönig. Darum: Kreuzige! Kreuzige! Sie wollen sein Mitleid nicht. Nicht für diesen da. Diesen Menschen.

Und Pilatus macht einen Vorschlag, der unsinnig ist von Anfang an. Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn. Als ob die Juden das dürften. Als ob ein römischer Kommandant ernsthaft zulassen würde, dass Juden sich römisches Recht anmaßen. Es ist ein zynischer Vorschlag, so wie es auch ein zynisches Urteil ist: Ich finde keine Schuld an ihm. Sagt er doch damit nicht weniger als: Ich habe einen Unschuldigen fertig machen lassen, in einen rohen Klumpen Fleisch verwandeln lassen, einfach so. Was liegt daran. Es ist ja nur ein Mensch.

Von Sympathie für den römischen Staat lese ich in diesen Worten des Johannes nichts. Auch nichts vom Versuch, Pilatus von seiner Verantwortung freizusprechen. Vielmehr sehe ich ein menschenverachtendes System mit menschenverachtenden Beamten am Werk.

 7 Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.

            Es ist nicht die amorphe Menschenmenge, όχλος, von der die Synoptiker reden, wenn sie von den Juden erzählen, die den Tod Jesu fordern. Hier, vor dem Palast des Pilatus stehen rechtskundige Leute. Keine fanatisiert schreiende Meute, sondern die Führungs-Schicht, die das Sagen hat.

Und sie wechseln nun das Thema. Kein Wort mehr von Aufruhr, politischen Umtrieben. Die Anklage bekommt einen neuen Punkt: Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. Das aber ist Gotteslästerung – und für Gotteslästerer verlangt das Gesetz die Todesstrafe. „Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen.“ (3. Mose 24,16) So soll also der Römer der Arm des jüdischen Gesetzes werden.

8 Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr 9 und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort.

Warum greift jetzt die Furcht nach Pilatus, mehr als zuvor? Hat er durchschaut, wie er instrumentalisiert werden soll?  Oder packt ihn eine Scheu, ähnlich wie bei der Schar (18,3), die Jesu verhaften sollte und vor ihm zurück wich? Jedenfalls: Jetzt fragt er erstmals wirklich seinen Gefangen, diesen zusammengeschlagenen Menschen. Woher bist du? Keine Frage nach dem Heimatort, sondern nach der Herkunft hinter der Herkunft! Nach dem Geheimnis hinter diesem Menschen. „Stammst du von Menschen ab, oder bist du göttlichen Ursprungs?“ (J. Schneider, aaO. S. 305) Und Jesus schweigt.

10 Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.

Es hört sich ein wenig beleidigt an. Weißt du nicht, wie abhängig du von mir bist? Dein Leben liegt in meiner Hand. Jetzt antwortet Jesus. Jetzt ist es Zeit, die Stunde, um klar zu stellen: Du, Pilatus, spielst nur eine Rolle. Du bist kein Akteur mit eigener Macht. Und dann – pure Ironie, wie Johannes hier schreibt: Deine Macht ist von oben. Sagt der, der selbst von oben ist (3,31).Es ist mehr als nur eine Relativierung der Macht des Pilatus: Du bist nicht so frei, wie du glaubst. Es ist auch die Deutung; Du bist Werkzeug für einen Weg, der von oben her bestimmt ist, aus dem Himmel. Was hier und jetzt geschieht, geschehen wird, folgt nicht der Logik der Welt, entspringt auch nicht der Macht des Bösen. Es folgt dem Heilswillen Gottes – von oben. „Im Sterben am Kreuz soll die Sendung des Sohnes Gottes vollendet werden. (U. Wilkens, aaO. S. 287)

Wahrheit über den Staat aus dem Mund eines Ohnmächtigen! Jesus fordert Pilatus so ein letztes Mal heraus: Tust du, was deines Amtes ist, dann wirst du mich nicht verurteilen können oder tust du, was „man“ von dir will und wirst so zum Werkzeug des Hasses und der Blindheit? Dann aber wandelt sich auch deine Macht. Sie wird dann in Wahrheit zur Macht aus den Händen des Fürsten dieser Welt. Der nicht im Vordergrund, auf der Bühne des Palastes zu sehen ist – der hat größere Sünde.

12 Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen.

Hat Pilatus verstanden? Ich weiß es nicht. Ich höre nur in seinem Trachten eine Suche nach einem Ausweg. Ein Trachten, das keine Folgen hat. Ein hilfloses Wollen. Absichten, die Absichten bleiben. Ein blödes Gefühl in der Magengegend. Aber nichts, was ihn wirklich anders handeln lässt.. πολῦσαι – „losmachen, sich von etwas trennen, sich losmachen, sich befreien.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 105) Es könnte sein, dass er einfach nur diesen Fall Jesus loswerden will und sei es um den Preis, dass er ihn laufen lässt. Ich lese also: Von da an trachtete Pilatus danach, ihn los zu werden. Ein tieferes Interesse an seinem Gefangenen  Jesus, gar Motgefühl, Empathie, höre ich auch hier nicht.

Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser.

Und da ist diese Menge, die schreit – und jetzt die Ängste des Pilatus trifft. Du spielst mit deiner Karriere, verlierst jede Loyalität von oben (!), wenn du einen frei-lässt, der den Thron beansprucht. Jetzt wird wieder die politische Karte ausgespielt. Das Netz von Verbindungen. Wir haben auch Menschen, die das Ohr des Kaisers erreichen. Wird Pilatus so an seine prekäre, instabile Position nach dem Tod seines Gönners Sejan erinnert?

13 Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. 14 Es war aber am Rüsttag für das Passafest um die sechste Stunde.

Der Evangelist wird zum Bericht-Erstatter. Mit wenigen Worten skizziert er die letzte Szene des Tribunals. Ort und Zeit werden benannt. Es ist kurz vor der Schlachtung der Lämmer im Tempel für das Passafest. Jetzt geht es nur noch um das eine „Lamm“ (1,29) Pilatus setzt sich – ein Richterspruch wird folgen.

Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König!

            Er muss gar nicht mehr auf den Angeklagten, den Gegeißelten, den Gefolterten zeigen. Seine Worte reichen: Seht, das ist euer König! Im Griechischen fast wörtlich parallel zu: „Seht, welch ein Mensch.“(19,4) Und wieder klingt es wie Hohn aus dem Mund des Römers und muss für die Juden vor seinem Richterstuhl wie Hohn klingen: So gehen wir mit einem um, der euer König ist. Ein Nichts für uns Römer.   

15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser.

Jetzt wird das ganze Theater auf die Spitze getrieben. Es ist ein demagogisches Spiel mit den Emotionen, das Pilatus spielt. Kein Versuch, Jesus zu retten, sondern nur einer, der das Volk reizt, über alle Maßen und alle Tradition hinweg reizt. „Der erpresste Pilatus rächt sich mit Spott“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 134): Soll ich euren König kreuzigen? Was sollen sie sagen auf seine Frage? Es ist doch am Tage, dass mit dieser Frage Unterwerfung, gänzliche Preisgabe  der eigenen Identität im Spiel ist.

Prompt kommt die Antwort: Wir haben keinen König als den Kaiser. Schreien nicht irgendwelche Spinner, Fanatiker, Dummköpfe, sondern es ist die Antwort der Hohenpriester. Der Leute, die die Schriften kennen, die Schriften hüten. Der Leute, die es inwendig und auswendig gelernt haben:

„Gott ist König über die Völker, Gott sitzt auf seinem heiligen Thron.“   Psalm 47,9

„So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.“ (Jesaja 44, 6)

Es ist das Drama dieser Worte: Es ist nicht nur eine Verwerfung dieses Mannes aus Nazareth. Es ist nicht nur eine Preisgabe eines der Ihren an die Römer. Das alles wäre schlimm genug. Aber in ihrem Hass auf den Römer und auf diesen Jesus geben sie sich selbst preis, die eigene Identität. „Damit verleugnen die Juden, dem Zwang der Situation nachgebend, ihre ganze Messiashoffnung.“ (G. Voigt, aaO. S. 265) Sie werden ein Volk wie alle Völker, dem Kaiser als der letzten Instanz unterworfen.

Und auch daran besteht wohl für Johannes kein Zweifel: In diesem letzten Satz offenbart sich die Blindheit derer, die so reden für Gott, den Vater. So hatte Jesus es gesagt: „Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott; und ihr kennt ihn nicht; ich aber kenne ihn.“ (8, 54-55) Und jetzt wird aus dieser Blindheit für den Vater die Absage an ihn.

 16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

Es bleibt für Pilatus nichts mehr zu tun, als das Urteil auszufertigen. Ein Verwaltungsakt. Was sich mit der Geißelung schon ankündigte, wird jetzt vollzogen werden. Jesus geht den Weg zum Kreuz.

 

Herr Jesus, wie quälend lang ist das alles. Du, ein Spielball im Machtspiel des Pilatus. Preisgegeben, ausgeliefert, ausgestellt. Über Dich wird verfügt. Du wirst ausdiskutiert, Objekt in den Händen der Menschen.

Und doch stehst Du da, König der Wahrheit, der Mensch, in dem sich das Mensch-Sein vollendet, Sohn nach dem Willen des Vaters  und trägst das alles -für uns.

Christe, Du Lamm Gottes. Amen

 

Wo stehe ich?

Johannes 18, 28 – 40

28 Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten.

            Kaiphas scheint, aller Wichtigkeit zum Trotz, nur eine Zwischenstation. Er hatte früher (11,49.50) gesagt, was zu sagen war. Jetzt tut er, was zu tun ist. Er lässt den Gefangenen gleich weiter transportieren. Zu den Römern. Die waren ja  – so Johannes (18,3) – schon bei der Gefangennahme aktiv beteiligt. Jetzt haben sie ihn.

Der Gefangenentransport erfolgt früh am Morgen. Am Abend wird das Passah-Fest beginnen. Darum achten sie, die Juden, darauf, dass sie rein bleiben. Sie wollen sich nicht durch Ungeschicklichkeit im Umgang mit dem Gesetz vom Fest ausschließen. Das Passa ist schließlich nicht irgendein Fest. Es ist das Fest, das an die Verschonung Gottes erinnert, sie ins Gedächtnis ruft. Merkwürdig: die so die Verschonung Gottes feiern wollen, denken nicht daran, den zu verschonen, den sie in ihrer Gewalt haben. Die so auf ihr Rein-Bleiben achten, kommen gar nicht auf die Idee, dass sie durch ihr Handeln an dem Gefangenen Jesu sich beschmutzen, Lasten auf sich laden könnten. „Während die Juden den himmlischen Gesandten der Weltmacht Rom ausliefern, halten sie sich peinlich genau an ihre väterlichen Satzungen!“ (S. Schulz, aaO. S. 228)

29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? 30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. 31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten. 32 So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.

Pilatus zeigt sich entgegenkommend. Er achtet die Angst um die Reinheit. „Die Verwaltungsbehörden der römischen Provinzen waren zur Sensibilität im Umgang mit den religiösen Ortstraditionen verpflichtet.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 279)Der Römer führt, so will es scheinen, eine öffentliche Vorverhandlung mit den Juden, um zu klären: Fällt der Fall in meine Zuständigkeit? Muss ich mich mit diesem Jesus befassen? Dabei ist ihm Jesus nur dieser Mensch. Wirkliches Interesse sieht anders aus und klingt auch anders.

Die Juden ihrerseits setzen auf Überrumpelung: Schon dass wir mit ihm da sind, ist doch ein Schuldbeweis! Juristisch ist das dummes Zeug und genau betrachtet eine „unverschämte Zumutung.“ (S. Schulz, ebda.) Man will von Pilatus gar keine selbstständige Beurteilung des Falles, sondern nur seine Zustimmung zum eigenen, längst feststehenden Urteil.

Wie kann es zu solcher unverfrorenen Forderung kommen? „Pilatus wird nicht mehr gefürchtet. Am 18. 10. 31 ist sein Gönner Sejanus in Rom gestürzt und hingerichtet worden; jetzt darf Pilatus es mit niemand mehr verderben, schon gar nicht mit dem jüdischen Volk, dessen Totalausrottung Sejan – ein antiker „Eichmann“ – vorgehabt hatte.“ (G. Voigt, aaO. S. 259) Das würde die rüde Antwort der Juden erklären – und wäre zugleich ein Hinweis auf das Todesjahr Jesu: Es könnte nicht vor 32 n. Chr. sein. „Wo stehe ich?“ weiterlesen

Zwei Verhöre

Johannes 18, 12 – 27

12 Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn 13 und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. 14 Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk.

            Die Soldaten und ihre Anführer haben sich erholt von ihrem Schrecken. Sie tun, wozu sie gekommen sind: Sie nehmen ihren Gefangenen, gebunden und führen ihn ihren Auftraggebern zu. Erstaunlicherweise zuerst zu Hannas. Waren demnach die römischen Soldaten nur so beteiligt, dass sie „die Verhaftung decken, die eigentliche Festnahme aber durch die Leute des Hohenpriesters erfolgt“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 183)? Kaiphas, der nach den anderen Evangelien der Hohepriester ist, bleibt hinter seinem Schwiegervater „im Halbdunkel“. Nur an seine Worte wird erinnert, an seine unbewusste Prophetie. (11,49.50) Das gibt diesem ersten Verhör eine merkwürdige Note. Müsste nicht von Rechts wegen der amtierende Hohepriester das Verhör führen? Warum der informelle Zwischenschritt?  

 15 Simon Petrus aber folgte Jesus nach und ein anderer Jünger. Dieser Jünger war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Palast des Hohenpriesters. 16 Petrus aber stand draußen vor der Tür. Da kam der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, heraus und redete mit der Türhüterin und führte Petrus hinein.

            Zwei Jünger folgen dem Zug. Simon Petrus, trotz seines Schwertstreiches immer noch in Freiheit und ein anderer Jünger. Die Frage stellt sich wie von selbst: Verbirgt sich hinter dieser Formulierung der Evangelist? Ist er Augenzeuge? Und damit sein Bericht nahe an dem dran, was geschehen ist? Es gibt eine lange Tradition in der Auslegung des Evangeliums, die diese Frage zumindest offen halten möchte. „Sollte tatsächlich der „andere Jünger“ der Evangelist sein, dann wäre die Detailkenntnis, die Johannes der übrigen Überlieferung voraus hat, leicht zu erklären.“(G. Voigt, aaO. S. 255) Es gibt freilich auch den entschiedenen Widerspruch gegen diese Augenzeugenschaft.

Dieser „Andere“ bleibt eine rätselhafte Gestalt. Er wird zweimal als mit dem Hohenpriester vertraut vorgestellt.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 275) Γνωστς  – man kennt sich. Er hat Kontakte in die Kreise des Hohenpriesters. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass die Jünger nicht einfach nur kleine Leute waren. Jedenfalls nicht alle. Es gibt Berührungspunkte, Kontakte „nach oben“. Schließlich gibt es ja auch Nikodemus und Joseph von Arimathia, die nicht zu den kleinen Leuten da unten gehören. So ist der andere Jünger der Türöffner für Petrus.   „Zwei Verhöre“ weiterlesen

Übergeben: Ich bin´s

Johannes 18, 1 – 11

1 Als Jesus das geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus und seine Jünger. 2 Judas aber, der ihn verriet, kannte den Ort auch, denn Jesus versammelte sich oft dort mit seinen Jüngern.

            Steht auf und lasst uns von hier weggehen.“ (14,31) so überliefert es Johannes nach der Fußwaschung und den Worten über das neue Gebot. Dazwischen geschoben sind die lange Rede an die Jünger und das hohepriesterliche Gebet – Ringen um Einheit und Anvertrauen der Zukunft in die Hände des Vaters. Danach, jetzt bricht Jesus mit seinen Jüngern auf. Zwischen Ölberg und Tempelberg ist das Kidron-Tal. Dort ist ein Garten – Johannes nennt den Namen Gethsemane (Markus 14,32) nicht. Ein vertrauter Ort für Jesus und seine Jünger, auch für Judas, denn Jesus versammelte sich oft dort mit seinen Jüngern. In unmittelbarer Nähe zur Stadt Jerusalem. Kein Versteck.

  Judas aber, der ihn verriet. Es gibt in BBibelauasgaben verschiedene Übersetzungsvarianten: der ihn auslieferte (Einheitsübersetzung); der ihn ausliefern sollte ( Zürcher Bibel). Im Griechischen steht: παραδιδος. Substantiv – der Verräter oder Preisgebende, der Ausliefernde. Das Lexikon erläutert:  παραδίδωμι – übergeben, überliefern in die Gewalt jemds. geben, verraten, preisgeben. (Gemoll, aaO. S. 571) Es erscheint – mir – wichtig, wegzukommen von der so emotional besetzten Vokabel verraten. Das entlastet einen selbst, weil es den Verräter moralisch belastet. Judas hat Jesus übergeben, preisgegeben. Ob er ihn – innerlich – verraten hat, wissen wir nicht.

3 Als nun Judas die Schar der Soldaten mit sich genommen hatte und Knechte von den Hohenpriestern und Pharisäern, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen.

Weil Judas den Ort kennt, kann er eine gemischte Truppe dorthin führen – eine Schar römischer Soldaten und Knechte der Hohenpriester. „In diesem Augenblick scheint er der Handelnde zu sein. (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 271) Johannes liegt daran zu zeigen: Schon bei der Verhaftung Jesu sind die Römer beteiligt. Weiß er mehr als die anderen Evangelisten? Oder ist das eine Tendenz seines Erzählens? „Übergeben: Ich bin´s“ weiterlesen

Alle eins – in IHM

Johannes 17, 11b  – 26

Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.

Jesu Leute soll der Vater bewahren. Erhalten in seinem Namen. Ihnen zur Treue helfen im Gegenwind der Welt. Es ist gut, sich zu erinnern: Das sind Bitten unmittelbar vor  der Nacht, in der er verraten wird. Vor der Flucht der Jünger. Am Tag vor der Kreuzigung. Vor dem völligen Zusammenbruch all ihrer Hoffnungen. Die Jünger werden nicht einfach tapfer weiter machen, die Sache Jesu nicht fahren lassen. „Die Kirche schafft, erhält, trägt, schützt, heilt sich nicht selbst.“ (G. Voigt, aaO. S. 245) Sie lebt von der Fürbitte des Sohnes vor dem Vater, so wie sie hier in diesem Gebet beginnt und in der Zeit niemals endet.

12 Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde.

            Noch einmal wird spürbar, wie sehr der Verrat des Judas schmerzt, auch Jesus schmerzt. Er ist nicht kühl einkalkuliert als Heilsnotwendigkeit. Wohl wahr: Sein Tun dient dazu, damit die Schrift erfüllt werde. Aber das ändert nichts daran: Er ist ein Verlust. Judas fehlt. Unersetzlich. Dieses Gebet überspringt den Schmerz Gottes nicht.

         Aber auch: ich habe keinen von ihnen verloren. Das ist der Blick Jesu auf sein Werk: Ich habe sie alle bewahrt. Dazu die Worte eines großen Bischofs: „Sein himmlischer Vater hat ihm alle Seelen, nicht bloß die Getauften ans Herz gelegt, alle, die Heidenwelt, Israel, das ganze, arme, abgestandene Christenleben, diese verzerrte Nachfolge, diesen Kirchentod und diese Kirchenlauheit, die Satten, die Sicheren, die im Bekenntnis Erstarrten, die Wortgläubigen, die Mundbekenner, die bequemen Märtyrer, die Salon-Christen. Er hat sie ihm alle anbefohlen, alle – und er verliert keinen, keinen.“ (H. Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S. 82) „Alle eins – in IHM“ weiterlesen

Zum Vater gewandt

Johannes 17, 1 – 11a

Früher, als Kind, habe ich manchmal gelauscht, wenn Vater und Mutter miteinander über uns Kinder geredet haben. Das war spannend. Und irgendwie habe ich mich dann gefreut, wenn ich vorkam, noch mehr, wenn es etwas Gutes über mich zu hören gab. Es war aber auch peinlich, beim Lauschen erwischt zu werden – es gab einen roten Kopf und tiefe Verlegenheit. Und irgendwann stellte sich dann auch das schlechte Gewissen ein: Lauschen gehört sich nicht.

Das 17. Kapitel des Johannes-Evangelium ist eine Einladung zum Lauschen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Wir hören hinein in das Gespräch Jesu mit seinem Vater. Es ist ein „innerliches“, Gespräch – in vielen Bibelausgaben mit der Überschrift „Das hohepriesterliche Gebet“ versehen. Diese Überschrift geht auf den Rostocker Theologen Chyträus (†1600) zurück.

Die Evangelien erzählen zwar öfters davon, dass Jesus wieder und wieder mit dem Vater spricht, dass er Nächte im Gebet zubringt. Aber sie sind sparsam in dem Erzählen, was den Inhalt dieser Gebete Jesu angeht. So oft sie auch sagen, dass Jesus mit dem Vater redet, so selten sagen sie doch, was Jesus mit dem Vater redet. Hier aber, geformt in der Sprache des Johannes, hören wir dem Beter Jesus zu. „Nicht mehr die Jünger hören diese Worte seines Gebets – nur die Leser des Johannes als die Jünger der nachösterlichen Kirche.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 258)

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:

            Der Weg neigt sich dem Ende zu. „Steht auf und lasst uns von hier weggehen.“ (14,31) hatte Jesus gesagt. Und jetzt, bereit zum Aufbruch sieht er auf zum Himmel. Er sieht nicht in das kommende und drohende Dunkel der Nacht mit dem, was er sagt. „Zöllnerart ist es, das Auge zu senken, Kindesrecht ist es, das Auge zu erheben. Verlorenen Sohnes Weise ist es, die Augen niedergeschlagen zu haben, aber der geliebte Sohn kehrt heim mit dem Blick zur Heimat gerichtet.“ (H. Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S. 10) Jesus also sieht betend in den Himmel. Das ist mehr als nur ein Hinweis auf die äußere Gebetshaltung. Das Gebet Jesu wie sein ganzes Leben lebt aus diesem Blick in den Himmel, hat von daher seine Eigenart.    „Zum Vater gewandt“ weiterlesen

Gegen die Angst

Johannes 16, 25 – 33

25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.

            Das meint nicht nur die Worte dieses Abends. Es meint die ganze Verkündigung Jesu. Sie war den Jüngern oft genug „Bilderrede“, „Rätselrede“. Beides ist eine mögliche Übersetzung von παροιμίαι, einem Wort, das sonst außer bei Johannes nur noch einmal im Neuen Testament gebraucht wird, und da bedeutet es „Sprichwort“ (2. Petrus 2,22) Hier geht es darum, dass die Worte Jesu den Jüngern  bislang verborgen sind in ihrer tieferen Wahrheit. Sie sind so oft an den äußeren Worten hängen geblieben.

Jetzt aber kommt die Zeit, in der alles klar wird, durchsichtig, transparent. Die Wirklichkeit des Vaters leuchtet auf. Hier steht mit παρρησία das Wort, das oftmals für die freimütige Verkündigung der Jünger gebraucht werden wird. Der Freimut der Jünger entzündet sich an diesem freimütigen Reden Jesu. Aber auch damit ist noch nicht gesagt, dass jedermann verstehen wird, was Jesus sagt. Es ist schon von Bedeutung, dass alle diese Worte an die Jünger gerichtet sind,  nicht mehr an das Volk. Zu ihnen redet Jesus frei heraus.

Ist also das jetzt die Zeit, die kommt? Oder ist doch noch einmal eine andere Zeit, eine andere Stunde  gemeint, eine, die erst noch kommt? Geht es also um die „nachösterliche Zeit“(U. Wilkens,  Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 255), die Begegnungen, die kommen werden, und Jesus verweist damit in diesem knappen Satz auf das, was noch keiner der Jünger sehen kann?

Es könnte auch sein, es geht nicht um eine andere Zeit im Sinn der ablaufenden Zeit. Es geht um eine andere Zeit im Leben der Jünger. „Jesu Worte gewinnen ihre Verstehensmöglichkeit erst in der Wirklichkeit der gläubigen Existenz. Vorher sind sie unverständlich, – nicht als wären sie verstandesmäßig schwer zu erfassen, sondern weil die verstandesmäßige Erfassung gar nicht das angemessene Verstehen ist.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 452) Bei Paulus hört sich der gleiche Gedanke so an:  „Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.“(1. Korinther 2, 12 – 14) Es wird um ein Hören, Sehen und Verstehen gehen, das nicht mehr in den natürlichen Gegebenheiten seine Grenze findet, sondern das durch den Geist entgrenzt ist.

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Nur noch eine kurze Weile

Johannes 16, 16 – 24

16 Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. 17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? 18 Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.

Wenn jemand wie Johannes so umständlich wird in seinem Sagen, ist das kein Zeichen dafür, dass er ein bisschen senil ist (G. Voigt, aaO. S. 238)  sondern dann hat das Bedeutung. Warum ist es so wichtig mit der kleinen Weile, dass sie gleich fünf Mal in diesen wenigen Sätzen zur Sprache kommt, mit den später folgenden Zeilen sogar sieben Mal?  Μικρόν steht da – klein. „Über ein Kleines“ hieß es in der alten Luther-Übersetzung. „In Kürze“ könnte man auch sagen.

Nur eine kurze Frist noch – das Geschehen der Passion ist nahe. Jesus wird seinen Jüngern genommen werden. Sie werden ihn nicht mehr sehen. Er wird verschwinden im Haufen der Häscher. Wenn sie ihn wieder sehen werden, dann ist er zum Erschrecken – schändlich zugerichtet, verunstaltet durch die Folter. Dann wird er hochgezogen am Kreuz, „erhöht“ und nach dem Sterben ins Grab gelegt. Auch da werden sie ihn nicht mehr sehen. Sie werden ihn suchen im Grab – aber das Grab wird leer sein. Vergebliches Suchen.

Aber dann, wenn sie mit ihrem Suchen am Ende sind, werden sie ihn wieder sehen. Wie er in ihre Mitte tritt. Wie er ihnen neu begegnet. Wie er sie neu ruft, ihnen den Geist gibt, sie sendet. Auch das wird ja in Kürze sein, nach einer kleinen Weile.

Was hat er da gesagt? – so wirken die Worte der Jünger. Manchmal ist das ja so: Man hört und sucht zu verstehen, indem man wiederholt, was man gehört und nicht verstanden hat. „Die Jünger wiederholen für sich das Wort, wie sie als „Schüler“ eines israelitischen „Lehrers“ gewohnt waren, sich die Worte des Meisters wiederholend einzuprägen.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 2. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1976, S. 146) An ihrem Unverständnis ändert dies Wiederholen nichts. Es ist kein Wunder, dass die Jünger das nicht verstehen. Da wird ihnen angesagt, was ihr Verstehen und ihre Erfahrung übersteigt. Und doch ist es so wichtig, dass dieser Hinweis gleich sieben Mal erfolgt.

19 Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?

            Es gehört für mich zu den wunderbaren Zügen des Johannes-Evangelium, dass dieses Evangelium mit seiner hochfliegenden Denke so bodennah ist und Jesus so liebevoll zeigt. Er wendet sich den Jüngern, die nicht verstehen können, erneut aufmerksam zu. Er liest in ihnen wie einer in einem aufgeschlagenen Buch liest. Er spürt: sie wollen fragen. Er greift ihr ungesagtes Fragen auf. Er macht sie nicht fertig: Wann endlich seid ihr so weit, dass ihr begreift? Es ist gut, an einen Jesus glauben zu dürfen, der nicht erwartet, dass wir auf Anhieb verstehen, begreifen, durchschauen. An ihn, der der Herzenskenner ist und deshalb auch zu Herzen zu reden versteht. Wir dürfen Fragende sein – über die lange Zeit unseres Lebens hin. Mag sein, die Ereignisse eilen, unser Verstehen muss nicht mit dem Tempo der Ereignisse Schritt halten können. „Nur noch eine kurze Weile“ weiterlesen